„Gott als Mauerbohrer.“ Eine mystisch-politische Weihnachtspredigt

Der Palästinenser Achmed hat diese Krippe geschnitzt. Es zeigt die Geburt Jesu. Auf der einen Seite (hinter der halboffenen Tür) Bethlehem, Jerusalem und die Heiligen drei Könige auf der anderen Seite – getrennt durch eine Betonwand mit Wachtturm; in der Mauer ist eine Schiebetür.

Ahmed: “Es wäre so einfach; wir brauchen nur ein Loch in die Mauer zu bohren, und alle Menschen könnten sich in Israel und Palästina wieder frei bewegen.“

Mauern prägen unser Zusammenleben heute

Wie könnte es geschehen, so mag man sich mit Blick auf diese ungewöhnliche Krippe fragen, dass dieses Loch in die Mauer gebohrt wird? Und in viele andere Mauern zwischen uns, z.B. zwischen den Einheimischen und den schutzsuchenden Menschen, zwischen Menschen, bei denen aus der offenen Freude der Liebe („amoris laetitia“) eine undurchlässige Wand des Misstrauens, manchmal der Verachtung und des Hasses geworden ist? Ein Loch in die Mauern zwischen den Reichen und den armen Völkern, aber auch den immer Reicheren und den immer Ärmeren im eigenen Land? Wie könnten Löcher in Mauern zwischen den verängstigten und politisch wie medial aufgehetzten Einheimischen und den ganz anders verängstigten Schutzsuchenden gebohrt werden?

Zunächst ist Gott selbst ein Mauerbohrer

Bei der Menschwerdung hat Gott von seiner Seite her eine Bresche in die Mauer zwischen sich und uns „gebohrt“: Indem er einer von uns wurde. Seine Liebe zur Menschheit hat ihn bewogen, alle Mauern zu beseitigen und auf unsere Seite zu wechseln. Er wurde einer von uns, ein Mensch. Das brachte Gott an sein uraltes Ziel. Denn dazu hat Gott die Welt und die Menschen erschaffen: dass er die Liebe, die er selbst ist, an uns verströmen kann. Ex amore, so singt es das Buch der Weisheit:

„Du liebst alles, was ist, und verabscheust nichts von allem, was du gemacht hast; denn hättest du etwas gehasst, so hättest du es nicht geschaffen. / Wie könnte etwas ohne deinen Willen Bestand haben, oder wie könnte etwas erhalten bleiben, das nicht von dir ins Dasein gerufen wäre? / Du schonst alles, weil es dein Eigentum ist, Herr, du Freund des Lebens.“ (Weish 11,24-26)

Geeint hat sich Gott dabei aber nicht nur mit Jesus, dem Sohn Josephs und Marias. Sondern mit allen Menschen. Die Theologie erinnert vielleicht viel zu leise daran, dass in der Menschwerdung Gott die eine „menschliche Natur“ angenommen hat. Von daher bekommt die „Menschwerdung Gottes“ ihr Gewicht. Denn sie betrifft nicht nur Jesus als Einzelmenschen, sondern die gesamte Menschheit, die teilhat an der einen menschlichen Natur.

„Menschliche Natur“ meint das, was jeden und jede von uns zu einem Menschen macht. Das sind die Gesunden und die Kranken, jene die vor Hoffnungslosigkeit oder Krieg flüchten wie auch wir, die inmitten des Reichtums immer mehr Angst um diesen haben und uns so die Seele auffressen lassen (wie ein altes afrikanisches Sprichwort lehrt)..

  • Diese Einheit allen Seins ist aber heute in den profanen Wissenschaften wieder ein herausragendes Thema geworden. Es gebe eine tiefe Verwobenheit allen Seins. Plato, Aristoteles, Ken Wilber: „chain of being“ (Kette des Seins). Alle haben, alles hat Teil am Sein, das letztlich in Gott gründet.
  • Die Einheit des Seins spielt in der Quantenphysik eine zentrale Rolle: Die Wirklichkeit ist Resonanz zwischen allem. Die Grenzen zwischen der Materie und dem Geist verschwimmen immer mehr. Alles Sein ist wie Musik, eine grandiose Weltsinfonie.
  • „Resonanz zwischen“ ist auch die Urbedingung des Lebens jedes Menschen, so Joachim Bauer, Neurobiologe aus Freiburg. Daher sind liebende elterliche Menschen so wichtig. Bei der Geburt sind sie dabei. Und danach braucht das hilflose schwache Neugeborene Eltern, die es inmitten der Angst, bedroht und verloren zu sein, beschützen und Vertrauen lehren. Hoffentlich erinnert sich auch der VfGH bald wieder daran, dass es bei der Ehe nicht so sehr um die Beziehungen zwischen liebenden Erwachsenen geht, sondern um das Kindeswohl. Derzeit scheint sich aber der Staat nur noch für die privaten Beziehungen zu interessieren und diesen eine staatliche Form zu geben. Warum eigentlich? Was geht die Liebe den Staat an? Ist das nicht letztlich ein Eingriff in die heilige Privatsphäre liebender Menschen? Wenn der Staat ein Interesse haben soll, dann bitte um der eigenen Zukunft wegen, die er nur hat, wenn Kinder zu Welt kommen und einen Raum, geprägt von Stabilität und Liebe, also einen familialen Gedeihraum vorfinden.

Kurzum: Weil also Gott im Kind zu Bethlehem einer von uns geworden, und dabei die menschliche Natur angenommen hat, ist jeder und jede eine/einer von uns. Und Ahmed ahnt in seiner Gläubigkeit: auch die Israelis auf der anderen Seite der Mauer. Auch Aylan Kurdi, der fünfjährig in der Ägäis ertrunken ist; auch jene Menschen, die wir in unserem Land nicht mehr willkommen heißen, auch wenn uns das Asylrecht dazu verpflichtet, sind „einer von uns“.

Eine solidarische Welt ohne Mauern

Wenn wir aber letztlich alle in der Tiefe unseres Sein miteinander verwoben sind, dann ergibt sich daraus der Auftrag zu einer universellen Solidarität. Aus dem Sein folgt das Tun, das Handeln. Aus der Einheit aller ergibt sich Solidarität mit allen.

Jede und jeder ist einer von uns. Das gilt zum Beispiel für jene, denen jetzt das Überleben als Schutzsuchende in Österreich drastisch erschwert wird. Entspricht es wirklich dem weihnachtlichen Geist des Asylrechts, wenn die Lebensbedingungen der schutzsuchenden Menschen derart verschlechtert werden, dass niemand mehr bei uns um Asyl ansucht und möglichst schnell das Land verlässt? Ist dies nicht auch eine Entsolidarisierung mit jenen Ländern (wie Deutschland), die das Asylrecht nicht antasten lassen und so die Würde des christlichen Abendlandes retten, wie der französische Präsident Macron über Angela Merkel vermerkte? Wie sollen diese armgehaltenen Menschen überleben, ohne kriminell zu werden, wenn sie nicht mehr jene Mittel erhalten, mit denen sie bei uns wenigstens auf Zeit in Würde leben können? Oder jene, denen die Mindestsicherung gedeckelt wird und denen das Geld bestenfalls bis zur Monatsmitte reicht? Und schon gar nicht weihnachtlich ist die Idee, die schutzsuchenden Menschen aus Wien in einem Lager außerhalb Wien zu konzentrieren, also eine Art lybischer Konzentrationslager zu errichten.

***

Sie spüren, dass Weihnachten kein romantisches Familienfest ist, sondern politisch ziemlich brisant. Lassen Sie es mich mit einem Satz meines Freundes Bischof Erwin Kräutler aus Xingu in Brasilien sagen:

„Weihnachten ist, wenn wir Gottes Gegenwart erfahren und an seine Liebe glauben. Die Gewissheit, dass er bei uns ist, verleiht uns die Kraft, trotz aller Rückschläge, nicht mutlos zu werden, für Gerechtigkeit einzutreten, unsere Mit-Welt zu schützen und das Leben und die Würde aller Menschen zu verteidigen.“

Menschwerdung steht also für „Mauern durchbohren“. Wo das geschieht, wird Weihnachten ein wirkliches Fest der Freude zumal für die Ärmeren unter uns, die bildlich gesprochen nicht in den Palästen der Reichen leben, sondern in einem Stall, der Bethlehem vom Lebensstand her ziemlich ähnlich sieht.

 

Dieser Beitrag wurde unter Ergebnisse veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s