Messe auf dem Altar der Welt. Fronleichnam heute.

Kleine Zeitung, 15.6.2017

Kleine Zeitung [KZ, Herr Thomas Götz]: Herr Professor Zulehner, können Sie einem Außenstehenden erklären, was zu Fronleichnam gefeiert wird?
Paul M. Zulehner [PMZ]: Christen glauben, dass Tod und Auferstehung Jesu die Vollendung der Zuwendung Gottes zu den Menschen ist. Das wird in jeder Sonntagsmesse gefeiert. Wir feiern, dass im Herzen der Welt, die so profan und säkular daherkommt, eine Wohnung Gottes ist, der die Welt auf der Seite des Guten hält. Das ist die Botschaft.

KZ: Deshalb trägt man das Brot, die Hostie durch die Stadt?
PMZ: Als Zeichen dafür, wofür Religion im Innersten steht.

KZ: Es gibt ein starkes Bedürfnis nach Symbolen. Die Kirche hat in Jahrtausenden viele entwickelt, trotzdem suchen es viele Menschen anderswo. Warum?
PMZ: Das liegt daran, dass in einer nachchristlichen Kultur den Menschen der Zugang zu diesen alten religiösen Symbolen sehr schwer fällt. Uns ist es offenbar als Kirche nicht gelungen, den Sinn der alten Symbole zu erklären.

KZ: Außer Weihnachten.
PMZ: Auch der Trauungsring wird verstanden. Der ist für viele Menschen nach wie vor ein Symbol der dauerhaften Liebe. Ob das dann gut geht oder nicht, ist eine andere Frage. Weihnachten ist für die Leute leichter zugänglich, weil da deutlich wird, wie Gott und Mensch sich verbünden. Das hält die Menschen sehr zusammen.

KZ: Sie haben die Religion der Österreicher untersucht, was glauben sie?
PMZ: In der Entwicklung der letzten 40 Jahren zeigt sich, dass die aufgedrängte Katholizität in unserem Lande langsam zu Ende geht. Religion ist nicht mehr Schicksal. Das ist eine epochale Wende.

KZ: Zum Besseren.
PMZ: Das begrüße ich sehr, weil man nicht glauben kann, wenn es nicht aus der Freiheit der Liebe kommt. Dieser Wandel steht zurzeit ins Haus und offenbar gelingt es den Kirchen relativ schwer, diese Transformation aus dem verordneten Christentum in ein frei gewähltes zu meistern.

KZ: Warum eigentlich?
PMZ: Es gibt viele gesellschaftliche Kräfte, die das nicht gerade begünstigen: den Leuten geht es sehr gut, sie haben viele andere Interessen, sie können sich selber organisieren. Für vieles, wofür man früher die Religion gebraucht hat, braucht man sie heute nicht mehr. Es müsste also klarwerden, dass Religion für den Menschen selber gut ist, dass sie einen riesigen Horizont für sein Leben aufmacht, dass sie hilft, den Tod zu meistern und dass sie uns bereitmacht, das zu werden, wofür wir geschaffen sind, liebende Menschen. Das müsste für die Leute klipp und klar sein, sonst wird es morgen immer weniger Christen geben im Land.

KZ: Fast scheint das Brauchtum das zähere Leben zu haben.
PMZ: Ich glaube, es geht heute weniger um Brauchtum, das ist alles ganz nett. Ich finde, dass es viel gescheiter ist, wenn heute ein Pfarrer sagt, wir beteiligen uns an der Integration der Flüchtlinge, weil das ist ein Anliegen der Welt. Das ist der springende Punkt, dass das Evangelium und die heutige, ganz alltägliche Lebenskultur wieder in eine größere Nähe gebracht werden. Es wird nicht sehr viele vollgläubige Kirchenmitglieder geben, aber es wird eine hohe Sympathie für das Evangelium wieder erzeugen.

KZ: Noch einmal zu Fronleichnam: die Prozession war einmal eine große Machtdemonstration.
PMZ: Eine anti-protestantische Machtdemonstration, aber das hat ja heute keinen Sinn mehr, weil der Konfessionskrieg zu Ende ist. Wir streiten nicht mehr mit den Protestanten.

KZ: Haben sich diese Umzüge überlebt oder soll man das weiterführen?
PMZ: Das kann man weiterführen, wenn man ihm eine tiefere Bedeutung gibt.

KZ: Welche?
PMZ: Wir müssen es herausnehmen aus diesem Religionskrieg und als Zeichen der Sorge Gottes für eine Welt verstehen, in der viel zu viele Menschen an den Rand gedrängt werden.  Das Grundgesetz des menschlichen Miteinanders heißt: kümmere Dich vor allem um den, der Schwächer ist, beug Dich nieder zu ihm, verausgab Dich für ihn. Das ist ja die Botschaft jeder Eucharistiefeier und damit auch dieses Festes der Hostie, die man durch die Stadt trägt. Das meint der berühmte Satz des aufmüpfigen französischen Bischofs Gaillot: „Eine Kirche die nicht dient, dient zu nichts“.

KZ: Könnte auch vom Papst sein.
PMZ: Ja, deshalb ist es auch wichtig, dass die Kirche innenpolitisch Kante zeigt in der Frage, ob wir uns um die kümmern, die Asyl brauchen. Da steht die Kirche wie ein Einser, auch wenn die Politiker noch so sehr wackeln. Sie weigert sich aufgrund dessen, was sie von Gott weiß, das nur als Blauäugigkeit, Dummheit oder Kurzsichtigkeit abtun zu lassen. Sie sagt, das ist das Wesen des Evangeliums, dass wir uns unbeugsam auf die Seite derer schlagen, die es schwerer haben im Leben: nicht nur die flüchtenden Menschen, auch die Armen bei uns, die Misshandelten, die Missbrauchten, die unter die Räder des Lebens kommen.

KZ: Was sagen Sie Christen, die sich gegen die Haltung der Kirche in der Flüchtlingsfrage stellen?
PMZ: Ich respektiere das und würde ihm sagen: wenn Du nicht möchtest, dass wir hier den Flüchtlingen helfen, dann hilf ihnen dort. Gib der Caritas etwas, erfülle Deine Christenpflicht so. Ich würde aber auch sagen: Ich für mich komme nicht darum herum, im Evangelium zu lesen, dass es beim Gericht, bei der Evaluierung meines Lebens heißen wird: Ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen. Oder ihr habt mich eben nicht aufgenommen. Mich bedrängt das sehr.

KZ: Ist das der Kern der Botschaft?
PMZ: Ja, aber ich kann die moralische Keule des Evangeliums nicht Anderen auf den Kopf schlagen. Jeder muss sich selber fragen, bewegt mich dieses Wort so, dass es auch meine politische Option trägt? Das kann ein langer Weg sein und ich habe Respekt vor denen, die diesen Weg nicht gehen, aber eine andere Weise finden, sich für Flüchtlinge einzusetzen. Das ist keine unmittelbare Anleitung für Politiker, sondern eine Frage an Christen: was machst Du mit diesem Satz des Evangeliums? Und es gibt immer noch Christen unter den Politikern.

KZ: Das Thema zu ignorieren geht nicht für Christen, sagen Sie?
PMZ: Da bin ich ein katholischer Universalist. Katholisch heißt nicht konfessionell, sondern universell. Wenn es wirklich stimmt, dass es nur einen Gott gibt, dann ist jeder Mensch einer von uns. Wenn der fünfjährige Aylan Kurdi in der Ägäis ertrinkt, dann ist das, wie wenn ein Mitglied meiner Familie ertrinken würde, weil wir eine Menschheitsfamilie Gottes sind. Das Festhalten an dem einen Gott schafft eine Kultur der universellen Solidarität:  wir Gottesanhänger können uns nicht verabschieden von der Sorge für andere.

KZ: Vieles passiert ja auch durch internationale Organisationen.
PMZ: Es geschieht viel mehr, als wir wahrnehmen, im eigenen Land oder durch die Vereinten Nationen. Die vollbringen ja eine unglaubliche Meisterleistung, um den Hunger in Afrika zu zähmen und den Menschen Wasser und Bildung zu bringen.  Da wird weltweit im Sinn des Evangeliums, auch im Sinn von Papst Franziskus viel geleistet. Als Christ muss man entscheiden, wo kann ich andocken, wo kann ich ein bisschen etwas beitragen, dass die Welt ein menschliches Gesicht behält und nicht aufgeteilt ist in solche, die keine Chance haben, das erste Lebensjahr zu überleben, während wir im Überfluss ersticken. Das kann nicht der Entwurf sein, den ein Christ von der Welt in sich trägt.

KZ: Eigentlich haben Sie jetzt Fronleichnam als Fest gegen die Abgrenzung definiert, als das Gegenteil dessen, was es einmal war.
PMZ: Vom Fest der Ausgrenzung könnte Fronleichnam zum Fest der universellen Inklusion werden. Papst Franziskus hat mit dem Theologen Teilhard de Chardin gesagt, letztlich findet die Feier der Eucharistie am Altar der Welt statt. Die Welt wird verwandelt aus einer Welt der Gewalt in eine Welt der Liebe. Das finde ich eine faszinierend schöne Idee.

 

 

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Eine Antwort zu Messe auf dem Altar der Welt. Fronleichnam heute.

  1. Johanna Spöth schreibt:

    FRONLEICHNAM – Ihr CREDO, Herr Professor – Gott beschütze Sie!

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