Miniaturen zu Angst und Vertrauen

1 Angst haben wir alle

Angst haben wir alle. Von allem Anfang an. Dabei lehren uns zunächst alle Religionen und viele Philosophien, dass wir aus einem Bereich kommen, den wir das Sein, aber auch Gott nennen. Die Grundstimmung dort ist Urvertrauen. Es ist paradiesisch. Alles ist in tiefere Einheit und tiefem Frieden mit allem dann. In diesem Zustand werden wir in den Schoß einer Mutter eingepflanzt.

Dann erwacht das Erkennen. Das werdende Menschenwesen erhält eine Ahnung, dass es in einer Welt ist. Es gibt etwas ihm gegenüber. Zunächst sind es Geräusche, wie der Herzschlag der Mutter. Dazu tönt die fremde Welt herein. Die Tiefenpsychologin Monika Renz hat sich mit dieser ganz frühen Entwicklung befasst. In dieser ganz frühen Zeit des Erwachens des Bewusstseins wird das aus dem Paradies mitgebrachte Urvertrauen überlagert durch eine Urangst. Diese habe zwei Dimensionen. Die eine ist das Gefühl, dass das erwachende Ich in der ertönenden Welt verloren ist, dass es zu viel ist, was da eintönt. Das andere Gefühl – vor allem abgenabelt nach der Geburt: Ist es nicht zu wenig, kann es nunmehr überleben in einer kalten und fremden Welt, auf die das Menschenwesen freilich auch richtig neugierig ist. So widerstreiten in uns von Anfang an ein tiefes Urvertrauen, welches aber überlagert wird durch eine doppelgesichtige Angst des Verloren- wie des Bedrohtseins. Die Genesis erzählt, dass wir aus dem Paradies des Anfangs vertrieben sind und dass der Baum der Erkenntnis dabei eine ganz zentrale Rolle spielt. Der Mythos der Entstehung der Menschheit wiederholt hat sich in jeder und jedem von uns wiederholt. Wir sind alle Vertriebene. haben alle einen Migrationshintergrund.

Was wird unser Leben prägen? Die Angst – und (so wiederum Monika Renz) unsere Verteidigungsstrategien gegen die Angst, so da sind Gewalt, Gier und Lüge? Oderkönnen wir verbunden sein mit dem Urvertrauen, das uns als Grundausstattung mitgegeben ist für ein Leben, in dem wir glauben, hoffen und lieben können? Was können wir tun, dass das Urvertrauen stärker bleibt als die Urangst?

2 Angst im kulturellen und medialen Aufwind

Alle tragen wir Urvertrauen in uns. Dieses aber ist durch Urangst überlagert. Das Lebenskunstwerk: In der Angst bestehen und mit dem Urvertrauen verbunden zu sei.

Das ist freilich derzeit in unserer Kultur nicht leicht. Der französische Politologe Dominique Moisi hat sich in der Welt umgesehen. Er beobachtet, dass derzeit in den Kontinenten eine sehr unterschiedliche Stimmung herrscht. Diese Stimmungen, Emotionen aber würden die Weltpolitik bestimmen. Aber auch unser eigenes Leben, so füg ich bei. In Chindia finde sich eine Stimmung der Hoffnung. Die Menschen haben Zuversicht. Die Kultur ist optimistisch, die jungen Menschen wollen etwas werden, sind weltoffen, neugierig. Anders die arabische Welt: Diese werde derzeit durch eine arrogante westliche Welt gedemütigt. Vor allem Amerika zeichne sich darin seit den Cruise Missiles des George W. Bush aus. Donald Trump steht ihm nicht nach. Demütigung kränkt, in zwischenmenschenmenschlichen wie in internationalen Beziehung. Der weltweite Terror ist die Antwort der Gedemütigten und entspringt nicht der Mystik der Sufis und der großen Denker und Lehrer des Isalm.

Amerika und Europa sind, so Moisi aber eine Region der Angst. Amerika spätestens seit 9/11; Europa seit der Finanzkrise 2008: also längst vor dem Ankommen vieler schutzsuchender traumatisierter Kinder, vergewaltigter Frauen und vor dem Krieg fliehender Männer. Es ist für die Kultur Amerikas und Europas tragisch. Denn die Angst, mit der wir ein Leben lang ringen, ist bei uns derzeit kulturell, politisch wie medial im Aufwind. Es gibt sogar eine „Politik mit der Angst“, so die Sprachwissenschaftlerin Ruth Wodak von der Universität in Wien, welche Texte rechtspopulistischer Parteien in Europa analysiert hat. Angst wird geschürt, um gewählt zu werden.

Solche Politik greift um sich, ist aber der gerade Weg zur Entsolidarisierungen, bleibendem Unrecht und damit bedrohtem Frieden. Was haben wir auch schon von einem vermeintlich „christlichen Abendland“, dessen Rettung ausgerechnet im durchatheisierten Dresden ausgerufen wurde, wenn im Namen Gottes Angst gemacht, die Völker nationalisiert und gespalten, die Demütigung der großen Abrahamitischen Religion des Friedens, nämlich des Islam, vorangetrieben wird?

Möge ein Wort des amerikanischen Präsidenten Franklin D. Rooosevelt nachdenklich machen. Bei seiner Antrittsrede im Jahre 1933, inmitten der großen weltweiten Depression, sagte er: „The only thing we have to fear is fear itself“. Das einzige, was uns Angst machen muss, ist die Angst selbst.

3 Bestehen in der Angst

In uns allen wiederstreiten Urvertrauen und Urangst. Diese Urangst könnte man auch Erbschuld nennen, weil sie unweigerlich böse macht und wir alle sie von Anfang an in uns tragen. So stellt sich die Frage, wie wir inmitten unserer Angst mit ihren vielen heutigen Gesichtern bestehen können: also liebende Menschen werden und eine Zivilisation der Liebe und der Gerechtigkeit aufbauen können?

Manche raten zu einer „Politik des Vertrauens“ anstelle der verbreiteten „Politik der Angst“. Eine Politik des Vertrauens kämpft nicht gegen Flüchtlinge, sondern gegen die Ursachen der Flucht – also Kriege, hoffnungslose Armut, Umweltkatastrophen. Eine Politik des Vertrauens sucht unentwegt den Frieden, ringt um Waffenstillstand, wo Krieg herrscht, reduziert Waffenlieferungen auf ein Mindestmaß, schafft humanitäre Korridore, um Schleppern ihr kriminelles Geschäft zu verderben und Menschen legale Fluchtwege zu erschließen statt Zäune zu bauen und Menschen in unmenschlichen Verhältnissen in lybischen Camps zu „konzentrieren“. Eine „Politik des Vertrauens“ sucht nach einer gemeinsamen Anstrengung mit Blick auf die Flüchtlinge. Es kann nicht sein, dass der reiche Kontinent wenige Millionen Kriegsflüchtlinge aufnimmt, während allein der kleine Libanon eineinhalb Millionen und die Türkei allein über drei Millionen Schutzsuchende trägt. Gut wäre auch eine Art Marshallplan für Syrien und Afrika, um menschenwürdiges Leben vor Ort zu ermöglichen. Ich verstehe eine 40jährige Frau, geflohen aus Ost-Aleppo, wenn sie sagt: „Ich habe so sehr Sehnsucht nach meinen Aprikosenbäumen in Aleppo.“

Könnte neben einer Politik des Vertrauens auch breite Bildung ein Mittel gegen die destruktive Angst sein? Bildung, welche die Persönlichkeit stärkt, politisches Sachwissen verbreitet, die aber auch dazu beiträgt, dass wir die uns fremden und doch nicht fremden Religionen besser kennenlernen? Fragen Sie sich selbst: Haben Sie einen Qur’an daheim? Wissen Sie, dass der Islam von Ibrahim herkommt, dass muslimische Kinder über die Jesusgeschichte oft mehr wissen als unsere? Und ist ihnen klar, dass es auch in der Christenheit, auch heute und nicht nur in der langen Geschichte, eine tragische Verbindung von Gott und Gewalt hab? Wir haben 500 Jahre Reformation gefeiert und übersehen gern, dass es kurz danach einen 30jährigen Krieg in Europa gab, der an Brutalität jener des Islamischen Staates nicht nachsteht.

So wichtig Aber eine Politik des Vertrauens und eine breite Bildung sind: noch wichtiger sind Geschichten und Gesichter, also Begegnungen. Eine brandneue Studie des PEW-Research-Centers aus den USA über Westeuropa zeigt, dass jene Angst vor dem Islam und damit den schutzsuchenden Muslimen und Muslimas haben, weil sie persönliche niemanden getroffen haben.

Ich selbst hatte das Glück, ein 13jähriges unbegleitetes Flüchtlingskind aus Afghanistan kennenzulernen. Ihr Name: Narges Tavakoli. Mit der Mutter und ihrem Bruder war sie nach der Ermordung des Vaters durch die Taliban in den Nordiran und von dort über die Türkei nach Europa geflohen. In der Türkei haben sie die den Kontakt zur Mutter verloren. Sie kam in ein Heim für unbegleitete Kinder in Stams in Tirol. Ich hatte dort einen Vortrag. Vor diesem ging ich ein paar Schritte. Spricht mich der Direktor der Grundschule Anton Mayr an und sagt: Kommen Sie mit ins Lehrerzimmer, ich zeige Ihnen etwas. Dort stand ein Kunstwerk. Das Mädchen hatte es in fünf Monaten ganz allein gemacht: Auf einer französischen Flagge stand ein Eiffelturm, einen halben Meter hoch. Nur aus Spaghetti gemacht. Das Kind baute den Turm, so der Direktor, um uns eine Botschaft zu geben. Wolle sie diese vom Mädchen selbst hören? Das Haus, wo Narges wohnte, war gleich in der Nähe, schon kam sie mit ihrer Betreuerin. Und erzählte: „Die in Paris“ (sie meinte die Attentäter bei Charlie Hebdo und im jüdischen Geschäft“), „die in Paris, die sind nicht Islam. Ich bin Islam. Sie sind wie Tiere. Allah hat verboten, unschuldige Menschen zu töten.“ Dann frag ich sie, wie es ihr in Stams gehe. Da beginnt sie zu weinen. Warum weinst Du, frage ich. Sie darauf: „Hier in Stams kann ich zum ersten Mal in die Schule gehen.!“ Welche ein Geschenk für ein Mädchen aus einer Kultur, die den Mädchen jegliche Bildung untersagt. „Und was willst Du werden“, frage ich sie, um sie von ihren Freudentränen wieder ins Gespräch zurückzubringen. „Architektin?“ – „Was ist Architektin“, fragt sie. „Häuser zu bauen, wie diesen Turm“, erkläre ich. Sie darauf tapfer: „Nein, jetzt will ich lernen, und dann zur NASA nach Amerika gehen!“ Was für eine Begegnung. Und wem eine solche geschenkt wird, wird nicht mehr klagen, der Islam komme nach Europa (ich hab ihn noch nie laufen gesehen): Denn es sind immer wunderbare Menschen, Ebenbilder Gott, wie Sie und ich, mit einer Fähigkeit zu lachen und zu lieben.

Diese Geschichte der Narges hat – passt gut zur Wunderkammer – ein wunderbares Ende. Eines Tages kam ein Anruf nach Wien an die Uni. Ich bin mit der Betreuerin verbunden: “Stellen Sie sich vor, ein Wunder ist geschehen. Die Mutter von Narges ist im Irak wiederaufgetaucht!“

4 Der göttliche Rückenwind (Gottvertrauen)

Eine Politik des Vertrauens, breite Bildung, Gesichter und Geschichten. Das sind Weg, um in der Angst zu bestehen. Es gibt aber noch einen vierten Weg.

Es ist der spirituelle Weg, der Weg, den Menschen einschlagen, wenn ihnen die Gnade des Glaubens geschenkt ist.

Dieser Weg führt durch die Ängste hindurch zur Quelle, aus der wir kommen, die uns ermöglicht, liebende Menschen zu werden. Der große zeitgenössische Mystiker Richard Rohr aus New Mexico gibt uns eine einfache Anleitung, wenn er lapidar vermerkt: „It is not necessary to be perfect, but tob e connected.“ Es ist nicht erforderlich, moralisch perfekt, sondern verbunden zu sein. Verbunden mit dem Grund unseres Lebens, Gott selbst.

Monika Renz schrieb ein Buch über den Mystiker von Nazaret, also Jesus. Auch er habe die Ängste erlitten, vor allem im frühen Finale seines Lebens, am Ölberg, am Kreuz. Aber er habe in diesen Ängsten bestanden, weil er mit seinem Gott, den er liebevoll Abba nannte, dauerverbunden war. Das war das Geheimnis seines Lebens und macht ihn zum „Sohn Gottes“. Wir aber, so fügt Renz hinzu, stehen vor der Herausforderung, diese Verbundenheit immer wieder zu suchen: in Begegnungen mit den Armen, in denen uns der Auferstandene Christus entgegenkommt, im Lesen der heiligen Schriften, in der Feier des Herrenmahles, im Atmen der Seele, das wir Gebet nennen könnten.

Verbundene sind keinesfalls ohne Angst. Aber sie haben die Kraft, in der Angst zu bestehen. Eine Frau, in der Arbeit mit schutzsuchenden Menschen hoch engagiert, erzählte mir, es sei nicht immer einfach. Viele Menschen aus Afghanistan tun sich schwer, deutsch zu lernen und Rhythmus wie Stil unseres gestressten Lebens auszuhalten. Dann aber kommt ein Lächeln in ihr Gesicht und sie sagt entwaffnend: „Wenn es aber ganz besonders schwer ist, fühle ich göttlichen Rückenwind“.

Besser kann ich auch als Theologe nicht formulieren, wie uns unser Glaube behilflich sein kann, in unseren Ängsten zu bestehen. Solches wird uns geschenkt, wenn wir uns dem „göttlichen Rückenwind“ aussetzen. Wäre das nicht Christliches Abendland? Wenn es uns vorkommt, wir schaffen das nicht? Wenn die Urangst vor dem bedrohlichen Zuviel uns angesichts der großen Zahlen überkommt, wenn uns die Politiker weismachen, dass das Geld für den Sozialstaat nicht reicht, wenn wir es mit den Bedrängten Einheimischen und Schutzsuchenden teilen: Dass wir auch dann sagen: Das schaffen wir, denn wir fühlen im Christlichen Abendland göttlichen Rückenwind.

 

 

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2 Antworten zu Miniaturen zu Angst und Vertrauen

  1. Carl Wilhelm Macke schreibt:

    Gerne würde ich ja mit diskutieren und streiten, aber wie geht das auf dieser inhaltlich guten, technisch aber etwas unübersichtlichen Homepage?
    Ihr
    Carl Wilhelm Macke ( München http://www.journaöistenhelfen.org )

    • zulehner schreibt:

      Geschätzter Herr Macke, Sie können doch umgehend einen Kommentar schreiben, wie Sie das ja jetzt auch gemacht haben. Ihr Paul M. Zulehner

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