Ein freundschaftlicher Nachruf auf Kardinal Joachim Meisner

Es klingt auf den ersten Blick paradox, wenn ich klage: Ich habe (nach Peter L. Berger) schon wieder einen Freund verloren, der mich sehr beeindruckt hat und von dem ich viel gelernt habe. Kardinal Meisner war, als ich ihn kennen und schätzen lernte, junger Weihbischof in Erfurt. Zu seinen Agenden gehörte die Priesterfortbildung. Ich war noch junger Theologe, da lud er mich als Referenten nach Heiligenstadt ein. Noch habe ich im Ohr, wie er am Morgen in der Messe über das Magnifikat predigte. „Die Mächtigen stürzt er vom Thron“, donnerte er, sprachgewaltig wie er war. Und meinte natürlich die DDR-Machthaber. Kein Blatt nahm er sich vor den Mund. Er predigte politisch, und das polemisch.

Ich machte sodann Bekanntschaft mit ihm als für Renovabis (das Osteuropahilfswerk der Katholischen Kirche in Deutschland)  zuständigen Bischof. Gar nicht gern förderte er die „Aufbruchstudie“ über die religiöse Dimension in den postkommunistischen Staaten Ost(Mittel)Europas. Es sei das letzte Mal, dass Zulehner Geld bekomme, so sein verbürgter Ausspruch bei der abgerungenen Bewilligung von Teilmitteln.

Dann kam unerwartet das Redeverbot für mich in Köln. Ich hatte engagiert an der Pastoralen Entwicklung in Passau mitgearbeitet und dabei viel auch für meine Pastoraltheologie gelernt. Wir gingen damals mit dem großen Bischof Franz Xaver Eder davon aus, dass Gottes Geist wahrhaft in allen Gläubigen zum Wohl seiner Kirche am Werk ist: Bischof Eder setzte auf den „sensu fidei“, der auch durch Papst Franziskus wieder in den Vordergrund tritt. Er war einer, der der Herde manchmal voranging, dann in ihrer Mitte anzutreffen war, und nicht selten hinter ihr schritt – Orte, die Papst Franziskus in Evangelii gaudium den Bischöfen zumutete.

Der Pastoralplan der Diözese „Gott und den Menschen nah“, der unter Bischof Eder zu Pfingsten 2000 „in Kraft gesetzt wurde“, störte auf Betreiben von Kardinal Meisner (und einer mit ihm befreundeten Ordensfrau Tarzisia aus Altötting) insgesamt sieben (!) Römische Dikasterien. Nach dem umgehend angenommenen Rücktritt von Bischof Franz Xaver setzte Rom einen Nachfolger ein, der eben diesen Pastoralplan wieder die Kraft nehmen und gleichzeitig aus Friedensgründen so tun musste, als würde er ihn ohnedies fortführen. Die Diözese erstarrte faktisch eine bischöfliche Amtszeit lang: Erlebt sie inzwischen ein Erwachen, eine „Osterliche Zeit“? Bischof Wilhelm Schraml war in engem Kontakt mit Kardinal Meisner. Als dieser erfuhr, dass ich über die Absetzung des Pastoralplans der Diözese nicht glücklich war und das auch öffentlich als Pastoraltheologe mit einem schon langdauernden Beratervertrag mit der Diözese kundtat, erteilte er mir zur Strafe ein Redeverbot in Köln.

Ich erinnerte mich an unsere vielen guten gemeinsamen Erfahrungen in Heiligenstadt und flog umgehend von Wien nach Köln. Angekommen beim Kardinal erzählte er mir zwanzig Minuten lang von vier homosexuellen Priestern, die ihm vor der Weihe in die Hand versprochen hätten, zölibatär zu leben. Daran hätten sie sich aber nicht gehalten. Was er denn nun tun solle? Er war völlig konsterniert und ratlos, wie ich den mächtigen Kardinal noch nie erlebt hatte.

Dann kamen wir endlich auf das Redeverbot zu sprechen. Er konnte schwer zugeben, dass es eine Strafaktion wegen meiner Aufmüpfigkeit in Passau war. Vielmehr meinte er: „Ich fördere das Volk und sei deshalb gegen das Amt.“ Ich setzte mit einem Ausspruch von Karl Rahner dagegen: „Je mehr Volk, umso mehr Amt brauche es in der Kirche“. Allerdings ein Amt mit anderen Fähigkeiten. Wir redeten uns nach und nach zusammen, und das Redeverbot in Köln war rasch aus der Welt. Lediglich untergebene Dienststellen meinten, sie müssten sich dem Kardinal zuliebe an das zurückgenommene Redeverbot weiter halten.

Vor wenigen Wochen war ich im Maternushaus in Köln zu einem Abendvortrag. Als ich am frühen Morgen vor sieben Uhr zum Bahnhof ging, kam mir – gebückt – der Kardinal entgegen. Ich sprach ihn an, fragte ihn, ob er mich kenne: „Natürlich, der Zulehner!“ – „Und“, so fragte ich liebevoll, “Herr Kardinal, ist noch etwas zwischen uns?“ – „Nein“, sagte er gütig, „alles ist vergeben!“

Chapeau.

Er ruht in Frieden und kann sich nun im Himmel mit Bischof Eder über die Pastorale Entwicklung Passau aus erster Hand unterhalten; ob er nur zufällig in dessen früherer Diözese im Kurort Bad Füssing friedlich entschlafen ist? Und im Licht des erfahrenen Erbarmens Gottes wird er vielleicht auch dankbar sein für die Pastoral des Erbarmens der Kirche unter Papst Franziskus auch gegenüber Geschiedenen, die gegen den erklärten Willen der Kirche wieder geheiratet haben.

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