Wie christlich ist die ÖVP? Facebook-Diskurs mit Hans Winkler

Am 19.9.2017 hat Hans Winkler in DIE PRESSE einen Beitrag mit dem Titel „Sebastian Kurz und die Katholische Soziallehre“ veröffentlicht (http://diepresse.com/home/meinung/dejavu/5287886/Dejavu_Sebastian-Kurz-und-die-katholische-Soziallehre). Die Weizer #Pfingstvision organisierte daraufhin einen Facebook-Diskurs zwischen ihm und mir. Hier der Diskurs.

      1. REAKTION/ZULEHNER: „In ihrem Beitrag „Sebastian Kurz und die Katholische Soziallehre“ in der Presse vom 19.9.2017 haben Sie, geschätzter Herr Winkler, dem wahlkämpfenden Sebastian Kurz einen Bärendienst erwiesen. Sie zeichnen von „der ÖVP“ (die es ja in dieser Einfachheit ebenso wenig gibt wie „die Kirche“) ein Zerrbild. Es ist beispielsweise ziemlich kühn, der ÖVP pauschal zu unterstellen, sie würde die Katholische Soziallehre oder das Sozialwort der christlichen Kirchen nicht kennen. Die Politische Akademie der ÖVP kann Sie mit Sicherheit diesbezüglich eines Besseren belehren. Die Leiterin des Instituts für Sozialethik an der Katholisch-Theologischen Fakultät Prof. Dr. Ingeborg Gabriel ist an der Seite des Außenministers OSZE-Beauftragte im Kampf gegen Intoleranz. Ingeborg Gabriel hat wieder um das Sozialwort der christlichen Kirchen federführend mitgearbeitet. So wenig bekannt, wie Sie, Herr Winkler, den zugegeben unbequemen Lehren der Katholischen Soziallehre nachsagen, sind diese im Land eines Johannes Messner, Rudolf Weiler und Johannes Schasching, bei dem ich in Innsbruck Assistent war, wahrlich nicht.
        Ich kenne zudem gar viele in dieser Partei (wie übrigens auch in mehreren anderen Parteien), die durchaus christlich-sozial sind oder die Katholische Soziallehre schätzen. Das gilt auch in manchen Belangen für den ÖVP-Parteiobmann. Wenn beispielsweise Sebastian Kurz sich dafür einsetzt, die Entwicklungshilfe zu erhöhen, wenn er sich für humanitäre Korridore stark macht, den kriminellen Schleppern das Geschäft austrocknen will: Das verbuche ich alles auf dem Kontoblatt „christlich-sozial“.
        Dass der Ausnahmepolitiker Sebastian Kurz im Wahlkampf seine durchaus christlich-sozialen Positionen in den Hintergrund stellt, sein Lieblingswort „stoppen“ strapaziert und sich mit „Sobo“ einen Kampfhund hält (Zitat Kurz!), ist hoffentlich etwas, was er nach dem Wahlkampf schnell einmotten wird. Es wäre ja auch christlich-sozial, als kommender Bundeskanzler mit Stolz zu sagen, dass das in Gastfreundschaft geübte Österreich eine überaus beachtliche Zahl von schutzsuchenden Menschen aufgenommen hat: weit mehr als manch andere Europäische Länder. Wenn Kurz nicht mehr die rechte ÖVP-Flanke wegen der Angst vor einer Machtübernahme durch die FPÖ ausweiten muss, wird er sich bei den vielen im Land leichter bedanken können, die sich an der noch relativ einfachen Aufnahme und an der viel schwierigeren Integration so vieler Menschen beteiligen und dem Staat dabei enorme Arbeit abnehmen: in Schulen, beim Roten Kreuz, in Diakonie und Caritas, in Gemeinden, in Pfarren und Ordenshäusern. Er kann, nicht mehr in Wahlkampf-Bedrängnis von rechts, dann sogar den Mut aufbringen, eine recht verstandene Willkommenskultur neuerlich aufzuwerten, weil er ja dann in seiner Verantwortung für die alltägliche Politik gar nicht anders kann, als die Willkommenskultur der Sache nach zu praktizieren: Indem es genug Sprachkurse gibt, erschwingliche Wohnungen für jene, die Asyl erhalten haben und auch einen unbürokratischen Zugang zum Arbeitsmarkt; es braucht dann auch eine Bevölkerung, welche die Dazugekommenen willkommen heißen, als Nachbarn, in Kommunen, in Vereinen und Kirchengemeinden.
        Christlich-soziale ÖVP Bürgermeister wie Klaus Gattringer aus Altenfelden, der das abgefackelte Haus des Roten Kreuzes wiederaufbauen ließ, müssen sich dann in ihrer eigenen Partei nicht mehr wegen ihrer pragmatischen und daher so wohltuend menschlichen, christlich-sozialen Flüchtlingspolitik rechtfertigen. Und davon gibt es gottlob gar viele im Land.
        Vielleicht werden Christinnen und Christen sich an solche christlich-soziale Persönlichkeiten am Wahlsonntag erinnern und hoffen, dass die rechtspopulistische Wahlkampfrhetorik schon deshalb ein Ablaufdatum haben wird, weil das Land und die vielen christlich-sozial handelnden Menschen eine menschliche, weltoffene und sozial wirklich gerechte Politik verdienen.
        Pfingstvision“

       

      1. REAKTION/WINKLER: Vorweg: Ich hatte und habe nicht die Absicht, die ÖVP zu verteidigen oder zu beweisen wie christlich-sozial sie ist. Meine Frage war, woher die Animosität bestimmter katholischer Kreise (in der Katholischen Aktion z.B.) gegen diese Partei kommt. Zulehner zitiert einen alten Pfarrer, der plötzlich nach Jahrzehnten draufkommt, die ÖVP nicht mehr wählen zu können. Warum wird uns nicht erklärt. Zulehner, wendig wie er ist, gibt sich heute schon wieder sehr versöhnlich und für den besten Freund von Kurz. „Wenn Kurz nicht mehr die rechte ÖVP-Flanke wegen der Angst vor einer Machtübernahme durch die FPÖ ausweiten muss. . . .“ Wie stellt sich Z. die „Machtübernahme durch die FPÖ“ vor? Die FPÖ wird jedenfalls einer Regierung sein, höchstwahrscheinlich mit der SPÖ. Zu behaupten, Kurz mache seine Politik, um die „rechte Flanke der ÖVP“ abzudecken, halte ich für eine Unterstellung. Wer soll das sein? Kurz Position in der Migrationspolitik hat meiner Schätzung nach 80 Prozent der Österreicher hinter sich. Um sie zu machen muss ich mich gar nicht der FPÖ anbiedern. Vielleicht hält Kurz sie einfach für richtig. H.Winkler

       

      1. REAKTION/ZULEHNER: „Geschätzter Herr Winkler! Das ist auch mein Eindruck, dass Sie in Ihrem Pressebeitrag an einer unaufgeregten Analyse christlich-sozialer Elemente in der ÖVP gar nicht sonderlich interessiert sind? Ihre verbalen Attacken gelten den christlichen Kirchen mit ihren sozialen Lehren und damit ihrer unnachgiebigen Anwaltschaft für die vielen bedrängten Menschen in der einen Menschheitsfamilie. Das sind nicht nur die Flüchtenden, die mit ihren Kindern vor den Bomben in Ost-Aleppo Schutz suchen, sondern auch jene im eigenen Land, die sich bald keine Miete mehr leisten, im Winter nicht mehr heizen können; das sind die vielen Kinder, die in einem der reichsten Länder der Welt unter der Armutsgrenze leben, oftmals mit alleinerziehenden Müttern. Ihr Beitrag riskiert keinen Blick in die Gesichter solcher Menschen.
        Am liebsten hätten Sie eine Kirche ohne Caritas und Diakonie, ohne soziale engagierte Pfarrgemeinden, die sich politisch heraushalten, eine Sammlung frommer „Hallelujaschlümpfe“, die dann in der Kirche wie in der Wahlzelle gedankenlos ihr Kreuz machen. Unvergessen Kardinal Franz König, der sagte, er sei zwar kein parteipolitischer, aber sehr wohl ein politischer Bischof. Die Kirche ist in der Tat keine Partei, aber sie verrät das Evangelium, wenn sie nicht Partei ergreift.
        Wie fragwürdig Ihre unqualifizierte Kritik an der Kirche und ihrer Anwaltschaft für eine etwas menschlichere, friedlichere, weil gerechtere Welt daherkommt, zeigt Ihr Schlusssatz: „Offensichtlich lockt sie [die Kirche] neben der öminösen ‚Option für die Armen‘ auch die Option für die Armut.“ Sie suchen nicht den respektvollen Diskurs, sondern den billigen journalistischen Gag. Den kann man beim Villacher Fasching machen, aber nicht face-to-face mit den vielen Menschen in dem einen Welthaus, die verhungern, verdursten, denen durch Landminen die Beine weggerissen werden, die im Mittelmeer oder neuestens im Schwarzen Meer ertrinken, die dem Terror des Krieges entflohen am Samstag aufschrecken, wenn zum Test unsere Sirenen heulen, die in türkischen Gefängnissen sitzen, weil sie an einer Menschenrechtskonferenz teilgenommen haben.
        Ihr Spott trifft letztlich nicht die Kirchen, sondern die Armen im Land, in Europa, in der Welt. Genau sich für diese stark zu machen, wäre, nein, ist genuin christlich-sozial. Wenn jemand, der sich für diese wachsende Zahl von Armgehaltenen und Armgemachten einsetzt, als links gilt, dann waren Karl Freiherr von Vogelsang, Josef Scheicher oder Martin Schindler, Gründungsväter der christlich-sozialen Bewegung in Österreich, eben links und steht Ihr Zerrbild von der Kurz-ÖVP weit rechts davon. Das hinderte die Gründungsväter überhaupt nicht, eine vorzügliche Wirtschaftspolitik und damit gute Schritte zu einem funktionierenden Sozialstaat zu machen.
        Sollte freilich Ihre Sicht von der ÖVP wirklich zutreffen (was ich nicht glauben will und wofür ich nicht wenige Gegenbeweise ja genannt habe), kann ich die zunehmende Heimatlosigkeit vieler treuer christlich-sozialer Wählerinnen und Wähler gut verstehen: und unter den Heimatlosen finde ich dann nicht nur Katholiken und Protestanten. Es ist an den Verantwortlichen der ÖVP und wohl auch an einem hinsichtlich „christlich-sozial“ besser gebrieften Sebastian Kurz, sich gegen solche Zerrbilder ihrer Partei und Bewegung zu wehren.

       

      1. REAKTION/WINKLER: „Sehr geehrter Professor Zulehner!
        Ich habe wenig Lust, auf diesem Niveau der Unterstellungen weiterzureden: „Sie hätten am liebsten eine Kirche ohne Caritas“. Das ist genau der Ton, den auch der unsägliche Text „Christlich geht anders“ der Katholischen Aktion anschlägt. Wir sind die bessern Christen, wer nicht unserer politischen Meinung ist, ist ein „selbsternannter Christ“. Woher nehmen Sie eigentlich Ihren Hochmut?

       

      1. REAKTION/ZULEHNER: „Geschätzter Herr Winkler, mir liegen alle Unterstellung fern. Sollten Sie eine solche empfinden, dann sorry. Ich bin ja um sachliche Auseinandersetzung bemüht. Aber warum erklären Sie mir dann nicht ihre doch irritierende Aussage über die „ominöse Option für die Armen“. Erklärung erbitte ich zu einem weiteren Punkt aus Ihrem Beitrat:
        Sie, geschätzter Herr Winkler, unterstellen der Katholischen Soziallehre Wirtschafts- und Unternehmerfeindlichkeit. Sie zitieren dazu Papst Franziskus aus dessen markantem Schreiben „Evangelii gaudium“. Allerdings verstümmeln Sie den Satz in journalistisch unzulässiger Weise. Da ich Sie als erfahrenen Journalisten schätze, bedaure ich diesen tendenziösen Trick. Der Papst schrieb nämlich nicht: „die Wirtschaft tötet“. Das wäre auch in seinen Augen ein blanker Unsinn. Es braucht eine gute Wirtschaft, um Arbeit zu schaffen und die Menschheit am Leben zu erhalten. Die Katholische Soziallehre seit hat Leo XIII. nie einen Zweifel daran gelassen. Und nicht erst Kardinal Schönborn oder Ihr Vatikanischer Gewährsmann Martin Rhonheimer haben sich wirtschafts- und unternehmerfreundlich geäußert. Diese Aussage ist weder links noch rechts, sondern schlicht banal.
        Ich hatte nach dem Erscheinen von Evangelii gaudium sowohl mit Wolfgang Schüssel wie mit P. Friedrich Hengsbach SJ ein Gespräch geführt (ist nachzulesen in Zulehner: Auslaufmodell. Wohin steuert Papst Franziskus die Kirche, 2016). Dabei verteidigte Schüssel den prinzipiellen offenen Freiheitsraum des Wirtschaftens. Aber er fügte realpolitisch sogleich hinzu, dass Wirtschaften sehr wohl schädlich soziale und ökologische Auswirkungen haben kann. Um diese zu vermeiden, zu verhindern, zu reparieren, brauche es die Politik, Sozialpolitik, Familienpolitik, Wirtschaftspolitik. Eben hier sieht Schüssel die Bedeutung des Papstzitats, das vollständig lautet: „Diese Wirtschaft tötet!“ Die Art, wie heute global gewirtschaftet wird, belaste die Umwelt und behebe nicht nur Unrecht, sondern fördere sie.
        Ich bin kein Wirtschaftswissenschaftler, höre aber aufmerksam Fachleuten zu wie Wolfgang Mazal, Helmut Kramer, Christoph Badelt, Helmut Karner vom Föhrenkreis oder auch meiner Nichte, die an der Uni BWL unterrichtet. Niemand bezweifelt, dass manche Teile der Wirtschaft den durchaus ethisch wertvollen Gewinn höherstellen als die Sorge um die Menschen – und das nicht nur im Land, sondern eben weltweit. Es macht beispielsweise wenig Sinn, wenn wir mit Entwicklungsgeldern in Afrika den Aufbau von Hühnerfarmen fördern und zugleich unsere landwirtschaftlichen Großbetriebe mit EU-Mitteln gefördert kostenlos minderwertigeres Hühnerfleisch dorthin schicken. „Diese Wirtschaft tötet“ protestiert sozialethisch gegen eine Art des Wirtschaftens, die nicht dem Menschen dient. Ich habe bei Kursen und Vorträgen Christliche Unternehmer kennengelernt, die genau einer solchen Ökonomisierung des gesamten Lebens Einhalt gebieten. Solche Betriebe sind familien- und nicht zuletzt väterfreundlich, haben Verständnis für einen möglichst arbeitsfreien Sonntag, haben Betriebskindergärten, sorgen sich um den ökologischen Fußabdruck ihres Betriebes. Das sind Momente eines christlich-sozialen Verständnisses des Wirtschaftens. Papst Franziskus ermutigt zu solchem Wirtschaften mit menschlichem Angesicht.

       

      1. REAKTION/WINKLER: “ Sie machen es sich etwas leicht mit dem „sorry“.
        Ich verstehe mich ja auch auf leicht abschätzige Vokabel, aber Rhonheimer ist nicht irgendwer. Er sitzt wie Sie wissen in Wien, möglicherweise bei einer für Sie falschen katholischen Adresse.
        Also ich weiß eigentlich nicht, was ich mir unter der „Option für die Armen“ vorstellen soll. Die Formel ist mir zu plakativ und wird von denen, die sie verwenden, wie eine Monstranz herumgetragen. Was tue ich da, wenn ich für die Armen „optiere?“ Es regt sich der Verdacht, diese Leute brauchen die Armen und deren Armut. Armut soll nicht verklärt, sondern muss beseitigt werden. Nicht durch Umverteilung, sondern durch Ökonomie. Daher meine Formulierung.
        Ich weiß nicht, welche Wirtschaft der Papst mit „dieser“ Wirtschaft gemeint hat. Sein lateinamerikanischer Tunnelblick trifft Europa jedenfalls nicht. Sie erzählen das im letzten Absatz ohnehin alles.
        Man kann die ökonomische Weltlage nach dem Modell des halbleeren oder halbvollen Glases betrachten: Die absolute Armut auf der Welt sinkt dramatisch. Die Ziele der Milleniumsberichte der UNO zur Reduzierung wurden Jahre früher erreicht als geplant. Wegen „dieser“, der globalisierten Wirtschaft. In Asien und übrigens auch in Afrika, das uns wegen der Migration interessiert, sind hunderte Millionen Menschen in ein Mittelstandsdasein aufgerückt. Die indischen Touristen in Wien dürften Ihnen schon aufgefallen sein. Das mit der „Ökonomisierung des gesamten Lebens“ halte ich für ein Schlagwort. Auch die Klostersuppe gehorcht dem ökonomischen Prinzip. Sie ist nur für den kostenlos, der sie bekommt. Was passiert, wenn nicht gerechnet, kalkuliert, nach dem Prinzip von Nutzen und Aufwand vorgegangen wird, haben wir am untergegangenen realen Sozialismus gesehen und wir sehen es in der Gemeinde Wien.
        Aber wollten wir eigentlich darüber reden?“
      2. REAKTION/ZULEHNER: „Geschätzter Herr Winkler, danke für Ihre differenzierende und niveauvolle Replik. Ich bin ja ein Fan von Hans Roslin und seinem Institute of Ignorance, das nach dessen Tod sein Sohn weiterführt. Ich studiere daher das Voranschreiten der Millienumsprogramme und bin von der Arbeit der UNO angetan. Dass es dazu eine leistungsfähige Weltwirtschaft braucht, steht außer Diskussion.
        Dennoch habe ich eben auch mit Eltern zu tun, die zwischen der beruflichen und familialen Lebenswelt zerrissen sind: 73% der jungen Familien in Österreich fühlen sich deshalb überfordert. Auch bin ich auf Seiten der Gewerkschaft, wenn wir den Tag der Freiheit von knechtlicher Arbeit – den Sonntag erhalten wollen. Also Tendenzen zur Überordnung des Wirtschaftlichen über das Alltägliche gibt es doch genug.
        Was die Option für die Armen ist? Das hat biblisch mit dem „Schrei der Armen“ zu tun, mit den „himmelschreienden Sünden“, die ja auch im Katechismus der Weltkirche stehen: Mord, Ausbeutung, Vorenthaltung eines gerechten Tageslohnes, Missachtung der Fremden, Verweigerung der Gastfreundschaft. Diesen gegenüber ist laut biblischer Auskunft Gott „parteiisch“ – und wie soll die Kirche sich anders verhalten, wenn sie nicht „ekklesial atheistisch“ werden will? Diese Option für die Armen beginnt biblisch mit dem Hinschauen, also der Überwindung der Gleichgültigkeit und des Wegschauens. Genau diese war aber das Erfolgsgeheimnis der christlich sozialen Bewegung des Anfangs.
        In der Gründungszeit der christlich-sozialen Bewegung gab es nämlich bei den führenden Persönlichkeiten keine Kultur der Gleichgültigkeit. Typisch für Karl Freiherr von Vogelsang oder Josef Schleicher war das Hinschauen. Diese Sensibilität für die Leiden der kleinen Leute hat die Bewegung politisch stark gemacht. So berichtet Josef Schleicher – übrigens katholischer Priester:
        „In einer ehemaligen Fabrik befindet sich eine ganze Kolonie von Gewerbsleuten: Wäscher, Schuhmacher, Wäsche-Erzeuger u.s.w. Ihre Bedürfnisse kaufen sie bei einem Fragner, der gleichzeitig Eier und Wein schenkt. Ich kaufte in diesem Laden ein Stück Brod. Als ich durch den Hofraum schritt, blickte ein kleiner Hund nach dem Brod, weshalb ich ihm ein Stückchen davon hinwarf. Augenblicklich fuhr aus einer im Hofe stehenden Kiste ein Kind auf den Hund los und riß ihm das Brod aus dem Rachen. Ich ließ mich durch das Kind zu dessen Mutter, einer Wäscherin, führen und frug sie um ihre Erwerbsverhältnisse. Sie erzählte mir, dass sie trotz der angestrengten Arbeit nicht genug verdienen könne, um sich wöchentlich einmal satt zu essen. Sie studiere hin und her, allein sie benöthige täglich fünfzehn Kreuzer, um zu leben. Wenn nun die Zeit komme, in welcher die Miethe zu zahlen ist, müsse sie auf das Essen Verzicht leisten, um die Miethe aufzubringen. Ich frug nicht weiter.“ [Scheicher, Josef: Der Klerus und die soziale Frage, Innsbruck 1884, 53.]
        Ähnlich die sensible Leid-Empfindsamkeit von Vogelsang.
        „Die Pottendorfer Baumwollfabrik gehört einer Aktiengesellschaft und es sind daselbst etwa 1000 Arbeiter beschäftigt. Gearbeitet wird von 5 Uhr morgens bis 6 Uhr abends mit einstündiger Unterbrechung das ganze Jahr hindurch; somit 12 Stunden täglich effektiv; sonntags wird selten gearbeitet. Kinder unter 14 Jahren sind nicht beschäftigt. – Der größthe Theil der Arbeiter wohnt in Fabrikswohnungen, wofür sie je nach der Größe des Zimmers 21 bis 25 fl. Jährlich an Miethe zu entrichten haben …Aus dem Gesagten geht hervor, dass ein lediger Arbeiter im Jahresdurchschnitte 200 – 210 fl., ein verheirateter 195 bis 200, eine Arbeiterin 120 fl. verdient; rechnet man davon noch 20-25 fl. Miethe ab, so kann man sich einen Begriff davon machen, wie diese Leute bei den oben angeführten Lebensmittelpreisen [so kostete: 1 kg Rindfleisch 64 kr.; 3-4 Eier 10 kr.; 1 kg Mehl 16 -24 kr.] leben. Bei diesen Zuständen ist es kaum erklärbar, dass in der Gewerbe-Expertise ein aus Pottendorf entsendeter Experte die dortigen Arbeitsverhältnisse als gut erklärt hat.“ [Vogelsang, Karl Frh. v.: Die materielle Lage des Arbeiterstandes in Österreich, Wien 1883 (Sonderdruck)
        Wie würde eine solche Sensibillität christlich-sozialer Politik heute aussehen?
        Narges Tavakoli ist unbegleitetes Flüchtlingskind aus Afghanistan. Der Vater war von den Talibans ermordet worden. Die Mutter floh mit den zwei Kinder zunächst in den Nordiran. Dort konnten Sie als unerwünschte Minderheit nicht bleiben. Der Fluchtweg führte über die Türkei nach Europa. Dort verlieren die Kinder den Kontakt zur Mutter. Sie kommen nach Österreich und werden in einem Heim in Tirol aufgenommen. Ich hatte im Ort einen Vortrag. Ich mache noch einen kleinen Spaziergang. Der Direktor Anton Mayr von der NMS spricht mich an: Kommen Sie ins Lehrerzimmer, ich zeige Ihnen ein Kunstwerk. Es war eine französische Flagge. Darauf ein Eifelturm, in fünfmonatiger Arbeit von Narges – nur aus Spaghetti angefertigt. Wollen Sie mit ihr sprechen. Sie wohnt fünf Minuten von der Schule weg. Und schon sitze ich ihr gegenüber. Sie erzählt in gebrochenem Deutsch, warum sie das Kunstwerk gemacht hat. Sie hat eine Botschaft. „Die in Paris“ (es war gerade das Attentat auf Charli Hebdo und das jüdische Geschäft) – „Die in Paris: die sind nicht Islam. Ich bin Islam.“ Welche unglaubliche Aussage. „Die sind wie Tiere. Allah hat verboten, unschuldige Menschen zu töten!“ Ich frage sie, wie es ihr hier in Tirol gehe: „Hier kann ich zum ersten Mal zur Schule gehen!“ und bricht in Tränen aus. 13-jährig. Talibans verbieten die Schulbildung von Mädchen. “Was willst du werden?“ frag ich sie: „Architektin“? – „Was ist Architektin?“ fragt sie zurück. „Häuser bauen, so wie diesen Turm“. – „Nein“, sagt sie, „ich will jetzt lernen und dann zur NASA nach Amerika gehen!“
        Solchen Kindern auf der Flucht Gesicht zu Gesicht zu begegnen, das wäre christlich-sozial. Es würde der realen Politik in unserem Land mehr Menschlichkeit zurückgeben.
        Nachtrag: Inzwischen ist ein Wunder geschehen. Die Mutter des afghanischen Mädchens ist wieder aufgefunden worden.
        Sehr geschätzter Herr Winkler, danke für das respektvolle Gespräch! Ihr Paul M. Zulehner

       

      1. REAKTION/WINKLER: „Dank auch meinerseits. Natürlich bin ich auch für den arbeitsfreien Sonntag. Nur bitte: Knechtliche Arbeit? Machen Sie sich nicht lächerlich. Wer muss heute noch in Ö. knechtliche Arbeit verrichten? Ein älterer jugoslawischer Gastarbeiter klagte mir kürzlich: Ich habe mein ganzes Leben hart gearbeitet, dazu bin ich hergekommen und ich bin dankbar, dass ich das konnte. Aber stellen Sie sich vor: Mein Sohn sagt mir: Arbeiten? Bin ich blöd?
        Meine Tochter führt eine kleine Firma, die könnte Ihnen Geschichten erzählen über Arbeitswillen und Arbeitslust österreichischer Werktätiger mit und ohne Migrationshintergrund. Das blenden Sie in Ihrer Idealsicht auf die Menschen, die man ja angeblich vor Ausbeutung schützen müsse, aus.

      Jetzt aber etwas anderes:
      Ich möchte auf Ihren Text zurückkommen, den Sie eine „Orientierung“ für christliche Wähler genannt haben. Ich fürchte, der christliche Wähler wird davon für seine Entscheidung in drei Wochen wenig haben.
      Sie entwerfen ein strahlendes Bild eines idealen Österreich der „universellen Solidarität“, gehen aber geflissentlich darüber hinweg, dass sich viele Österreicher Sorgen um die Identität des Landes angesichts der Masseneinwanderung aus islamischen Ländern machen. Der „Ehrenmord“ in Wien in dieser Woche hat uns ja einen unverhofften Einblick in eine islamische Parallelwelt mitten unter uns gewährt. Es wird Wähler geben, die daraus eine Konsequenz ziehen. Es gibt zwar nur einen Gott und eine einzige Menschheit, wie Sie sagen, aber die Religionen sind verschieden und nicht alle sind so tolerant wie das Christentum gelernt hat zu werden.
      Welche Konsequenz soll die öst. Regierung aus der Proklamation eines einzigen Welthauses für eine Menschheit ziehen? Alle Grenzen schleifen? Die Migranten nicht stoppen? Stoppen muss man sie schon deshalb, weil man sonst die geordneten Verfahren nicht machen, die Sie haben wollen.

      So schöne Geschichten wie die von der Afghanin in Tirol kann ich Ihnen auch erzählen. Sie beeindruckt mich wenig, weil sie uns nicht hilft, daraus irgendeine Konsequenz für die Immigrationspoltik zu ziehen. Ich gebe Sprachkurse (Freiwilligenarbeit nennt man das) für Immigranten, da erlebe ich halt auch wie nahe Gelingen und Scheitern von Integration einander sind.

      Sie plädieren wie jeder vernünftige Mensch für die Bekämpfung der Fluchtursachen. Das ist nachgerade zu einem Gemeinplatz geworden. (Wenn Sie für einen Marshallplan für Afrika plädieren, zeigen sie, dass Sie nicht wissen, was der Marshallplan war). Sie sagen aber nicht, was in den fünfzig Jahren passieren soll, bis die neue Geldflut für Afrika ihre Wirkung tut– wenn überhaupt. Die Geldflut der letzten 60 Jahre hat mehr Schaden als Nutzen angerichtet.
      Gruß Ihr Winkler

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Eine Antwort zu Wie christlich ist die ÖVP? Facebook-Diskurs mit Hans Winkler

  1. Josef schreibt:

    Da ich nicht „Facebook“-User oder angemeldeter „Goggle“-User bin und auch nicht „twittere“ kann ich solchen Debatten nicht folgen, will aber trotzdem nicht bei diesen „Diensten“ angemeldet sein.
    Es wäre schon gut wenn „Öffentliches“ und „Veröffentlichtes“ möglichst für jeden Internetbenutzer zugänglich wäre.
    Es tut mir leid, dass man sich bei solchen Debatten irgendwelcher abgeschotteter Nischen bedient.

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