Der Glaube kann helfen, von Angst zu heilen.

„Es wird keinen Frieden in der Welt geben ohne den Frieden zwischen den Religionen“,
sagt Paul Zulehner.

„Die Angst vor der Islamisierung ist eher eine Selbstoffenbarung der Christen über die eigenen Unsicherheiten im Glauben und damit verbunden den eigenen schlechten Zustand“, sagt Pastoraltheologe Paul Zulehner im SONNTAG-Interview. Die Antwort sieht er in der Stärkung des eigenen Glaubens.

Sie haben sich in einer Online-Umfrage zum Flüchtlingsthema über die Ängste der einheimischen Bevölkerung erkundigt. Welche Ängste bestehen bei den Menschen?

Paul M. Zulehner: Die Menschen haben sehr vielfältige Ängste. Da ist die Angst, dass der Partner weggeht, dass man krank wird. Dann kommen seit der Finanzkrise sehr stark soziale Abstiegsängste dazu, vor allem bei Menschen, die in der unteren Mittelschicht leben: dass sie den Arbeitsplatz verlieren, dass die Wirtschaft die Flüchtlinge über Lohndumping bevorzugt und es noch mehr Konkurrenz gibt, dass man nicht mehr zu einer bezahlbaren Wohnung kommt. In eine andere Richtung gehen Ängste, die typisch sind für unsere moderne, dem Diesseits verhaftete Kultur, dass die Menschen sagen: „Der Himmel ist nicht mehr vorhanden, wo ich meine nicht erfüllten Wünsche auslagern kann, also muss ich alle diese jetzt in dieser Zeit erfüllen.“ Das macht das Leben sehr anstrengend. Die Menschen haben die Angst, zu kurz zu kommen, und wo diese Angst herrscht, so Marianne Gronemeyer in ihrem berühmten Buch „Leben als letzte Gelegenheit“, tut sich der Mensch mit Solidarität anderen gegenüber sehr schwer, weil der andere ein Glückskonkurrent wird.

Zu welchem Ergebnis kommen Sie nach Auswertung der Umfrage?

Paul M. Zulehner: Je stärker das Potenzial der Angst im Menschen ist, umso eher neigt er schutzsuchenden Menschen gegenüber zu Ärger, zu Abwehr. Wenn es jemand ganz auf die Spitze treibt, neigt er zu Hass und auch zu Gewalt. Wenn die Angst relativ klein ist, die Zuversicht und das Vertrauen größer werden können, dann sind Menschen zu einer belastbaren Solidarität fähig und setzen sich bei Hilfswerken, beim Roten Kreuz, bei „Ärzte ohne Grenzen“, in vielen Pfarrgemeinden ein. Sie sagen mit Zuversicht: „Wir tun uns zusammen mit denen, die kommen, wir heißen sie willkommen und wir sehen zu, dass sie in diesem Land integriert werden.“ Manche gehen dann noch einen Schritt weiter: „Das ist auch ein Zuwachs an Vielfalt und eine Bereicherung kultureller Art in unserer Gesellschaft.“

Wie können wir die große Herausforderung der großen Zahl an Flüchtlingen als Zeichen der Zeit lesen?

Paul M. Zulehner: Es ist eine enorme Herausforderung für alle, die ein menschliches Herz haben: also letztlich für jede und jeden. Wenn man in Richtung Zivilgesellschaft schaut, zeigt sich unser Land in Fragen der praktizierten Nächstenliebe wesentlich stärker als man es uns zugetraut hat. Aber es braucht auch zugleich eine Politik, die auf Solidarität setzt und nicht auf Entsolidarisierung. Ich denke an die Worte des amerikanischen Präsidenten Roosevelt 1933 nach der großen Weltwirtschaftskrise: „The only thing we have to fear is fear itself. Das Einzige, was wir wirklich fürchten müssen, ist die Angst selbst.“ Eine der ganz großen Gefahren in der Politik ist, dass man sagt, wir müssen das eigene Land so sehr schützen und wir müssen die Ängste der Leute so sehr berücksichtigen, dass wir eigentlich nicht mehr in der Lage sind, eine solidarische Politik zu machen, sondern eine Politik der Angst betreiben. Ich höre von unserer Regierung, dass wir jetzt munter dabei sind, Europa zur Festung auszubauen, was gemessen an wirtschaftlichen, sozialen, friedenspolitischen Überlegungen erstens nicht funktionieren wird und zweitens nicht zielführend ist.

Welche Rolle spielt die Kirche in dieser Flüchtlingszeit?

Paul M. Zulehner: Wo immer Kirchen- und Pfarrgemeinden anfangen, sich der Flüchtlingsfrage zu stellen, kommen auch junge Menschen wieder. Das ist ein Phänomen, das die katholische Kirche in den letzten Jahren als Erfahrung verlernt hat. Ich nenne das Beispiel Probstdorf: 40 Flüchtlinge leben in Containern hinter dem Pfarrhof. Die Leitung übernimmt ein 22-jähriger BWL-Student mit der Jugendgruppe, auch die Firmgruppe hilft mit. Die jungen Menschen können jetzt einmal dort das Evangelium praktizieren. Wenn sie nachher nachdenken, warum sie das machen, werden sie entdecken, dass sie sich eigentlich an die Bibel gehalten haben: „Ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen.“ (Mt 25,35) Unsere Stärke ist, dass wir mit unserem Pfarrsystem ein lückenloses Netzwerk diakonalen Hinschauens besitzen. Wenn auch Papst Franziskus immer beklagt, wir sind eine Kultur der Gleichgültigkeit, wo so viele Menschen wegschauen, sind die Kirchengemeinden gleichsam das Auge Gottes, mit dem er auf die hinschaut, die jetzt in Not sind.

Ist eine Aufgabe der Kirche die Heilung von der Angst?

Paul M. Zulehner: Ja, von jener Angst zu heilen, die uns hindert zu glauben und zu lieben. In der Heiligen Schrift ist verbürgt, dass wir uns so sehr auf Gott verlassen können, dass wir unser ganzes Leben auf ihn setzen dürfen. Wo die Kirche uns von der Wunde der Angst heilt, kann sie behilflich sein, dass wir, wenn wir im Angst-Eck gefangen sind, gleichsam von Gott selber in Richtung Vertrauen, Zuversicht, Solidarität mit den Flüchtlingen heraus geliebt werden.

Viele Menschen fürchten sich vor der Islamisierung des Abendlandes. Ist diese Furcht berechtigt?

Paul M. Zulehner: Ich habe Angst vor allen, die Religion mit Gewalt verbinden, das gilt auch für meine eigene Kirche. Ich kenne viele Menschen, die durchaus gewaltförmig sind sowohl in der Sprache als auch im Handeln. Ich weiß um gläubige Männer, die ihren Frauen gegenüber gewalttätig sind. Ich kenne Priester, die gegen wehrlose Kinder im sexuellen Bereich gewalttätig waren. Wir haben gar keinen Grund über den Islam schräg zu reden, weil das Christentum vor 500 Jahren im 30-jährigen Krieg mindestens genauso brutal war und die andere Konfession im Namen Gottes damals vernichtet hat wie der IS heute im Nahen Osten.

Ich bin ein entschiedener Freund der Entwicklung der jüdisch-christlichen Religion hin zu Jesus, der sagt: „Selig die Gewaltlosen.“ Also Religion geht nur, wenn man ohne Gewalt auftritt.  Ich war sehr beeindruckt von einer Begegnung in Stams mit einer 13-jährigen Afghanin. Narges Tavakoli kann in Österreich zum ersten Mal die Schule besuchen. Sie hat aus Spaghetti einen Eiffelturm gebaut und hat mir erzählt, warum sie das getan hat: „Ich wollte sagen, dass alle, die Terror in Paris im Namen des Islam gemacht haben, letztlich Verräter Allahs sind und nicht das tun, was Allah uns aufträgt: zu lieben und Erbarmen zu haben.“ Es beginnt übrigens jede Sure im Koran mit „Allah, der Allerbarmer“ und man darf nicht vergessen, dass der Islam zu den drei abrahmatischen Religionen gehört. Auch das Zweite Vatikanische Konzil sagt – durchaus zunächst im Blick auf das Judentum, aber dann auch im Blick auf alle Religionen der Erde: „Es ist immer etwas Gutes von Gott bewirkt in allen diesen religiösen Traditionen.“ Wovor ich Angst habe ist, dass Christen deswegen den Islam fürchten, weil eben das Christentum in Europa so schwach ist. Dann ist die Angst vor der Islamisierung eher eine Selbstoffenbarung der Christen über die eigenen Unsicherheiten im Glauben und damit verbunden den eigenen schlechten Zustand.

Was können wir in der jetzigen Situation tun?
Paul M. Zulehner: Die einzige richtige Antwort, die wir haben, ist die Absage an die Gewalt und die Stärkung des eigenen Glaubens. Dann werden wir zusammenarbeiten, wie das etwa beim Integrationshaus in Stockerau der Fall ist, wo sich die evangelische Diakonie, der Vorsitzende des Moscheevereins und die katholische Pfarrgemeinde gemeinsam um afghanische Flüchtlinge kümmern.
Es wird keinen Frieden in der Welt geben ohne den Frieden zwischen den Religionen. Wir müssen lernen zu sagen, es ist nur eine Welt, es ist nur ein Gott und der Gott der Muslime ist auch unser Gott. Wenn wir den gemeinsamen Gott haben, dann sind wir eine Familie Gottes, wir sind alle Ebenbilder Gottes. Ob wir dann sagen können, uns Christen ist noch etwas geschenkt, was den anderen verhüllt ist, dann sage ich: Gut, das kann ja so sein, aber das ändert nichts daran, dass die anderen schon ein ganz großes Stück in Richtung Gott unterwegs sind und dass wir daher mit ihnen den Weg gemeinsam gehen sollen. Ich schließe da übrigens nicht nur die Muslime ein, sondern auch jene, denen die Gnade des Glaubens nicht gegeben ist, die Zweifel haben, die Suchenden, die Agnostiker sind – und davon gibt es in Österreich mehr als Muslime. Dann haben wir, wie Johannes XXIII. es schon vorbildlich zum Konzil hin formuliert hat, ein Zusammenspiel aller Menschen guten Willens. Das hält die Welt in Zukunft zusammen und auf dem Weg eines gerechten Friedens.

(Erstveröffentlicht: Sonntag, 30.3.2016)

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