Kardinal Müller: Rein praktische Theologie reicht nicht

So berichtet heute die Kathpress, was ich als Pastoraltheologie nicht unkommentiert stehen lassen will.

Ehemaliger Glaubenspräfekt würdigt vor 20 Jahren erschienene Enzyklika „Fides et ratio“ (Glaube und Vernunft) von Johannes Paul II.

Rom, 23.02.2018 (KAP) Kardinal Gerhard Ludwig Müller, ehemaliger Präfekt der Glaubenskongregation, hat am Freitag in Rom die vor 20 Jahren erschienene Enzyklika „Fides et ratio“ (Glaube und Vernunft) von Papst Johannes Paul II. (19782005) als eines der wichtigsten lehramtlichen Dokumente der letzten Jahrzehnte gewürdigt. Darin schreibt Johannes Paul 11., Glaube und Vernunft seien „wie die beiden Flügel, mit denen sich der menschliche Geist zur Betrachtung der Wahrheit erhebt“.

Die Theologie, so Müller, müsse Stets im Dialog mit der Philosophie und den Wissenschaften bleiben. Einer rein praktischen Theologie, der es nur um „pastorale Techniken“ zu tun sei, erteilte Müller eine Absage. Philosophisches Argumentieren, „spekulative Theologie“ und Dogmatik seien nicht zuletzt in der Ausbildung von Priestern und Religionslehrern zentral, denn auch die Argumente gegen den Glauben würden philosophisch vorgetragen.

Angehende Priester und Religionslehrer müssten die intellektuellen Herausforderungen des Glaubens kennen und wissen, wie sie zu überwinden seien. Müller sprach bei einem Studientag zur Enzyklika „Fides et ratio“, der von der philosophischen Fakultät der Dominikaner Universität „San Tommaso d’Aquino“ in Rom veranstaltet wird.

KATHPRESS-Tagesdienst Nr. 48, 23. Februar 2018, 9.

Aber, aber, Herr Kardinal!

Es ist kein gutes Bild, das der ehemalige Präfekt der Glaubenskongregation Gerhard Kardinal Müller von der „praktischen Theologie“ hat. Er mildert seine indirekte Breitseite gegen Papst Franziskus ab mit dem Zusatz eine „rein praktische Theologie“ und karikiert diese dann damit, dass es ihr „nur um ‚pastorale Techniken‘“ gehe.

Schade. Denn diese „rein praktische Theologie“, der er die rettende „systematische Theologie“ gegenüberstellt, gibt es nicht. Weder an den Lehrstühlen der Praktischen Theologie, noch bei Papst Franziskus. Man kann ihr mit dem Kardinal gern eine Absage erteilen. Ohne „fides et ratio“ geht es in keiner theologischen Disziplin.

Wo ich dem Kardinal nicht zustimme, ist die Reduzierung der Praktischen Theologie auf „praktische Techniken“ – skills sagen manche (und ich wäre froh, wenn manche wenigstens dieses kleine Einmaleins beherrschten). Aber Praktische Theologie ist immer Theologie. Sie ist keine gefinkelte Anwendungswissenschaft der übrigen erhabenen theologischen Disziplinen, die es sich deshalb erlauben dürfen, unanwendbar zu sein. Die Praktische Theologie, wenn sie diesen Namen verdient, integriert neben allen (!) Schwesternwissenschaften der Theologie natürlich auch Human- und Sozialwissenschaften, setzt sich mit Poesie und Kunst auseinander – also mit all jeen Wissenschaften, die etwas vom Geheimnis des Menschen ergründen.

Das Problem ist für mich nicht die vom Kardinal Müller unterstellte Theologiefreiheit der Praktischen Theologie, sondern die Praxisferne mancher systematischer Theologen: Was ich allerdings von meinem verehrten Lehrer Karl Rahner wieder nicht sagen kann.

Kommt eine systematische Theologie ohne die unentflechtbare Wechselwirkung (Fachleute reden von Dialektik) zwischen Praxis und Theorie aus, dann wird sie unerträglich dogmatistisch. Für die Verkündigung des Evangeliums bleibt eine solche blutleere Dogmatik untauglich. Für Kritiker einer solchen Dogmatik hatte mein verehrter Lehrer Karl Rahner eine seiner humorvollen Geschichten parat. Angegriffen, ein „Dogmatiker“ (wohl dieser unpraktischen Art) zu sein, sagte er: „Ach, was sind schon die ‚Dogmen‘! Da geht der Mensch seinen Weg durch das Dunkel der Nacht seines Lebens. Die Dogmen sind ihm dann wie Laternen. Nur Betrunkene halten sich daran fest!“ 

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