Sei ein Heiliger! – Arbeitsanweisung für jeden Christenmenschen.

Gastkommentar von Dr. Markus Büning, Nottuln (Deutschland)

Eine Anmerkung zum neuen Apostolischen Schreiben „Gaudete et Exsultate“ von Papst Franziskus

Das neue Apostolische Schreiben war im Netz noch nicht einmal auf der offiziellen Webseite des Heiligen Stuhls zu finden, da fanden sich schon wieder die ersten Claqueure am Start: Alles nur Geschwafel! Typisch Bergoglio! Purer Sozialaktivismus! Aufweichung des Lebensschutzes! Usw. usw. … Nein, liebe Leute, so könnt ihr wirklich eines nicht werden: Heilige!

Lest doch erst mal ganz unbefangen den Text und fangt dann an, sachlich, meinethalben auch kritisch, darüber zu diskutieren. Und führt Euch vor allem zu Gemüte, was der Heilige Vater zu solchen „katholischen“ Umtrieben im Netz gesagt hat: „Auch Christen können über das Internet und die verschiedenen Foren und Räume des digitalen Austausches Teil von Netzwerken verbaler Gewalt werden. Sogar in katholischen Medien können die Grenzen überschritten werden; oft bürgern sich Verleumdung und üble Nachrede ein, und jegliche Ethik und jeglicher Respekt vor dem Ansehen anderer scheinen außen vor zu bleiben. So entsteht ein gefährlicher Dualismus, weil in diesen Netzwerken Dinge gesagt werden, die im öffentlichen Leben nicht tolerierbar wären, und man versucht, im wütenden Abladen von Rachegelüsten die eigene Unzufriedenheit zu kompensieren. Es ist auffällig, dass unter dem Vorwand, andere Gebote zu verteidigen, das achte Gebot – »Du sollst kein falsches Zeugnis geben« – zuweilen komplett übergangen und das Ansehen anderer gnadenlos zerstört wird. Dort zeigt sich ohne Kontrolle, dass die Zunge »eine Welt voll Ungerechtigkeit ist« und »das Rad des Lebens in Brand setzt«, während sie selbst »von der Hölle in Brand gesetzt« wird (Jak 3,6).“ (Nr. 115). Recht hat er, dem ist nichts hinzuzufügen!

Nach der ersten Lektüre des Textes kann ich nur eines sagen: Großartig und tief, lebensnah und praktisch; ja, auch mich in meinen Selbstsicherheiten durchaus anfragend. Danke Heiliger Vater!

Warum dieser Dank? Der Papst Franziskus hat hier ein ganz grundliegendes Anliegen des letzten Konzils zum Ausdruck gebracht, wonach alle Christenmenschen zur Heiligkeit berufen sind. Auch der hl. Papst Johannes Paul II., den Papst Franziskus immer wieder mal zitiert, verschrieb sich ganz diesem großartigen Anliegen: Alle Christen, ausnahmslos alle, sind zur Heiligkeit berufen. Folgender Passus aus dem neuen Lehrschrieben des Papstes bringt diesen Umstand sehr schön zum Ausdruck: „Um heilig zu sein, muss man nicht unbedingt Bischof, Priester, Ordensmann oder Ordensfrau sein. Oft sind wir versucht zu meinen, dass die Heiligkeit nur denen vorbehalten sei, die die Möglichkeit haben, sich von den gewöhnlichen Beschäftigungen fernzuhalten, um viel Zeit dem Gebet zu widmen. Es ist aber nicht so. Wir sind alle berufen, heilig zu sein, indem wir in der Liebe leben und im täglichen Tun unser persönliches Zeugnis ablegen, jeder an dem Platz, an dem er sich befindet. Bist du ein Gottgeweihter oder eine Gottgeweihte? Sei heilig, indem du deine Hingabe freudig lebst. Bist du verheiratet? Sei heilig, indem du deinen Mann oder deine Frau liebst und umsorgst, wie Christus es mit der Kirche getan hat. Bist du ein Arbeiter? Sei heilig, indem du deine Arbeit im Dienst an den Brüdern und Schwestern mit Redlichkeit und Sachverstand verrichtest. Bist du Vater oder Mutter, Großvater oder Großmutter? Sei heilig, indem du den Kindern geduldig beibringst, Jesus zu folgen. Hast du eine Verantwortungsposition inne? Sei heilig, indem du für das Gemeinwohl kämpfst und auf deine persönlichen Interessen verzichtest.“ (Nr. 14). Bereits Papst Benedikt XV. verfolgte zu Beginn des letzten Jahrhunderts mit seinen Heilig- und Seligsprechungen dieses Anliegen. Diese Neuheit in der Sicht der Dinge hat der Della-Chiesa-Biograph Ernesti jüngst so formuliert: Benedikt XV. „vertrat einen neuen Ansatz, der sich in seinen Direktiven an die Heiligsprechungskongregation und in seinen Kanonisationen durchhält: Heiligkeit ist in jedem Stand möglich, weil es eine allgemeine Berufung zur Heiligkeit gibt. In diesem Sinn nahm er programmatische Selig- und Heiligsprechungen vor und widmete einzelnen Heiligen zu bestimmten Jahrestagen eigene Dokumente.“ Papst Franziskus steht hier also ganz in der Tradition des neueren päpstlichen Lehramtes zum Thema.

Zwei Passagen gefallen mir ganz besonders. Zurzeit arbeite ich an einer breit angelegten Biographie über die Heilige Jungfrau von Orléans, die übrigens 1920 von Benedikt XV. kanonisiert worden ist. Diese Heilige liegt mir besonders am Herzen, weil sie trotz aller widerwärtigen Verfolgung durch Kirchenleute treu zu Christus und seiner Kirche bis zum grausam angeordneten Tod durch Verbrennung gestanden hat. An dieser Heiligen wird exemplarisch deutlich, dass unser Leben als Christ den Charakter eines Kampfes hat. Genau diesen Aspekt hat der Papst jetzt so eindringlich formuliert: „Das Leben des Christen ist ein ständiger Kampf. Es bedarf Kraft und Mut, um den Versuchungen des Teufels zu widerstehen und das Evangelium zu verkünden. Dieses Ringen ist schön, weil es uns jedes Mal feiern lässt, dass der Herr in unserem Leben siegt.“ (Nr. 158) und „Für den Kampf haben wir die wirksamen Waffen, die der Herr uns gibt: der im Gebet zum Ausdruck gebrachte Glaube, die Betrachtung des Wortes Gottes, die Feier der heiligen Messe, die eucharistische Anbetung, das Sakrament der Versöhnung, die guten Werke, das Gemeinschaftsleben, der missionarische Einsatz.“ (162). Auch dafür mein besonderer Dank!

Dann möchte ich noch das Augenmerk auf zwei Passage lenken, die offenbar schon jetzt von vielen falsch verstanden wird. Zunächst der Passus über den Neopelagianismus: „Dennoch gibt es Christen, die einen anderen Weg gehen wollen: jenen der Rechtfertigung durch die eigenen Kräfte, jenen der Anbetung des menschlichen Willens und der eigenen Fähigkeit; das übersetzt sich in eine egozentrische und elitäre Selbstgefälligkeit, ohne wahre Liebe. Dies tritt in vielen scheinbar unterschiedlichen Haltungen zutage: dem Gesetzeswahn, der Faszination daran, gesellschaftliche und politische Errungenschaften vorweisen zu können, dem Zurschaustellen der Sorge für die Liturgie, die Lehre und das Ansehen der Kirche, der mit der Organisation praktischer Angelegenheiten verbundenen Prahlerei, oder der Neigung zu Dynamiken von Selbsthilfe und ich-bezogener Selbstverwirklichung. Hierfür verschwenden einige Christen ihre Kräfte und ihre Zeit, anstatt sich vom Geist auf den Weg der Liebe führen zu lassen, sich für die Weitergabe der Schönheit und der Freude des Evangeliums zu begeistern und die Verlorengegangenen in diesen unermesslichen Massen, die nach Christus dürsten, zu suchen.“ (Nr. 57). Liebe Leute, bitte Vorsicht bei der Beurteilung dieses Abschnitts! Dem Papst geht es nicht darum, die berechtigte Sorge für die Liturgie, die Lehre und das Ansehen der Kirche zu kritisieren. Nein, ihm geht es um das pharisäische Zurschaustellen dieser Anliegen. Das ist was ganz anderes! Natürlich darf man sich Sorgen über den Zustand der Kirche machen. Aber wir sollen diese Dinge nicht wie eine Monstranz vor uns hertragen und dabei vergessen, wie vielfältig und reich unsere Kirche von Gott beschenkt worden ist. Darum geht es dem Papst. Wir alle sind von Gott beschenkte Menschen und können letztlich nur von IHM die Lösung unsere Probleme erwarten. Nur mit IHM können wir den Weg der Nachfolge gehen, eben nicht aus unserer Kraft! Da hat der Papst doch Recht! Es gibt nun mal die konservative Versuchung, immer alles besser zu wissen und den anderen belehren zu wollen. Warum sollen wir Konservative nicht auch bereit sein, uns in einer Exhortation mal die Dinge vom Vater der Christenheit sagen zu lassen. Meine Güte! Seien doch auch wir bereit, mal unseren Kopf unter den Arm zu nehmen. Auch dafür Danke Heiliger Vater!

Und dann noch den Passus zum Lebensschutz. Auch da kann man schon eine Welle völlig unberechtigter Kritik im Netz wahrnehmen. Der Papst sagt dazu folgendes: „Die Verteidigung des ungeborenen unschuldigen Lebens zum Beispiel muss klar, fest und leidenschaftlich sein, weil hier die Würde des menschlichen Lebens, das immer heilig ist, auf dem Spiel steht und es die Liebe zu jeder Person unabhängig von ihrer Entwicklungsstufe verlangt. Aber gleichermaßen heilig ist das Leben der Armen, die schon geboren sind und sich herumschlagen mit dem Elend, mit der Verlassenheit, der Ausgrenzung, dem Menschenhandel, mit der versteckten Euthanasie der Kranken und Alten, denen keine Aufmerksamkeit geschenkt wird, mit den neuen Formen von Sklaverei und jeder Form des Wegwerfens.“ (Nr. 101). Warum bitte schön soll der Papst denn hier das Anliegen des Lebensschutzes verraten haben? Solch einen Unsinn liest man jetzt schon im Netz. Nein, der Papst stellt dieses Anliegen auf ganz organische Weise auf ein breit angelegtes Fundament eines umfassenden Lebensschutzes. Und dazu gehört bitte auch die sogenannte soziale Frage! Warum haben viele Konservative hier sofort Angst und wittern den Sozialismus! Nein, auch hier zeigt der Papst einen guten Weg: Wir können nicht gegen Abtreibung sein und auf der anderen Seite den Obdachlosen links liegen lassen. Das ist verlogen und eben nicht heilig.

Alles in Allem: Ein großer Wurf! Praktisch, verständlich, aktuell und aufrüttelnd. Ich kann einem jeden nur empfehlen, den Text selbst zu lesen und sich nicht mit den dummen und verfälschenden Urteilen aus dem Netz zu begnügen. Auch das könnte ein erster Schritt zur Heiligkeit sein.

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Eine Antwort zu Sei ein Heiliger! – Arbeitsanweisung für jeden Christenmenschen.

  1. Franz-Josef Scholz schreibt:

    Papst Franziskus hat beachtliche Aufräumarbeiten in der katholischen Kirche geleistet.
    Er hat viele Vorgänge aufgedeckt, die nicht richtig waren.
    Er fördert den Kontakt zwischen unterschiedlichen Religionen.
    Er wünscht Verständnis, Mitgefühl, Achtung, Toleranz und Liebe zwischen allen Menschen.
    Er hat den Mut, überholte, nicht mehr angebrachte Traditionen und Richtlinien zu ändern.
    Meine Meinung:
    Das Letzte, was wir jetzt brauchen können, sind geistliche Würdenträger, die alles schön so
    beibehalten wollen wie es seit Jahrhunderten gewesen ist.
    Ich glaube, dass verschiedene Religionen und Konfessionen sogar besser sind als eine
    einzige riesige Glaubensgemeinschaft. Jede Religion hat im Prinzip den gleichen Sinn:
    Sie sollen das Zusammenleben zwischen den Menschen verbessern.
    Glaubenskriege entstehen durch Unverständnis, Intoleranz, Eroberungswille und Bekehrungsdrang.
    Ist der Hass erst einmal gesät, dann finden die Unruhen kaum noch ein Ende.
    Religionen hin-oder her – egal wie wir Gott nennen – er ist für alle Lebewesen da.
    In grauer Vorzeit hat man sich vorgestellt, dass Gott irgendwo über den Wolken sitzt.
    Mit unserer heutigen Technik können wir 14 Milliarden Lichtjahre weit blicken – und wir sehen
    Gott immer noch nicht.
    Es scheint wohl so zu sein, dass das gesamte Universum ein winziger Teil in Gott ist – denn
    es gelten für uns die Gesetzmäßigkeiten, die zur Entstehung des Lebens geführt haben.

    Ob wir alle heilig sein können?
    Ist es dabei wichtig zum Heiligen erklärt zu werden?
    Ich denke, dass es nur in wenigen Fällen bekannt wird, dass ein Mensch in seinem Leben
    die Anforderungen dazu erfüllt hat.
    (Etwas Unerklärliches – ein Wunder muss nachgewiesen werden)
    Eher sage ich, wir können füreinander Engel sein – wenn wir im richtigen Moment am richtigen
    Ort sind – und in einem Notfall helfen können.

    Franziskus ist der beste Papst, den ich mir vorstellen kann!

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