Wenn der Notfall zum Normalfall wird.

Vom folgenschweren Weihemangel taufender Laien.

Es wird als Errungenschaft beschrieben: In der Diözese Linz können „endlich“ hauptamtliche Laien künftig taufen.

Nun, das war letztlich freilich immer schon der Fall. In Todesgefahr konnte meine Großmutter taufen, ja selbst eine Heidin, wenn sie tat, was die Kirche tut, hat gültig die Taufe „spenden“ können. Das ewige Heil eines Menschen sollte nicht vom Vorhandensein eines ordinierten Priesters abhängen. Die Nottaufe korrelierte also mit einem angstbesetzten Heilsverständnis. Es sollten möglichst viele aus der „massa damanta“ herausgetauft werden.

„Offerre et tinquere“ (Tertullian)

Diese Notfallregelung bestand in der Frühzeit der Kirche aber nicht nur für die Taufe. Sie betraf auch die Eucharistie. So konnte Tertullian um 209 schreiben, dass das Offerre (Darbringen, Herrenmahl) und Tinquere (Eintauchen, Taufe) selbstverständlich auch dann möglich war, wenn die kirchliche Autorität keinen Ordinierten zugewiesen hatte. Man war sich in der gläubigen Gemeinschaft dann selbst Priester. Der Grund – die Laien sind „priesterlich“.

Nonne et laici sacerdotes sumus? Scriptum est: regnum quoque nos et sacerdotes deo et patri suo fecit. Differentiam inter ordinem et plebem constituit ecclesiae auctoritas et honor per ordinis concessum sancitifcatus a deo.
Ubi ecclesiastici ordinis non est concessus, 
et offers et tinguis
et sacerdos es tibi solus;
scilicet ubi tres, ecclesia est, licet laici.»

(Tertullian: De exhortatione castitatis, 7.3. )

[Sind nicht auch wir Laien Priester? Es steht geschrieben: ‚Er hat uns zu Königen gemacht und zu Priestern für Gott und seinen Vater.’ Den Unterschied zwischen Priesterstand und Laien hat die Autorität der Kirche festgesetzt und die von Gott geheiligte Rangstellung im Kreise der Kleriker. Wo kein kirchlicher Stand eingerichtet ist, da bringst du das heilige Opfer dar und spendest die Taufe und bist für dich allein Priester; selbstverständlich ist da eine Kirche, wo drei beisammen sind, mögen sie auch Laien sein.]

Ich kenne Personalgemeinden, die sich inzwischen an Tertullian halten, in der Schweiz, in Österreich. Ist kein Priester vorhanden, steht ein aus dem priesterlichen Volk Genommener der Eucharistiefeiert vor, ohne dadurch auf Dauer ordinierter Priester zu werden. Zar wird heute die Nottaufe kaum praktiziert, die Noteucharistie ist aber im Kommen.

Tertullian benützte freilich diese damals selbstverständliche Praxis, um etwas zu begründen, wonach heute Laien nicht verlangen: Sie sollten wie die Ordinierten nicht mehr neuerlich heiraten dürfen, wenn ihnen die Ehefrau verstirbt. Diese Regelung haben wir in der katholischen Kirche heute für die Diakone, in den Orthodoxen Kirchen besteht sie seit eh und je.

Taufe war anfangs Bischofssache

Aber sind das alles wirklich gute Gründe, dass Laien endlich taufen können? Leicht wird vergessen, dass die Eingliederung in die Kirche in der frühen Kirche ein Vorrecht des Bischofs war. Auch „Priestern“ war Taufen nicht erlaubt. Als freilich in den ländlichen Regionen, wo die „pagani“ lebten, bei wachsender Heilsangst um die Ungetauften (Augustinus) der Taufdruck zu groß wurde und der Bischof nicht so einfach erreichbar war, löste man am Ende des sakramentalen „Eingliederungsvorgangs Taufe“ die abschließenden Salbungen ab und überließ wenigstens diese als „Firmung“ dem Bischof. Dieser sollte also nach wie vor den Eingliederungsvorgang abschließen, die Taufe gleichsam vollenden.

Darin verbirgt sich eine ungemein hohe Bewertung der Eingliederung in die Kirche. Wenn es etwas gibt, was der Fülle des Amtes bedarf, dann im Normalfall die „Taufe“.

Wenn daher die Tauferlaubnis für Laien von vielen Seiten begrüßt wird, dann ist es eine gemischte Freude darüber, dass der Notfall inzwischen zum Normalfall geworden ist. Genau besehen sollte man alle taufenden Laien in Normalzeiten vorher ordinieren. Und wenn in solchen Zeiten, wie unseren, etwas besteht, dann nicht ein Priestermangel, sondern ein Weihemangel. Die Tauferlaubnis für Laien behebt diesen überhaupt nicht. Dieser Weihemangel wird aber nicht folgenlos bleiben. Denn letztlich macht ein Weihemangel das Priesteramt überflüssig: Wenn Hauptamtlich, ob ordiniert oder nicht, die gleichen Dienste tun können, werden sich nicht wenige fragen wozu dann noch eine Entscheidung für die ehelose Lebensform.

Man kann die Beauftragung von Laien mit der Taufe sakramententheologisch auch anders herum sehen, und zwar als schon ersten erfreulichen Schritt in die richtige Richtung. Die klassische Sakramententheologie unterscheidet die „res sacramenti“ und das „sacramentum tantum“: also die (nicht sinnenhafte) Sache, um die es geht, und das sinnenhafte Zeichen dafür. So wurde auf dem Konzil von Trient argumentiert, dass geheime Ehen „vera et rata matrimonia“ sind, also wirkliche und gültige Ehesakramente, obwohl nur die „res“ (das Liebesverhältnis) bestand, nicht aber das Zeichen. Ähnlich lässt sich die Taufbeauftragung von Nichtordinierten deuten. Die „res ordinationis“ ist gegeben, nur noch nicht das sichtbare Zeichen – nämlich Gebet und Handauflegung in einer öffentlichen Feier. In Linz gibt es also „in der Sache“ bereits nicht ordinierte Priesterinnen und Priester. Das kann als Missstand (Ordinationsmangel) wie als erfreulicher Fortschritt gedeutet werden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der theologisch bestens versierte Bischof Manfred das nicht weiß.

Ich hätte im Übrigen auch nichts dagegen, wenn PastoralassistenInnen bei einer Trauung assistieren. Auch die Krankensalbung wäre ein leichter lösbares Kapitel. Aber offerre et tinquere, die zwei großen Sakramente, von denen nicht einmal Luther abließ, sollten mit Ordination verbunden bleiben. Genau mit Blick auf diese verlangen die LIMA-Dokumente ordinierte VorsteherInnen. Das war vor allem von den katholischen Vertretern gewünscht worden. Die Protestanten halten sich daran. Wir aber?

Literatur zum Thema:

Legrand, Hervé M.: The Presidency of the Eucharist According to the Ancient Tradition, in: Worship 53 (1979) 413-438. – Faivre, Alexandre: Les laics aux origines de l’Église, Paris 1984. – Beneden, Pierre van: Haben Laien ohne Ordinierte die Eucharistie gefeiert? Zu Tertullians „De exhortatione castitatis“ 7,3, in: Archiv für 29 (1987) 31-46. – „De exhortatione castitatis“, anders als im LThK [Freiburg 8 (1964),1371] eingereiht [Altaner/Berthold, Stuiber/Alfred: Patrologie, Freiburg 81978, 158], stammt aus der vormontanistischen Zeit. – Darüber berichtet neben Tertullian auch der Kirchengeschichtsschreiber Theodoret von Cyrus (393 bis vermutlich 466): Kirchengeschichte 1,23,5.

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3 Antworten zu Wenn der Notfall zum Normalfall wird.

  1. Hugo Rainer schreibt:

    Those who harm refugees will be punished by our common father(pope Francis). Wer mit Kurz auf Schmusekurs geht, verliert an Glaubwuerdigkeit

  2. Puchegger Eva schreibt:

    ich glaube man sollte das Priesteramt nicht als etwas Überflüssiges erachten. Notfälle wird es immer geben. Wenn man sich mit Geschichte so wie ich schon Jahrzehnte beschäftigt dann sieht man erst wie wir der Kirche bedürfen trotz aller Schwächen ihres Personals. Wir wollen sicher nicht mehr zu Platon und Konsorten zurückkehren. Nachdenken und lesen über die Antike, dann freut man sich über unsere Zeit.

    • Hugo Rainer schreibt:

      Das Problem in Österreich ist die Tatsache, dass der oberste geistliche Würdenträger selbst kein Hirte ist. Wie soll er also Hirten für den Weinberg gewinnen?

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