Wir leben alle in einer irregulären Situation! Von Markus Büning.

 Amoris Laetitia bringt den längst notwendigen Perspektivenwechsel in der Pastoral der Kirche.

Eine persönliche Bemerkung vorweg: Ich bin wohl so einer, den man klassisch einen Bekehrten nennt. Nach jahrelanger Abwesenheit von der Kirche habe ich im Jahr 2010 den Weg zurück in die Kirche gefunden. Und in welch einer Gefährdungslage lebt so einer: Er neigt zur Radikalität. Warum? Da sind viele Gründe: Einerseits die Angst vor dem „Rückfall“ und andererseits die starke Erfahrung einer Befreiung von „bösen Mächten“. Dies kann dazu führen, dass man in Dingen der Moral allzu streng und unerbittlich wird. Die Fähigkeit, die Dinge ordentlich zu differenzieren, kann durchaus geschwächt sein. Vor so einem Hintergrund kam die heftige Debatte um Amoris Laetitia offenkundig ganz recht: Endlich hat man mal die Chance, die „Fahne der reinen Moral“ im Getümmel geistiger Verwirrung zu zeigen. Schnell läuft man Gefahr, ein Pharisäer zu werden. Dies waren sicher auch Motive in meinem bisherigen „Kampf“ gegen Amoris Laetitia und meinen Einsatz für die „Dubia-Kardinäle“, in denen ich bisher die Retter der wahren Morallehre erblickte. Hinzu kam sicher auch meine große Bewunderung für den Hl. Johannes Paul II., der in Familiaris Consortio Nr. 84 die Dinge noch anders sah als der jetzige Papst in Amoris Laetitia. Dann kam die Eskalation: Auf einmal fühlen sich eifrige Kämpfer der Moral aufgerufen, dem Papst wegen Amoris Laetitia offen den Häresievorwurf zu machen. Nun merkte ich, dass dies zu weit geht. Zunächst mehr aus formellen Gründen: So geht man doch nicht mit dem Papst um, inzwischen aber auch aus materiellen Gründen: Wir brauchen dringend den Perspektivenwechsel, den Amoris Laetitia mit sich gebracht hat. Warum?

Ich glaube inzwischen, dass viele in der Diskussion der Gefahr erliegen, mit dem Blick auf die Fallgruppe der sogenannten wiederverheirateten Geschiedenen sich selbst völlig aus dem Blick zu verlieren. Dabei vergessen wir allzu schnell, dass wer mit einem Finger auf den anderen zeigt immerhin noch selbst mit drei Fingern auf sich selbst zeigt. Das ist der springende Punkt: Wie sieht es denn bei der Frage des „würdigen Kommunionempfangs“ bei einem jeden von uns selbst aus? Was betet denn bitte schön ein jeder von uns in der Heiligen Messe, bevor er den Leib des Herrn empfängt? Dieses wunderbare, aus dem Evangelium abgeleitete Gebet (vgl. Mt 8,8): „Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach, aber sprich Du nur ein Wort, so wird meine Seele gesund!“ Wer von uns kann ernsthaft behaupten, dass er würdig zum Tisch des Herrn geht? Wir alle, ausnahmslos bis zum Papst hinauf, sind eben keine Katharer, keine allzeit Reinen. Nein, der Herr hat aus der Schar der Unreinen und Sünder seine Kirche gebaut. Andere „Steine“ hatte und hat er bei diesem Bauprojekt nicht zu Verfügung. Wir alle leben in unseren immer widerkehrenden Sünden des Alltags in einer irregulären Situation, in der wir eben nicht dem Gebot Gottes mit unserem Handeln entsprechen. Und weil dem so ist, hat Jesus, der Arzt unserer Seelen die Sakramente uns eben nicht als Mittel der Belohnung für ein moralisch gutes Leben, sondern als eine Medizin zur Heilung und Besserung unseres Lebens, auch unseres moralischen Lebens geschenkt. Und genau dies bringt Franziskus ja zu Recht in der Fußnote 351 zu Nr. 305 Amoris Laetitia dann im Hinblick auf manch einen Einzelfall der wiederverheirateten Geschiedenen so zum Ausdruck: „In gewissen Fällen könnte es auch die Hilfe der Sakramente sein. Deshalb erinnere ich die Priester daran, dass der Beichtstuhl keine Folterkammer sein darf, sondern ein Ort der Barmherzigkeit des Herrn. Gleichermaßen betone ich, dass die Eucharistie nicht eine Belohnung für die Vollkommenen, sondern ein großzügiges Heilmittel und eine Nahrung für die Schwachen ist.“

Ja, auch dann wenn Menschen objektiv in schwerer Sünde leben, kann der Weg zu den Sakramenten eröffnet sein. Das ist die Botschaft von Amoris Laetitia. Und zwar dann, wenn es aus nachvollziehbaren subjektiven Gründen nicht möglich erscheint, in einer solchen zweiten Lebensgemeinschaft eben nicht, wie es noch Familiaris Consortio forderte, enthaltsam zu leben. Solche Situationen, solche Einzelfälle gibt es! Warum entzieht man solchen Menschen hier die Möglichkeit der therapeutischen Begleitung durch Jesus in den Sakramenten? Das ist nicht nachvollziehbar, ja letztlich gegen die Liebe.

Und der von Amoris Laetitia vorgeschlagene Weg ist auch kein anspruchsloser. Nein, hier geht es um den mühsamen Weg der Unterscheidung und notwendigen pastoralen Begleitung: „Es ist kleinlich, nur bei der Erwägung stehen zu bleiben, ob das Handeln einer Person einem Gesetz oder einer allgemeinen Norm entspricht oder nicht, denn das reicht nicht aus, um eine völlige Treue gegenüber Gott im konkreten Leben eines Menschen zu erkennen und sicherzustellen. (…) Es ist wahr, dass die allgemeinen Normen ein Gut darstellen, das man niemals außer Acht lassen oder vernachlässigen darf, doch in ihren Formulierungen können sie unmöglich alle Sondersituationen umfassen. Zugleich muss gesagt werden, dass genau aus diesem Grund das, was Teil einer praktischen Unterscheidung angesichts einer Sondersituation ist, nicht in den Rang einer Norm erhoben werden kann. Das gäbe nicht nur Anlass zu einer unerträglichen Kasuistik, sondern würde die Werte, die mit besonderer Sorgfalt bewahrt werden müssen, in Gefahr bringen. (…) Daher darf ein Hirte sich nicht damit zufrieden geben, gegenüber denen, die in „irregulären“ Situationen leben, nur moralische Gesetze anzuwenden, als seien es Felsblöcke, die man auf das Leben von Menschen wirft. Das ist der Fall der verschlossenen Herzen, die sich sogar hinter der Lehre der Kirche zu verstecken pflegen, um sich auf den Stuhl des Mose zu setzen und – manchmal von oben herab und mit Oberflächlichkeit – über die schwierigen Fälle und die verletzten Familien zu richten.“ (AL NR. 304 f.).

Und der Papst hat völlig Recht, wenn er hier aus gutem Grund eine Leerstelle stehen lässt. Gerade um eine unnötige Kasuistik, die nie in der Lage sein wird, alle in Betracht kommenden Fälle zu erfassen, bedarf es einer solchen. Gefüllt werden muss diese vom reifen Seelsorger mit der Gabe der Barmherzigkeit, um die die Kirche Tag für Tag in allen ihren Gliedern beten soll.

Und genau dies ist auch der Punkt, an dem alle Glieder des mystischen Leibes Christi sich in der gleichen Situation befinden. Ein jeder von uns lebt in einer irregulären Situation: Der eine erliegt immer wieder dem schlechten Geschwätz über andere, der andere kann sich beim Genuss von Nahrung und Trank nicht beherrschen. Der eine fällt immer wieder zurück in die egoistische Gewohnheit der Selbstbefriedigung, trotz vieler Beichten. Der andere neigt immer wieder zu Wutausbrüchen, trotz vieler gescheiterter Versuche der Selbstbeherrschung usw. usw.. Der Katalog ließe sich beliebig fortsetzen. Sollen diese Menschen alle nicht mehr zur Kommunion gehen? Meine Vermutung: Dann darf keiner mehr gehen!

Jesus ist gekommen, nicht die Gerechten zu rufen, sondern die Sünder (vgl. Mt 9,13). Das ist der heilsame Lockruf des Evangeliums. Und darum schenkt er sich uns in den Sakramenten, insbesondere in den Sakramenten des Altares und der Vergebung. Beide Sakramente hat der Herr seiner Kirche als Medizin für Leib und Seele geschenkt. Durch den immer wiederkehrenden Kontakt mit dem Herrn in diesen Sakramenten können wir mit seiner Gnade Menschen werden, die seinem Willen entsprechen. Das ist die große Hoffnung an uns alle, aus unserer irregulären Situation hinauszukommen.

Vor diesem Hintergrund lasst uns aufhören, auf eine bestimmte Gruppe von Christenmenschen mit einem Augenmerk der Unbarmherzigkeit und Starrheit zu blicken. Erbitten wir von IHM die Gnade eines demütigen Blickes auf unsere je eigene Situation der Irregularität. Dann hören wir automatisch auf, mit „Felsblöcken“ auf andere zu werfen.

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5 Antworten zu Wir leben alle in einer irregulären Situation! Von Markus Büning.

  1. Johanna Spöth schreibt:

    Wie wahr!

  2. Pingback: Wir leben alle in einer irregulären Situation! | The Cathwalk

  3. Pingback: A Breaking Point in the Papacy? - OnePeterFive

  4. Pingback: A Breaking Point in the Papacy? |

  5. Pingback: Točke prijeloma u Franjinom papinstvu | Hrvatski Krsni Zavjet

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