Ja, es lohnt sich!

Geflüchtete Menschen sind eine Bereicherung für deutsche Unternehmen. Wer eine Arbeit hat, sollte bleiben dürfen.

Von Antje von Dewitz
Süddeutsche Zeitung 180/2018 vom 20.8.2018

foto: Heinze

 

Integration in den Arbeitsmarkt ist kein Spaziergang. Sie ist mühsam, kostet viel Zeit, Engagement und häufig auch Nerven. Die geflüchteten Mitarbeiter müssen in einen für sie oft völlig fremden Arbeitsalltag eingearbeitet werden. Es gilt, mangelnde Deutschkenntnisse zu überwinden, Hilfe zu leisten bei der Suche nach einer Wohnung und beim Weg durch den Behördendschungel. Integration gelingt nur dann, wenn sich viele Menschen im Unternehmen mit großem Einsatz dafür engagieren.

Hinzu kommt: Unternehmen sind auch immer ein Mikrokosmos der Gesellschaft. Das heißt, oft entstehen im Betrieb neben großer Hilfsbereitschaft auch Ängste und Besorgnis. Man fragt sich: Was sind das denn für fremde Menschen, die da in unser Unternehmen geholt werden? So war es zumindest bei uns, bei VAUDE. Auch hier gilt es, Integration kontinuierlich zu begleiten. In unserem Unternehmen haben wir das getan durch eine klare Haltung, durch viele Gespräche und auch durch sensibles internes Veröffentlichen von Fluchtursachen und Fluchtgeschichten.

Sinnvollerweise wird dieser Mehraufwand in den ersten sechs Monaten durch die Arbeitsagentur finanziell unterstützt. In dieser Zeit entsteht unternehmerisch meist kein wahrnehmbarer Mehrwert. Zumal den Geflüchteten selbst auch sehr viel abverlangt wird. Sie müssen neue kulturelle Umgangsformen erlernen, müssen immer wieder auch mit dem Misstrauen, das ihnen anfänglich entgegenschlägt, umgehen lernen und trotzdem offen und engagiert bleiben. Und das, obwohl sie oft in großer Unsicherheit leben, ob und wie lange sie hier in Deutschland bleiben können.

Trotz der Herausforderungen sind viele Unternehmen dem Appell von Bundeskanzlerin Angela Merkel im Jahr 2015 gefolgt, sich der geflüchteten Menschen anzunehmen. Andere waren diesem Appell auch schon vorausgeeilt. Sie tun das einerseits aus dem Gefühl der Verantwortung, einen Beitrag für gelingende Integration zu leisten und einer sozialen Spaltung innerhalb Deutschlands entgegenzuwirken und andererseits, weil in vielen Bereichen wie Handwerk, Gastronomie oder Pflege ein dringender Bedarf an Arbeitskräften besteht und Unternehmen deshalb bereit waren, sich diesen Weg pionierhaft zu erschließen. Zu diesem Zeitpunkt war weder klar noch war es Thema, wie sich die Bleibeperspektive der Menschen entwickelt.

Häufig werde ich gefragt: Lohnt sich der ganze Aufwand? Meine Antwort lautet eindeutig: Ja, es lohnt sich. Integration ist anstrengend, aber sie bietet auch einen Mehrwert für alle Beteiligten. Das zeigt sich bei uns deutlich, und darauf bin ich stolz. In unserem Unternehmen arbeiten heute zwölf Geflüchtete. Sie haben sich zu vollwertigen, hoch engagierten und motivierten Mitarbeitern und vor allem auch zu wertgeschätzten Kollegen entwickelt. Sie sind eine Bereicherung für das Unternehmen und bei uns nicht mehr wegzudenken.

Wir brauchen den „Spurwechsel“, und wir brauchen auch ein Einwanderungsgesetz

Die meisten von ihnen arbeiten in unserer Manufaktur, wo sie nähen und schweißen auf Stellen, die wir nur sehr schwer ohne sie nachbesetzen könnten. In unserer Region am Bodensee herrscht Vollbeschäftigung, und handwerkliche Jobs werden heute immer weniger nachgefragt. (Auf eine Stelle in der Verwaltung erhalten wir bis zu siebzig Bewerbungen, auf eine Stelle in diesen handwerklichen Bereichen nur ein bis zwei.) Selbstverständlich erhalten unsere geflüchteten Mitarbeiter den gleichen Lohn wie die deutschen Kollegen.

Statt Leistungen vom Staat zu beziehen, sind Geflüchtete in Arbeit in der Lage, ihren Lebensunterhalt selbst zu finanzieren. Und sie leisten nicht nur für Unternehmen wie uns, sondern auch für die Gesellschaft einen wichtigen Mehrwert. Sie zahlen Steuern und Sozialabgaben und tragen dazu bei, dass Produkte in Deutschland produziert und wertvolle Dienstleistungen erbracht werden können.

Aber immer mehr Geflüchtete in Arbeit müssen den Verlust der Arbeitserlaubnis oder sogar die Abschiebung befürchten. Wenn alle von Abschiebung bedrohten Mitarbeiter bei uns, derzeit sind es sieben, tatsächlich gehen müssen, rechne ich mit einem Produktions- und Umsatzausfall von 250 000 Euro. Und wir sind bei Weitem kein Einzelfall. Zahlreiche Unternehmen aus ganz Deutschland berichten von den teilweise sogar existenziellen Bedrohungen durch den Verlust von Mitarbeitenden.

Damit werden das Engagement der Unternehmen, der Ehrenamtlichen, der Geflüchteten und auch die Investitionen des Staates wertlos und alle Integrationsbemühungen ad absurdum geführt. In Gesprächen mit Unternehmern ebenso wie mit Ehrenamtlichen erlebe ich tiefe Frustration und Ungläubigkeit.

Wie lässt sich das Problem auflösen? Statt einer von Ängsten geleiteten Politik, die in eine Erstarrung führt, brauchen wir eine konstruktive, politische Gestaltung, die auf den Chancen aufbaut und Lösungen entwickelt: Deutschland braucht ein Einwanderungsgesetz, das neben hoch qualifizierten Fachkräften auch den Bedarf an anzulernenden und auszubildenden Arbeitskräften berücksichtigt.

Und Geflüchtete, die einen festen Arbeitsplatz haben, brauchen jetzt eine Bleibeperspektive, und ihre Arbeitgeber brauchen Planungssicherheit.

Kritiker dieses „Spurwechsels“ befürchten eine Sogwirkung mit dem Effekt, dass in der Hoffnung auf einen Arbeitsplatz noch mehr Menschen unter Inanspruchnahme des Asylrechts nach Deutschland kommen. Diese Signalwirkung ließe sich eindämmen, wenn der Spurwechsel nur stichtagsbezogen bis zum Einwanderungsgesetz für die bereits in Deutschland befindlichen Geflüchteten mit festem Arbeitsplatz gilt.

Zu denken gibt mir vielmehr, welche Signalwirkung auf die Geflüchteten in Deutschland entsteht, wenn deutlich wird, dass es überhaupt keinen Sinn hat, sich zu integrieren und um Arbeit zu bemühen. Wir brauchen ein Bleiberecht für Geflüchtete in Arbeit und ein Einwanderungsgesetz. Mit diesen beiden Maßnahmen wird Integration für alle Beteiligten lohnenswert, und das Asylrecht wird gestärkt. Denn dann gibt es eine klare Trennung zwischen Arbeitsmigration und Flucht vor politischer Verfolgung und Krieg. Deshalb setze ich mich gemeinsam mit inzwischen mehr als hundert Unternehmen aus Baden- Württemberg aktiv für ein Bleiberecht unserer Mitarbeiter ein. Wir sind im Gespräch mit dem baden-württembergischen Innenminister und demnächst zu einem Termin im Kanzleramt mit der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung, Frau Widmann-Mauz, eingeladen. Der „Spurwechsel“ und das Einwanderungsgesetz werden wieder politisch diskutiert, endlich.

Antje von Dewitz, 45, ist Geschäftsführerin des Outdoor-Ausrüsters VAUDE, eines Familienunternehmens aus dem Bodenseekreis. Sie hat mit anderen die Unternehmer-Initiative „Bleiberecht für Flüchtlinge“ gegründet.

 

 

 

 

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