Kein “sicheres Herkunftsland”: Wir müssen über Afghanistan reden

Ein Beitrag von David Freudenthaler, der sehr nachdenklich macht. Wie  kann unsere Gesellschaft und unsere Politik ihr menschliches Angesichts bewahren? (Paul M. Zulehner) 

Über eine afghanische Familie in Österreich und deren bevorstehende Abschiebung in ihr Heimatland

Wir haben eine afghanische Familie zuhause untergebracht — vor einigen Tagen kam der negative Bescheid. Ihnen droht die Abschiebung in ein Land, das derzeit völlig in Chaos und Gewalt versinkt. Afghanistan ist aufgrund der jüngsten Entwicklungen aber alles andere als ein sicheres Herkunftsland und darüber müssen wir reden.

Folgender Text entspringt einerseits der Feder der Ratlosigkeit sowie jener der Entschlossenheit. Ratlosigkeit deshalb, weil der negative Asylbescheid für unsere Familie in vielen Punkten willkürlich erscheint und ihnen womöglich die Chance auf eine friedliche Zukunft verwehrt. Entschlossenheit, weil wir gegen dieses Urteil Einspruch erheben und alles dafür tun werden, damit sie nicht wieder zurück muss in ein Land, in dem Gewalt und Krieg auf dem Vormarsch sind.

Doch eines nach dem anderen: Meine Eltern teilen die Räumlichkeiten ihres Hauses seit gut zwei Jahren mit einer afghanischen Familie und ihren drei Kindern. Sie flüchteten vor der willkürlichen Gewalt in ihrer Heimat und konkreten Drohungen der Taliban gegen den Familienpapa. Er hat für eine amerikanische Firma gearbeitet. Jeder, der das in Afghanistan tat, war Feind der Taliban und wurde von ihnen terrorisiert. Seiner Geschichte glaubte man nicht. “Würde eine tatsächliche Bedrohung gegen Ihre Person bestehen, stünde Ihnen die Möglichkeit offen, sich in einer anderen, sicheren Provinz Afghanistans niederzulassen”, so steht es im Bescheid.

Einmal fragte ich einen der kleinen Jungs, wie denn das Wetter in Afghanistan so sei. “Am Tag ist es immer schön”, sagte er. “Aber in der Nacht ist es immer schiarch, da kommen die Taliban.”

Sie ließen alles zurück und machten sich mit ihren damals noch sehr kleinen Kindern auf den Weg Richtung Europa. Das versprochene Paradies fanden sie hier nicht vor, aber in Österreich erhofften sie sich einen Neustart und ein friedliches Leben.

Geflüchtet, integriert und abgelehnt

Mittlerweile sprechen alle ganz gut Deutsch. Die Eltern besuchen regelmäßig Sprachkurse, die Familienmama lernte erstmals in ihrem Leben zu schreiben — in Afghanistan kam sie nie in den Genuss echter Schulbildung. Die Kinder sprechen inzwischen auch untereinander Deutsch, weil sie Deutsch mittlerweile besser sprechen als ihre Muttersprache Farsi. Sie gehen zur Schule, spielen im Fußballverein und sind bei den Pfadfindern. In ihren Augen spiegelt sich die unbändige Neugierde aufs Leben. In unserem Haus wird gespielt, gestritten, gelernt und gelacht. Tagtäglich spüren wir die Dankbarkeit der Familie, hier gelandet und der Bedrohung in ihrem Heimatland entronnen zu sein.

Über zwei Jahre musste die Familie auf ihren Asylbescheid warten. Eine lange Zeit in Ungewissheit, in der zahlreiche negative Entscheidungen gegenüber Afghanen in ihrem Umfeld natürlich nicht spurlos an ihnen vorbeigegangen sind.


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Vor einigen Tagen kam dann endlich der Bescheid der ersten Instanz: negativ. Abschiebung nach Afghanistan. Unendliche Traurigkeit, Tränen, Verzweiflung. Traurigkeit und Ratlosigkeit sitzen tief und werden so schnell auch nicht verschwinden. Trotzdem mischte sich dazu ganz schnell Entschlossenheit. Entschlossenheit, alles dafür zu tun, noch länger hier bleiben zu können.

Abgeschoben statt aufgehoben

Natürlich werden wir gegen dieses Urteil Einspruch erheben. Wir, weil “unsere” afghanische Familie einfach schon zu der unsrigen gehört. Und weil es schwer fällt, sich vorzustellen, wie die unbändige Lebensfreude unserer lieb gewonnenen und bestens integrierten Kinder irgendwo zwischen Bomben und Patronen zerplatzen könnte.

Dass die negative Asyl-Entscheidung gegen “unsere” Familie kein Einzelschicksal ist, zeigt ein Blick auf die Statistik. Mehr als die Hälfte der Afghanen, die bei uns um Schutz ansuchen, erleben selbiges Schicksal. Nach Vorstellung unseres Innenministeriums sollten sie schnellstmöglich in ihr Heimatland zurückkehren. Ein Land, in dem sie der Gefahr von willkürlicher Gewalt ausgesetzt sind.

Auf sein -Gutachten stützen sich viele negative Asylbescheide: Nun steht Karl Mahringer schwer in Kritik | http://PROFIL.at  https://www.profil.at/oesterreich/vorwuerfe-gerichtsgutachter-karl-mahringer-8957728  via @profilonline

Vorwürfe gegen Gerichtsgutachter Karl Mahringer

Plagiatsjäger Weber bezeichnet Afghanistan-Gutachten als „Reisebericht“, „unwissenschaftlich“ und „komplett untauglich“.

profil.at

Afghanistan ist kein sicheres Herkunftsland

Und da kommen wir zum entscheidenden Punkt: Bei all der persönlichen Betroffenheit rund um unsere afghanische Familie sollten wir über eines reden: Ist Afghanistan wirklich ein sicheres Herkunftsland? Seitdem die Europäische Union im Oktober 2016 ein Rückführungsabkommen mit Afghanistan abgeschlossen hat, werden Afghanen wieder fleißig dorthin rückgeführt. Am Kabuler Flughafen soll sogar ein eigener Terminal für abgeschobene Flüchtlinge errichtet werden. Dass es zu diesem Abkommen überhaupt gekommen ist, heißt nicht, dass es in Afghanistan wirklich sicherer geworden ist, sondern liegt primär am Interesse der EU, die dafür jährlich sehr, sehr viel Geld nach Kabul überweist.

Gleichzeitig hat sich aber die Sicherheitslage in Afghanistan in den letzten Wochen und Monaten dramatisch verschlechtert. Die radikal-islamistischen Taliban sind auf dem Vormarsch, bereits vier Prozent des Landes sind unter vollständiger Kontrolle, etwa 70 Prozent sind im weiteren Einflussgebiet der Taliban. Dabei wird die Lage zusehends unüberschaubar — aus einigen Provinzen gibt es kaum mehr Informationsflüsse, da die Vereinten Nationen (UN) ihre Beobachtungsstellen vielerorts aufgrund zu hoher Sicherheitsrisiken schließen mussten. Auch die US-Regierung, die bisher regelmäßige Berichte zur Lage in Afghanistan veröffentlichte, gibt keine aktuellen Daten mehr frei. Für wen die aktuelle Lage in Afghanistan schwer verständlich ist — die Süddeutsche Zeitung hat dazu eine kurze und treffende Analyse gemacht.

Stell dir vor, es ist Krieg, und keinen interessiert’s

Die afghanische Armee kann ihre Stellungen nur unter massivem Ressourcenverschleiß halten und verlegt ihre Strategie zunehmend darauf, zumindest die größeren Ballungsräume zu halten. Auch das scheint ihnen nicht zu gelingen. Täglich gibt es dort kleinere und größere Anschläge — dass wir über die allermeisten hierzulande nichts erfahren, muss uns bewusst sein. Ein paar Tote irgendwo am Hindukusch sind auch für die Medien nicht sehr sexy, interessant wird’s erst ab 30, 40 Toten. Vor zwei Wochen erst riss ein mit Sprengstoff gefüllter Krankenwagen im Zentrum Kabuls fast 100 Menschenin den Tod, die meisten davon Zivilisten. Zum Anschlag bekannten sich die Taliban, die ihre Macht nicht nur am Kriegsfeld, sondern eben auch durch besonders perfide und spektakuläre Anschläge zur Schau stellen.

Mehr zivile Opfer denn je

Laut einem UN-Bericht war 2016 das Jahr mit den meisten zivilen Opfern denn je in Afghanistan. 11.500 Zivilisten wurden getötet, ein Großteil davon bei Bombenanschlägen oder gewaltsamen Auseinandersetzungen. Für 2017 sind noch keine offiziellen Zahlen bekannt, Prognosen lassen aber noch mehr Tote als im Vorjahr voraussagen. Experten zufolge wird es aufgrund des schrumpfenden Zugangs in die Provinzen noch weit mehr Tote geben, als offiziell dokumentiert.

Afghanistan versinkt im Chaos

Die Entwicklungen in den letzten Wochen und Monaten sind dramatisch und zeigen eine deutliche Verschlechterung der Situation. Vor allem Kabul verzeichnete im letzten Jahr die höchste Zahl ziviler Opfer. Neben den Taliban zeichnet sich auch der afghanische Ableger des Islamischen Staates (IS) für immer mehr Anschläge in der Hauptstadt verantwortlich und sorgt damit für eine Art Terrorwettbewerb mit den Taliban. Immer mehr Einwohner von Kabul tragen inzwischen Notizen bei sich mit der Aufschrift “In case I die”, wo auf einem Stück Papier ihre Daten, Notfallkontakte sowie ihre Blutgruppe notiert sind. Nur für den Fall, Opfer eines Anschlages zu werden. Gleichzeitig wird im Bescheid unserer Familie Kabul als eine von vier “zumutbaren” Rückführungsprovinzen genannt.


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Ohne ausländische Unterstützung würde die afghanische Armee nicht mehr lange durchhalten, meint der afghanische Präsident Aschraf Ghani. Bei all dem Chaos hat natürlich auch der Westen seine Finger im Spiel, allen voran die Amerikaner. Die USA wollen wieder mehr Truppen nach Afghanistan senden und feiern unterdessen einen neuen Bombenrekord im Luftkrieg gegen die Taliban. Die Tatsache, dass die Taliban nach 16 Jahren Afghanistankrieg so mächtig sind, wie nie zuvor, will man damit vertuschen. Ein Ende des Krieges scheint noch lange nicht in Sicht, vielmehr scheint der Konflikt gerade wieder richtig aufzuflammen.

Wie gehts jetzt in Österreich weiter?

Was diese Entwicklungen für unsere Familie und alle anderen Afghanen bedeuten, wird man sehen. Innenminister Herbert Kickl (FPÖ) präsentierte diese Woche eine neue Regelung zu “sicheren Herkunftsländern”, dabei hätte er die Möglichkeit gehabt, auf die aktuelle Situation in Afghanistan zu reagieren. Das tat er aber nicht. Es stellt sich die Frage: Hat die Politik in Österreich überhaupt noch Spielräume für Humanität und Menschenschutz?

Wichtig wird sein, dass wir als Gesellschaft aufmerksam bleiben und darüber reden, was in Afghanistan wirklich passiert — unabhängig davon, welchen Sicherheitsstatus unser Innenministerium dem Land zuweist.

David Freudenthaler studiert Publizistik- und Kommunikationswissenschaft und Politikwissenschaft an der Universität Wien.

kultort.at auf Twitter: @kultort

[Foto: © David Freudenthaler]

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