«… und Du sollst ein Segen sein.»

Offener Brief eines Diakons aus Kasachstan zum Schreiben gegen den Papst. Von Diakon Matthias Drögsler (Kasachstan-Schweiz)
Der Hintergrund: Zusammen mit meiner (im Brief auch an zwei Stellen genannten) Ehefrau war ich zwischen 2009 und 2013 in Kasachstan im Seelsorgeeinsatz. Von daher kenne ich Situation und Personal der dortigen Ortskirche.

 OFFENER BRIEF als Gegenrede auf das Schreiben

«Bekenntnis zu den unveränderlichen Wahrheiten über die sakramentale Ehe»[1] der Bischöfe Tomasz Peta, Jan Paweł Lenga und Athanasius Schneider vom 31. Dezember 2017

Liebe Bischöfe, liebe Brüder in Christus Tomasz, Jan Paweł und Athanasius,

nachfolgende Zeilen verstehen sich als Beitrag innerhalb eines Dialogs und des gemeinsamen Ringens. Sie sind vor allem aber auch der Verbundenheit aus der Zeit des gemeinsamen missionarischen Wirkens im von uns allen geliebten Kasachstan geschuldet, weshalb bei aller gegenseitigen Sicht auf Sachverhalte immer Platz für gegenseitige persönliche Wertschätzung bleiben soll.

Dabei will ich überhaupt nicht auf einzelne vorgebrachte Argumente oder Details mit Blick auf das Thema der Sakramentalität der christlichen Ehe und der erneuten Heirat von Geschiedenen eingehen. In dieser theologischen Diskussion haben sich bereits Bibelwissenschaftler, Pastoraltheologen und selbst Kirchenrechtler aus verschiedenen Blickwinkeln qualifiziert zu Wort gemeldet. Mir geht es vielmehr darum, auf die Dringlichkeit einer Akzentverschiebung aufmerksam zu machen und dementsprechend weiter gezogene Linien aufzuzeigen.

 

Zur Faktenlage: Promulgation durch Publikation in den AAS

Euer Schreiben, liebe Bischöfe, ist verfasst in der Linie und im Geist der sog. «Correctio filialis» sowie der sog. «Dubia». Von nicht unwesentlicher Bedeutung ist aber, dass sich dieses Schreiben zeitlich nunmehr nach der Publikation der Orientierungshilfe zum nachsynodalen Schreiben «Amoris laetitia» der Bischöfe aus der argentinischen Seelsorgeregion Buenos Aires vom 05.09.2016 und dem gleichentags verfassten Antwortbrief von Papst Franziskus an Bischof Sergio Alfredo Fenoy – versehen noch mit einem Zusatz von Kardinalsstaatsekretär Pietro Parolin, der die Texte als «authentisches Lehramt» ausweist – in der Online-Ausgabe der «Acta Apostolicae Sedis», dem vatikanischen Amtsblatt, anfangs Dezember 2017 einreiht. Im genannten Brief bestätigte der Papst die Auslegung von «Amoris laetitia» durch die Bischöfe der Region. «Der Text ist sehr gut und erklärt genau die Bedeutung des achten Kapitels von ‘Amoris laetitia’», heisst es dort. Und weiter: «Es gibt keine anderen Interpretationen.» Durch die Publikation in den AAS ist also offiziell und verbindlich, was Papst Franziskus      bis dahin mehrfach wiederholt hatte: Wiederverheiratet Geschiedene können unter Umständen zur Feier der Sakramente von Eucharistie und Versöhnung zugelassen werden.[2]

Kardinal Kurt Koch hat den betreffenden Sachverhalt in einem kurz vor Weihnachten veröffentlichten Interview anschaulich erläutert. Er führt aus: «Papst Franziskus hat erklärt, dass es sich bei dem genannten Schreiben um die authentische Interpretation von «Amoris laetitia» handelt. Zum Verständnis ist es wichtig zu sehen, dass der Papst die Lehre der Kirche nicht ändern und auch nicht neue Regeln aufstellen will, aber einen pastoralen Weg im Blick auf die Unterscheidung der konkreten Situationen der Menschen gesucht hat. In diese Richtung hat übrigens bereits Papst Johannes Paul II. gedacht, indem er betonte, man müsse die jeweiligen Situationen, in denen die Menschen leben, genau unterscheiden und danach pastoral handeln.»3

Somit stellt sich die Frage, was Euch als Bischöfe der Römisch-Katholischen Kirche dazu antreibt, einen inzwischen promulgierten Text (weiter) offen anzufechten.

Opportunismus betreffs verschiedener Pontifikate – eine kleine Papstlehre

Im Verlauf meines Studiums und in den nachfolgenden Jahren meines seelsorgerlichen Wirkens habe ich mich immer wieder einmal mit den Titeln eines Papstes beschäftigt. Und in schöner Erinnerung ist mir noch der Gedenkgottesdienst anlässlich des Todes von Papst Johannes Pauls II. in der Kathedrale in Solothurn, wo an jeden einzelnen dieser Titel erinnert worden ist. So ist der Papst als oberster Hirte der Römisch-Katholischen Kirche Bischof        von Rom, Stellvertreter Christi, Nachfolger des Apostelfürsten, Höchster Pontifex der Universalkirche, Primas von Italien, Souverän des Vatikanstaates und Diener der Diener Gottes. Dabei ist gerade auch bei Papst Franziskus unschwer zu erkennen, dass er sowohl die Rolle des «Papas» liebevoll ausübt, als auch durch seine vermittelnde Brückenfunktion zwischen Konfessionen und Religionen oder Völkern und Kulturen die Rolle des «obersten Brückenbauers» mit Leben erfüllt.

Kurt Koch verweist nun im oben genannten Interview darauf, dass Spannungen und Polarisierungen in der Kirche kein neues Phänomen seien. Bereits mein geschätzter Professor für Alte Kirchengeschichte, P. Karl Suso Frank OFM, hatte uns junge Studierende seinerzeit während der ersten Studiensemester wiederholt zur «historischen Gelassenheit» ermuntert. Kurt Koch macht jedoch auf etwas anders aufmerksam: «Nicht wenige von denen, die früher sehr papsttreu gewesen sind, kritisieren heute Papst Franziskus öffentlich. Umgekehrt wird Papst Franziskus heute von nicht wenigen verteidigt, die seine Vorgänger kritisiert haben. Spannungen hat es in der Kirche immer gegeben, wichtig ist, dass daraus keine Spaltungen gemacht werden.»[3]

Diesem zuletzt Gesagten gilt meine Sorge. Offenbar ist in Tat und Wahrheit das Dienstamt des Papstes kein grundsätzlicher Orientierungspfeiler und Massstab des Handelns und wird nicht als in vorzüglicher Weise vom Geist Gottes getragen empfunden, sondern dessen Akzeptanz ist abhängig von der je eigenen, subjektiven Interpretation.  Wenn Teile des Klerus nun unter Inanspruchnahme der Medien und moderner sozialer Kommunikationsmittel in öffentlicher Form wiederholt und gezielt gegen Entscheidungen der «höchsten Autorität der Kirche» vorgehen und wenn auf einschlägigen Internetseiten der «Nachfolger des Heiligen Petrus und Stellvertreter Christi auf Erden» als Bastard bezeichnet wird und samt seines Mitarbeiterstabs in führenden Dikasterien beschimpft wird und zum Gebet für deren möglichst schnelle Beseitigung aus ihren Ämtern aufgerufen wird, kann ich solcherlei Vorgehensweise nur als Ausdruck einer tiefen und offenbar nicht mehr zu überbrückenden Spaltung interpretieren.  Dem Papst mit Blick auf «Amoris laetitia» oder auch andere Veröffentlichungen oder Äusserungen Häresie vorzuhalten, scheint mir indes auch weit über eine angemessene Streitkultur hinauszugehen und auf Spannungen in einem oberen Level hinzudeuten. Hier würde ich mir eine Erläuterung und Klärung der Positionierung wünschen, zumal Ihr in Eurem Schreiben nicht Papst Franziskus anredet, was den Verdacht aufkommen lässt, dass es sich um eine

Selbstdarstellung handelt, die sich primär an gewisse Unterstützerkreise richtet.

Papst Franziskus als Kämpfer gegen dunkle Mächte und für die Erinnerung an das schöne Antlitz der gesamten Schöpfung – zur Bedeutung von «Laudato si’»

In unserem diesjährigen Weihnachtsbrief haben meine Ehefrau Violetta –         die, wie Ihr wisst, mit mir zusammen als Fidei-Donum-Missionarin den Gläubigen in Kasachstan gedient hat – und ich einige der Dunkelheiten beim Namen genannt, die uns allen – über deren bereits statischen Schrecken hinaus – an die Nieren gehen sollten: Weltweit leben 300 Millionen Kinder in Gebieten, in denen die Luftverschmutzung den internationalen Grenzwert um das Sechsfache übersteigt. 27 Millionen Menschen sind versklavt; nahezu die Hälfte der Arbeitssklaven sind jünger als 18 Jahre. Menschenhandel ist der am schnellsten wachsende kriminelle Industriezweig. Etwa 2 Millionen Kinder sind im kommerziellen Sexgewerbe gefangen. Etwa jede dritte Frau weltweit wurde      im Verlauf ihres Lebens bereits vergewaltigt, geschlagen oder auf eine andere

Weise gewaltsam missbraucht. Der Krieg im Nahen Osten in den Jahren          2001-2016 kostete etwa 370‘000 Menschenleben und USD 4.79 Billionen. Wenn wir also schon den Teufel mit grossen Buchstaben an die Wand malen wollen –      hier ist er am Werk und sitzt nicht auf dem Thron Petri! Gerade Papst Franziskus wird – im besten Sinn Johannes Pauls II. und in vollem Bewusstsein dieser Realitäten in den scheinbar dunkler und dunkler werdenden Stunden          unseres Planeten –  nicht müde, alle Menschen guten Willens dazu einzuladen,                  auf die Segensworte zu hören, die uns direkt aus der Krippe entgegenkommen:  “Mut – habt keine Angst!“

Die im besten Sinn des Wortes prophetische Enzyklika «Laudato si’» aus dem Jahr 2015 ist in ihrer ganzen Bandbreite in diesem Zusammenhang von weitaus grösserer Bedeutung für das Überleben von Kirchen- und Weltgemeinschaft      als die von manchen so lauthals kritisierten Einzelaspekte des Apostolischen Schreibens «Amoris laetitia». Nach meinem Ermessen ist «Laudato si’» sogar grundsätzlich der bedeutendste globale Diskussionsbeitrag der letzten Jahrzehnte, und zwar sowohl auf wissenschaftlicher, als auf geistlicher Ebene, und weit mehr als einfach eine «Umwelt-Enzyklika». Papst Franziskus zeichnet vielmehr die gesamte Schöpfung als das EINE Sakrament, in dem die Begegnung mit Gott und die Erkenntnis Gottes (und der menschlichen Natur) letztlich ermöglicht wird.[4]

Darüber hinaus: Papst Franziskus ist meines Erachtens seit Beginn seines Pontifikates die derzeit einzige (damit meine ich: Die einzige!) Persönlichkeit    auf der Ebene der Staatsführer der Weltgemeinschaft, die sich dermassen konsequent den satanischen Kräften der Kriegstreiber und Waffenhändler,       der Drogen- und Menschenhändler entgegenstellt. Und er brandmarkt immer und immer wieder – um im Bild zu sprechen – diese Bereiche der tiefsten Dunkelheit als diejenigen, denen die «Kinder des Lichts» ihre grösste Aufmerksamkeit und ihren grössten Einsatz widmen sollten. Franziskus öffnet uns damit übrigens zutiefst für die weite Perspektive des Gemeinsamen Hauses und die wirklich brennenden Notwendigkeiten unserer Zeit.

Eine schöne, ständig wiederkehrende Geste im aktuellen Pontifikat ist in diesem Zusammenhang die jeweils am Ende des Angelusgebets oder einer Ansprache bei einem öffentlichen Auftritt geäusserte Bitte, für ihn, den Papst, zu beten.

 

Franziskus wiederholt dieses Anliegen nicht etwa in der Meinung, wissentlich oder unwissentlich Häresien zu verbreiten, sondern in demütiger Erkenntnis dessen, dass sein Dienst die Unterstützung des gesamten Gottesvolkes braucht, um sich weiterhin den so oft scheinbar übermächtigen Aufgaben und antigöttlichen Kräften stellen zu können. Wie sehr waren auch wir in der missionarischen Arbeit in Kasachstan immer wieder für das mittragende Gebet anderer dankbar, weil es sich wirklich als eine wirkmächtige Kraft des Gottesgeistes erwiesen hat…

«Kirche, Du sollst ein Segen sein.» – Die Notwendigkeit eines unverzüglichen Paradigmenwechsels durch die längst überfällige Rückkehr zum Geist Jesu

Mit Überzeugung und Dankbarkeit habe ich im vergangenen Jahr die vom Religionsphilosophen Tomáš Halík sowie dem Pastoraltheologen und Religionssoziologen Paul M. Zulehner angeregte Initiative «Pro Pope Francis» mit meiner Unterschrift unterstützt. In dem kurzen, direkt an Papst Franziskus gerichteten Brief heisst es: «Es ist Ihnen in kurzer Zeit gelungen, die Pastoralkultur der katholischen Kirche von ihrem jesuanischen Ursprung her zu reformieren. Die verwundeten Menschen, die verwundete Natur gehen Ihnen zu Herzen. Sie sehen die Kirche an den Rändern des Lebens, als Feldlazarett. Ihr Anliegen ist jeder einzelne von Gott geliebte Mensch. Das letzte Wort im Umgang mit den Menschen soll nicht ein legalistisch, sondern ein barmherzig interpretiertes Gesetz haben. Gott und seine Barmherzigkeit prägen die Pastoralkultur,                die Sie der Kirche zumuten. Sie träumen von einer ‘Kirche als Mutter und Hirtin’. Diesen Ihren Traum teilen wir.»[5]

Eine innere Leitlinie der Pastoral muss sein: Die Seelsorgenden müssen                  die Menschen lieben. Und nicht primär sich selbst. Und nicht primär das Gesetz. Und: Die Seelsorgenden müssen die Menschen lieben. Und diesen nicht primär einen Spiegel ihrer wirklichen oder mutmasslichen Verfehlungen vorhalten. Genau dies ist damit gemeint, wenn ich zu Beginn meines Schreibens von der

Dringlichkeit einer Akzentverschiebung[6] gesprochen habe. Weg vom Gesetz

hin zum Gesicht jeder einzelnen Schwester und jedes einzelnen Bruders, in dem das Gesicht Christi erkannt werden möchte. Weg von der Illusion einer klinischreinen, selbstgerechtfertigten «una sancta ecclesia», die ohnehin nur in den Köpfen existiert und die es so zu keinem Zeitpunkt der Geschichte gegeben hat, hin zu einer Weggemeinschaft des Volkes Gottes, in der einer den anderen zu stützen und mitzutragen versucht. Eine Kirche Christi, in der die Seelsorgenden sich ihrer eigenen Unvollkommenheit und Schwachheit bewusst sind und gemeinsam mit den ihnen anvertrauten Gläubigen die Bruchstücke des Lebens aufsammeln und zusammentragen. Was für eine wunderbare Beschreibung der Kirche ist dabei das Bild des Feldlazaretts! Einer Kirche, der der Segensdienst anvertraut ist.

Kirche als Zerrbild Gottes – vom klerikalen Dünkel und der Verachtung des Geistes

Vielleicht liegt ein wesentlicher Schlüssel zum Verständnis der gewachsenen innerkirchlichen Auseinandersetzungen darin, dass Papst Franziskus immer wieder den Finger in die Wunde legt, die das Fehlverhalten kirchlichen Personals immer neu und anhaltend in den Leib Christi reisst.

Während unseres (ich beziehe an dieser Stelle, wo es um den gemeinsamen pastoralen             Einsatz           und     die      fortdauernde           Verbundenheit        mit      den Pfarreiangehörigen geht, meine Ehefrau Violetta ausdrücklich mit ein)  vierjährigen missionarischen Dienstes in Kasachstan waren die Gläubigen           für uns immer ein kostbarer Schatz bzw. ein unverdientes Geschenk, dem es mit grösstem Respekt und grösster Wertschätzung zu begegnen galt. Angesichts der erst wenigen Jahre wiedergewonnener, relativer Freiheit der Religionsausübung waren wir dabei dankbar für das «Erarbeitete» unserer Vorgänger in der Seelsorge vor Ort, was uns wiederum auch die Gelassenheit gab, unser Wirken vertrauensvoll in die Hände anderer zu übergeben.                    Die grösste innere Erfüllung war beim Abschied dann der Eindruck, dass in der gemeinsamen Zeit in der konkreten Pfarrgemeinde die kleine Schar der Gläubigen als Gemeinschaft gewachsen und zusammengewachsen war. Wenn uns nun Pfarreimitglieder berichten, dass der aktuelle Pfarrer sie von oben herab behandle, sie anschreie und beschimpfe; wenn uns weiter erzählt wird, dass der

                                                        

http://www.vaticannews.va/de/vatikan/news/201801/parolin_amorislaetitiaistfruchteinesparadigmenwechsels.html.

«zehnminütige» Besuch mit der Krankenkommunion nur zum Ziel hat, dem armen Mütterchen, das in einem schlichten Zimmer haust und mit einer kümmerlichen Rente auskommen muss, das Geld aus der Tasche zu ziehen; wenn uns sodann mitgeteilt wird, dass der Priester geäussert habe, nur noch selten für die sonntägliche Feier der Eucharistie in die Pfarrei zu kommen,         weil er für so wenige Leute kein Benzingeld aufbringen wolle; wenn ich in diesem Zusammenhang aus eigener Anschauung weiss, dass es noch immer genug Geld für Alkohol oder für die Fahrt mit dem Auto in die Hauptstadt zum Besuch der Sauna (dann selbstverständlich ohne Soutane und Römerkragen) gegeben hat;         wenn uns dann kürzlich Pfarreiangehörige (via Skype) ihr Herz ausschütten und

sich bitterlich beklagen, dass der Pfarrer ihrem Wunsch nach Beichte

(aus Zeitgründen?) im Einzelfall nicht entsprochen habe oder, schlimmer noch, einige gar nicht mehr bei ihm beichten möchten und dieser es selbst                       an grundlegendsten Umgangsformen (Menschen begrüssen oder sich von diesen verabschieden) fehlen lässt und das Ganze dann in eine Aussage mündet wie: «Das diesjährige Weihnachtsfest war das schlimmste, das wir je in unserer Pfarrei hatten» – dann läuten bei mir sämtliche Alarmglocken! Hier kann ich den «character indelebilis», das unauslöschliche Prägemal der Weihe, beim besten Willen nicht mehr erkennen. Und in diesem Zusammenhang in Eurem Schreiben, liebe Bischöfe, wiederholt von Geisseln, heiligen Sakramenten und ewigen Wahrheiten zu lesen, entbehrt nicht einer gewissen Tragik. An dieser Stelle        bin ich entsprechend gerne bereit, Eure Formulierung zu unterschreiben, die von einer ständig wachsenden Verwirrung unter den Gläubigen und dem Klerus spricht. Aber nicht verursacht aufgrund allfälliger unklarer oder fehlgeleiteter Äusserungen des Papstes. Sondern durch das Auftreten sog. Priester, die der ihnen einst übergegeben Verantwortung als Hirten längst um der Macht über andere willen entsagt haben. Ich kann in meinen Gebeten Gott nicht genug  dafür danken, dass unsere geschätzten Gläubigen trotz solcher sog. Priester ihren Glauben und ihr Gottvertrauen bewahrt haben. Und ich bin meinerseits   im Übrigen auch nicht bereit, dem sensus fidei fidelium keinen Raum mehr           zu geben, den die Internationale Theologische Kommission in ihrem Schreiben

«Sensus fidei im Leben der Kirche» vom 05.03.2014 als ein sicheres Kriterium

bezeichnet, «um zu entscheiden, ob eine bestimmte Lehre oder Praxis zum apostolischen Glauben gehört».[7]

Wenn man sich im Weiteren bewusst darüber wird, dass in eben der Pfarrgemeinde, die für meine Ehefrau als Heranwachsende und Jugendliche über viele Jahre geistliche Heimat war und ihr Christ-Sein wesentlich mitgeprägt hat, der gegenwärtige Pfarrer in der gleichen wie der oben beschriebenen Geisteshaltung eines Feudalherren es sich im scheinbar uneinnehmbaren Pfarrhaus bequem gemacht hat und grundlegende kirchliche Dienste wie Sakramente, Sakramentalien und Segnungen verkauft werden wie zu besten Zeiten Martin Luthers[8], dann wird überdeutlich, dass hier eine grosse Baustelle vorliegt, die an erster Stelle Sorgfalt verlangt und ein veränderndes Eingreifen dringend geboten ist. Nicht nur im «bösen, gottlosen Westeuropa», sondern auch in einem Land wie dem einst fast «hundertprozentigen» Polen sind die Kirchenillusionen längst der Realität gewichen. Auch dort sind nicht nur grosse Teile der Generation Jugendlicher oder junger Familien «weggebrochen»;    selbst die Elterngeneration unserer Freunde – also Personen im Alter von etwa 60-80 Jahren, für welche die Kirche ebenfalls über Jahrzehnte hinweg Heimat und Orientierungspunkt war – hat sich aufgrund der oben beschriebenen Wirklichkeiten in der sog. Pastoral vom Pfarreileben verabschiedet. Und dabei habe ich diejenigen noch nicht einmal erwähnt, von denen uns die Soziologen sagen, dass «Kirche» gar kein Teil eines ihrer Lebenssegmente mehr ist              bzw. in ihrer Lebenswelt überhaupt in keinerlei Weise mehr vorkommt.

Fragestellungen und Sehnsüchte – Perspektiven für die weiteren Wege

Meine abschliessenden, in Frageform gestellten Gedanken sind Wünsche und Sehnsüchte eines Christusgläubigen, welche – mit Blick auf die Gläubigen – wegen der besonderen Verantwortung gerade auch an uns, die Seelsorgenden, gerichtet sind.

 

□ Werden wir unsere Gläubigen als Getaufte und Gefirmte als vollwertige, mündige Christinnen und Christen ernstnehmen und somit auch die Wirkkraft der Sakramente in ihnen? Werden wir im Weiteren künftig darauf verzichten,    in der Ausbildung und in den Exerzitien sowie in der eigenen Rede und Selbstdarstellung ein abgehobenes Bild der priesterlichen Existenz zu zeichnen, das den geistlichen Hochmut zementiert und gleichermassen Gott und das Gottesvolk ignoriert?[9]

□ Werden wir unsere Gläubigen, die so oft zu den Ärmsten der Armen gehören, künftig in der persönlichen Begegnung, speziell in den Pfarrgemeinden, um Altar und Ambo versammelt, auf den Händen tragen, anstatt mit Abschätzung auf sie herabzuschauen?[10] Werden wir dazu bereit sein – in Scham über unser eigenes, oft so kümmerliche, geistliche Leben und in Ehrfurcht vor der Lebensleistung und Glaubenskraft unserer Gläubigen?

□ Trauen wir den Sakramenten zu, sich selbst schützen zu können?[11] Werden wir also künftig bei der «Zulassung» zur Eucharistie (oder allgemein zu einzelnen Sakramentenfeiern) Hürden abbauen anstatt diese zu betonen und aufzutürmen? Konsequent zu Ende gedacht, dürfte kein Lebender die Heilige Eucharistie empfangen! Doch gerade hier greift die letztlich für uns unverständlich bleibende Barmherzigkeit Gottes.[12]

□ Sind wir bereit einzugestehen, wie weit entfernt wir in Tat und Wahrheit     vom Willen Christi sind? Und wollen wir unseren Dienst künftig wirklich                  als Dienst an der Einheit14 (des Gottesvolkes) ausüben und versuchen, jegliche Spaltung zu vermeiden?

□ Wird sich die Kasachische Bischofskonferenz in diesem Zusammenhang der approbierten Lehrmeinung des Papstes hinsichtlich «Amoris laetitia» anschliessen[13] und die Einheit mit dem Nachfolger Petri wahren sowie den initiierten und – zugegebenermassen nicht leichten – Weg des

Paradigmenwechsels im pastoralen Dienst mitgehen?

□ Sind wir endlich auch bereit anzuerkennen, dass der Gottesgeist in der weiten, weiten Welt nicht nur in der Römisch-Katholischen Kirche «anzutreffen» ist und oft gerade durch Menschen zu uns sprechen will, die wir vorderhand verachten?

Was für eine schöne Fügung ist es, dass gerade die «Gebetsmeinungen des Heiligen Vaters für Januar 2018» (einmal mehr) die Menschen Asiens in den Blick nehmen, und darin diejenigen, «mit denen uns der Wunsch nach Weisheit, Wahrheit und Heiligkeit verbindet». Sprechen und beten wir also mit Papst Franziskus: «In den uns fremden Kulturräumen Asiens sieht sich die Kirche           mit verschiedenen Gefahren konfrontiert. Ihre Aufgabe ist umso schwieriger, weil die Kirche dort eine Minderheit bildet. Diese Gefahren und Herausforderungen teilt sie mit anderen religiösen Minderheiten, mit denen uns der Wunsch           nach Weisheit, Wahrheit und Heiligkeit verbindet. Wenn wir an alle denken,       die für ihre Religion verfolgt werden, gehen wir über die Unterschiede der Riten und Bekenntnisse hinaus: Wir stellen uns auf die Seite aller Männer und Frauen, die kämpfen, um ihre religiöse Identität nicht aufzugeben. Beten wir für all diese Menschen, damit in den asiatischen Ländern Christen wie auch alle anderen religiösen Minderheiten ihren Glauben völlig frei leben können.»[14]

□ Wollen wir uns als Brüder und Schwestern Christi, welche immer wieder neu ihren Platz im gemeinsamen Haus finden müssen, überhaupt noch Neuanfänge schenken lassen? Wollen wir uns mit Händen und Füssen in unserer Bequemlichkeit und Selbstgefälligkeit am Altar und Ambo der schriftgelehrten Gesetzeslehrer festklammern? Oder wollen wir stattdessen nicht lieber hinausgehen und uns mit weit geöffneten Sinnen vor die Jurte stellen, um das Vorbeiziehen des Geistes nicht zu verpassen?

□ Und abschliessend gefragt: Werden wir künftig darauf verzichten können, Manifestationen zu schreiben, und stattdessen wieder an unsere eigentliche Arbeit gehen, die uns von Christus aufgetragen worden ist?

Abschluss und Segenswünsche

Liebe Bischöfe, ich habe die Gelegenheit genutzt, mir manches «von der Seele zu schreiben», was mich seit längerem bedrückt. Dabei halte ich gleichwohl        an der Hoffnung fest, Eure Herzen offen zu finden. Ich bin unterdessen zu alt,  um noch jemandem nach dem Mund zu reden. Dies gilt umso mehr                      nach den persönlichen Erfahrungen der letzten Jahre in der Konfrontation mit lebensbedrohenden Erkrankungen und Sterben sowie angesichts des oben beschriebenen Tanzes der Menschheit am Abgrund. So ist bei mir das Bewusstsein weitergewachsen, wie plötzlich und unvermittelt das irdische Leben enden kann und auch ich vor dem HERRN des Lebens Rechenschaft ablegen werde.

 

Izabelin bei Warschau, am 14. Januar 2018, dem 2. Sonntag im Jahreskreis        und Welttag des Migranten und Flüchtlings

Mit den besten Segenswünschen, in herzlicher Verbundenheit in Christus und    in sehnsüchtiger Erwartung der Wirklichkeit, in der niemand mehr einen anderen belehrt (vgl. Jeremia 31,34 bzw. Hebräer 8,11)

 

Diakon Matthias, unbedeutender Diener in entlegenen Winkeln im Weinberg des HERRN

[1] Ich beziehe mich auf die folgenden beiden Textquellen vom 02.01.2018: Sakramentale Ehe – Bekenntnis zu den unveränderlichen Wahrheiten (Artikel auf kath.net → http://www.kath.net/news/62249) sowie Amoris laetitia:

Kasachische          Bischofsgruppe          widerspricht          Papst          (Artikel          auf          vaticannews.va          →

http://www.vaticannews.va/de/welt/news/201801/amorislaetitiakasachischebischofsgruppewidersprichtpapst.html).

[2] Vgl. Vatikan: «Amoris laetitia» ist «authentisches Lehramt». In: Radio Vatikan. Die Stimme des Papstes und der

Weltkirche            (Rubrik: Vatikan \              Dokumente).        Ausgabe                 vom        06.12.2017            →  http://de.radiovaticana.va/news/2017/12/06/vatikan_„amoris_laetitia_ist_„authentisches_lehramt“/1353179. 3 Patrick GRIESSER / Michael SURBER, «Die grösste Hilfe ist der Gang zur Krippe». Kardinal Kurt Koch, höchster

Schweizer im Vatikan, über Erwartungen ans Weihnachtsfest und das Heilige Land. In: Basler Zeitung 41 (2017), 22.12.2017                 (Rubrik: Thema), 3              bzw.        Basler     Zeitung online     vom        24.12.2017            → https://bazonline.ch/leben/gesellschaft/diegroesstehilfeistdergangzurkrippe/story/26869247.

[3] Ebd.

[4] Vgl. dazu meine Ausführungen in: Here lives God – Pope Francis’ Encyclical Letter «Laudato si’» as key to a sacramental understanding of the entire creation as God’s original gift. Vortrag am 26. Kongress von Societas Liturgica vom 07.-12.08.17 in Leuven / Belgien zum Thema «’Ein Symbol dessen, was wir sind…’

Liturgiewissenschaftliche Perspektiven zur Frage der Sakramentalität”. – Papst Franziskus greift so etwa                   in Laudato si’ 5 einen Begriff von Papst Johannes Paul II. auf. Im spanischen Originaltext heisst es: «Por lo tanto, la capacidad de transformar la realidad que tiene el ser humano debe desarrollarse sobre la base de la donación originaria de las cosas por parte de Dios.» In der deutschen Übersetzung: «Daher muss sich die Fähigkeit des Menschen, die Wirklichkeit umzugestalten, auf der Grundlage der ersten Ur-Schenkung der Dinge von Seiten

Gottes entwickeln.»

[5] Siehe: https://www.propopefrancis.com/site/home.

[6] In eben diesem Sinn äussert sich übrigens auch Pietro Parolin, wenn er ausführt, dass «Amoris Laetitia» aus einem neuen Paradigma bzw. einem neuen Leitbild hervorgegangen sei, welches «Papst Franziskus mit Weisheit, Vorsicht und auch Geduld voranbringt.» Der Papst verlange dabei «mehr pastorale Sensibilität für Menschen in Situationen, die nicht dem katholischen Ideal entsprechen» würden. Das nachsynodale Schreiben stelle hierbei eine «Umarmung der Kirche für die Familie und ihre Schwierigkeiten in der Welt von heute» dar. – Vgl. Parolin: «Amoris Laetitia» ist Frucht eines neuen Leitbilds. In: Vatican News vom 11.01.2018 (Rubrik: Vatikan) →

[7] Siehe: http://www.vatican.va/roman_curia/congregations/cfaith/cti_documents/rc_cti_20140610_sensusfidei_ge.html hier: Kapitel 3.

[8] Ein schlimmes persönliches Erlebnis war zuletzt das Verhalten von Pfarrer und Vikar im Zusammenhang mit der Beerdigung meines Schwiegervaters im Jahr 2016.

[9] Mir ist diese ideologische Formation in Kasachstan auf Schritt und Tritt begegnet; in ihrer schlimmsten Ausprägung während der Priesterexerzitien in Almaty im Mai 2011.

[10] Vgl. Frühmesse: Priester mit Doppelleben sind eine Schande. In: Vatican News vom 09.01.2018 (Rubrik: Papst Franziskus) → http://www.vaticannews.va/de/papstfranziskus/santamartamesse/201801/fruehmessepriestermitdoppellebensindeineschande.html.

[11] So hat es Heinrich Spaemann, Priester, Spitalseelsorger und Schriftsteller, mit Bezug auf den Kommunionempfang vor vielen Jahren einmal in einem Brief an mich ausgedrückt.

[12] Vielleicht könnte eine Demutsübung weiterhelfen, die ich hier einmal als ein Gedankenspiel formuliere:

Wie wäre es, wenn einmal reihum jeder Priester – etwa für die Dauer eines Monats oder gar für ein gesamtes Sabbatjahr der Reue in Zurückgezogenheit – auf den täglichen Dienst am Altar und den entsprechenden selbstverständlichen Empfang des Leibes und Blutes verzichten würde und stattdessen «auf Knien», in Einheit mit dem gesamten Gottesvolk, ohne Unterlass und vorbehaltlos für all die «Sünder» beten würde, von denen selbst Ihr, liebe Bischöfe, in Eurem Schreiben nicht gänzlich ausschliessen wollt, dass sie sich allenfalls trotz allem «vor Gott im Stand der Gnade befinden»? 14 Siehe Joh 17,21.

[13] Kurt Koch beklagt im oben genannten Interview (a.a.O.) zurecht: «Ich sehe vor allem eine Schwierigkeit darin, dass verschiedene Bischofskonferenzen bei dieser Frage unterschiedliche Wege gehen: Während die Deutsche Bischofskonferenz den Weg der pastoralen Öffnung begrüsst hat, hat die Polnische Bischofskonferenz entschieden, dass sich in der Pastoral nichts ändern wird. Wenn man bedenkt, dass es sich beim Ausschluss von den Sakramenten um eine schwerwiegende Situation handelt, tun mir die Gläubigen bei derart unterschiedlichen Wegen in den verschiedenen Ländern leid.» – Es ist hierbei für mich von Interesse, dass sich mit Eurem Schreiben, liebe Bischöfe, (nur) zwei der vier aktiven Bischöfe Kasachstans in dieser Weise zu Wort melden. Wie verhält es sich mit den Bischöfen José Luís und Adelio?

[14] Siehe: https://www.thepopevideo.org/de/video/religiöseminderheitenasien.html.

Matthias und Violetta Drögsler
Grundrebenstrasse 78, 8932 Mettmenstetten ZH
Tel.: 079 416 33 37 / e-mail: vertrauen@gmx.ch

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