Meditative Miniatur zum Karfreitag: Judas und die Hölle

Bild: Vezeley, Saint-Marie-Madeleine.

 

Er hat ein grausiges Ende genommen. Sein Name ist der Inbegriff des Verräters: „Du bist ein Judas“. Sein Kuss hatte Jesus tief berührt, obgleich er ihn vorhersah und klagend hinnahm: „Judas, mit einem Kuss verrätst du den Menschensohn?“ (Lk 22,48) Judaskuss sagen, wenn ausgerechnet einer unserer Freunde uns verrät. Bei einem Besuch bei Kardinal Meissner sagte er mir: Da war ein Prälat, der bei mir aus und einging. Und dann musste ich erfahren, dass er bei mir hinaus- und ein paar Häuser weiter bei der Stasi hineinging. Sein engster Mitarbeiter hatte ihn verraten. Er war ein Judas.

Die Evangelien sind mit ihm auch nicht gut umgegangen. Er stand dafür, dass er mit jenen kollaboriert hatte, die Jesus ans Kreuz gebracht haben. Sein Verrat wird Sinnbild des Verrates durch das eigene Volk und seine Führung. Judas erhängte sich, nachdem er die dreißig Silberlinge in den Tempel geworfen hatte.

Im Kapitel in der Kirche Saint Marie-Madeleine im französischen Vezeley hängt er am Strick. Sein Mund ist offen, Die Zunge hängt heraus. Der Blick der toten Augen geht ins Leere. Judas ist für viele ein prominentes Opfer der Hölle. Er dient der Abschreckung. Viele werden wie er dort landen, hat man uns als Kinder gepredigt, um uns vor dem Bösen abzuhalten. Dazu wurde Jesus zitiert: „Der Menschensohn muss zwar den Weg gehen, der ihm bestimmt ist. Aber weh dem Menschen, durch den er verraten wird.“ (Lk 22,22)

Das Kapitel in der Kirche von der heiligen Maria aus Magdala in Vezeley zeigt aber Judas ein zweites Mal. Es stellt dar, dass Jesus nach der Auferstehung zum erhängten Judas kommt. Er nimmt ihn vom Strick ab und trägt ihn auf seinen Schultern. Was für eine unglaubliche Wende geschieht. Und welche abgrundtiefe Hoffnung kommt hier zum Vorschein. Die Botschaft ist unüberhörbar. Auch Judas landet am Ende nicht in der Hölle. Denn der Tod Jesu rettet auch ihn.

Am 13. Mai wird Papst Franziskus in Fatima einen Gottesdienst feiern. Vor hundert Jahren ist dort Maria drei einfachen Kindern erschienen. Ich habe als Kind das sogenannte Fatimagebet gelernt, das in den Rosenkranz eingefügt wurde: „O mein Jesus, verzeih uns unsere Sünden, bewahre uns vor dem Feuer der Hölle und führe alle Seelen in den Himmel, besonders jene, die am meisten Deiner Barmherzigkeit bedürfen.“ Die Kinder hatten, so wird erzählt, im ersten Geheimnis einen Blick in die Hölle gemacht. Es ist, als hätten sie die linke Hälfte des Kapitels erblickt und die Deutung, die ihnen Katecheten als Kinder vorgetragen haben. Aber auch in Fatima ist das Ziel nicht zu erklären, dass viele in der Hölle sein werden. Die Botschaften von Fatima richten den Blick vielmehr auf die rechte Hälfte. So kann ich dann heute besser denn als Kind verstehen, dass der Auferstandene alle in seinen Himmel führen wird. Sogar den Judas, den sichersten Höllenkandidaten. Also auch mich. Weil er auch mich dorthin als der Auferstandene auf seinen Schultern tragen wird.

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3 Antworten zu Meditative Miniatur zum Karfreitag: Judas und die Hölle

  1. Elisabeth Nowatschek schreibt:

    Jesus warnt in den Evangelien selbst ca. 27 mal ausdrücklich vor der Hölle. Er will uns warnen, damit wir nicht an diesen schrecklichen Ort kommen. Die Kirche behauptet von niemanden ausdrücklich, dass er in der Hölle ist, das ist nicht ihre Aufgabe. Aber wer will da Jesu eindringliche Mahnungen einfach abtun? Das ist leider nicht katholisch. Freundliche Grüße Elisabeth Nowatschek

    • zulehner schreibt:

      Geschätzte Frau Nowatschek, wer will denn Jesu Mahnungen abtun? Wenn ausreift, was in uns Menschen ist, landen wir alle in der Hölle. Die einzige Hoffnung ist Gott, dem ich viel zutraue – wie eben das Gebeet von Fatima. Am Ende wird Gott alles in allem sein (! Kor 15,28). Frohe Ostern Ihr Paul M. Zulehner

  2. Johanna Spöth schreibt:

    S.g. Frau Nowatschek, es gibt doch Angst gerade genug in unserer Welt – vor unverantwortlichen Politikern, pers. Not, Krankheit und Streit! Warum denn da nicht lieber dem Erbarmen Jesu und Gottes Barmherzigkeit Raum in uns geben – ich finde den Text der Karfreitagpredigt ganz persönlich wunderbar tröstend!

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