Homosexualität und Kindesmissbrauch kann man nicht vermengen

In den Diskussionen der letzten Tage wird von manchen argumentiert, es gebe in der Kirche den Missbrauch, weil es im Klerus so viele homosexuelle Personen geben.

Diese Vermengung von Homosexualität und Missbrauch teile ich aus wissenschaftlichen Gründen nicht. Ich kenne viele Homo- wie Heterosexuelle, die eine reife und integrierte Sexualität haben und keine Kinder missbrauchen. Ich kenne aber auch Verheiratete, deren Sexualität trotz Ehe nicht integriert ist, und die Kinder missbrauchen. Es ist also keine Frage der sexuellen Ausstattung, sondern der sexuellen Reife. Mag sein, dass der Zölibat bei manchen das Reifen behindert. Aber das schafft auch eine Ehe nicht immer. 95% des Missbrauchs geschieht in familiärem Umkreis.
Verschärft wird freilich die Lage ehelos-unreifer Priester, dass sie klerikale Macht missbrauchen und dass ihnen seelsorglich Kinder (unkontrolliert und ohne Supervision!) anvertraut werden.
An der Wiener Universität habe ich daher als damaliger Dekan in der Zeit von Kardinal Groer ein interdisziplinäres Kolloquium zum Missbrauch gemacht. Dort ist auch klar ausgesprochen, dass auf dem Weg zum Priesteramt die sexuelle Reife des Kandidaten streng zu prüfen ist. Als ich drei Jahre in der Leitung des Wiener Priesterseminars war, hatten wir eine weibliche Psychologin eingebunden, der sich jeder stellen musste.

Hier die damals beschlossenen Thesen.

Aus gegebenem Anlass ist in Zusammenarbeit mit Fachleuten und Verantwortlichen der kirchlichen Jugendarbeit an der Wiener Universität am 19.6.1995 ein Positionspapier verabschiedet worden, das es um der betroffenen Kinder willen lohnt hier dokumentiert zu werden:

Sexueller Missbrauch von Kindern in pädagogischen Einrichtungen

Zur Zeit werden in Österreich 25% der Mädchen und 8-10% der Buben sexuell missbraucht. Mehr als 8 von 10 dieser Fälle geschehen in der eigenen Familie, der Rest in außerhäuslichen pädagogischen Einrichtungen.

Wenn sich die katholisch-theologische Fakultät im Verein mit der evangelischen Schwesternfakultät und vielen anderen Institutionen mit dem „Sexuellen Missbrauch von Kindern in pädagogischen Einrichtungen“ befasst, so tut sie dies in erster Linie zum Schutz der gefährdeten Kinder, zu Gunsten der Beratung suchenden Täter sowie zum Vorteil der pädagogischen Institutionen und nicht zuletzt jener Eltern, die aus vielen Gründen ihre Kinder außerfamiliären pädagogischen Einrichtungen anvertrauen und sicher sein wollen, daß diese fachlich und menschlich optimal betreut werden. Die Begriffe „Konsumentenschutz“ und „Qualitätssicherung“ haben hier Geltung!

  1. Kinder sind immer auf Anerkennung, liebevolle Zuwendung, Wärme und Geborgenheit seitens der Erwachsenen angewiesen. Erziehung braucht positive Identifikation des Kindes mit der/dem Erziehenden, deshalb sind maßvolle persönliche Beziehungen, Nähe und Zuwendung notwendige Arbeitsvoraussetzungen für den pädagogischen Beruf. Pädagogisch Tätige sind aber dafür verantwortlich, innerhalb dieses sensiblen Beziehungsgefüges die nötige professionelle Distanz zu wahren, damit es nicht zu Verzweckung, Ausbeutung oder Missbrauch von Kindern kommen kann.
  2. Die Gefahr gewaltsamer Übergriffe an Kindern seitens pädagogisch Tätiger ergibt sich u. a. aus den konkreten Rahmenbedingungen pädagogischer Einrichtungen. Vereinsamung, emotionale Defizite führen dazu, dass Kinder niederschwellig (also mit geschwächtem Widerstand) auf Zärtlichkeit und Zuwendung ansprechbar werden. Erziehende brauchen für derartige Arbeitsfelder eine hohe personale wie fachliche Kompetenz, die in Ausbildungen erworben und durch eine entsprechend qualifizierte Praxisreflexion (Supervision) beständig erweitert werden muß.
  3. Die Täter sind auch in pädagogischen Einrichtungen überwiegend Männer. Die Bereitschaft, sich Kindern gewaltsam oder missbräuchlich zu nähern, wurzelt u. a. in ihrer – gesellschaftlich anerkannten – männlichen Sozialisation: männliche Definitionsmacht, das Selbstverständnis vom „stärkeren“ Geschlecht, die Initiativrolle im Beziehungsgeschehen sind u. a. Faktoren, die im Einzelfall übergriffiges Verhalten gegenüber Abhängigen fördern. Zudem scheuen viele Männer nach wie vor eine ausführliche Auseinandersetzung mit ihrem „Innenleben“, mit ihren Gefühlen, Phantasien und Ängsten. – Für alle Personen, die pädagogisch tätig sind, ist zu verlangen, daß sie sich in besonderer Weise mit ihrer Sexualität und Geschlechterrolle, aber auch mit Aggression und Abhängigkeit auseinandersetzen, sich psychologisch gründlich bilden und ihre Berufsrolle beständig reflektieren. Die Missbrauchsneigung kann viele Facetten haben, zum Beispiel „männliche“ Gewaltanfälligkeit, „weibliche“ Symbiosetendenz.
  4. Pädagogische Einrichtungen müssen Transparenz und Selbstkontrolle finden und weitere geeignete Maßnahmen ergreifen, um missbräuchliche Übergriffe die anvertrauten Kinder auszuschließen. Dazu zählen: Mehrpersonen – Erziehungsmodelle analog dem Teamteaching im Unterricht, Kooperation mit außerinstitutionellen pädagogischen Einrichtungen (Öffnung), verbindliche Weiterbildungsangebote für die MitarbeiterInnen (Teamsupervision, regelmäßige Fachbildung…), sowie eine konsequente und qualitative Weiterentwicklung kooperativer Erziehungsmodelle.
  5. Um Kinder vor (sexuellen) Übergriffen zu schützen, ist neben einer fundierten Sexualaufklärung auch eine Erziehung zum Widerstand, zum „Nein“ – Sagen notwendig. Diese muß einen kreativen Kontrapunkt zu einer einseitigen „Gehorsamserziehung“ darstellen. Um die praktische Erziehungsarbeit diesem Ziel anzunähern, ist eine gründliche Revision des Bildes vom Kind bzw. der Kindheit vonnöten. Eine Pädagogik, die Kinder als eigenständige Persönlichkeiten ernst nimmt, wird sie auch zum Widerstand gegen emotionale Hörigkeit ermutigen.
  6. Die entschlossene Bereitschaft, Kindern grundsätzlich zu glauben, wenn sie von Übergriffen berichten, muss als oberstes Prinzip bei der Aufdeckung von sexuellem Missbrauch gelten. Leider werden Erlebnisse von Kindern oft genug als Lüge, Phantasterei oder Bagatelle hingestellt. Durch die Verleugnung der Tat durch Täter und Gesellschaft entsteht akute Wiederholungsgefahr sowie die Gefahr, das Kind weiter zu traumatisieren. Aber auch für die verdächtigte Person muss die Unschuldsvermutung gelten, bis die Beweislast aussagekräftig ist. Bei erfolgten Übergriffen hat sich allein eine rasche Trennung von Täter und Opfer als der wirksamste Schutz des Kindes erwiesen. Die Verantwortlichen von pädagogischen Einrichtungen sind daher verpflichtet, solche Trennungen unverzüglich einzuleiten, sobald sich der Verdacht auf eine Gefährdung von Kindern erhärtet. Dabei soll im Normalfall nicht das Opfer, sondern der Täter die Nachteile der Trennung tragen und aus dem pädagogischen Dienst genommen werden.
  7. Auch die Kirchen sollen eigene frei zugängliche Beratungsstellen einrichten, die interdisziplinär (JuristIn, SozialpädagogIn, ÄrztIn, TherapeutIn…) besetzt werden. Dabei ist eine enge Zusammenarbeit mit außerkirchlichen unabhängigen Einrichtungen anzustreben. Die Einrichtung kirchlicher Untersuchungskommissionen ist zudem für die rasche und effiziente Aufarbeitung von Fällen mit Tätern in kirchlichen Anstellungsverhältnissen sinnvoll und notwendig. Es muss insbesondere die Möglichkeit geben, dass Männer, die einen Missbrauch begangen haben, Beratung finden. Unabdingbar ist im übrigen die Klärung, auf welche Weise solche beraterische und therapeutische Vorgänge nicht nur ermöglicht, sondern auch finanziert werden. Um eventuelle Folgekosten tragen zu können, sollte ein gut dotierter Fonds eingerichtet werden.
    In diesem Zusammenhang ist insbesondere auf eine in den US-amerikanischen Diözesen bestehende Institution zu verweisen. Diese besteht in der Einrichtung diözesaner Kommissionen, denen einerseits die vorausgehende und begleitende Schulung sämtlicher Personen obliegt, die in irgendeiner Weise in diözesanen Bildungseinrichtungen mit Jugendlichen zu tun haben. Andererseits ergreift die Kommission innerhalb kürzester Frist (meist schon nach 24 Stunden) geeignete Maßnahmen, sobald ihr ein Fall von Missbrauch eines Kindes oder Jugendlichen gemeldet wird. Diese Maßnahmen bestehen nicht nur in einer sofortigen (wenngleich zunächst vorläufigen) Außerdienststellung des Beschuldigten, sondern umfassen auch therapeutische Maßnahmen gegenüber Opfer, Täter, Mitschüler, Eltern und Verwandte des Opfers. Die Einrichtung ähnlicher Kommissionen in Bildungseinrichtungen österreichischer Diözesen wäre empfehlenswert.
  8. Die öffentliche Debatte des sexuellen Missbrauchs von Kindern sowie eine entsprechende Öffentlichmachung der Zielsetzungen, Rahmenbedingungen und Arbeitsweisen pädagogischer Einrichtungen dienen dem Schutz der Kinder. Die theologischen Fakultäten der Universität Wien hoffen, durch ihr Symposium dazu einen guten Beitrag zu leisten.
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2 Antworten zu Homosexualität und Kindesmissbrauch kann man nicht vermengen

  1. Johanna Spöth schreibt:

    Sehr geehrter Herr Professor,
    stimme ich voll überein und wird von mir auf facebook geteilt!

  2. Johanna Spöth schreibt:

    Nachtrag zu den aktuellen Missbrauchsvorwürfen:
    Papst Franziskus ist großartig in seiner Demut, Entschuldigung und Hinwendung zu den Opfern; aber waren da nicht zwei Päpste vor ihm, die auch davon wussten oder vielleicht nur deutlich „geahnt“ haben? Letztendlich werden da ziemlich „alte“ Vergehen (Verbrechen) aufgearbeitet. Und die Medien sprechen nur von den Verfehlungen der katholischen Kirchenmitglieder – es gibt doch weitaus mehr, staatliche und andere private Institutionen, da hört man wenig bis gar nichts! Beschönigt sollte nicht werden, auch nicht andere Vergehen als Entschuldigung genommen, aber man darf auch den damals vorherrschenden „Zeitgeist“ nicht vergessen und sich auch rechtfertigen, nämlich so wie Sie, sehr geehrter Herr Professor, deutlich machen, dass bereits sehr viel früher das Problem erkannt und auch darauf reagiert wurde.

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