Vom Vertrag zum Vertragen. Die Pastoral im Umkreis von Ehe, Familie, Scheidung und Wiederheirat nach der Familiensynode 2015.

Kein Ende der Familie in Sicht

„Familie“ ist für moderne Menschen wichtiger denn je. Sie ist für viele eine Art „Obdach der Seele“. Dort können ihre Urwünsche vorkommen:

  • sie haben einen Namen, erleben sich angesehen, einmalig und unaustauschbar;
  • sie können in Freiheit selbstmächtig ihren Lebensraum gestalten, den Stil ihrer Partnerschaft bestimmen, entscheiden, ob sie Kinder haben möchten und wie viele;
  • sie können sich bei den Menschen, mit denen sie sich verbünden, daheim fühlen.

Vom Ende der Familie kann also keine Rede sein, obwohl viele Pessimisten dieses prognostiziert hatten.

Vom Vertrag zum Vertragen

Weil aber die Menschen ihr familiäres Leben heute frei gestalten können, sind die konkreten Familien sehr vielfältig. Familie ist nicht mehr ein von der Gesellschaft eingerichtetes und von der Kirche geschütztes Fertighaus, sondern eher eine lebenslange Baustelle mit unterschiedlichen Stilen und Einrichtungen. Der Akzent hat sich also von der vorgegebenen „Institution“ zu den schöpferischen, eigenverantwortlichen Personen verlagert. Das hat viele Vorteile gebracht. Persönliche Vielfalt wurde dadurch möglich. Die kleinen Lebenswelten sind maßgeschneidert. Die Menschen, die sie „bewohnen“, sind weniger durch einen Vertrag gebunden – der ist nach wie vorwichtig. Viel bedeutsamer ist aber, ob sich die Menschen auch vertragen. Das ist weniger eine Sache des Willens, sondern der Gefühle.

Gewachsene Zerbrechlichkeit

Aber gibt es etwas Zerbrechlicheres, Vergänglicheres, als Gefühle, auch wenn wir sie als „ewige Liebe“ besingen? „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, so Hermann Hesse. Aber was als Hochzeit beginnt, verändert sich nicht selten alsbald und geht manchmal aus Schuld und Tragik zu Ende. Manche Partnerschaften halten nur wenige Jahre. Aus einem Lebensort wird ein Leidensort. Diesem entfliehen Partner und nehmen oft mit vielen Wunden die Kinder mit.

Dabei wird nicht geleugnet, dass es nicht wenige auch schaffen. Goldene Hochzeiten erzählen davon, dass die Partnerschaft für viele wie eine Goldgrube war und ist. Sie haben buchstäblich einen Goldschatz gefunden, den sie sorgsam hüten. Wie Goldwäscher haben sie es im Lauf der Jahre geschafft, das Gold ihrer Liebe von Verunreinigungen und Schlacken zu reinigen. Man kann den Glanz solcher treu Liebenden auf den Gesichtern aufleuchten sehen, wenn fünfzig Jahre gefeiert werden.

Auch kirchlich getraute Paare

Diese Entwicklung ist auch an den Partnerschaften gläubiger Kirchenmitglieder nicht vorübergegangen. Oftmals geht eine gemeinsame Geschichte zu Ende, auch wenn die Erinnerungen als Schicht im Gedächtnis nie gänzlich verschwinden. Dann stellt sich aber in einer kalten und entnetzten Gesellschaft vielen die Frage, wie sie nach einer Trennung oder Scheidung wieder glücklich werden können. Ein neuer Partner, eine neue Partnerin tritt ins Leben, neues Glück stellt sich ein, mit diesem dann und wann ein weiteres Kind. Nach dem Zerbrechen eines Treueschwurs wird neuerlich Treue geschworen.

Die katholische Kirche tut sich damit wegen der Treueforderung Jesu schwer. Die unverbrüchliche Treue von Liebenden soll die unverbrüchliche Treue Gottes zu uns, seinem Volk, seiner Menschheit widerspiegeln. Die Liebe ist eine Art Lesehilfe dafür, ein Sakrament, das zugleich aufdeckt und bestärkt. Wie soll dann nach dem Aufkündigen der Treue jemand neuerlich von der Unverbrüchlichkeit der Treue Gottes Zeugnis geben? Kann das glaubhaft sein? Das hat die Besorgten und Gesetzestreuen veranlasst, solche „Zweitehen“ nicht als „Ehen“ zu bezeichnen. Es könnten nur Notfalls-Lebensformen sein, irgendwie irreguläre Verhältnisse. Sie würden ein ständiger Hinweis auf den Bruch des ein für alle Mal gegebenen Eheversprechens sein. Von einem dauerhaften „objektiv sündigen Zustand“, nämlich bleibendem Ehebruch, sei die Rede. Damit gehe auch einher, dass der Zugang zur Feier der Eucharistie verwehrt werden müsse. Dazu werden die strengen Worte des Evangeliums zitiert, die von der Wiederherstellung des Traums Gottes von der Liebe zeugen. Die Kirche würde die Tradition verraten, würde sie den Ehebruch vergeben und die zweite Ehe als gottgefällig anerkennen. Akribisch sei daran festzuhalten, mahnen die Strengen.

Pastoral des heilenden Erbarmens

Diese pastorale Schule kreist um Gebot, Sünde und Schuld. Dabei ist ihr auch nicht ganz geheuer, weil sie nicht wenige Betroffene arg leiden sieht. Sie sehen auch, dass Ehe aus einem unentflechtbaren Gemenge von Schuld und Tragik zu Ende gehen können. Sie nehmen sogar an, dass Gott niemanden auf Dauer auf dem Boden liegen lässt. Mag ja sein, so kann man lesen, dass Gott im Einzelfall vergibt. Aber die Kirche kann solchen Menschen nicht vergeben, wenn sie nicht die Treueforderung Jesu verraten will. Notfalls könnten solche Menschen sogar „geistlich“ (also kirchengemeindlich) unsichtbar zur Kommunion gehen: aber nicht im Gottesdienst der Gemeinde. Ist aber solches Denken in jeder Hinsicht schlüssig? Ist der Satz: „Gott vergibt. Aber die Kirche kann nicht vergeben!“ nicht eine Art Selbstabschaffung der Kirche? Ist es nicht die edelste Kernaufgabe der Kirche Gottes, in Zuspruch und sakramentaler Feier erfahrbar zu machen, dass das Innerste Gottes, seine Wahrheit also, sein Erbarmen ist?

Papst Franziskus hat einen neuen Weg eröffnet, nachzulesen in seinem Apostolischen Schreiben „Amoris laetitia“ (Die Freude der Liebe, Rom 2016). Er folgt damit Pionieren in der Ehepastoral, wie Kardinal Franz König oder den Oberrheinischen Bischöfen. Er geht aber auch in die Schule der Ostkirchen, die zwar akribisch die Treueforderung Jesu verkündigen, aber zugleich dem Bischof auftragen, in seiner Kunst als Hausvater („Ökonom“) der Kirche einen Weg zurück in die volle kirchliche Gemeinschaft zu finden. Die Ostkirche verbindet daher „Akribie“ mit der „Oikonomie“, Strenge in der Weisung und Güte auf dem Weg des Lebens mit all seinen Auf und Abs.

Im Einzelfall gewissenhaft einen Weg gehen

Und so sieht die neue pastorale Kultur aus, zu welcher Papst Franziskus die Bischöfe der Weltkirche gewinnen will. Ist ein gegebenes Treueversprechen unwiederherstellbar zerbrochen, dann ist es zu allererst die Pflicht der Betroffenen, vor Gott zu treten und im eigenen Gewissen die Situation zu erwägen. Und wurden anderen und sich selbst Wunden geschlagen, gilt es einen Bußweg einzuschlagen, welcher einzig und allein der Heilung der Wunden dient. „Die Kirche kann das Gewissen der Menschen bilden, aber nicht ersetzen“, so der Papst pointiert. Sie kann die Menschen pastoral unterstützen, vor Gott die eigene Situation zu erwägen und zu klären. Dazu stellt sie erfahrene Seelsorgerinnen und Seelsorger zur Verfügung. Der Bischof benennt solche und kümmert sich um deren Ausbildung. Und wenn Betroffene und Begleiter dem Bischof bezeugen können, dass der Heilungsweg weit genug vorangeschritten ist, bescheinigt der Bischof schriftlich die Aufnahme in das volle Leben der Kirche.

Diese pastorale Anweisung verlangt nach Durchführungsbestimmungen seitens der Bischofskonferenzen. Wer begleitet, werden sie gut ausgebildet, welche Fragen sind zu besprechen, wann ist die Heilung weit genug fortgeschritten, wie bescheinigt der Bischof die volle Aufnahme? Wie macht er diese Entscheidung im Gottesvolk öffentlich?

Noch ist also der Weg der Synode nicht zu Ende. Der Vorteil der Kirche in Österreich besteht darin, dass sie seit der Zeit von Kardinal Franz König, damals gestützt von seinem jubilierenden Weihbischof Helmut Krätzl (Glückwunsch!), längst viele Erfahrungen sammeln konnte. In den meisten Pfarren des Landes hat sich eingebürgert, was die Familiensynode nunmehr zu einem legitimen Weg der Pastoral erklärt hat.

Erstveröffentlichung im Pfarrblatt St. Hubertus Wien (Dezember 2016), Kurzbericht in der Kärntner Kirchenzeitung (Jänner 2016; auch KathPress vom 20.1.2017)

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