Demütigung der arabischen Welt

Islam ist Erbarmen

Es ist dem Chefredakteur Rudolf Mitlöhner von DIE FURCHE (8.6.2017) gelungen, untergründig die „islamische Welt“ für den dämonischen Terror in der Welt verantwortlich zu machen. Nun hat er in vielen Punkten Recht. Es stimmt gewiss, dass Religionsführer im Islam sich zu wenig vom Terror distanzieren und wenn sie dies tun nicht einmal DIE FURCHE davon berichtet. „Der Islam führt derzeit Krieg gegen den Islam“ (Navid Kermani)  wie einst „das Christentum gegen das Christentum führte“ – eine Tragik, um deren reumütige Wahrnehmung die christlichen Konfessionen ja derzeit im Reformationsgedenken nicht herumkommen. Richtig ist auch, dass manche Muslime, die behaupten, solche zu sein, Allah und Gewalt ebenso wenig trennen wie Christen das im blutigen Religionskrieg nach der Reformation auch nicht gemacht haben. Die Weltkriege und die Vernichtung der Europäischen Juden haben im „Christlichen Abendland“ stattgefunden. Und auch heute gibt es Gewalttäter in fundamentalistischen Kreisen des Christentums, die sich in ihrem kriminellen Reden und Tun auf Gott berufen. So viel zum fragwürdigen und letztlich tendenziösen Zitat von Henryk Broder.

Aber es gibt auch unbestreitbar das gewaltfreie Christentum der Bergpredigt und des heiligen Franziskus, wie es auch den gewaltlosen Islam etwa im Sufismus, aber auch bei vielen gläubigen Muslimas und Muslimen gibt. Eine 13-jährige aus Afghanistan (N.T.) sagt über die Terroristen gegen das Büro von Charlie Hebdo: „Die sind nicht Islam. Ich bin Islam. Die sind wie Tiere. Allah hat verboten, unschuldige Menschen zu töten.“ In dieselbe Richtung schrieb Papst Franziskus in Laudato si, dem freilich manche Christen politische Blauäugigkeit unterstellen, der aber unverdrossen mit Juden, Buddhisten und Muslimen usw. betet:

„Die Barmherzigkeit ist auch über die Grenzen der Kirche hinaus bedeutsam. Sie verbindet uns mit dem Judentum und dem Islam, für die sie eine der wichtigsten Eigenschaften Gottes darstellt. Das Volk Israel hat als erstes diese Offenbarung erhalten, die in der Geschichte als der Beginn eines unermesslichen Reichtums bleibt, den es der ganzen Menschheit anzubieten gilt. Wie wir gesehen haben, sind die Seiten des Alten Testamentes voll von Barmherzigkeit, denn sie erzählen von den Werken des Herrn, die dieser für sein Volk in den schwierigsten Momenten seiner Geschichte vollbracht hat. Der Islam seinerseits zählt zu den Namen für den Schöpfer auch den Namen Allerbarmer und Allbarmherziger. Diese Anrufung ist oft auf den Lippen der gläubigen Muslime, die sich in der täglichen Schwachheit von der Barmherzigkeit begleitet und getragen wissen. Auch sie glauben, dass niemand der göttlichen Barmherzigkeit Grenzen setzen kann, denn ihre Tore stehen immer offen.“ [Laudato si. 23]

„In dieser Zeit gewinnt die Beziehung zu den Angehörigen des Islam große Bedeutung, die heute in vielen Ländern christlicher Tradition besonders gegenwärtig sind und dort ihren Kult frei ausüben und in die Gesellschaft integriert leben können. Nie darf vergessen werden, dass sie »sich zum Glauben Abrahams bekennen und mit uns den einen Gott anbeten, den barmherzigen, der die Menschen am Jüngsten Tag richten wird«. Die heiligen Schriften des Islam bewahren Teile der christlichen Lehre; Jesus Christus und Maria sind Gegenstand tiefer Verehrung, und es ist bewundernswert zu sehen, wie junge und alte Menschen, Frauen und Männer des Islams fähig sind, täglich dem Gebet Zeit zu widmen und an ihren religiösen Riten treu teilzunehmen. Zugleich sind viele von ihnen tief davon überzeugt, dass das eigene Leben in seiner Gesamtheit von Gott kommt und für Gott ist. Ebenso sehen sie die Notwendigkeit, ihm mit ethischem Einsatz und mit Barmherzigkeit gegenüber den Ärmsten zu antworten.“ [Evangelii gaudium, 252]

Humiliation

Was aber der geschätzte Herr Chefredakteur Mitlöhner in seinem doch zu vereinfachenden Beitrag völlig übergeht, ist die schon langwährende Demütigung der arabischen Welt durch die westliche Welt (Achtung: nicht der islamischen durch die christliche Welt!) Das hat mit George W. Bush’s Angriff auf den Irak begonnen und wird von Donald Trumps General-Bann ganzer arabischer Nationen fortgeführt. Auch der FURCHE-Beitrag „Die Nerven liegen blank“ demütigt letztlich subtil die arabische Welt durch deren pauschale Verknüpfung mit dem Terrorismus. Solche Demütigung, so der französische Politologe Dominique Moisi (The Geopolitics of Emotion), hat Osama bin Laden zum Terroristen gemacht. Und wer, wie der US-amerikanische Präsident, im Namen der Sicherheit weiter demütigt, verschärft lediglich die Sicherheitslage Amerikas und der Welt.

Politik der Ursachenbekämpfung

Würde Mitlöhner sich auf den Weg einer dergestaltigen Suche nach den Ursachen des Terrors begeben, wäre sein Blick auch frei für eine Politik, die diese Ursachen nach und nach mindert. Er würde dann mehr vom so unendlichen schwierigen Waffenstillstand, über  die Einstellung der Waffenlieferungen, die Bildung von humanitären Korridoren für Scvhutsuchende, vobn einem Marshallplan für Syrien und Afrika schreiben. Jene syrische Frau, die mir sagte, sie habe so sehr Sehnsucht nach ihren Aprikosenbäumen in Aleppo, könnte eine Chance bekommen. Ein solcher Marshallplan wäre eine echte Alternative zur Politik der Demütigung. Das wäre unsere Europäische Art zu leben und weitsichtige Weltpolitik zu machen.

Um den christlichen Kirchen unterstellen zu können, sie würden nicht bereit und/oder imstande sein, von „unserer Art zu leben“ zu sprechen, muss man freilich Augen und Ohren verschließen und aufhören, amtliche Stellungnahmen aus der Kirchenleitung und den theologischen Denktrusts zu lesen. Eine vertiefte Lektüre beispielsweise von Laudato si  oder Gaudium et spes (siehe oben) könnte DIE FURCHE  künftig vor solchen reflexartigen, bedauerlichen und unentschuldbaren Kirchenattacken bewahren.

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