… ich war fremd, und ihr hab mit (nicht) aufgenommen.

Die Flüchtenden und die Kirchen. Eine unerwartete Quelle von Hoffnung und Sinn.

Vom 3.-6.9.2017 berieten an der theologischen Fakultät in Budweis Pastoraltheolog*innen aus einer Reihe ost(mittel)europäischer (Bosnien-Herzegowina, Georgien, Kroatien, Polen, Slowakei, Slowenien, Tschechien, Ukraine, Ungarn) sowie „westeuropäischer“ Länder (Deutschland, Österreich) über die Ankunft von schutzsuchenden Menschen aus Kriegsgebieten in Europa.

Ziel war, Erfahrungen aus dem pastoralen Handeln der Ortskirchen auszutauschen, einander anzuregen, um Vorschläge zu einer Weiterentwicklung einer praktisch-theologischen Migrationspastoral zu machen: an Kirchenleitungen, zu ihrer Verantwortung für die Migrant*innen und Migrationspolitik in den jeweiligen Ländern, für Pfarrgemeinden, Ordensgemeinschaften und alle, die sich der Herausforderung der Migration stellen.

Hier werden Sie über drei Positionen sowie über den Verlauf der Tagung in deren Highlights informiert.

Ertrag

  1. Von den Kirchenleitungen wünschen sich die Pastoraltheolog*innen ein Annehmen der Migration als ein von Gott gegebenes „Zeichen der Zeit“. Dann sind schutzsuchende Menschen eine Zumutung an uns, fördern unsere Menschlichkeit und stärken die Gemeinschaften in Pfarrgemeinden und Orden. Wir sollten sie nicht nur als eine Bedrohung unseres Wohlstands und unserer Sicherheit, sondern auch als eine Bereicherung unserer Kultur und unseres Glaubens betrachten. Zugleich sollen die Kirchenleitungen die Regierungen ihres Landes ermutigen, der eigenen Bevölkerungen mehr Einsatz für Menschlichkeit zuzutrauen. Dabei brauchen sie für die christlich inspirierten Positionen eine säkulare Sprache, also die Sprache der Menschenrechte und der Einheit, jener des Einen Welthauses und der Einen Menschheit in ihr, damit eine Sprache wachsender Gerechtigkeit und dadurch gesicherten Friedens. Eine zusätzliche Aufgabe der Kirche sollte es sein, Brücken zwischen den polarisierten Gruppen zu bauen, sie ins Gespräch miteinander zu bringen und die Diskussion vor „Etikettierungen“ zu bewahren.
  2. Christ*innen werden ermutigt, face-to-face-Begegnungen mit schutzsuchenden Menschen, darunter auch Muslimas und Muslime, zu suchen. Solche Begegnungen haben die Kraft, bequeme Klischees über Fremde, Flüchtlinge und den Islam zu überwinden und in den Schutzsuchenden vor allem Menschen zu erkennen, die nicht nur ein Recht auf Asyl haben, sondern in denen in heilbringender Weise uns auch der Auferstandene entgegenkommt.
  3. Weil Ängste entsolidarisieren, ohne Solidarität aber keine gerechte Welt und damit keinen Weltfrieden zustande kommt, ersuchen die Pastoraltheolog*innen alle Verantwortlichen in den Medien wie in der Politik, vom Schüren von Ängsten abzulassen und stattdessen sich an einer Europäischen wie internationalen Politik des Abbaus von Fluchtursachen zu beteiligen. Wer Angst verbreitet, gewinnt vielleicht Wahlen, verspielt aber die Chance auf eine gerechte und friedliche Zukunft. Auch die Seelsorge in den Ortskirchen wie die Pastoraltheologie als Wissenschaft sollen sich hinkünftig mehr den Ursachen der Ängste, deren Heilung und damit der Entwicklung von Vertrauen und Zuversicht widmen.

Tagungsverlauf und Highlights

Umfragen

Den Ausgangspunkt solcher Überlegungen bildeten Umfragen. Gestützt auf Umfragen in der Slowakei (Jozef Žuffa), Tschechien (Michal Opatrný) und Österreich (Paul M. Zulehner) zeigt sich zunächst, dass selbst kirchennahe Personen unterschiedliche Gefühle haben: es sind Abwehr, Skepsis und Willkommen. Der Vergleich der Forschungen zeigt, dass es einen markanten Unterschied in den „östlichen“ und „westlichen“ Ländern gibt.

Ein Unterschied, der in den Diskussionen oftmals übersehen wird, ist einerseits die große Zahl von Flüchtlingen, die aus der Ukraine kommen, zunächst aus ökonomischen, dann aus kriegerischen und vielleicht künftig noch aus ökologischen Gründen. Andererseits sind in den letzten Jahren hunderttausende Osteuropäer*innen in den Westen gezogen, darunter vor allem junge Menschen.

Unterschiede finden sich auch hinsichtlich der dominanten Gefühle in den Bevölkerungen. Das Gefühl der Abwehr ist selbst unter Kirchenmitgliedern im Osten deutlich stärker als im Westen. András Máté-Tóth hat, gestützt auf einen theoretischen Entwurf von Judith Butler, diesen Unterschied dadurch zu erklären versucht, dass die Länder Osteuropas eine andere „Verwundungsgeschichte“ haben, die Xenophobie mitverursacht und an deren Heilung zu arbeiten ist. Westeuropa sollte zur Heilung beitragen durch Respekt vor der Aufarbeitung der Wunden der Geschichte. Zur Erklärung des Unterschieds trägt auch das Phänomen des im Osten starken „Autoritarismus“ bei, der eine Art Unterwerfungsbereitschaft verunsicherter Bevölkerungen ist. Die Jahrzehnte sowjetischer Herrschaft haben in der Kultur den Typ eines „homo sovieticus“ hinterlassen, der die Freiheitszumutung Europäischer Demokratie ebenso wie Europäisierung oder Globalisierung als Überforderung empfindet.

Mit den historischen Verwundungen und dem Autoritarismus stehen vielgesichtige Ängste (biographische Ängste, soziale Abstiegsängste, kulturelle Entfremdungsängste, die Angst zu kurz zu kommen) in Verbindung. Je höher das Potential an Ängsten in einer Person und in einer Kultur ist, desto mehr neigen solche Menschen zur Abwehr von schutzsuchenden Menschen. Ängste entsolidarisieren: auch in der Flüchtlingspolitik. Umso fataler ist es, dass manche Politiker populistisch Ängste schüren, statt durch eine weitsichtige Migrationspolitik zu vermindern. Aufgabe der Pastoral der Kirche sollte alles sein, was Ängste mindert. Dazu gehört auch die Courage der Kirchenleitung, die eigenen Regierungen zu gewinnen, statt einer Politik mit der Angst eine angstmindernde Politik des Vertrauens zu wagen.

Islam in Europa

Auf dem Symposium wurde unter dem Titel „Moslemische Flüchtlinge – Bereicherung oder Bedrohung für Europa“ der Angst vor dem Islam Aufmerksamkeit geschenkt. Dazu referierten die Fachleute Martin Klapetek und Agata Nalborczyk. Die Angst vor einer Islamisierung ist eines der Argumente vieler Regierungen und in deren Gefolge auch von Kirchenleitungen, keine Migrant*innen aufzunehmen, und wenn schon, dann (so die Umfragen in der Slowakei oder in Tschechien) nur Christen etwa aus Syrien. Die gängigen Klischees, dass jetzt erstmals der Islam nach Europa komme und bestrebt sei, die Macht zu übernehmen, wurden durch eine Fülle von historischen und aktuellen Tatsachen als haltlos entlarvt. So ist der Islam kein neues Phänomen in Europa, das erst mit der Immigration (Gastarbeiter) nach Westeuropa in der zweiten Hälfte des 20. Jh. aufgetaucht sei. Viele Leute sind auch der Meinung, dass das eine Idee der Muslime war, um nach Europa im 20. Jh. anzukommen, dass alle Muslime religiös sind, mit einer Stimme sprechen und eine homogene religiöse Gemeinschaft bilden. In Wirklichkeit lebten Muslime in Europa vor dem 20. Jh., z.B. die polnisch-litauischen Tataren seit 620 Jahren auf dem Gebiet von Polen, Litauen und Weißrussland. Die meisten Muslime im heutigen Westeuropa sind Nachkommen der Gastarbeiter, die von den Europäischen Staaten geholt wurden. Muslime bilden 4-5% der Europäischen Bevölkerung, davon bilden die Autochthonen immer noch die Mehrheit. Unter den Muslimen ist auch große Vielfalt zu beobachten – sowohl eine ethnische (Türken, Bosnier, Albaner, Pakistaner, Araber, Pomaken, Roma, Tataren, Kurden usw.) als auch eine religiöse (Sunniten, Schiiten, Aleviten, Ahmadiyya usw.). Es gibt auch immer mehr so genannte ‚Kulturmuslime‘, da Religion in ihrem Leben keine Rolle spielt (sie gehören keiner religiösen Organisation an, glauben nicht, beten nicht, fasten nicht und besuchen keine Moscheen). Die Einschätzung dieser Vielfalt und der Umgang mit ihr sind anspruchsvoll und ungewohnt.

Der bibeltheologische Befund

Einen tiefschürfenden Beitrag lieferte Regina Polak, eine in einer Theologie der Migration international ausgewiesene Expertin. Sie führte unter dem Titel „Migration – Heimkehr zu Gott und zu seiner Sozialordnung“ aus, dass der ethische Monotheismus wesentlich in der Auseinandersetzung mit Flucht- und Migrationsphänomenen entstanden ist, denen Sinn und Hoffnung abgerungen wurde. Viele biblische Texte im Alten Testament lehren, wie der Fluch der Migration zum Segen wurde: Gelernt wurde die enge Zusammengehörigkeit des Glaubens mit der Verantwortung für eine gerechte Gesellschaft. Auf diese Migrations-Narrative greifen auch viele Autoren im Neuen Testament zurück, um den katastrophischen Erfahrungen ihrer Zeit Sinn abzugewinnen. Migrationserfahrungen werden erinnert und fruchtbar gemacht, um die Herausforderungen der Gegenwart zu bestehen.

Wie einst die biblischen Autoren, steht Europa vor der Aufgabe, in den Phänomenen Flucht und Migration eine unerwartete Quelle für Hoffnung und Sinn zu entdecken. Das ist eine religiöse, ethische und politische Aufgabe. Als ökonomisch-politischer Machtblock steht (West-)Europa freilich nicht auf Seiten der Migrant*innen, sondern eher auf der Seite „Ägyptens und Babylons“. Wenn Europa aber gemeinsam mit den Migrant*innen die innere Einheit der Menschheit in Gott wahrnehmen sowie globale Gerechtigkeit und Solidarität lernt, dann kann Migration zum Gewinn für alle werden.

Kirchenamtliche Stellungnahmen und Praxisbeispiele

Maciej Ostrowski nahm die kirchenamtlichen Stellungnahmen zu Flucht und Migration unter die Lupe. Er konzentrierte sich auf ein nicht allgemein bekanntes Dokument des Heiligen Stuhls: „In Flüchtlingen und gewaltsam Vertriebenen Christus aufnehmen” (2013). Am Anfang reflektierte er den Begriff Flüchtling, um sich dann breit den theologischen Grundlagen für diese Herausforderung zu widmen. Als Gründe, warum die Christen verpflichtet sind, sich um Flüchtlinge zu kümmern, nannte Ostrowski: das biblische Gebot Flüchtlinge aufzunehmen, die Würde jeder menschlichen Person, die Einheit der menschlichen Familie, die Nachahmung der Liebe Gottes zu den Menschen und als wichtigstes Argument – die Erkenntnis und Aufnahme Christi in Flüchtlingen.

Michaela C. Hastetter widmete sich der Taufpastoral in Zeiten der Migration und Dariusz Lipiec den Migrat*innen in der Pfarrgemeinde. Workshops waren Orte des Austauschs und der Vertiefung.

Gefördert war das Symposium von Renovabis und Energie Steiermark. Veranstalter war der POst-Netzwerk ost(mittel)europäischer Pastoraltheolog*innen: www.postnetzwerk.net

 

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