Ein Marshall-Plan für Syrien

Aureliusz M. Pędziwol, Wirtschaftsblatt-Online, 23.3.2016

Für Vertrauen anstatt Angst plädierte der österreichische Theologe Paul Zulehner beim heurigen Symposium „Dialog in der Mitte Europas“ in Brünn, das sich mit der Flüchtlingskrise in Europa beschäftigte. Im Gespräch mit dem WirtschaftsBlatt fordert er die Europäer auf, über einen Marshall-Plan für Syrien nachzudenken.

WirtschaftsBlatt: Herr Professor Zulehner, hat das vergangene Jahr Ihnen eine Enttäuschung, oder eine Hoffnung gebracht?

Paul Zulehner: Ich bin eigentlich ein bisschen ernüchtert. Wenn Menschen in Bedrängnis und Not sind und vor dem Krieg flüchten, dann sollten wir sie aufnehmen. So war auch die Politik am Anfang: Wenn die Flüchtlingslager rund um Syrien herum überfüllt sind und aus den Nähten platzen, dann sollen diese Menschen nach Europa kommen.
In der Zwischenzeit hat sich aber aufgrund von populistischen Entwicklungen in einigen Ländern, wie in meiner Heimat Österreich, die Politik gewendet. Der Kanzler in Österreich ist geradezu stolz, dass er sich, wenn man das bildlich ausdrückt, von der Politik der Bundeskanzlerin Merkel hinüber zur Politik des Ministerpräsidenten Viktor Orbán gewendet hat. Er hat offenbar die Hoffnung verloren, dass man den Flüchtlingsstrom durch die Milderung der Fluchtursachen begrenzen kann.

Was für eine Lösung würden Sie jetzt befürworten?

Ich wünsche mir eine Politik, die deutlich auf die Ursachen schaut und nicht nur sagt: „Wir bauen jetzt Zäune und machen zu.“ Wir brauchen diese Politik der ruhigen Hand, die sich im letzten Gipfel in Brüssel zum Teil auch durchgesetzt hat. Allerdings wäre es noch viel wichtiger als ein Abkommen mit der Türkei, dass wir Frieden in Syrien schaffen.
Das Land ist so erschöpft und ausgeblutet, dass es dazu keine Alternative mehr gibt. Ich würde mir auch wünschen, dass alle Politiker im reichen Westen jetzt schon an einem Marshall-Plan für den Wiederaufbau Syriens nachdenken. Wobei man wirklich auch gelassen sagen kann, dass es vernünftig und wirtschaftlich einträglich ist. Auch für uns, weil wenn wir dort investieren, kommt es dann ja auch wieder zurück.

Damit haben wir schon herbe Erfahrung aus Irak. Haben Sie keine Angst, dass das Gleiche sich in Syrien wiederholen kann?

Der Marshall-Plan kann kein Ersatz für eine politische Befriedung sein. Das ist in Irak nicht geglückt. Die Kurden haben sich abgesetzt, aber den Streit zwischen Schiiten und Sunniten hat man nicht in Griff bekommen. Amerika erkannte es, zog seine Truppen zurück und überließ den Irak dem eigenen Chaos. Dieses ungelöste Problem hat sich dann durch den so genannten Islamischen Staat in die ganze Region ausgedehnt.
Also es ist kein gutes Beispiel, jetzt zu sagen: „Wir helfen wirtschaftlich, aber politisch ist es uns dann uninteressant.“ Es braucht natürlich eine von den Vereinten Nationen gedeckte Friedenspolitik, zuerst in Syrien. Und erst wenn der Friede geschaffen ist, macht es einen Sinn, einen Marshall-Plan zu machen.

Gibt es da wirklich Analogien mit der Zeit nach dem II. Weltkrieg?

Das ist so wie in Europa 1945. Wir wären wegen der Armut untergegangen und wieder in ein autoritär-faschistoides System geschlittert, wie das ja nach dem I. Weltkrieg der Fall war. Aber die Amerikaner haben gesagt: „Wenn Frieden, dann muss Europa auch wirtschaftlich auf die Füße kommen.“
So ähnlich sollen wir nun konzipieren, dass wir dort einen Marshall-Plan brauchen. Wobei ein Element in Auge sein konnte, was wir in der Katholischen Aktion Österreich überlegen, ob man nicht ein Stipendienprogramm für junge Syrer und Syrerinnen machen muss. Damit sie dann als eigene Kräfte im Land für den Wiederaufbau zur Verfügung stehen.

Aber jetzt haben wir mit einer anderen Zivilisation zu tun. Fürchten Sie nicht, dass so ein Plan als neokolonialistisch abgestuft wird?

Das wäre das allerschlechteste. Im Vergleich zu 1945 sind wir jedoch in einem Punkt in einer neuen Lage. In der Zwischenzeit hat es nämlich eine hoch erfolgreiche Globalisierung gegeben. Die Welt ist zusammengewachsen. Wenn heute ein Atomreaktor in Fukushima explodiert, dann betrifft das die gesamte Atompolitik der Welt. Man muss nachdenken, ob man das will.
So ähnlich ist es mit dem Nahen Osten. Das, was dort wirtschaftlich und politisch passiert, trifft und betrifft Europa voll. Daher soll Europa bei gleicher Augenhöhe in eine Kooperation mit dieser Region eingehen, die auch wirtschaftlich klug wäre, damit sie wieder auf eigene Füße kommt und ein befriedeter Teilnehmer an dieser einen Menschheitsfamilie werden kann.

Glauben Sie, dass es möglich ist?

Wenn wir Frieden haben wollen, gibt es keine reale Alternative dazu. Nur wenn Syrien – aber auch Israel und Palästina, also der Herd dieses Gesamtkonfliktes da unten – zu einer befriedeten Region werden, können wir in Europa im Frieden leben. Das ist meines Erachtens ein vernünftiges Ziel.

 

Dieser Beitrag wurde unter Ergebnisse veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s