„Das Hemd ist uns näher als der Fremde.“

Furchen ziehen in der Angstgesellschaft.
[Festvortrag zum 70er der Furche am 4.12.2015)

„Der Klagen, der Anklagen sind viele. Ökologen, Umweltschützer und alte erfahrene Warner, so ein Konrad Lorenz, kämpfen gegen die Raffer an: Wobei diese von den Gaffern umstanden werden, die interessiert kleine und größere Katastrophen, Erdbeben und Unfälle beschauen und herbeieilen, wie noch vor knapp hundert Jahren öffentliche Hinrichtungen ein Schauspiel waren, zu dem die Damen und Herren der guten Gesellschaft und das Volk kamen, in Kaleschen, zu Pferd, zu Fuß. In dieser Situation breiten sich apokalyptische Ängste aus…“. So diagnostizierte Friedrich Heer prophetisch vorausblickend schon am Beginn der Achtzigerjahre des letzten Jahrhunderts.[1]

Inzwischen hat das Thema der Angst längst die wissenschaftliche Kulturdiagnostik erreicht. Sozialwissenschaftler haben unsere Gesellschaften über Jahrzehnte hinweg als Arbeitsgesellschaft, Konsumgesellschaft, Spaßgesellschaft, Bildungsgesellschaft, Biowissenschaftsgesellschaft gewürdigt. Diese positiv klingenden Beschreibungen werden heute zunehmend von dunklen Wortbildern abgelöst. Papst Franziskus beklagte schon wiederholt, dass unsere Gesellschaften immer mehr zu „Wegwerfgesellschaften“ werden. Er steht damit im Gleichklang mit Hans Magnus Enzensberger, der schon 1993 vermerkte: „Selbst in reichen Gesellschaften kann morgen jeder von uns überflüssig werden. Wohin mit ihm?“[2]

Angstgesellschaft

Die Diskussionen bestimmt aber heute immer mehr ein anderer dunkler Begriff, der sich in sie drängt: das Bildwort von der Angstgesellschaft. Nach der Tragödie von 9/11 schrieb Frank Furedi im Jahre 2000 das Buch „Culture of Fear“. Die 2014 erschienene Publikation von Heinz Bude, trägt den Titel „Gesellschaft der Angst“. Heinz Bude ist an der Universität Kassel tätig und ein international erfahrener Makrosoziologe. Das ist knapp seine Diagnose:

Angst kennzeichnet eine Zeit… in der sich unter ganz normalen Leuten Erschöpfungsdepressionen ausbreiten und in der der Kapitalismus von allen als Krisenzusammenhang erlebt wird. Angst ist der Ausdruck für einen Gesellschaftszustand mit schwankendem Boden. Die Mehrheitsklasse fühlt sich in ihrem sozialen Status bedroht und im Blick auf ihre Zukunft gefährdet. Man ist von dem Empfinden beherrscht, in eine Welt geworfen zu sein, die einem nicht mehr gehört.

Der Erfahrungsbegriff der Angst erfasst eine Gesellschaft der verstörenden Ungewissheit, der heruntergeschluckten Wut und der stillen Verbitterung. Das betrifft die Intimbeziehungen genauso wie die Arbeitswelt, das Verhältnis zu den politischen Angeboten ebenso wie die Haltung zur Finanzdienstleistung.[3]

Angst haben wir alle

Ist aber Angst wirklich neu? Haben wir sie nicht alle? Wem macht der globale Marsch so vieler Menschen in der eins gewordenen Welt nicht Angst?

Ja, es stimmt: Angst haben wir alle. Die Tiefenpsychologin Monika Renz[4] – sie leitet die onkologische Abteilung der Klinik in St. Gallen – nimmt an, dass am Beginn des Lebens jedes Neugeborene Angst hat. Urangst nennt sie diese. Der Grund: Im Mutterschoß erlebte das neue Menschenwesen tiefe Geborgenheit und Einheit. Die Geburt aber ist Trennung, Eintritt in eine kalte Welt. Das mache Angst, so Monika Renz, gestützt auf vielfältige Erfahrungen in Therapiesitzungen. Die größte Herausforderung für das Neugeborene sei es daher, diese Urangst zu zähmen. Dazu tragen väterliche und mütterliche Gesichter bei, die über dem Kind leuchten. Sie eröffnen durch sichere Bindung einen Raum des Vertrauens, in dem die Angst kleiner, der (dem Kind innewohnende) Lebensmut und die Fähigkeit, angstfrei sich hinzugeben und solidarisch zu lieben größer wird. Dann aber meint Renz: Gelingt diese Zähmung der Angst nicht, blüht kein Vertrauen auf, dann entwickle ein solch neugeborener Mensch Strategien der unsolidarischen Selbstverteidigung. Als solche nennt sie Gewalt, Gier und Lüge.

Kulturanthropologen wie Rene Girard[5] orten diese dunklen Mächte in der ganzen Menschheitsgeschichte. Und sie prägen gerade heute das Leben in der eins werdenden Welt: Gewalt wird zum High-tech-Terror, Gier durchflutet Bereiche der Finanzwirtschaft, Lüge zeigt sich zumal in galoppierender Korruption. Es ist ein Teufelskreis: Entspringen Gewalt, Gier und Lüge der Angst, so wirken diese dunklen Mächte auf die Menschen zurück und steigern deren Angst. Dabei kommen noch andere Kräfte ins Spiel: ethnische, religiöse Faktoren verschärfen etwa die Gewalt.

Alle können vertrauen

So sehr wir alle Angst haben: Finden sich nicht bei allen Menschen als hoffnungsvolle „Gegenstimmung“ wenigstens Spuren des Vertrauens, damit des Glaubens, der Liebe, der Solidarität? Vermutlich gibt es nur wenige Menschen, die am Beginn ihres Lebens kein leuchtendes Angesicht über sich vorfanden. Und selbst wo dies tragischer Weise der Fall war: Manche von diesen haben im Lauf ihres Lebens im Raum heilender Liebe dennoch Vertrauen gelernt. Manche hören aus heiligen Texten des Judentums, dass ein Gott waltet, der sein Angesicht über jede und jeden von uns leuchten lässt.

Unser Leben ist daher stets ein Balanceakt zwischen Angst und Vertrauen, zwischen ängstlicher Selbstsorge und vertrauensgetränkter Solidarität. Es herrscht ein labiles Gleichgewicht zwischen Angst und Vertrauen. Das trifft zunächst auf das Leben der einzelnen Menschen zu. Offenbar prägt diese Spannung aber auch Kulturen und Gesellschaften. Wenn es daher heute die Diagnose gibt, unsere Gesellschaften würden zu Angstgesellschaften mutieren, dann kann das nur bedeuten, dass die Balance zwischen Angst und Vertrauen einseitig belastet ist und immer mehr Menschen, mit ihr aber die Gesellschaft, in den Strudel diffuser Angst gezogen werden.

Die fatalen Folgen der Angstgesellschaft

Eine Angstgesellschaft ist eine enorme politische Herausforderung. Alle Werteforschungen der letzten Jahre zeigen, dass Menschen in Frieden leben möchten: zwischen den Völkern, in den kleinen Lebenswelten, mit sich selbst. Frieden gibt es aber nur, wenn es auch Gerechtigkeit gibt. Die religiöse Poesie der Bibel scheut sich nicht zu singen: „Gerechtigkeit und Frieden küssen sich.“ (Ps 85,11)

Gerechtigkeit wiederum kann zumal in Demokratien politisch nur herbeigeführt werden, wenn die wählenden Bevölkerungen ein hohes Maß an Solidarität aufbringen. Studien zum Solidaritätsvorrat in der Österreichischen Bevölkerung machen in dieser Hinsicht zunächst Hoffnung. Österreich hat sich in den letzten Jahrzehnten von einer Gehorsamskultur in eine Solidaritätskultur gewandelt. Sagten 1970 die Menschen im Land mehrheitlich: „Das Wichtigste, was Kinder lernen müssen, ist gehorchen“, so sind sie heute noch mehr Befragtge der Ansicht: „Das Wichtigste, was Kinder lernen müssen, ist teilen können. Diese gute Nachricht geht freilich mit weniger erfreulichen Botschaften einher. Denn die Solidarität schrumpft mit ihrer Reichweite. „Das Hemd ist uns näher als der oder die Fremde.“ Die Solidarität in den kleinen Lebenswelten ist hoch: jene der Eltern mit ihren teuren Kindern und den pflegebedürftigen Alten, welche viele zunehmend überfordern. Aber mit der Makrosolidarität, jener Solidarität also, welche die Grenzen der Familie, des Grätzels, der Stadt, geschweige denn des Landes überschreiten, Europa oder gar die eine Welt meint, mit dieser tun sich viele Menschen im Land schwer. Und die zweite Botschaft sorgfältiger Studien: Der verbreitete Wunsch nach Solidarität erstickt auf dem langen Weg zur solidarischen Tat in einem diffusen Dschungel von Ängsten. Pointiert ausgedrückt: Angst entsolidarisiert.

Die Versuchung Angst wahltaktisch zu verstärken

Daraus folgt, dass es in Angstgesellschaften eine solidarische Politik schwer hat. Verängstigte Menschen fordern eine Politik, die ihnen in ihren kleinen familialen und nationalen Lebenswelten Sicherheit und Wohlstand verheißt. Die Fähigkeit, darüber hinaus makrosolidarisch zu sein, fällt mikrosolidarischen Bevölkerungskreisen sehr schwer.

Es ist eine naheliegende Versuchung für politisch Verantwortliche, aus dieser Angst der Menschen und dem damit verbundenen Bedürfnis nach Abgrenzung und Absicherung Kapital zu schlagen. Manchmal wird dann Angst nicht nur wahrgenommen, sondern wahltaktisch erfolgreich geschürt. Damit wird aber die Entwicklung zur Angstgesellschaft noch weiter zugespitzt. Solidarische Politik wird noch unwahrscheinlicher. Dennoch: aus ihr allein können Gerechtigkeit und Frieden erstehen: und zwar Gerechtigkeit für alle, die Armen, die Arbeitslosen und Einsamen, jene die vor Krieg, Armut und Umweltkatastrophen fliehen, darunter viele Frauen, Kinder und Alte. Eine solidarische Politik braucht nicht zuletzt die Mitwelt. Es gibt heute eine politische Praxis, welche die Probleme einer Angstgesellschaft nicht löst, sondern längerfristig diese lediglich verschärft.

Menschenwürdig leben mit der Angst

Auf diesem Hintergrund lassen sich Aufgaben formulieren, die sich jenen stellen, welche den Traum von einer Welt in Gerechtigkeit und Frieden für alle nicht aufgegeben haben. Diese Visionäre sehen die fatalen Folgen der Angstgesellschaft. Sie erschrecken über die ebenso fatale politische Bewirtschaftung der Angst aus wahltaktischen Gründen, hinter denen freilich auch bedenkliche ideologische Weltbilder stecken. Solche Visionäre versuchen aber eine Politik, in der die Zuversicht stärker ist als die Angst.

Zu einer solchen Politik inmitten der Angstgesellschaft versuche ich einige drei Anmerkungen.

Transformation der Angst in bearbeitbare Furcht

Eine erste Aufgabe ist, die Angst zu transformieren. Das geschieht nicht, indem diese geleugnet oder bewirtschaftet wird. Vielmehr ist der Angst ihre Diffusität zu nehmen. Denn gerade in ihrer Gesichtslosigkeit und Unkonkretheit ist sie eine Grundstimmung, welche einen solidarischen Einsatz erschwert. Es war die große Theologin Dorothe Sölle, die bei einem Kirchentag den politisch desengagierten Frommen zurief: „Fürchtet euch endlich!“

Wer diffuse Angst in rationale Furcht transformieren will, muss die heute weit verbreitete Ignoranz überwinden. Der weltweit anerkannte Bildungsentertainer Hans Rosling aus Schweden betreibt ein eigenes Institut, um das Wissen der Bevölkerungen über die zukunftsentscheidenden Entwicklungen in der Welt zu erforschen. Dabei stützt er sich auf überreiches Datenmaterial, das ihm von der UNO und der US-Regierung zur Verfügung gestellt wird. So kann er über Jahrzehnte hin verfolgen, wie sich das Prokopfeinkommen der Menschen auf unserem Planeten nicht nur in den einzelnen Ländern, sondern auch innerhalb dieser in den Städten und ländlichen Bereichen verändert hat. Er verfolgt die Entwicklung der Kindersterblichkeit, die Größe der Familien, die Bildung von Frauen. Gestützt auf sein gut abgesichertes Wissen über die Entwicklung in den letzten Jahrzehnten hat er einen Ignorance-Test entwickelt. Testergebnisse machen nachdenklich. Die Einschätzung durch ganze Bevölkerungen (Rosling hat beispielsweise repräsentative Studien für Nordamerika, für Schweden gemacht) ist weit negativer als die Realität. Hans Rosling hat auch Medienleute in Europa und den USA befragt. Deren Einschätzung ist noch negativer. Das heißt, die reale Entwicklung wichtiger Aspekte der Welt wird lediglich von einer kleinen Minderheit in unseren Bevölkerungen richtig eingeschätzt.

An einem wichtigen Beispiel sei dies illustriert. 1975 war die Menschheit hinsichtlich des Pro-Kopf-Einkommens gespalten. Das hat zur gängigen Unterscheidung zwischen den überreichen Nationen (im Norden des Globus) und den überarmen Ländern geführt. Hans Rosling: Die Welt glich damals einem „Kamel mit zwei Höckern“. Bis 2007 hat sich die Lage drastisch verändert. Viele arme Regionen haben sich in Richtung Mitte der Skala aufgemacht. Die polare Spaltung in eine reiche und eine arme Weltregion ist überwunden. In der statistischen Darstellung der Entwicklung ist aus dem „Kamel mit seinen zwei Höckern“ ein „Dromedar mit einem Höcker“ geworden. Damit diese Ergebnisse nicht falsch verstanden werden: Immer noch gibt es Überreiche in der Menschheit. Wir zählen dazu. Diese Aussage wird dadurch verschärft, dass sich das Kapitaleinkommen gegenüber dem Arbeitseinkommen in den letzten Jahren nach Zeiten einer eher parallelen Entwicklung viel rascher gemehrt hat. Zudem: Dass beachtlich viele Menschen – auch dank des Einsatzes der UNO mit ihren Millenniumszielen – nicht mehr am Rand der Überarmen sind, dürfe auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass noch immer allzu viele Menschen unter bitterer Armut leiden. Man kann aber heute genauer festmachen, wo diese sind: Wiederum, nicht generell in Afrika, sondern in einigen afrikanischen Ländern, und in diesen wiederum nicht in den großen Städten, sondern in den besonders arm geblieben ländlichen Regionen.

Solches Wissen kann dazu beitragen, diffuse Angst in rationale Furcht zu transformieren, welche wiederum nach zielsicherem politischen Handeln verlangt. Es wird eine punktgenaue Politik der Entwicklung möglich. Und diese muss in Zukunft massiv gestärkt werden, um den globalen Marsch der Armen aus diesen Gebieten nicht mutwillig zu fördern. Zurecht hat Angela Merkel in der letzten Vollversammlung der Vereinten Nationen zugesichert, dass Deutschland seinen Beitrag zur Entwicklungszusammenarbeit auf die vereinbarten 0,7% anheben wird. Wäre das in den reichen Ländern schon früher geschehen – auch in Österreich – gäbe es weniger Druck von Armut-, oder genauer Hoffnungsflüchtlingen aus Afrika: Was uns zusätzlich billiger käme als heute die ankommenden Menschen mit Würde zu versorgen, mit oder ohne Aussicht auf Asyl.

Angst in Furcht transformieren: das ist eine Herausforderung an die politische Bildung, in den Schulen, in der Erwachsenenpolitik, nicht zuletzt auch in den Medien.

Wahrhaft katholisch werden

Eine zweite Aufgabe umreiße ich mit „katholisch werden“. Das war ein Uranliegen des Furchegründers Friedrich Funder. Seit damals hat dieses Wort auch in der katholischen Kirche einen beträchtlichen Bedeutungswandel durchgemacht. Katholisch meint nunmehr nicht konfessionell, sondern universell. Es umfasst die eine Welt Gottes, die eine Menschheit. Diese Katholizität lebt davon, dass – wenn nur ein Gott ist, jede eine, jeder einer von uns ist. Das giltgleichermassen für den Kriegsflüchtling aus Homs wie für die vielen Menschen, denen das Mittelmeer auf ihrer Flucht vor der Armut zum Grab geworden ist. Wer dergestalt katholisch ist, denkt und fühlt weit. Katholisch – wohlgemerkt, nicht mehr konfessionell, sondern universell – ist damit eine Gegenbewegung zur Angst. Denn Angst führt – so schon das Wort angustia – in die Enge. Katholizität hingegen in die Weite. So singt zumindest der Psalmist aus der jüdischen Tradition: „Er führte mich heraus ins Weite, er befreite mich, weil er mit liebt“ (Ps 18,20).

Wie die Angst in die Enge treibt zeigt sich daran, dass Verängstigte einen Hang zum Provinziellen, ja zum Lokalen und Familialen haben. Entgegenwirken könnten Bildung, Reisen, aber auch unmittelbare Begegnung mit Menschen, die mit einer anderen Kultur zu uns gekommen sind. Ein Moment an solcher Entprovinzialisierung ist nicht billiges Multikulti, wohl aber Freude am Reichtum der verschiedenen Kulturen. Für die k.u.k. Monarchie war die Wertschätzung für andere Kulturen eine Selbstverständlichkeit. Österreich hatte nach der umstrittenen Annexion des mehrheitlich muslimischen Landes Bosnien-Herzegowina keine Probleme, eine Ausbildung in Sarajevo für Islamisches Recht sowie eine Islamisch-theologische Fakultät einzurichten.

Es wird viel davon abhängen, ob es uns gelingt, dass unser Land in diesem Sinn „katholisch“ bleibt, genauer, es wiederum wird. Trautl Brandstaller hat in ihrem Grußwort zum 60er der Furche eine Europaseite gewünscht. Künftig wird es eine Weltseite brauchen, weil es keine sich vom Rest der Welt desolidarisierende „Festung Europa“ geben darf. Es ist ein Beitrag zur geistigen Globalisierung zu leisten, ohne dabei die eigenen kulturellen Wurzeln zu verlieren. Die Menschen im Land sollen über die Millenniumsziele der UNO für 2030 informiert sein, diese kennen. Sie werden dann auch sehen, wie es durch Einsatz so vieler Menschen und Organisationen Fortschritte in der einen Welt in Richtung Gerechtigkeit und damit Frieden gibt.

Entprovinzialisiert sind also Menschen, die sich verbunden und verantwortlich fühlen für die ganze Menschheit in dem einen Welthaus. Sie stehen zusammen mit allen, die in ihm wohnen, unabhängig von Rasse, Geschlecht, Religion. Das setzt die Fähigkeit zum umfassenden kulturellen und religiösen Dialog voraus. Dabei wächst eine Kultur des Respekts, der Anerkennung, eine Liebe zur Vielfalt, eine Riesengeduld bei der Suche nach der Wahrheit, in deren Besitz niemand sein kann, wenn der unbegreifliche Gott und sein erbarmungsvolles Entgegenkommen die emeth, die Wahrheit schlechthin ist.

Angst lässt sich letztlich nur heilend vermindern

Die dritte Aufgabe ist wohl die schwierigste. Es gehört zur großen Tradition des in Europa eingewanderten Paulus von Tarsus, dass gegen Angst nicht das Gesetz: also der moralische Appell hilft. „Was ich nicht will, tue ich; und was ich will, tue ich nicht: Ich unglückseliger Europäer!“ (Rom 7,15) Zum schönen Selbstbild der meisten Menschen im Land gehört, dass sie selbst und ihre Kinder religiös und solidarisch sind. Doch wie viele schaffen das? Wie viele hält die Angst von jener Solidarität ab, an die sie erinnert werden durch konkrete Gesichter von Kindern, die von jungen Vätern buchstäblich ins Land hereingetragen werden und uns mit ihren Kinderaugen an die in uns schlummernde Sehnsucht nach Lieben und Geliebtwerden erinnern?

Appelle zur Solidarität mehren die Angst statt sie zu mindern. Im schlimmsten Fall verursachen sie sogar destruktiven Hass. Es gibt aber einen anderen Weg, zu dem uns der Europäer Paulus rät. Er stellt an die Stelle des Gesetzes, des moralischen Imperativs, die „Gnade“. Ein feudal anmutendes Wort, aber seine Spur führt vom Moralisieren zum Heilen. Angst ist eine Art Verwundung des Herzens, das solidarisch lieben möchte und es so oft nicht schafft. So stellt sich die Frage an unsere Kultur, was von der Angst heilen kann?

Es gibt zahllose heilende Berufe im Land. Kunst und Kultur tragen heilende Kräfte in sich, obgleich modernes Theater manchmal mehr moralisiert als Bischofskonferenzen es schaffen. Immerhin wäre es ein wichtiger Beitrag der Religionen im Land, in kleinen und mühsamen Schritten Menschen von der Angst zu heilen.

Österreichs Kirche hat freilich eine lange Erfahrung im Moralisieren. Die josephinische Aufklärung hat den Raum der Mystik, den heiligen Raum, versiegelt und der Kirche im Land übertragen, für Ordnung, Moral und Sitte sowie für Werte einzustehen. Die Kirchen haben das Heilen verlernt, obgleich sie gerufen wären, in der Nachfolge des Heilands „Heil-Land“ zu sein: absichtslos, indem sie verwundeten Menschen den heilenden Raum Gottes eröffnen und sie so, wie es vor Jahren Paul Weß in der Wiener Machstraße formuliert hat, von Angst und Einsamkeit befreien.[6] Die Kirche hat ihr aufgetragenes moralisierendes Geschäft noch dadurch verschärft, dass sie das Erreichen des Heils an moralischen Perfektionismus geknüpft hat. Pointiert formuliert: Statt von der Angst zu heilen und damit zur Liebe zu befreien, hat die alltägliche Pastoral noch mehr Angst gemacht. Wundert es uns, dass tief in den innerkirchlichen Kreisen zumal unter den verbliebenen älteren Menschen so viel Angst vor den Muslimen, den Fremden, den ankommenden Flüchtlingen herrscht? Wer ein Leben lang kirchlich in Angst trainiert worden ist, ist ein geborenes Mitglied der aufkommenden Angstgesellschaft. Ist das einer der Gründe, warum zumal fromme Christen Angst vor den fremden Schutzsuchenden, vor wachsender Kriminalität, vor Islamisierung haben?

Natürlich haben Theologen aller christlichen Konfessionen schon seit Jahrzehnten gegen diese Deformation des Evangeliums in den Kirchen angekämpft. Ich nenne nur Søren Kierkegaard, Eugen Drewermann, Eugen Biser, Benedikt XVI. und nicht zuletzt den derzeitigen Papst Franziskus. Alle diese Pioniere eines jesuanischen Kirche wünschen sich alle eine therapeutische Kirche. Das Heilen von Wunden steht für Papst Franziskus im Mittelpunkt, jener Wunden, welche eine gesichtslose Finanz- und Wirtschaftspolitik ebenso schlagen wie das Scheitern von Beziehungen.

Welchen Widerstand erntet der „Weltpfarrer“ und Hirte Franziskus aber dafür bei den ängstlichen, bockbeinigen Ideologen des Vatikans und bei vielen in der Weltkirche? Diese sind um die reine Lehre besorgt. Sie verlangen, dass sich der Papst aus der Wirtschaft heraushält und zur Herausforderung durch schutzsuchende Flüchtlinge schweigt. Aber Franziskus sorgt sich als einfühlsamer Hirte um die verwundeten Menschen, um die Familien, um viele Regionen der Erde, nicht zuletzt um die Mitwelt. Er ist zuversichtlich. Seine Überzeugung:  Wenn die Zeitgenossen liebendes Erbarmen erfahren, kann ihre Angst kleiner und ihre Fähigkeit solidarisch zu lieben größer werden. Wahre Menschlichkeit reift heran.

Possibilist

Ist all das möglich? Lässt sich diffuse Angst in rationale Furcht und von dort weiter in einsatzbereite Zuversicht transformieren? Ist es möglich, wahrhaft katholisch zu werden? Und statt zu moralisieren zu heilen? Meine Antwort ist kein trotziges „Yes we can“ eines Barack Obama, auch kein beschwörendes „Wir schaffen es“ einer Angela Merkel. Aber ich trage in mir die Zuversicht, dass unter Einsatz aller Menschen guten Willens die Welt Schritt für Schritt vorankommt und wir nicht angstgelähmt in den Untergang schlittern: auch nicht jenen eines vom Christentum durchaus getränkten Abendlandes – wobei die Rolle des Christentums durchaus mehrdeutig war. Vielleicht sollte man den Kampfruf „Rettet das christliche Abendland!“ umformulieren in „Rettet das Christliche im Abendland!“.

Jedenfalls lohnen sich alle Anstrengungen zu erreichen, dass die Angst kleiner, dafür solidarische Liebe im persönlichen wie im politischen Leben wirkmächtiger wird; dann kann Gerechtigkeit nach und nach wachsen und Frieden herbeiführen.

Ich bin also kein apokalyptischer Pessimist, obgleich ich der Diagnose von Friedrich Heer viel abgewinnen kann, dass die Apokalypse in der Menschen Hand ist. Ich bin auch kein blauäugiger Hauruck-Optimist, der die Bedrohungen verdrängt und die dunklen diffusen Ängste der Menschen übersieht. Vielmehr fühle ich mich als unverbesserlichen Possibilisten. Und das nicht zuletzt auch deshalb, weil ich hoffe, dass Gottes Geist die Welt in die Vollendung führt, mit uns, ohne uns, manchmal gegen uns.

Ich unterlasse es geflissentlich, wie ein schlechter Prediger meine rudimentären Nachdenklichkeiten in Aufgaben für die jubilierende Furche umzusetzen. Vielmehr wünsche ich der Furche weiterhin erfolgreiches Furchen – und das inmitten der Angstgesellschaft.

[1] DIE FURCHE 48 (30.10.1995) 77.

[2] Enzensberger, Hans Magnus: Die Große Wanderung. Dreiunddreißig Markierungen. Mit einer Fußnote „Über einige Besonderheiten bei der Menschenjagd“, Frankfurt 61993, 28-30.

[3] Bude, Heinz: Gesellschaft der Angst, Hamburg 2014. Aus dem Klappentext.

[4] Renz, Monika: Erlösung aus Prägung, Paderborn 2008.

[5] Girard, René: Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz. Eine kritische Apologie des Christentums, München 2002.

[6] Weß, Paul: Befreit von Angst und Einsamkeit. Der Glaube in der Gemeinde, Graz 1973.

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