Man wird Merkel noch nachtrauern

Verwunderung über eine exegetische Legitimation der Anti-Merkler.

Ludger Schwienhorst-Schönberger, international renommierter Exeget an der katholisch-theologischen Fakultät in Wien, hat in der letzten Nummer DIE FURCHE (Nr. 45 | 8. November 2018, S. 11) einen Beitrag mit dem Titel „Der Nahe, der Nähere und der Nächste“ veröffentlicht (hier geht es zum Beitrag: FURCHE Schwienhorst-Schönberger). An diesen exegetisch wie politologisch leider ziemlich undifferenzierten Beitrag stellen sich eine Menge von Fragen. Einige sollen – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – hier als Diskussionsbeitrag formuliert werden.

  1. Der Beitrag eines Exegeten macht gewichtige Aussagen über höchst komplexe politologische Zusammenhänge. Woher nimmt der Autor seine politologische Kompetenz? Teilfragen an den Autor sind:
    a) Der Autor vergleicht die Politik Merkels mit jener von Kurz und entscheidet sich klar für den Zweiten: also letztlich jener der FPÖ (von dieser hat Kurz sie wahltaktisch übernommen) und der AfD. Diesen politischen Lagern wird eine theologische Legitimation gegeben. Zu Recht? Im Beitrag am Rand zu beklagen, dass diese Kräfte wegen Merkel leider im Aufwind sind, ist ja noch keine Auskunft darüber, ob die Politik Merkels gesinnungs- wie verantwortungsethisch zulässig, möglicherweise sogar alternativlos war. Warum klagt der Autor nicht über das Schwinden von internationaler Solidarität der überreichen Länder, statt eine Politik zu beklagen, die natürlich mit Verantwortung (!) der internationalen Herausforderung von Migration und Flucht sich stellt?
    b) Was hätte der Autor als „Merkel“ gemacht, als vor dem Bahnhof Keleti im Herbst 2015 in Budapest und auf der Autobahn viele Schutzsuchende unterwegs waren: Dasselbe wie Trump, oder wie Frauke Petry: Soldaten abstellen? Notfalls Waffen einsetzen? Angela Merkel hat im Herbst 2015 Viktor Orban ausgeholfen. Dabei betont selbst Joschka Fischer, kein Merkelfan, dass die Bundeskanzlerin die Grenzen zunächst nur für diese schon „anstehenden“ Schutzsuchenden die Grenzen öffnete. Auf diesem Hintergrund nimmt sich der zentrale Satz „In ihrer Flüchtlingspolitik konnte sich Angela Merkel in Europa nicht durchsetzen. Österreichs Kanzler Sebastian Kurz hat hier vernünftig gehandelt“ höchst befremdlich aus. Das Urteil über das damalige Handeln der deutschen Kanzlerin ist schlicht „kühn“, jenes Über den österreichischen Kanzler bis in höchste UNO-Kreise hinein, aber auch innerösterreichisch zumindest „umstritten“.
    Ich frage mich ein wenig ratlos: Woher nimmt der Autor die Kompetenz, derart weitreichende Urteile über die Geschichte inmitten deren Ablauf zu fällen? Natürlich musste die deutsche Regierung nach dem internationalen Entgegenkommen gegen Ungarn in wahrgenommener politischer Gesinnung und Verantwortung alles Erdenkliche tun, um Ordnung in das Geschehen zu bringen. Das ist aber, so bescheinigen ihr Fachleute, auch weithin gelungen. Noch dazu mit wachsenden internationalen Vorteilen für die deutsche Wirtschaft – wovon kaum jemand redet.
    c) Übersieht der Autor politologisch nicht, dass der Club of Rome schon 1991 vor enormen Wanderbewegungen gewarnt hat – die Politik aber so gut wie nichts präventiv unternommen hat? Schon damals wird ein erwartbarer Bevölkerungsdruck vom Süden in den Norden, vom Osten in den Westen prognostiziert. Das werde in den Aufnahmeländern zu einem „defensiven Rassismus“ und in freien Wahlen rechtsgerichteten Diktatoren an die Macht verhelfen. (Text siehe unten)
    d) Warum haben die Regierungen Europas nicht mehr getan, um die Situation in den Flüchtlingslagern zu verbessern (Medizin, Bildung, Nahrung…)? Grenzen schließen, so sagt unentwegt auch Papst Franziskus, ist keine Lösung, sondern nur eine internationale Verlagerung vielschichtiger Probleme der Menschheit aus unserem Verantwortungsbereich. Geht das in der heute derart verflochtenen Welt noch? Der Autor scheint – vielleicht ohne es zu merken – die derzeitigen Tendenzen zu einem nationalen Egoismus der reichen Länder theologisch zu rechtfertigen.
    e) Wie erwähnt der Autor mit keinem Wort, dass das Dublin2Abkommen untauglich geworden war, weil es Italien und Griechenland mit der Verantwortung allein ließ?
    Papst Franziskus positioniert sich in dieser Hinsicht klar – und gänzlich anders als der Autor:
    „Mein Gebet, und sicherlich das Ihre, hat immer die Notlage der Flüchtlinge vor Augen, die vor Krieg und anderen unmenschlichen Situationen ihre Heimat verlassen haben. Insbesondere Griechenland und andere Länder an vorderer Front, die ihnen großzügige Hilfe gewähren, brauchen die Mithilfe aller anderen Staaten. Notwendig ist eine gemeinsame Antwort, damit die Lasten gleichmäßig verteilt werden. Dies erfordert, dass die entsprechenden Verhandlungen entschieden und ohne nationale Vorbehalte geführt werden.“ (Vatikanstadt, 28.02.2016 (KAP) Angelus-Gebet)
  2. Die Unterscheidung „Nahe-Nähere-Nächste“ stammt aus einer Zeit der Clans und der Sippen, aus einer Welt mit weitaus geringerer Bevölkerung und ohne globale Vernetzung. Man kann in der Globalisierung politisch wie ethisch nicht mit dem Gleichnis des Samariters das Auslangen finden. Dieser Kontext hat sich nämlich seither fundamental verändert. Die Welt ist ein Dorf geworden, ökonomisch, medial, in einer umfassenden gegenseitigen Abhängigkeit. Exegetisch unbedacht einfach mit Worten Jesu aus der damaligen Zeit zu argumentieren, übergeht auch für die theologische Arbeit die Entwicklung des Weltkontextes. Die Frage wäre ja zu stellen, wie sich Jesus heute, in einem völlig anderen Kontext, verhalten und lehren würde. Da könnte schon eher der universalistische Matthäustext aus dem Weltgericht Anregungen geben – oder auch andere Texte aus dem überaus anspruchsvollen und modern anmutenden Fremdenrecht Israels (siehe unten).
    Zudem bewegt sich diese Analyse unter Berufung auf den Samaritan auf der interpersonalen, nicht aber auf der politischen Ebene, die heute immer global und lokal zugleich ist. Längst weiß heute eine zeitsensible Katholische Soziallehre, dass die „Politik die wichtigste Form der Nächstenliebe“ ist (Paul VI.). Ist es nicht beunruhigend, dass ausgerechnet ein eher agnostischer Bundespräsident Heinz Fischer die KFB beim Fastensuppenessen darauf aufmerksam machte, dass heute längst die Fernsten zu unseren Nächsten geworden sind? Daher ist die kontextuell antiquierte Aufteilung von Nahe – Nähere – Nächste heute untauglich geworden. Ökonomisch und ökologisch bestreitet das heute auch niemand mehr. Daher ist die Migration (und damit auch die Flucht) ein Kernthema für die UNO. Der Autor unterstützt faktisch mit fragwürdiger Vermischung von Bibel und Politik den Rückzug Europäischer Länder aus dem Migrationspakt, was aber theologisch mehr als fahrlässig ist.
  3. Dass auch für den Autor unerwünschte politische Kräfte (der Autor nennt die AfD und meidet es, die ihm applaudierende FPÖ zu erwähnen) Aufwind haben, verdankt Deutschland nicht Merkel, sondern dem Mangel an internationaler Solidarität. Es fällt auf, dass im Beitrag des Autors das Wort einer Europäischen Solidarität nicht vorkommt. Es ist eine Schande für den reichen Kontinent, dass 506 Millionen nicht ein oder zwei Millionen Schutzsuchende aufnehmen können. Kleine Länder rund um Syrien etwa schaffen das mit hoher Anstrengung, oftmals international allein gelassen, und beherbergen einer Million oder mehr. Es sind die Völker, so die Gerichtsszene bei Matthäus, die vor Gottes Endgericht gezogen werden. Was wird dann unser Volk vorbringen? Und was werden dann die Schriftgelehrten an untauglichen Entschuld(ig)ungsgründen beitragen?
  4. Der Exeget übergeht die tiefe Einheit aller im Sein, in der universelle Solidarität ethisch begründet ist (wobei er diese nicht bestreitet!). Niemand stellt in Frage, dass der alltagspolitische Weg zu einer ethisch verpflichtenden Universalität (die immer ohne Obergrenze ist) dahin in dieser Weltzeit immer nur in zumutbaren Schritten (also in Grenzen, aber nicht Obergrenzen: wer definiert diese?) erfolgen kann. Die Politik hätte dann aber die Aufgabe, zu solchen engagierten Schritten – und das eben in die richtige Richtung! – zu ermutigen statt (wahltaktisch, in einer Politik mit der Angst [Ruth Wodak]) vor solchen durchaus möglichen Schritten der Bevölkerung unentwegt Angst zu machen.
  5. Das ethische Problem ist heute (im Vergleich zur Rede von Max Weber) nicht, dass die Gesinnungsethiker keine Ahnung von Verantwortungsethik haben, sondern dass die „Verantwortungsethiker“ (die sogenannten „Real“politiker, die sich ihre „Realität“ immer mehr selbst schaffen) keine Gesinnung mehr haben. Das gilt für Christlichsoziale ähnlich wie für Sozialdemokraten. Man wird Merkel noch nachweinen, weil sie in der realen Welt von heute Gesinnung und Verantwortung in Einem zu realisieren versucht. Daher ist nicht ein christliches Abendland zu retten (was makabrer Weise ostdeutsche Atheisten unternehmen), sondern das Christliche im Abendland.
  6. Derzeit wird in der Flüchtlingspolitik jene Solidarität vernichtet, welche die Gesellschaften künftig in vielen Fragen mehr denn je innenpolitisch und international benötigen werden, soll auf der Welt Gerechtigkeit und Frieden zustande kommen. Das alte Axiom der Römer „Si vis pacem para bellum“ ist längst gekippt in „Si vis pacem para iustitiam.“ Aber Gerechtigkeit kann in Demokratien nur gemehrt werden mit einer solidaritätsfähigen Bevölkerung. Wer heute Angst macht, entsolidarisiert und vertrumpt die Politik. Er vernichtet praktisch die demokratiepolitisch unverzichtbare Ressource Solidarität.
  7. Es ist verwunderlich, dass der prominente Alttestamentler in seinem migrationspolitischen Argumentieren das Alte Testament völlig vergisst. Ich lasse seinen Vorgänger zu Wort kommen, Georg Braulik. Es ist ein Auszug aus der Kärntner Kirchenzeitung vom 20.12.2015, ein exegetisch weitsichtiger und gut fundierter Text, der mitten in der Zeit der Großen Wanderung im Herbst 2015 zur Ermutigung geschrieben worden war:

„Die weihnachtliche Herbergssuche erhält heuer durch die Flüchtlingsproblematik ganz neue Aktualität. Was gibt uns das Deuteronomium dazu an die Hand?

Braulik: Es hat dazu einen wunderbaren Text: „Gott liebt die Fremden und gibt ihnen Nahrung und Kleidung – auch ihr sollt die Fremden lieben“ (Dtn 10,1819). Fremdenliebe ist also Nachahmung Gottes. Auch zum Flüchtling findet sich im Deuteronomium eine Regelung: Wenn ein fremder Sklave aus welchen Gründen auch immer seinem Herrn entflieht – und „Sklave“ reicht vom Minister bis zum Knecht –, dann muss er in Israel aufgenommen werden. Er hat ein einzigartiges Privileg: Er kann sich selbst den Ort aussuchen, wo er künftig wohnen will. Außerdem darf er nicht ausgebeutet werden (Dtn 23,1617). Das alles ist einmalig im Alten Orient. Der Fremde und Flüchtling soll in Israel, im Volk Gottes, als gleichberechtigter Bruder behandelt werden.

Fremdenangst findet sich dort also nicht?

Braulik: Der Fremde gehört im Alten Orient mit den Witwen und Waisen zu den sozialen Randgruppen. Sie haben keinen Bodenbesitz, somit fehlt ihnen in einer agrarischen Gesellschaft die Existenzgrundlage. Die Sozialordnung des Deuteronomiums holt sie nun aus dieser Armenrolle. Zum Beispiel verlangt es, dass der Zehnte, der normalerweise an den Tempel abgeliefert wurde, in jedem dritten Jahr im Wohnort verbleibt und der Ernährung der Fremden, Witwen und Waisen dient. Das ist kein Almosen, sondern ein Rechtsanspruch auf Lebensunterhalt. Durch diese und andere Maßnahmen konstruiert das Deuteronomium eine Gesellschaft ohne Arme. Nicht zuletzt haben Fremde, Witwen und Waisen teil an den Höhepunkten des Lebens, den gemeinsamen Festen im Jerusalemer Heiligtum (Dtn 16,11.14). Und erst in ihrer Gemeinschaft kommt es – ich sagte es schon – zur ‚Freude vor Gott‘.“

[Quelle: 20.12.2015 Diözese Gurk • Bischöfliches Seelsorgeamt • Medien • Kärntner Kirchenzeitung „Sonntag“ • Von Weihnachten in einer Gesellschaft ohne Arme. http://www.kathkirchekaernten.at/dioezese/newsdetail/C2644/von_weihnachten_in_einer_gesellschaft_ohne_arme]

 

Club of Rome 1991:

„Große Wanderbewegungen sind vorhersehbar, und das nicht nur aus Gründen der politischen, rassistischen oder religiösen Verfolgung, sondern um des wirtschaftlichen Überlebens willens. Solche Wanderbewegungen werden künftig in Europa nicht nur aus dem Osten in den Westen, sondern noch mehr aus dem Süden in den Norden stattfinden. Die demographische Entwicklung ist im Süden der Erde eine andere als im Norden. Bis Mitte des kommenden Jahrhunderts werden die Bewohner der heutigen Industrieländer nicht einmal mehr 20% der Weltbevölkerung stellen. Das schafft einen enormen Bevölkerungsdruck, der in Verbindung mit fehlender Chancengleichheit sowie von Tyrannei und Unterdrückung massive Auswanderungswillen in Richtung Norden auslösen wird, die sich nicht eindämmen lässt.

Unsere Nachkommen werden vermutlich Massenwanderungen ungekannten Ausmaßes erleben. Dieser Prozess hat bereits begonnen, denken wir nur an die boat-people aus dem Fernen Osten, an die Mexikaner, die illegal in die Vereinigten Staaten kommen, und an die Asiaten und Afrikaner, die nach Europa drängen. Man kann sich unschwer ausmalen, dass im Extremfall unzählige ausgehungerte und verzweifelte Immigranten mit Booten an den Nordküsten des Mittelmeeres landen werden.“

Für die Experten des Club of Rome 1991 ist „klar, dass keine Maßnahmen die Einwanderungsbewegung wirkungsvoll stoppen werden. Dies könnte zu einer deutlichen Verschärfung des defensiven Rassismus in den Zielländern führen und bei allgemeinen Wahlen rechtsgerichteten Diktatoren zur Macht verhelfen.“ (King, Alexander u.a.: Die globale Revolution, Spiegel Spezial 2/1991: Bericht des Club of Rome 1991, 42f.)

 

Dieser Beitrag wurde unter Ergebnisse veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

6 Antworten zu Man wird Merkel noch nachtrauern

  1. Josef schreibt:

    Warum vergeuden Sie, Herr Zulehner, Ihre wertvolle Zeit damit politischen Unsinn zu kommentieren:
    Wenn sich die FURCHE nicht zu schade ist einen Kurz-Bejubelungsartikel als Weisheit anzubieten, dann ist dem „schwarzen-christlichen Lager“ in der ÖVP das Hirn ausgegangen! Das Türkis-Theater wird vür das konservativ-chrliche Lager zum Desaster, so wie die lieblich-romantischen Deutschgesinnten nach 1945 vor den Trümmern ihrer Romantik gestanden sind, so geht es auch der ÖVP!
    Merkel hat menschlich und auch christlich gehandelt, sie war sich auch sicher, dass diese Menschen in der deutschen Wirtschaft gebraucht werden!
    und ist einem hetzerischen Zeitgeist, vornehmlich älterer, wohlstands- übersättigter Hetzer ins Messer gelaufen!

    Eine überalterte kinderarme Gesellschaft braucht Zuwanderung zur Wahrung der Wirtschaftsleistung; und auch polnische und weißrussische Nachbarn können nicht deutsch und sind uns „fremd“
    Die Welle aus Afrika kommt erst und ist auch mit Frontex nicht zu bremsen, das verlangsamt nur aber es hält nicht wirklich auf; unsere Raubzüge ebendort holen uns auf seltsame Weise ein!

  2. Ulrich Hoppe schreibt:

    Grüß Gott, sehr geehrter Herr Zulehner!

    Haben Sie Dank für Ihre profunde Stellungnahme zu dem Artikel von Herrn Schwienhorst-Schönberger, den ich noch als Habilitanden von Prof. Dr. Erich Zenger in Erinnerung habe, als ich in Münster studierte. das passt gefühlsmäßig wirklich nicht zu dem , was sein Lehrer Erich Zenger über den Gott des Ersten Testamentes lehrte.

    Vielleicht plant Herr Schwienhorst-Schönberger eine Karriere, für die er auf das Wohlwollen der jetzigen Regierung Ihres Landes angewiesen ist. Aber das ist nur eine Spekulation.

    Ihrer Argumentation kann aus ganzem Herzen folgen, weil ich nach wie vor glaube, dass es sich hier im wesentlichen um die Folgen einer jahrhundertealten strukturellen Ungerechtigkeit zwischen den Ländern des Südens und den Ländern des Nordens handelt. Die Völkerwanderung, als logische Folge dessen, ist in vollem Gange. Szenen davon habe ich 2015 miterlebt, als ich die Bundespolizei an der deutsch-österreichischen Grenze seelsorglich begleitet habe.

    Viele in meinem Umfeld sagten, man müsse jetzt die Grenzen dicht machen. Ich habe immer wieder darauf aufmerksam gemacht, dass eine wichtige deutsche Polizeivorschrift sagt, dass man politische Probleme nicht mit polizeilichen Maßnahmen lösen könne.

    Die Kanzlerin hat damals in der Tat sowohl gesinnungs- als auch verantwortungsethisch richtig gehandelt. Mehrere Polizeiführer berichteten mir übereinstimmend, dass es eine humanitäre Katastrophe gegeben hätte, hätte man diese Flüchtlinge nicht aufgenommen. Vielleicht hätte die Kanzlerin zu dem Satz, „Wir schaffen das“, einen Konditionalsatz hinzufügen sollen: „Wir schaffen das unter der Bedingung, dass jetzt ein großes europäisches Projekt der Gerechtigkeit und der Integration beginnt.

    Bevor ich Ihren Artikel heute morgen zu lesen bekam, dachte ich, als ich einen Espresso trank und die Laudes ist betete an Sie. Das kann kein Zufall sein!

    Im Gebet für eine gerechtere Welt verbunden, grüße ich Sie an diesem Morgen!

    Ihr UTGHoppe

    Dr. Ulrich T.G. Hoppe

    Katholischer Oberpfarrer in der Bundespolizei für die Dienststellen in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern

    Bundespolizeiakademie Schwartauer Landstr. 1-5 23554 Lübeck Tel. +49 451 / 49 0 55 – 82 10

    ulrich.hoppe@polizei.bund.de

  3. aljamiu schreibt:

    Sehr geehrter Herr Prof. Zulehner!
    Als letzte Dissertantin von Herrn Prof. Georg Braulik hatte ich in den Jahren der Fertigstellung meiner Dissertation das Privileg, viele Stunden in den Seminaren von Herrn Prof. Schwienhorst-Schönberger zu verbringen und dieses Thema sowohl mit ihm als auch mit Herrn Prof. Braulik intensiv zu besprechen. Da ich im Rahmen meines Themas Ein brüderliches Volk: das ‚Bruder‘-Konzept im Heiligkeitsgesetz und deuteronomischen Gesetz geradezu gezwungen war, mich intensiv mit der von Ihnen angesprochenen Problematik auseinanderzusetzen, wage ich zu behaupten, etwas mehr Licht auf die Stellungnahme von Herrn Prof. Schwienhorst-Schönberger werfen zu können. Und ich kann Ihnen versichern, dass meine Analyse dieses Wortgebrauchs auch im Sinne von Herrn Prof. Braulik ist:
    1. Das Wort ‚Bruder‘ wird im Alten Testament programmatisch verwendet, wie bereits der Titel der Arbeit andeutet, um ausschließlich auf einen Volksgenossen, einen Mitisraeliten, hinzudeuten.
    2. In der deuteronomischen Sozialgesetzgebung ist ‚Bruder‘ tatsächlich ein Programmwort für den Armen und Elenden, wohlgemerkt aber, innerhalb des Volkes Israel.
    3. Der ‚Fremde‘ ist ebenfalls, wie Sie Prof. Braulik zitieren, eine eventuell unterstützungsbedürftige Randfigur, allerdings nicht unbedingt ein ‚Armer‘, wie es in der deuteronomischen Sozialgesetzgebung der ,Bruder‘ ist. Im Kontrast zum ‚Fremden‘ (typisch: einem aus der 721 geplünderten Hauptstadt des Nordreiches, Samaria, ins Südreich und nach Jerusalem Geflüchteten, der also nichts anderes als ebenfalls ein Israelit ist) steht der ‚Ausländer‘, der wirklich aus einem fremden, d.h. nicht-israelitischen Volk stammt und als Handelspartner und somit nicht als Hilfsbedürftiger verstanden wird (dazu ausführlich Ruth Ebach, Das Fremde und das Eigene : Die Fremdendarstellung des Deuteronomiums im Kontext israelitischer Identitätskonstruktionen [BZAW 471; Berlin / Boston: Walter de Gruyter, 2014]). Was der ‚Fremde‘ jedenfalls nicht ist, ist eine Person, welche der Religion, Sprache und Kultur Israels vollkommen ‚fremd‘ ist. Er ist eher, wie man in Österreich sagen würde, ein „Zuag’raster“ – Sie ahnen die Implikationen dieser exegetisch nachweisbaren Unterscheidung.
    4. Um sowohl den ‚Bruder‘ als auch den ‚Fremden‘, wie vor allem von (Sozial-)Ethikern gerne vorschnell argumentiert wird, anhand von Lev 19,17f und Lev 19,33f aufgrund eines schöpfungstheologisch motivierten schillerschen „Alle Menschen werden Brüder“ in einen Topf zu werfen, ist auf diesem exegetischen Weg nicht möglich. Die Worte Schillers, so argumentiere ich nebenbei in meiner Arbeit, prägen unsere Kultur bis zum heutigen Tag mehr, als wir vielleicht wahrhaben wollen. Allerdings war „Alle Menschen werden Brüder“ nicht der ursprüngliche Wortlaut seines Gedichts, sondern die geistig anspruchsvollere Formulierung „Bettler werden Fürstenbrüder“, womit er der deuteronomischen wie prophetischen Theologie viel näher war als in dem bekannten „Alle Menschen werden Brüder“ – das sich übrigens, wie Sie wissen, aus freimaurerischem Gedankengut speist.
    5. Allerdings liefert Herr Prof. Schwienhorst-Schönberger selbst in seiner längst zum Klassiker gewordenen Dissertation über das Bundesbuch (BZAW 188, 1990) die Lösung dafür, wie doch zu einer humanistischen und exegetisch verantwortungsvollen Lösung gelangt werden kann ¬– nämlich über die Formel „denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen“ (vgl. etwa Lev 19,34; die Formel wiederholt sich aber auch an zahlreichen anderen Stellen innerhalb der Tora). Hier argumentiert man nach dem Muster der Goldenen Regel – und dass diese auch in unserer jetzigen politisch-demografischen Lage ungebrochen gültig ist, leugnet Herr Prof. Schwienhorst-Schönberger ebenso wenig wie Herr Prof. Braulik. Es geht Herrn Prof. Schwienhorst-Schönberger lediglich um eine differenzierte und nuancierte Auseinandersetzung mit der Thematik, da diese in unserer Zeit eine besondere Dynamik entfaltet.
    Bedenken Sie bitte, dass Sie hier aufgrund einer Argumentation, die Sie zwar in einer Zeitung gelesen haben, von der Sie aber offensichtlich nicht die gesamten Hintergründe und Argumentationsweisen Ihres Kollegen kennen, pauschalisierte Aussagen machen, die dem Bild, das wir als Studenten unserer Fakultät von Ihnen in Erinnerung haben, nicht gerecht wird. Herr Prof. Schwienhorst-Schönberger geht mit haarscharfen analytischen Methoden vor, will zum Denken anregen, ist offen und gesprächsbereit. Aufgrund seiner fundierten biblischen, historischen und philosophischen Kenntnisse bringt er höchste Kompetenz mit, auch aktuelle politische Entwicklungen zu beschreiben und zu interpretieren.

    • Josef schreibt:

      Faszinierende Wortklauberei! und total hochgeistige Exegese!
      Aber wir leben nicht mehr als armes Hirtenvolk am Rande der Welt (der Mächtigen)
      und jeglicher Rückschritt hinter die Deklaration der Menschenrechte von 1948 führt uns unmittelbar in die Zustände von 1914-1918 oder 1933-1945 also „nix gut für Mensch von heute!“

      Nach vorne schauen, bei aller Liebe zur Bibel!

      • aljamiu schreibt:

        Geehrter Herr, sehr lesenswert ist der Artikel G. Braulik, ‚Das Deuteronomium und die Menschenrechte‘ (TQ 166, 1986, 8-24 // SBAB 2, 301-323). Geradezu genial aus der Sicht eines Exegeten: G. Lohfink, Im Ringen um die Vernunft. Reden über Israel, die Kirche und die Europäische Aufklärung (Freiburg, Basel, Wien: Herder, 2016). Darin insbesondere das Kapitel ‚Fremde, Flüchtlinge, Verfolgte‘ (478-494).
        Freundliche Grüße, Hanneke Friedl

  4. Mary schreibt:

    Kaum jemand kritisiert Frau Merkel dafür, dass sie diese rund 10.000 Leutchen am Bahnhof in Budapest zu uns geholt hat. Es hegt doch keiner Bedenken gegen Migranten weil sie menschliche Wesen sind, eine menschliche Seele und damit eine unveräußerliche Würde haben.

    Hier geht es um deren Sozialisation, das Wesen des Islam seine Zielsetzungen und um gesellschaftspolitisch vertretbare Zahlen. Es wurden ab den Jahr 2015 über 2 Millionen Bürgern (mehrheitlich aus dem moslemischen Kulturkreis) erlaubt nach Deutschland einzureisen, bei denen alleine schon aufgrund der schieren Masse keine Identifikation möglich war, es alle Infrastrukturen gesprengt hat, wo die Folgekosten bis heute unklar sind, ganz zu schweigen von den Auswirkungen auf die Sicherheitslage. Gesetze und Verordnungen hinken immer noch hinterher, die Justiz ist vollkommen überfordert, siehe die Asylklagen. Die vielbeschworene europäische Solidarität funktioniert alleine schon deshalb nicht, weil diese Leute alles daran setzten sich in dem Land niederzulassen, das die höchsten sozialen Standards garantiert. Versuche einer Flüchtlingsverteilung in baltische Staaten beispielsweise sind kläglich gescheitert. Die Betroffenen haben sich postwendend in den nächsten Bus in Richtung Westen gesetzt. Die wenigen Christen aus moslemischen Ländern, sie werden nicht gehört. Auch die hier lebenden Intellektuellen mit orientalischen Wurzeln haben, sofern sie etwas taugen, von Anfang an die Folgen dieser Politik benannt und aufgezeigt.

    Man bekommt statt Dankbarkeit mehr und mehr die Unzufriedenheit dieser Gäste im Alltag zu spüren. Hier hätte von Anfang an, eine vertretbare Größe eingehalten werden müssen, anstatt das sich teilweise ganze Straßenzüge zu einer eigenen Welt entwickeln. Der Vergleich mit dem Libanon und der Türkei hinkt. Hier hat man es erstens Länder mit vergleichbarer kultureller Prägung (der Migranten) zu tun. Zweitens: Die Versorgung und die dürftige soziale Absicherung wird vom UHCR und anderen Hilfsorganisationen finanziert.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s