„Messe auf dem Altar der Welt“: Fronleichnam heute feiern!

Wir begingen/begehen heute die Fronleichnamsprozession. Diese verdanken wir nicht nur der Frömmigkeit unserer Vorfahren und Ihrer Absicht, das Sakrament des Altares zu verehren. Sie hat auch handfeste kirchenpolitische Ursachen.

Die Protestanten können nicht an eine bleibende Gegenwart des Auferstandenen in Brot und Wein glauben. Er ist nur gegenwärtig, solange die gläubige Gemeinde versammelt ist und das Herrenmahl feiert. Das hat uns Katholiken dazu verleitet, Christus im Tabernakel gegenwärtig zu halten, ihn „auszusetzen“ und zu verehren. Noch mehr: Wir haben angefangen, ihn demonstrativ herzuzeigen und öffentlich zu verehren. Das sollte in der Fronleichnamsprozession unübersehbar erlebbar sein. Fronleichnam also nicht nur ein frommes Fest, sondern auch eine Ansage, ein Statement gegen die Häretiker.

Freilich, der Konfessionsstreit bewegt heute niemand mehr. Wir haben uns in vielen Fragen, die uns getrennt haben, angenähert. Beide Konfessionen sind heute dankbar, dass wir beide nichts Anderes tun, als den Auftrag Jesu zu erfüllen: „Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ Und doch machen wir immer noch eine Fronleichnamsprozession. Das macht nur einen Sinn, wenn wir eine ganz andere geistliche Begründung haben. Haben wir eine solche? Und machen wir die Prozession nur, weil es eben ein alter Brauch ist? Ich möchte Ihnen jetzt eine gute Begründung schenken, in der Hoffnung, dass sie uns ein wenig aufrüttelt.

Es war Papst Benedikt XVI., der große Theologe am Papststuhl. 2005 reiste er nach Köln und feierte mit Jugendlichen auf dem Weltjugendtag eine große Messe im Freien. Er wollte den Mitfeiernden erschließen, was dabei geschieht. Eine Megawandlung, so seine Botschaft, ereignet sich, und diese in vier Stufen:

  • „Im Tod Jesu am Kreuz hinein in die Auferstehung ist eine grundlegende Verwandlung (1) von Gewalt in Liebe, von Tod in Leben geschehen.
    (Welche gewaltige Wandlung. Jesus erduldet freiwillig die brutale Gewalt. Aber er schlägt nicht zurück. Seine Hand ist angenagelt: Heißt das nicht – Gott wird nie seine Hand zur Faust ballen und zurückschlagen! Gottes Innerstes ist Erbarmen. Welch eine Botschaft in einer Welt voller Gewalt in Krieg, Vergewaltigung, Missbrauch von Kindern, Ungerechtigkeit, Terror!)
  • Diese erste Verwandlung zieht dann die weiteren Verwandlungen nach sich. (2) Brot und Wein werden sein Leib und sein Blut.
    (Das ist nicht leicht zu verstehen. Theologen habe Jahrhundertelang darüber gegrübelt und doch keine wirkliche Lösung gefunden. Aber vielleicht können wir es in einem Bild sagen: Wenn Liebende einander einen Ring schenken, dann erzählt dieser Ring von der bleibenden, nie endenden Liebe. Wenn Jesus sagt: Nehmet und esset, das ist mein Leib, mein Blut – will er uns damit nicht sagen, dass „eine größere Liebe niemand hat als wer sein Leben hingibt für seine Freunde – und beifügt: Ihr seid meine Freunde!)
  • Aber an dieser Stelle darf die Verwandlung nicht Halt machen, hier muss sie erst vollends beginnen. Leib und Blut Jesu Christi werden uns gegeben, (3) damit wir verwandelt werden. Wir selber sollen Leib Christi werden, blutsverwandt mit ihm. Wir essen alle das eine Brot. Das aber heißt: Wir werden untereinander eins gemacht. Er ist in uns selbst und wir in ihm.
    (Papst Benedikt erinnert hier an einen Spruch des großen Kirchenlehrers Augustinus: Seid, was ihr esst – Leib Christi. Wir werden also eine Gemeinschaft, die sich für Andere verausgabt. Andere: das sind wir in der gläubigen Gemeinde, daheim in den Familien, im Beruf, aber auch in der Einen Welt, für die Menschen am Rand, die, die ganz unten sind – wo uns Papst Franziskus als Kirchengemeinde so gern sehen würde!)
  • Aber die Dynamik der Wandlung macht bei uns nicht Halt. Sie… will von uns auf die anderen Menschen und auf (4) die Welt im Ganzen übergreifen, dass seine Liebe wirklich das beherrschende Maß der Welt werde.“

La messe sur le monde

„Dass seine Liebe wirklich das beherrschende Maß der Welt werde“: Welch eine Vision. Was hier im Kleinen geschieht, in unserer feiernden Gemeinde, verändert die Welt, ist Weltverwandlung. Genau an diese Vision der Weltverwandlung hinein in ihre vollendete Gestalt erinnern wir mit dem Fronleichnamsfest. Wir sagen aller Welt: Im Herzen der Welt sitzen nicht mehr Tod und Vergeblichkeit, sondern der auferstandene Christus. Er ist der Anfang der vollendeten Welt, in ihrem „Herzen“, also ihrem Innersten hat diese Vollendung der Welt schon angefangen. Und wir als Leib Christi sind jetzt schon ein Teil dieser vollendeten Welt. Mit ganz anderen Worten: Wir sind nicht auf Erden, um später einmal in den Himmel zu kommen (das schafft Gott hoffentlich bei allen Menschen). Wir sind vielmehr als Christen auf Erden, damit der Himmel zu uns kommt, schon jetzt, in Spuren wenigstens. Der Himmel aber: das ist eine mit Gott vereinte Menschheit, die daher in Gerechtigkeit und Frieden jetzt schon geeint wird. Das Fronleichnamsfest ist damit auch kein frommes, sondern ein höchst politisches Fest.

Einer der Ersten, der diese Vision hatte, war der große Jesuit Teilhard de Chardin (1881-1955). Er hatte sich mit der modernen Naturwissenschaft beschäftigt. Die Evolutionstheologie von Charles Darwin faszinierte ihn. Er fragte aber nicht, wie die lange Geschichte der Entstehung der Welt vom Urknall hin zum Leben bis herauf zum Menschen gelaufen ist: Das zu klären sei Aufgabe der Astrophysik. Ihn interessierte also nicht das Wie, sondern das Woraufhin: Welches Ziel hat diese ungeheuerliche Entwicklung.? Worauf läuft die Evolution, die Entwicklung der Welt und des Lebens hinaus?

Seine Antwort fand er im Kolosserbrief aus der Schule des Apostels Paulus. „Auf ihn hin ist alles geschaffen“ (Kol 1,16). Das heißt auf den Christus, zu dem in der Auferstehung Jesus von Nazareth geworden ist (Apg 2,36). Der Hymnus nennt ihn den Erstgeborenen der Schöpfung. Und wir alle, wie wir hier sind, sind Zweit- und Dritt- und Viert-geborene. Jesu Schicksal bildet ab, worauf auch unser Leben hinausläuft. Wir werden ankommen in einer Welt, in der er schon ist, deren innerste Mitte er bildet, und die mit jeder und jedem der ankommt, vollkommener wird. Und am Ende wird Gott alles in allem sein, so heißt es dann im Korintherbrief (1 Kor 15,28).

Teilhard de Chardin war von dieser Vision ganz fasziniert. Denn er hat begriffen, dass die heilige Messe genau von dieser Weltverwandlung hinein in ihre Vollendung erzählt: Von dem also, worauf die Schöpfung hinausläuft. Noch mehr: Uns Christen ist dieses Wissen vom Ziel der Geschichte und unseres Lebens in der Botschaft der Auferstehung enthüllt worden. Der auferstandene Christus ist der Punkt OMEGA der ganzen Geschichte. Wir sind dankbar dafür, feiern diese Zukunftsaussicht in jeder heiligen Messe. Noch mehr: Unsere Berufung ist es, davon der ganzen Welt zu erzählen und jetzt schon etwas von dieser Vollendung zu leben. Das gewandelte Brot, der gewandelte Wein, noch mehr: wir selbst als gewandelte Gemeinschaft sind jetzt schon, inmitten der Welt, Vorboten der vollendeten Welt, deren Herz der auferstandene Christus ist. Teilhard de Chardin hatte daher die Vision von einer Messe auf dem Altar der Welt: „La messe sur le monde“.

Für mich ist das ein guter Grund, eine Fronleichnamsprozession zu machen. Wir erzählen damit aller Öffentlichkeit: Die Vollendung der Welt hat schon begonnen – in der Auferstehung Jesu. Und sie hat angefangen, sich in der Welt auszubreiten – in unseren Gemeinden, und weil wir selbst Teil dieser einen Welt sind – geschieht durch unser Leben und Feiern immer eine Verwandlung der Welt „durch uns“.

„Durch uns“: Hier wird freilich das Fronleichnamsfest gefährlich. Denn stimmig und glaubwürdig ist diese gute Nachricht von der bei uns schon anfangenden Vollendung an die ganze Welt nur dann, wenn davon etwas bei uns auch sichtbar ist. Erst unsere eigene Wandlung als kirchliche Gemeinschaft erzählt den Menschen, wie die von Gott vollendete Gestalt der Welt aussieht. Es ist dann nicht mehr eine Welt der Angst, sondern der solidarischen Liebe. Es ist nicht eine Welt, die sich in rivalisierende Nationen aufsplittet, wo jede sagt: „Wir zuerst“, Österreich zuerst, Prima gli Italiani, America first.

Nein, wir Christen wissen, wenn nur ein Gott ist, gibt es nur die Eine Welt Gottes, die eine Menschheit. Dann ist jede und jeder auf dieser Welt eine und einer von uns. Dann geht es uns etwas an, dass 65 Millionen Menschen auf der Flucht sind, darunter 40 Millionen Kinder. Und wenn der fünfjährige Aylan Kurdi in der Ägäis auf der Flucht ertrinkt, ist er einer von uns. Und Gott wird uns – wie Kain –  einst fragen: „Wo ist Dein Bruder…?“

Aber denken wir Christinnen und Christen wirklich so? Bedrängen nicht auch uns vielfältige Ängste? Gelingt es uns, inmitten der Ängste so viel Gottvertrauen zu haben, dass wir solidarisch bleiben können? Haben wir ein Herz und ein Ohr für den Schrei der Armen dieser Welt und im eigenen Land? Und natürlich ist heute eine Frage, um die niemand herumkommt: Wie halte ich es mit schutzsuchenden Menschen, mit der Verteilung der knappen Güter dieser Welt, mit der Bewahrung der Schöpfung, und in all dem um den Frieden in der Welt? Lassen wir uns also in der Feier der Eucharistie wandeln, aus Angstmenschen in Solidarmenschen? Gehen wir wirklich anders hinaus? Oder sagen wir letztlich: Gott, wandle die Gaben, uns lass in Ruh?

Wenn wir in der (folgenden) Prozession den Leib Christi in die Öffentlichkeit tragen: den Leib, hingegeben für das Leben der Welt: Ich glaube die Leute werden uns besser verstehen, wenn sie selbst Leib Christi sind, also eine Gemeinschaft, die sich für die Menschen am Rand, für jene, die unten sind, die es nicht leicht haben, stark machen.

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2 Antworten zu „Messe auf dem Altar der Welt“: Fronleichnam heute feiern!

  1. Johanna Spoeth schreibt:

    Sehr geehrter Professor Zulehner,
    vielen herzlichen Dank für den ausserordentlich
    interessanten und gut verständlichen Beitrag zum Fronleichnam-Fest und Ihrer Vision von einer allumfassenden christlichen Lebensform.

  2. Puchegger Eva schreibt:

    sehr gut, ich wünsche alles Gute

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