Meditative Miniatur zum Karsamstag: Dismas und die Auferweckung

Bild: Der rechte Schächer. Konrad von Soest, 1404, Wildungen.

Apokryphe Schriften nennt man jene, die über die Geschehnisse um Jesus von Nazareth berichten, aber nicht in das amtliche Verzeichnis der Bibel Eingang gefunden haben. In solchen Schriften wird über Dismas erzählt. Sie schildern ihn als berufsmäßigen Räuber. Er soll schon früh Jesus begegnet sein. Als der König Herodes dem neugeborenen Kind nach dem Leben trachtete, flohen die Eltern mit ihm nach Ägypten (Mt 2,13-15). Dabei soll er diesen den Weg gezeigt haben. Sogar übernachten ließ er sie in seinem Haus. Er war also so etwas wie ein Fluchthelfer und hat dazu beigetragen, dass die Erlösung der Welt nicht durch den kindermordenden Machthaber Herodes abrupt beendet wurde.

Es ist berührend, wie diese gute Tat des verbrecherischen Räubers der Legende nach belohnt wurde. Er blieb zwar weiterhin ein Leben lang Räuber, wurde aber nach fast dreißig Jahren erfolgreichen Ausraubens, aber auch Mordens, gefasst und zum Tod am Kreuz verurteilt. Es wurde ihm aber durch göttliche Fügung das Geschenk gemacht, dass er mit Jesus gekreuzigt wurde. Ort: Jerusalem. Um 30 herum.

Dass es ein Geschenk war, kann man dem kurzen Wortwechsel zwischen dem sterbenden Jesus und den beiden Schächern erkennen.

Das Münchner Neue Testament übersetzt – ganz getreu dem griechischen Urtext – diese Szene so:

„Einer aber der gehenkten Übeltäter lästerte ihn, sagend: Bist du nicht der Christos? Rette dich selbst und uns! Antwortend aber sagte der andere, in anfahrend: Und nicht fürchtest du Gott, weil in demselben Gericht du bist? Und wir zwar gerechterweise, denn Würdiges (für das),  was wir taten, empfangen wir zurück; dieser aber tat nichts Unstatthaftes. Und er sagte: Jesus, gedenke meiner, wenn du kommst in dein Königtum. Und er sprach zu ihm: Amen ich sage dir: Heute wirst du mit mir sein im Paradies.“
(Lk 23, 39-42)

Oder in den Worten der uns vertrauten Übersetzung: „Denk an mich, wenn du in dein Reich kommst!“ Jetzt sagt ihm Jesus das ungemein tröstliche Wort: „Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“ (Lk 22,36-43)

***

Dismas ist in manchen Regionen der Christenheit zu einem hochverehrten Heiligen geworden. Am 26. März wird im Erzbistum Przemyśl jährlich seiner feierlich gedacht. Seine Gebeine wurden in die Thomas-Kirche nach Mailand übertragen und ruhen dort. Er ist der Patron von Gallipoli in Apulien. Er wird als Patron der Fuhrleute und der zum Tode Verurteilten verehrt. Verständlich, steht er doch für einen guten Tod.

Auch dafür, was den Tod zu einem guten Tod machen kann, gibt es eine berührende Legende. Im wiederum apokryphen Evangelium des Gamaliel (dieser hatte den Europaapostel Paulus unterrichtet) wird erzählt, Joseph habe zusammen mit Nikodemus den mit Jesus gekreuzigten Dismas nach Ostern in Christi Grabtuch eingehüllt, worauf auch dieser zu neuem Leben auferstanden sei.

Kann uns Dismas nicht ein gutes Vorbild sein? Zwar sind wir keine gewalttätigen Räuber. Aber wir alle bleiben Gott und einander viel schuldig. Und alle sind wir irgendwie „zum Tod Verurteilte“.

Könnten nicht auch wir hin und wieder zum Gekreuzigten sagen: „Denk an mich…“ Und nicht zuletzt: Könnten nicht auch wir uns gläubig in Christi Grabtuch symbolisch einhüllen? Der Mystiker Paulus hatte in diese symbolische Richtung gefühlt, wenn er an die Gemeinde in Galatien schreibt: „Ihr die ihr auf Christus seid getauft habt Christus angezogen.“ (Ostkirchliche Liturgie nach Gal 3,27). Wenn wir in unserem Inneren uns mit Dismas in das Leichentuch des Auferstandenen einhüllen, dann kann seine Auferstehung auch zu unserer werden.

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