Amoris laetitia.

Erste pastoraltheologische Anmerkungen zum Schreiben von Papst Franziskus über Ehe und Familie.
Im Gespräch mit Robert Mitscha-Eibl von der Kathpress.

KP: (Wo) Geht das Dokument über die Synodenbeschlüsse hinaus?

Zulehner: Weit über das Schlussdokument der Familiensynode hinaus gehen die starken spirituellen Texte des Papstes über die Liebe, die Leidenschaft, die erotisch sexuelle Lust. Ein ganzes meditatives Kapitel ist dem Hohelied der Liebe aus dem ersten Korintherbrief gewidmet, der ursprünglich eine Hausordnung für die christlichen Gemeinden war, immer mehr aber ganz allgemein als Anleitung zum Reifen der Liebe gelesen wurde. Liebende in den unterschiedlichsten Phasen ihrer gemeinsamen Geschichte, denen am Reifen ihrer Beziehung in leidenschaftlichem Genuss und erlittenem Schmerz gelegen ist, werden viele Passagen mit Gewinn meditieren. Es sind keine billigen spirituellen Zumutungen, weil sie auch die Bedrohung der Liebe durch Gewalt (153ff.) nicht ausklammern, vor der die ehelichen Liebe gerade wegen ihrer verwundbaren Intimität gefährdet ist. Weite Passagen des Dokuments lesen sich wie ein Handbuch der Ehepastoral und der Eheberatung für die vielen Etappen von der jungen zur ausgereiften Ehe mit guten-freudvollen und bösen-krisengeschüttelten Tagen. Ermutigend ist auch die Aussage des Papstes, dass manchmal eine Trennung unvermeidlich, ja moralisch geradezu notwendig sein kann (241).

In vielen Einzelfragen baut das Dokument „Amoris laetitia“ weithin auf dem ganzen synodalen Prozess, angefangen von den Erhebungen bis hin zu den Beratungen in der Synodenaula. Die Situationsanalyse im zweiten Teil wird von der Synode weithin übernommen. In diesem Teil der Apostolischen Exhortation zeigt sich der Papst gewohnt leidsensibel. Eine aktuelle Passage widmet sich den Migranten-Familien. Der Papst spricht von „erzwungener Migration von Familien als Folge von Krieg, Verfolgung, Armut und Ungerechtigkeit. Sie ist gezeichnet von den Wechselfällen einer Reise, die oft das Leben in Gefahr bringt, die Menschen traumatisiert und die Familien destabilisiert“ (46). In Blick hat er auch die Familien, in denen Menschen mit Behinderung leben und alte Menschen gepflegt werden. In aufgeschlossener Weise wird die nicht einfache Rolle von Frauen/Müttern, aber auch von Männern/Vätern bedacht. Der Papst bewundert den Feminismus „in der deutlicheren Anerkennung der Würde der Frau und ihrer Rechte als ein Werk des Heiligen Geistes“. (30) Einer Gender-Ideologie (nicht der vernünftigen Unterscheidung von biologischem Sex und einer kulturell geprägten Differenz von männlich und weiblich als Gender: 286) hingegen bleibt er reserviert gegenüber, insofern eine solche die schöpfungsgemäßen Unterschiede von Mann und Frau verwischt. (56)

KP: Wie geht der Papst mit den innerkirchlich so umstrittenen „heißen Eisen“ wie Kommunionempfang und Homosexualität um?

Zulehner: In Fragen der Homosexualität spricht sich der Papst entschieden gegen jegliche Diskriminierung von gleichgeschlechtlich ausgerichteten Menschen aus. (250f.) Die Würde als Person ist zu achten, und in diesem Rahmen auch die gegebene sexuelle Orientierung. Zugleich wird der Unterschied zwischen einem Bündnis eines Mannes und einer Frau, das offen ist für eigene Nachkommen, und der Lebensgemeinschaft gleichgeschlechtlich Liebender deutlich betont. Die klare „Option für Kinder“, und zwar für ihre Chance, zur Welt kommen zu können, ihr Recht auf Leben, auf die Liebe von Vater und Mutter, die für ihre Kinder auch Zeit haben können, aber auch die Möglichkeit, sich in der Gesellschaft durch Bildung und Arbeit entfalten zu können, gehört zu den großen Stärken des Dokuments (Kapitel fünf). Das Kapitel „Die Erziehung der Kinder stärken“ liest sich wie ein päpstlicher Erziehungsratgeber.

Hinsichtlich des Kommunionempfangs von Geschiedenen, die in einer neuen Beziehung leben, gibt es keine allgemeinen kirchenrechtlichen Anweisungen. Vielmehr werden Prinzipien einer „pastoralen Neuausrichtung“ eingemahnt: In der Mitte steht die Gewissensentscheidung der betroffenen Menschen im „forum internum“, deren Ehe aus einem nicht zu entflechtendem Gemenge von Schuld und Tragik zu Ende gegangen ist und in vielen Fällen tiefe Wunden bei den Beteiligten hinterlässt. Auf dem Heilungsweg kann es hilfreich sein, wenn ein Betroffener, eine Betroffene auf dem Klärungs- und Heilungsweg kompetente seelsorgliche Begleitung hat. Deren Ziel ist nicht Verurteilung, sondern Heilung, nicht bleibender Ausschluss, sondern schrittweise die volle Integration ins kirchliche Leben. Dem Papst geht es also nicht um Exklusion und Exkommunikation (auch nicht in der Form, dass Geschiedene, die in einer guten zweiten Ehe leben, nicht die Sakramente feiern können). Sein Anliegen geht in Richtung Integration und Inklusion, und dies nach einem guten Weg der geistlichen Unterscheidung – was immer nur im konkreten Einzelfall möglich ist. Der Papst hätte schreiben können: „Wie die Österreichischen Bischöfe schon 1980‘ gelehrt haben“. Oder auch die Oberrheinischen Bischöfe 1994… Sakramente können den Heilungsweg im konkreten Einzelfall sogar begünstigen, denn sie sind nicht eine Belohnung der Vollkommenen und Würdigen (da könnte niemand zur Kommunion hinzutreten), sondern ein Heilungsmittel.

Es verdient die Tatsache einen heiteren Hinweis, dass diese wichtige Möglichkeit in die Fußnote 351 gleichsam versteckt wurde. Dort gehört sie insofern hin, weil die Fragen nach der „communio in sacris“ (also der Zugang zu den Sakramenten) gemessen an den vielen gewaltigen Überlebensproblemen von Familien in aller Welt, die nach einer pastoral-sozialen Zuwendung in der Form einer „communio in vita“ verlangen, in der Tat nachrangig sind.

Diese wahrhafte „pastorale Wende“ und Neuausrichtung der der Pastoral im Umkreis von Scheidung und Wiederheirat sieht der ostkirchlichen Praxis nur auf den ersten Blick ähnlich. Sie ist nämlich letztlich weitaus „moderner“: Denn in der Ostkirche entscheidet der Bischof „paternalistisch“; die im Dokument eröffnete römisch-katholische Möglichkeit hingegen ist personal, personalistisch und vertraut darauf, dass Menschen, die auf dem Weg des Evangeliums ernsthaft Suchende sind, in ihrer Einsamkeit vor Gott zur geistlichen Unterscheidung ihrer persönlichen Lage fähig sind und dabei auch durch Verantwortliche der Kirche nicht ersetzt werden können: „Wir sind berufen, die Gewissen zu bilden, nicht aber dazu, den Anspruch zu erheben, sie zu ersetzen.“ (37)

 KP: Haben Seelsorger jetzt mehr Spielraum und/oder mehr Verantwortung bei der Einschätzung konkreter, je unterschiedlicher Lebenssituationen?

Zulehner: Wichtig ist, dass nicht die „erfahrenen Seelsorger“ die Hauptakteure auf dem Heilungsweg sind, sondern Gott selbst, der im „heiligen Raum der Person, vor dem die Kirche ihre Schuhe ausziehen muss“ der eigentliche Heiler der Verwundungen des Herzens ist. Dass die Kirche dann Seelsorgerinnen und Seelsorger braucht, die auf einem solchen Weg kundig begleiten können, haben schon die Österreichischen Bischöfe 1980 verlangt. Solche wurden auch (etwa an meinem Institut für Pastoraltheologie in Wien oder auch von Bernhard Liss in Linz) ausgebildet und spielen nunmehr auf dem pastoralen Weg der kleinen Heilungsschritte im Einzelfall eine wichtige Rolle. Solche eine Begleitung von letztlich eigenverantwortlichen Menschen, denen Gewissenhaftigkeit zugetraut wird, macht auch deshalb Sinn, weil die Ehe weniger als ein Vertrag gesehen wird, sondern das Vertragen in den Mittelpunkt gerückt wird – also das Drama einer gemeinsamen Liebesgeschichte, die einem Traum folgt, aber auf dem Weg dorthin immer Fortschritte erlebt und Rückschritte erleidet. Keine dieser einmaligen, von Gott selbst eröffneten und getragenen Liebesgeschichten ist aber einer anderen gleich. Das ist eine entscheidende Grundposition für den Entwurf einer „vertieften“ pastoralen Praxis.

KP: Zieht sich das Leitthema der Barmherzigkeit durch den Text?

Zulehner: Das Dokument baut auf der Wahrheit auf und verachtet sie nicht. Betont wird aber, dass „die Barmherzigkeit die Fülle der Gerechtigkeit und die leuchtendste Bekundung der Wahrheit Gottes ist“ (311). Und weil Gott in seinem innersten Wesen Erbarmen ist, kann die Kirche in ihrem gottförmigen Handeln gar nicht anders, als dieses Erbarmen Gottes in all ihrem pastoralen Tun erfahrbar zu machen. Es widerspricht dem Wesen der Kirche, wenn Menschen nach reiflicher Prüfung und mit geheiltem Herzen sagen: „Gott vergibt mir. Aber die Kirche vergibt mir nicht.“

Zur Wahrheit gehört zudem die Sehnsucht der Menschen nach unverbrüchlicher Liebe, die der Papst auch im Herzen vieler junger Menschen lodern sieht und für welche Menschen mit Eros, Lust und Leidenschaft erschaffen sind. Zu dieser Wahrheit kann aber auch gehören, zum eigenen Schuldigwerden zu stehen. Wahrheit meint also nicht nur die kirchliche Lehre, sondern jene Wahrhaftigkeit, die sich selbst nichts vormacht und so den ersten Schritt auf dem Weg schrittweiser Heilung darstellt. Den Menschen zu solcher Wahrheit und Wahrhaftigkeit begleitend zu ermutigen ist im tiefsten Sinn dieses Wortes einfühlsames Erbarmen.

Noch eine kleine Randanmerkung. Es ist gut, dass die Kirche sich mit Ehe und Familie befasst – und das auf Grund der Sorge um die Gesellschaft wie die Kirche selbst. Zurückhaltung ist freilich angebracht, wenn die Pfarrgemeinde „familialistisch“ als „Familie von Familien“ (202) beschrieben wird. Zu wenig ist es aber, dass lediglich in einem einzigen Satz jene in den Mittelpunkt gerückt werden, die oft ungewollt allein leben. Dieser eine Satz verdient der Erwähnung und verlangt nach weiteren Überlegungen. Es ist zu wenig, wenn in diesem einen Zitat nur gewürdigt wird, was sie leisten, ohne zu fragen, wie sie leben und wie sie mit ihrer Sehnsucht nach erotisch-sexueller Lust, Liebe und Leidenschaft zurechtkommen: „Viele Menschen, die ehelos leben, widmen sich nicht nur ihrer Ursprungsfamilie, sondern leisten in ihrem Freundeskreis, in der kirchlichen Gemeinschaft und im Berufsleben große Dienste […] Viele stellen ihre Begabungen auch durch den Einsatz in der Caritas und durch ehrenamtliche Tätigkeit in den Dienst der christlichen Gemeinschaft.“ (158)

 KP: (Wie) kommt der synodale Ansatz des Pontifikats zum Ausdruck?

Zulehner: Der Papst sagt, er habe auf dem langen gemeinsamen Weg aufmerksam zugehört: den Betroffenen, den Bischöfen, nicht zuletzt den vielen Menschen, denen er in seinem langen seelsorglichen Leben begegnet ist. Das alles ist Teil des gemeinsamen Weges, was ja syn (gemeinsam) und odos (Weg) bedeutet, den er in der Weltkirche ausgelöst hat. Das beachtliche Ergebnis des Weges ist eine Apostolische Ermahnung von hohem Rang und pastoralgeschichtlicher Bedeutung. Der Papst wird dieser synodalen Kultur weiterhin treu bleiben. Es wäre nicht überraschend, wenn er bald eine weitere Synode zur Frage des Priestermangels einberuft. Die deutschen Bischöfe hat er kürzlich beim ad-limina-Besuch nach den „viri probati“ gefragt, wobei erstaunt, dass der Papst die Bischöfe fragen muss und nicht diese als Hirten vieler gläubigen Gemeinden, die sonntags nicht mehr Eucharistie feiern können, den Papst drängen. Diesbezüglich werden die Bischöfe der Weltkirche in der Schule von Papst Franziskus noch umlernen müssen. Er wird den Bischofskonferenzen auch noch viele pastorale Aufgaben zuspielen, deren Lösung bisher gebannt von Rom her erwartet worden waren: „Außerdem können in jedem Land oder jeder Region besser inkulturierte Lösungen gesucht werden, welche die örtlichen Traditionen und Herausforderungen berücksichtigen. Denn ‚die Kulturen [sind] untereinander sehr verschieden, und jeder allgemeine Grundsatz […] muss inkulturiert werden, wenn er beachtet und angewendet werden soll‘.“ (3) Es wäre zudem hilfreich, wenn diese Kultur der Synodalität die Diözesen und kirchlichen Gemeinden und Gemeinschaften auch in unserem Land noch mehr als bisher erfassen könnte. Autoritärer Klerikalismus, der dem Papst zutiefst zuwider ist, würde dann wohl aussterben, obgleich dieser die Kirche auf allen Ebenen immer bedroht.

 

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2 Antworten zu Amoris laetitia.

  1. Hannes Daxbacher schreibt:

    Hat dies auf Die Christenheit rebloggt.

  2. Johanna Spöth schreibt:

    Endlich – sehnsüchtig erwartet die Ergebnisse von Papst Franziskus aus der Familiensynode – sofort kommentiert von Ihnen – für unser besseres Verständnis. Danke!
    Es wird abzuwarten sein, wie bzw. wie lange die Umsetzung erfolgt bzw. dauert!
    Umdenken kann manchmal einfach – wenn man vielleicht unmittelbar betroffen oder sehr schwierig sein – wenn man zu sehr in der Vergangenheit lebt.

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