„So wahr mir Gott helfe!“

Angenommen, ich erliege nicht der menschheitsalten Versuchung, „aus einem unpassenden einen uns passenden Gott“ zu machen, ist es mutig zu sagen „So wahr mir Gott helfe!“ Denn wenn Gott wirklich „hilft“, ist das ziemlich gefährlich.

Der wahre Gott ist ein einziger. Er wird gläubig besungen als der Schöpfer der einen Welt und aller Menschen. Alle sind seine Ebenbilder. Daher lautet die Formel: „Wenn nur ein Gott ist, dann ist jede und jeder eine und einer von uns!“ Das gilt für Omran Daqneesh, der blutend im Rettungswagen sitzt, nachdem er aus den Trümmern eines bombardierten Hauses in Aleppo gerettet worden war und der hilflos versucht, seine blutige Hand am Sitz abzuwischen. Einer von uns ist Aylan Kurdi, tot angeschwemmt an der Küste wie seine Mutter und sein Bruder. „Einer von uns“ sind die bald 5000 Ertrunkenen des Jahres 2016 im Mittelmeer. Zur Menschheitsfamilie gehören die vielen Hoffnungslosen in Afrika und jene die auf Flucht sind, weil sie durch Umweltkatastrophen vertrieben worden sind.

Es geht hier noch gar nicht um die Frage, ob wir all diesen helfen sollen und können. Aber es gibt – so wahr mir Gott helfe – eine tiefe Einheit in der Schöpfung; das eine Welthaus, von dem Papst Franziskus in seiner Umweltenzyklika schrieb, was nach Fukushima jedem Nachdenklichen klar ist; das eine Weltboot, in das niemand aufzunehmen ist, weil alle schon in diesem sitzen. Da gibt es keine Eindringliche, vor denen etwa Europa sich abschotten müsse. Die moderne Quantenphysik ahnt diese Einheit allen Seins, um die seit Aristoteles bis Ken Wilber alle Philosophen wissen, wenn sie von einer Grundresonanz reden, von der alles erfasst ist. Die Wirtschaft ist längst Weltwirtschaft geworden. Globalisierung ist zum Weltschicksal geworden.

Die Rückseite der Einheit ist universelle Solidarität. Diese Solidarität ist kein frommes Gefühl, sondern die starke Tugend der Gerechtigkeit, so Papst Benedikt XVI. eindringlich in „Deus caritas est“ (2005). Sie hat mit feudal-gönnerhaft verstandener Nächstenliebe nichts zu tun. Mit ihr verträgt sich nicht, dass 65 Millionen auf der Flucht sind, darunter 40 Millionen Kinder. Mit dieser Solidarität ist auch der in Europa und den Vereinigten Staaten aufkeimende Nationalismus nicht vereinbar. Man kann in der Europäischen Familie nicht schutzsuchende Menschen, die traumatisiert vor Krieg und Terror geflohen sind, nach Europa abschieben. Es ist unsinnig, Italien oder Griechenland zuzumuten, als Erstaufnahmeland alle Geflohenen aufzunehmen. Dublin 2 war ein „Gesetz“ innereuropäischer Entsolidarisierung. Man hat Italien mit Lampedusa im Regen stehen lassen. Der Papst hat genau deshalb seine erste „Auslandsreise“ aus dem Vatikan hinaus nach Lampedusa gemacht und später nach Lesbos, um Solidarität innerhalb der Europäischen Familie einzumahnen. Ob es ihm nicht Kandidaten für das höchste Amt in einem Mitgliedsland der Europäischen Familie nachmachen sollte? Es wäre ein Geste staatsmännischen Einfühlungsvermögens, würden unsere Kandidaten für das höchste Amt im Staat nach Lesbos reisen und nicht zu den Grenzzäunen Mazedoniens, nach Lampedusa und nicht zur Frontext. Oder sie machen einen Gastbesuch im Flüchtlingslager der UNO in Jordanien. Es ginge auch näher: Ein Besuch im Haus Ibrahim in Stockerau, dort ein Abendessen mit 15 unbegleiteten afghanischen Jugendlichen. Dabei könnten diese ihre dramatische Fluchtgeschichte erzählen. Oder sie könnten sich von einer 13jähringen aus Südafghanistan ihre Flucht erzählen lassen, die vor den Talibans (der Vater umgebracht) in den Nordiran geflohen, mit der Mutter und dem Bruder über die Türkei (dort verlieren sie den Kontakt zu Mutter) nach Europa, jetzt aufgenommen von den Don-Bosco-Schwestern als unbegleitetes Flüchtlingskind. Es würde sie berühren, könnten sie von ihr hören, wenn sie unter Freudentränen sagt: „Hier in Stams kann ich zum ersten Mal in meinem Leben zur Schule gehen!“ Hier zeigt sich wahre Solidarität.

Aber, so entgegnen viele, wir können als kleines Land nicht die Not der Welt beheben. Richtig. Daher Europa, daher die UNO, daher braucht es internationale Solidarität und nicht nationalistische Abgrenzung. Es braucht Universalität und nicht Provinzialität. Aber, so viele Politiker, das mache den Menschen sozial und kulturell Angst, wenn wir keine Obergrenzen einziehen. Nun, das Asylrecht lässt keine Obergrenze zu. Die Begrenzung geht nur durch Behebung der Fluchtursachen, durch humanitäre Korridore, durch einen Marshallplan für Syrien „danach“, auch für Afrika.

Aber noch einmal: „Man müsse doch die Ängste der Menschen ernstnehmen“. Ja, sage ich, aber dann beginnt erst die Arbeit. Was gehen Politiker mit den Ängsten um? Mindern sie diese durch eine staatsmännische Politik des langen Atems oder mehren sie diese durch eine kurzsichtige Parteipolitik?

Eine Frau, die sich in der Arbeit mit Schutzsuchenden seit Monaten engagiert, hat verstanden, was dieser risikofreudig plakatierte Satz in Wahrheit bedeutet. Sie sagt, es bringt mir viel an Dankbarkeit, ich reife als Mensch. Dabei leugne ich nicht, sagt sie, dass es nicht immer leicht ist. Aber ich schaffe das, sagt sie mit Stolz, denn ich fühle dabei „göttlichen Rückenwind“. So wahr mir Gott helfe.

Nicht wenige im Land setzen sich ein wie diese Frau. Sie hetzen nicht, sie helfen. Sie leben Gastfreundschaft, pflegen Patenschaften mit Familien der Schutzsuchenden. Sie ertragen es, dass sie wegen ihrer Hilfsbereitschaft dumm angeredet, ja manchmal verspottet werden. Sie lassen sich von ihrem Einsatz nicht abbringen. Es wäre hilfreich, könnte auch ein künftiger Bundespräsident diesen Menschen den Rücken stärken, wie Heinz Fischer das ausdrücklich gemacht hat. Es wäre schön, könnte die Hilfsbereitschaft im Land gleichsam „aushofern“, so wahr mir Gott helfe.

 

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4 Antworten zu „So wahr mir Gott helfe!“

  1. Dr. wolfram frank schreibt:

    Herr Priofessor Zurlehner , ich würde Ihnen dringend raten sich politisch neutral zu verhalten : Herr van der Bellen ist Atheist und Herr Hofer hat u seren katholischen Glauben verraten . WEN KÖNNNEN wir als gläubige Katholiken wählen ? Auch Sie haben darauf keine Glaubwürdige Antwort !,

  2. Dr. wolfram frank schreibt:

    Einverstanden ,dass wir Fremde in christlicher Nächstenliebe aufnehmen , aber wie eine realistiche Politik aussehen muss , die z. Bsp die Fluchtursachen in den afrikanischen Ländern bekämpft, überlässt Mt 25.35 uns Menschen in christlicher Verantwortung.

    • zulehner schreibt:

      Viele retten sich angesichts dieser Herausforderung, indem sie der Religion die Gesinnung der Politik die Verantwortung zuteilen. Max Weber hat das vor vielen Jahrzehnten so vorgeschlagen. Das finde ich grundsätzlich richtig und betone daher, dass die Gesinnung die Richtung zeigt, die Politik die Schritte in diese Richtung auskundschaftet und tapfer geht. Heute scheint das Problem zu sein, dass die Politiker die Verantwortung beschwören, ihnen aber oftmals die Orientierung, die Gesinnung fehlt. Es ist zu wenig, sich bloß wahltaktisch an den Ängsten der Menschen auszurichten. Viele Christinnen und Christen im Land beklagen heute, dass die Christlichsozialen Parteien (denen sie lange die Treue gehalten haben) in Europa (ich sehe von der Partei von Angela Merkel abgesehen) nicht mehr „christlich“ und die sozialistischen Parteien nicht mehr sozialistisch sind. Zugleich beobachte ich aber, dass es in diesen Parteien eine Neubesinnung auf die alten Werte gibt. Nur wenn das gelingt, wird es zu einer „Auferstehung der politischen Mitte“ kommen, die ja in Österreich in den letzten Wahlen fatal implodiert ist. Angela Merkel hingegen, die standhafte Pastorentochter und kluge Staatsfrau mit langem Atem wird die nächste Bundestagswahl in Deutschland trotz leichter Verluste gewinnen.

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