Elisabeth Mayer : Keine Angst – wie wir durch Hoffnung zum Handeln kommen

Elisabet Mayer ist Präsidentin der Katholischen Aktion Salzburgs. Sie deutet in ihrer Grundsatzrede bei der Vorstellung des neuen Präsidiums „KA“ als „keine Angst!“.

Es war ein katholischer Heiliger und Märtyrer, der vor 500 Jahren das Standardwerk des Fortschrittsglaubens geschrieben hat – der englische Staatsmann Thomas Morus nährte mit seinem Roman „Utopia“, den Glauben an eine positive Zukunft. Wie anders ist doch die Stimmungslage heute. Der Fortschrittsglaube ist ins Stocken geraten, Zukunftsangst ist bei vielen Menschen spürbar. Die Angst vor Fremden, vor Globalisierung, die Angst vor sozialem Abstieg und schärferer Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt. Kein Wunder, dass die Sehnsucht vieler Menschen nicht mehr in die Zukunft gerichtet ist, sondern eine Art Heimweh nach einer vergangenen, sicheren und übersichtlichen Welt ausgebrochen ist. Der polnisch-britische Soziologe Zygmunt Baumann hat dafür bereits den Begriff Retrotopia geprägt.

Mit dem unmöglichen Versprechen, dafür zu sorgen, dass es wieder so wird, wie es einmal war, werden zur Zeit Wahlen gewonnen. Das Schüren von Ängsten und das Bestärken von Wutbürgertum bringen Stimmen. Die Flüchtlinge müssen für alles herhalten, was in der Gesellschaft nicht optimal läuft. Die Migration wirkt vielfach als Spiegel für Stärken und Schwächen unserer Gesellschaft, beobachtet die Wiener Pastoraltheologin Regina Polak. Die Migration weckt das Beste und das Schlechteste in den Menschen, auf der einen Seite das große zivilgesellschaftliche und kirchliche Engagement, auf der anderen Seite werden psychische, spirituelle und ethische Probleme verstärkt oder überhaupt ans Tagelicht gehievt, die Migration macht die Ängste in der Gesellschaft sichtbar.

Auch die spirituellen Ängste, die uns bedrücken. Migranten erinnern uns an die Zerbrechlichlichkeit und Verwundbarkeit des Menschen, sie machen uns bewusst, dass unser Leben auf der Butterseite der Welt unverdient ist. Es ist keines Menschen Verdienst, in Salzburg geboren worden zu sein. Sinn- und Orientierungslosigkeit, die Erinnerung an Schuld und Mitverantwortung für das rücksichtslose Ausbeuten armer Länder , die Erinnerung an die Notwendigkeit von Veränderung, Aufbruch, Wandel und Umkehr ist nicht angenehm und macht Angst. (vgl.Regina Polak)

Die Zeichen der Zeit zu erkennen und im Licht des Evangeliums zu deuten ist allen Getauften aufgetragen, als Katholische Aktion nehmen wir diesen Auftrag als offizielle Laienorganisation der Erzdiözese Salzburg wahr und leiten daraus die Grundzüge unseres Engagements ab. Die Katholische Aktion steht – gemäß ihren Leitlinien – für die zeitgemäße Präsenz lebensnahen Christentums in der Gesellschaft. Und das ganze – wie es in den kirchlichen Dokumenten heißt – unter der Oberleitung der Hierarchie. Ich bin jetzt keine Spezialistin für Oberleitungen – das ist im Präsidium eindeutig der Bahn- und Obusexperte Gunter Mackinger – aber bei der Vorbereitung hat mir das Bild zunehmend gefallen. Ich kann mit dem Obus nach Aigen oder nach Lehen fahren, in die Gnigl oder nach Maxglan. Im Obus bin ich bei den Menschen, mitten im Leben, und wenn die Endstation nicht mein Ziel ist, dann muss ich eben zu Fuß weiter.

Für mich ist diese galoppierende Angst in vielen Lebensbereichen ein Zeichen der Zeit und daher bedeutet für mich KA nicht nur Katholische Aktion, sondern auch Keine Angst!

Mit einem aufmunternden Zuruf allein werden wir aber die Angst nicht besiegen. Wer nicht an einen rosaroten Elefanten denken soll, wird nur noch an rosarote Elefanten denken.

Es klingt wie ein Gemeinplatz, aber es gibt kaum eine negative Erscheinung, gegen die Bildung nicht hilft. Wer nichts weiß, muss alles glauben, wer nichts weiß, muss sich vor allem fürchten.

Facebook, das hin und wieder doch ein Buch der Weisheit ist, verdanke ich die Einsicht „Wenn in einem Land mit einer Flüchtlingsquote von 0,2 Prozent 20 Prozent AfD wählen, muss dieses Land nicht die Flüchtlingspolitik ändern sondern die Bildungspolitik. Beispiele aus Österreich erspar ich Ihnen.

Wie lässt sich also dieser Berg an Ängsten abtragen?

In der Bibel wird uns immer wieder zugerufen „fürchtet euch nicht“. 365 mal soll dieser Zuspruch in der Bibel stehen, die Zählung ist unterschiedlich. In wenigen Wochen- zu Weihnachten- werden wir wieder hören, wie die Engel bei Jesu Geburt den Menschen diesen Zuspruch gaben. Fürchtet Euch nicht – auch der auferstandene Jesus selbst spricht dies jenen zu, deren Hoffnungen gescheitert sind und die vielleicht eine ähnlich existenzielle Angst verspürt haben wie wir heute.

Die Auseinandersetzung mit dieser Botschaft hat die deutsche Kanzlerin Angela Merkel gemeint, als sie die Deutschen ermunterte, sich mit der eigenen christlichen Kultur zu beschäftigen, dem Sinn der Feiertage und der Bibel. Sie wurde bewusst oder unbewusst als Retterin des Blockflötenspiels unter dem Christbaum missverstanden und belächelt.

 

Der Theologe und Werteforscher Paul Michael Zulehner hat sich mit dem Zwischenruf „Entängstigt Euch“ dem aktuellen Thema Flucht und Migration gewidmet. Der geistliche Assistent der Katholischen Aktion Österreichs, dem meine  KA-Deutung sehr gut gefallen hat, schreibt darin, es gelte angesichts der Migrationsströme nicht, das „christliche Abendland“ zu bewahren, denn die kulturelle und religiöse Vielfalt sei unumkehrbar. Vielmehr sei „das Christliche im Abendland zu retten“. Zulehner zeigt sich“erstaunt, dass das christliche Abendland vor dem Islam gerettet werden soll, aber niemand danach ruft, dieses vor dem pragmatischen Atheismus so vieler und dem überzeugten Atheismus weniger zu retten„.

Das Problem Europas sind nach den Worten Zulehners „nicht die kraftvoll gläubigen Muslime und Muslimas, die zu uns kommen und unter uns leben. Das Problem sind die vielen schwach gläubigen Christinnen und Christen“. Und: „Wer schwach ist, bekommt eher Angst.“ Zulehner warnt: „Wer also das christliche Abendland mit unchristlichen Mitteln zu retten versucht, wird seinen Untergang beschleunigen.“ Nur eine christliche Realpolitik, die diesen Namen auch verdient, werde „das Christliche im Abendland“ retten.

 

Brauchen Sie hier wirklich das Stichwort Mindestsicherung? In der Realpolitik halte ich die Stimme der Katholischen Aktion für unverzichtbar. Keine Angst, es kommt jetzt nicht zu jedem politischen Tagesthema eine Stellungnahme der KA, doch in wesentlichen Fragen braucht es diese Stimme, oft reicht es , auf das auch von den Bischöfen approbierte ökumenische Sozialwort der Kirchen zu verweisen, ein selten klares kirchliches Dokument. Ich finde die KAÖ-Präsidentin Gerda Schaffelhofer macht das auf dem Wiener Parkett ausgezeichnet.

 

Die Pastoraltheologin Regina Polak von der Universität Wien sieht aktuell die große Herausforderung, Angst, Hass und Neid in Hoffnung zu verwandeln.

Welche Hoffnung meint sie? Hoffnung ist für sie kein reiner Optimismus, keine Garantie für Wohlstand und Sicherheit, Hoffnung ist die Fähigkeit, mit Verlust, Trennung und Ohnmacht umzugehen, Hoffnung ist eine geistige Orientierung, die in schwierigen Zeiten die Ausrichtung auf Gott und seine Verheißungen nicht verliert, Hoffnung ist nicht bereit, dem Leid und dem Bösen das letzte Wort zu lassen. In den Volksmund übersetzt: Wenn du glaubst, es geht nicht mehr, kommt irgendwo ein Lichtlein her.

 

Aber lässt sich Hoffnung lernen? Ja, sicher!

Wir könnten Zukunftsbilder entwickeln: In welcher Gesellschaft wollen wir leben? In welcher Welt wollen wir leben? Der Zukunftsprozess, den die Kirche von Salzburg heuer zu Pfingsten gestartet hat, steht unter dem Motto „Gott und die Welt“. Wenn wir (als KA) Zukunft ins Gespräch bringen, dann dürfen weder die Verheißungen der Heiligen Schrift nicht fehlen – Ich sage nur – Selig die Friedensstifter – noch die mutmachenden Erfahrungen im Bemühen um Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung.

Regina Polak schlägt Biotope der Anerkennung vor zum Hoffnung-Lernen: Lebensräume, in denen Partizipation, Kooperation, Anerkennung von Diversität, Zugehörigkeit, Angenommen- und Ernstgenommen sein erlebt werden. Ich finde, die Katholische Aktion ist so ein Biotopkataster, der die ganze Diözese mit solchen Lebensräumen überzieht, von der Jungschargruppe bis zur Plattform für Menschenrechte, von Vater-Kind-Wochen bis zu den Spiri-nights für Jugendliche.

 

Hoffnung lernen – Im Lebensstil könnten Alternativen zum Ökonomismus, der alle Lebensbereiche erfasst hat, aufleuchten. Für mich gehört da auch das Ehrenamt dazu, in dem tausende Menschen täglich zeigen, dass Geld nicht das wichtigste ist. Die Katholische Aktion lebt wesentlich vom Ehrenamt, sie gibt Menschen die Gewissheit: Du kannst etwas tun, dein Beitrag zu Kirche und Gesellschaft ist willkommen.

 

Etwas salopp gesagt, der Glaube kommt vom Hören, die Hoffnung kommt vom Tun ! Die amerikanische Religionswissenschafterin und Umweltaktivistin Joanna Macy unterscheidet zwei Arten von Hoffnung: Passive Hoffnung wartet darauf, dass äußere Wirkkräfte das herbeiführen, was wir uns wünschen. Hoffnung durch Handeln bedeutet, dass wir uns aktiv daran beteiligen, das herbeizuführen, was wir erhoffen“ .

 

Die KA nimmt die Herausforderung gerne an, das biblische „Fürchtet Euch nicht“ in den Alltag hineinzutragen, ganz im Sinne des Konzilsdekretes über die Laien und päpstlicher Ermunterungen. Johannes Paul II befand – die Kirche braucht Laien, die in der katholischen Aktion gelernt haben, die Radikalität des Evangeliums in der Normalität des Alltags zu leben“ und Papst Franziskus redete jüngst im September Religionslehrern ins Gewissen: „Wir sind keine Unglückspropheten“ Den Gott der Hoffnung verkündet man, indem man im Heute das Evangelium der Liebe lebt, ohne Angst, es auch mit neuen Formen der Verkündigung zu bezeugen.

KA – keine Angst – wir kommen durch die Hoffnung zum Handeln und sind – wie es im ersten Petrusbrief steht – stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die uns erfüllt.“

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Eine Antwort zu Elisabeth Mayer : Keine Angst – wie wir durch Hoffnung zum Handeln kommen

  1. Franz Schallhas schreibt:

    Niemand kann die ganze Welt auf seine/ihre Schultern nehmen. Aber jeder/jede kann tun; was er/sie kann. Da kommt bei 7 Mrd. Menschen ganz schön was zusammen.

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