Familiensynode – besser als ihr medialer Ruf. Eine pastoraltheologische Glosse.

Allenthalben war Enttäuschung wahrzunehmen. Es habe den Bischöfen an Mut gemangelt, dem Papst in sensiblen Fragen weiterführende Vorschläge zu unterbreiten. Das Thema der Homosexualität wird lediglich mit Blick auf Familien gestreift, die ein Kind mit gleichgeschlechtlicher Orientierung haben. Gar nicht glücklich werde dort formuliert, dass „ungerechte Diskriminierungen“ (76) zu unterlassen seien – als ob es gerechte Diskriminierungen geben könnte! Auch beim Thema der wiederverheiratet Geschiedenen haben man sich nicht bewegt. Spiegel-Online bewertete (vielleicht mit vorschneller Zufriedenheit über das erwartbare Versagen der ungeliebten Kirche) das ganze Dokument schlicht als Farce. Wie man sich täuschen kann.

Ein leidsensibles Dokument

Man kann den in Rom zur Familiensynode versammelten Bischöfen nicht vorwerfen, das Leben nicht zu kennen. Da waren viele drunter, die mit dem Elend von Menschen aus der Nähe vertraut sind. Wie anders könnte im Schlusstext die hochbrisante und höchst aktuelle Passage stehen. Sie dreht sich um die „von Krieg, Verfolgung, Armut, Ungerechtigkeit erzwungene Migration von Familien. Auf der Flucht ist oft ihr Leben in Gefahr. Viele sind traumatisiert, so die Bischöfe. Nun gelte es, ihre Würde zu schützen. Besonders gefährdet sind solche Flüchtlingsfamilien und Einzelpersonen, wenn sie nicht den Schutz des Gesetzes genießen und in die Fänge internationalen Menschenhandels fallen. Bedrängend wird auch die Lage jener Familien eingeschätzte, einen längeren Aufenthalt in Flüchtlingslagern haben, in denen es unmöglich ist, einen Integrationsprozess zu starten. Extreme Armut führt manche Familien in die bittere Lage, ihre eigenen Kinder zur Prostitution oder zum Organhandel zu verkaufen. (Nr. 23).

Berührend sind auch die Passagen über Menschen mit Behinderung oder die alten und pflegebedürftigen Angehörigen in den Familien. Die Bischöfe haben sichtlich auf dem Weg viel dazugelernt. Denn beide Themen fehlten noch in den Anfangspapieren, wie etwa in der weltweiten Umfrage zu Lage der Familien.

Immer wieder kommen auch die Bedrängnisse der Familien zur Sprache. Franziskus ist es offenkundig gelungen, die Augen der Bischöfe für die Not der Menschen am Rand – hier der Familien am Rand – zu öffnen.

Auch wenn eine Beziehung trotz anfänglich bestem Willen in Krise gerät und eine Trennung wahrscheinlich wird, richtet sich der Blick der Bischöfe nicht in erster Linie auf das Einmahnen von Treue und Versöhnung, sondern kommt die Sorge zum Ausdruck, dass die Trennung von Eltern nicht nur diesen, sondern vor allem Kindern Leid verursacht.

Und bei Geschiedenen, die wieder heiraten, ist die communio in vita mindestens ebenso wichtig wie die communio in sacris. Der Pastoralplan meinte, dass es zynisch sei, jemandem den zur Kommunion zu öffnen, aber an der Not, die viele Scheidungen auslösen, vorbeizusehen.

Kurzum, das Schlussdokument ist ein leidsensibles Papier geworden.

Radikale Kehrtwende in der Ehe- und Familienpastoral

Manche Bischöfe der Südkontinente haben vermerkt, dass vor allem Europas und hier wieder die deutschsprachigen Bischöfe viel Nachdenklichkeit in die Pastoral rund um Scheidung und Wiederheirat investiert haben. Auch diese Kritik ist unangebracht. Das Thema war dringlichst zu behandeln. Es gab, wenn man genau hinschaut, auch einen dramatischen pastoralen Perspektivenwechsel. In keiner Passage wird jemand verurteilt, obgleich dem Schuldigwerden von Paaren keineswegs ausgewichen wird. Scheidungen verursachen Leid, schlagen Wunden, rufen nicht nach dem Richter, sondern nach dem Arzt.

Bisher hat die Kirche sich in dieser Frage – vor allem wenn jemand nach einer Scheidung zivil wieder geheiratet hat – einen klaren Trennstrich gezogen: nicht hinsichtlich der Mitgliedschaft in der Kirche, wohl aber hinsichtlich des Zugangs zu den Sakramenten, was aber eine starke symbolische Exklusion darstellt. Das von Gott geknüpfte Eheband bestehe für immer, auch wenn die Liebe gestorben ist. Das schaffe einen objektiv sündigen Zustand, der den Zugang zum Bußsakrament und folglich zur Eucharistiefeier versperre. Eine relativ starke Gruppe von Bischöfen (die Nein-Stimmen haben 80 von 265 erreicht) hat in der Synode diese Position vertreten. Sie gaben gesatzter Wahrheit und dem Recht den Vorrang vor des tiefsten aller Wahrheiten, dem Erbarmen Gottes. Noch mehr, den Menschen reinen Wein über ihre sündige Lage einzuschenken und sie zu ersuchen, spirituell das Kreuz der Exklusion zu tragen, sei Ausdruck wirklichen Erbarmens. Der Heilige Papst aus Polen, Johannes Paul II. hat nur einen Ausweg offengelassen: Wenn beide sich jener Akte enthalten, die Eheleuten vorbehalten sind, könne die Exklusion aufgehoben werden, so dozierte der Moraltheologe auf dem Papstthron in seinem Schreiben Familiaris Consortio in der ominösen Nummer 84.

Es ist im Schlussdokument der Familiensynode just der gleiche Absatz 84, in dem ein völlig anderer Ansatz gewählt wird. Jetzt stehen nicht Bücher, sondern Menschen im Mittelpunkt. Es geht nicht mehr um objektive Sünde, sondern um schmerzliche Wunden, die zu heilen sind. Der betroffene Mensch gehöre nicht in den Gerichtssaal, sondern ins Hospiz, das Krankenhaus. Auch wird die neue Verbindung nicht mehr „verteufelt“. Vielmehr operiert der Text prozessual. Paare sind auf einem Weg, indem sich Spuren jenes Guten findet, das in seiner Vollgestalt im Ehesakrament ausreifen kann – was aber in Reinkultur wohl nie der Fall ist, weil letztlich alle Paare unterwegs und auch verwundet sind.

Und der zweite Durchbruch: Es sind im Schlussdokument nicht mehr die Ehegerichte, die eine Ehe annullieren müssen, nicht einmal wie in der Ostkirche der Bischof, der eine Aussöhnung mit der Kirche im Einzelfall „gewähren“ kann. Es ist das Gewissen der Betroffenen, in dem die pastorale Hauptarbeit zu leisten ist. Die kirchliche Gemeinschaft unterstützt die Gewissenhaften dabei durch kompetente Seelsorgerinnen und Seelsorger, für die mehrmals eigens eine Ausbildung gefordert wird. In dieser gewissenhaften Prüfung der Lage von wiederverheiratet Geschiedenen, die sich auf die Spur des Evangeliums begeben haben, sind einige markante Punkte zu klären: „Die wiederverheirateten Geschiedenen sollten sich fragen, wie sie sich gegenüber ihren Kindern verhalten haben, als die eheliche Vereinigung ist in Krise geraten ist; hat es Versuche der Versöhnung gegeben; wie ist die Situation der verlassen Partner; welche Auswirkungen hat die neue Lage für den Rest der Familie und die Gemeinschaft der Gläubigen.“ (84) Im „Forum internum“, also im Dialog der Betroffenen mit dem gut ausgebildeten Seelsorger kann dann für diesen konkreten Einzelfall eines volle Integration ins Leben der Kirche vereinbart werden. Der Strom des Erbarmens Gottes kann darin erfahrbar werden.

Und Papst Franziskus

Ich stelle mir vor, dass Papst Franziskus in seinem Schreiben, das er zum Beginn des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit am 8.12.2015 erlassen wird (das ist meine Vision!), schreiben kann: „Wie die Österreichischen Bischöfe schon 1980 gelehrt haben, sieht ein verantwortlichen pastoralen Vorgehen in der katholischen Kirche künftig so aus: ‚Ein besonderes Problem, das die Bischofssynode sehr beschäftigt hat, betrifft die Pastoral an Geschiedenen, die wieder geheiratet haben. Die Kirche hat auch solchen Christen gegenüber zu bezeugen, dass die Ehe nach dem Gebot des Herrn als unauflösliche Gemeinschaft zu verstehen ist. Deshalb kann sie derartige Zweitehen nicht als sakramentale Gemeinschaften anerkennen. Auch die Kirche steht unter dem Wort des Herrn. Andererseits ist es aber nach der Überzeugung der Bischofssynode Aufgabe der Kirche, auch gegenüber solchen bloß standesamtlich geschlossenen Ehen Verständnis zu zeigen. Solche Eheleute sind nicht von der Kirche getrennt. Sie sollen am gottesdienstlichen Leben teilnehmen. Nach der traditionellen Praxis der Kirche können sie aber nicht am vollen sakramentalen Leben teilnehmen, es sei denn, es liegen besondere Verhältnisse vor, die jeweils im Gespräch mit einem erfahrenen Priester der näheren Klärung bedürfen.‘ (Erklärung der österreichischen Bischöfe zum Abschluss der Bischofssynode, zit. nach: Veröffentlichungen der Erzdiözese Salzburg 11 (1980))“

 

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9 Antworten zu Familiensynode – besser als ihr medialer Ruf. Eine pastoraltheologische Glosse.

  1. Brigitte Storm schreibt:

    Ich wusste, dass diese Synode einen schweren Weg wird gehen müssen, wenn in Zukunft die Gläubigen auf die Kirche hören sollen. Zurzeit scheint es so zu sein, dass gewisse Vorgaben der kirchlichen Lehre, wie Pille, voreheliches Zusammenleben u.s.w., einfach nicht ernst genommen werden und ich hatte befürchtet, dass sie noch weniger ernst genommen wird, wenn die Synode nicht auf die Realitäten des Lebens hinschaut. Ich bin von der Berichterstattung, den Wortmeldungen und dem Schluss Dokument der Synode sehr berührt und bewundere dieses achtsame Formulieren.

  2. Frank schreibt:

    Danke für diese Information , die mich als betroffenen sehr berührt!

  3. Pingback: Die Anarchie des Herzens | peregrinatio

  4. Johanna Spöth schreibt:

    Großartig formuliert und visionär interpretiert -so sehe ich diesen Artikel und danke für die Informationen, die ja recht spärlich – wenn überhaupt – während der Synode kommuniziert wurden.
    Aber trotz allem können wir nur auf Papst Franziskus hoffen, dass er mehr Mut, mehr Barmherzigkeit und mehr Liebe für die Menschen unserer kath. Kirche hat, als die bischöflichen Berater.

    Johanna

  5. kkk schreibt:

    Sehr geehrter Herr Professor,

    ich finde Ihren Kommentar sehr manipulativ. Halten wir doch einfach an der schönen, wahren – und auch logischen – Lehre der Katholischen Kirche in Bezug auf wiederverheiratet Geschiedene fest:

    Weil die (erste) Ehe lebenslänglich bestehen bleibt, ist (fortgesetzter) Sex mit dem zweiten (=falschen) Partner (fortgesetzter) Ehebruch gegenüber dem ersten (=richtigen) Partner. Das verstehen auch Kinder; hier hilft alles Drehen und Wenden nichts.

    Von daher ist in diesem Zustand auch kein Kommunionempfang möglich; er wäre schlicht und einfach eine Lüge. Die Hl. Kommunion ist die innigste Vereinigung mit Jesus – und wie kann das (bitte) geschehen, wenn die wvG gleichzeitig und fortgesetzt laut „NEIN“ zur Lehre Jesu sagen?? Das versteht also auch jedes Kind.

    Von daher die wahre, schöne (und auch logische) Empfehlung der Kath. Kirche: Ihr seid selbstverständlich herzlichst willkommen in der Kirche, geht aber bitte nicht zur Kommunion, das wäre nicht ehrlich.

    Anders (und auch wieder schön, wahr und logisch) ist die Situation, wenn wiederverheiratet Geschiedene wie „Bruder und Schwester“ leben, dann nämlich können sie rein die Heilige Kommunion empfangen.

    Und nun zum Argument „Barmherzigkeit“: Gott ist (selbstverständlich) UNENDLICH barmherzig, wenn man sich Gott in die Arme wirft, seine Fehler eingesehen hat und IHN um Vergebung bittet! Das heißt, Barmherzigkeit mus auch ehrlich angenommen werden. Barmherzigkeit setzt also immer Einsicht und Bereitschaft zur UMKEHR voraus, sonst wäre sie ein unehrlicher „Handel“.

    Hoffen und beten wir also, dass die Wahrheit über die Ehe nicht „unter die Räder“ kommt.

    Mit bestem Gruß.

  6. Johanna Spöth schreibt:

    Lieber „kkk“ – da möchte ich nun doch widersprechen – nicht, dass ich selbst betroffen bin, sondern weil ich so ganz und gar nicht Ihre Ansicht teile. Sie folgern und formulieren ja „logisch“ einwandfrei, aber seit wann sind die Realitäten des Lebens logisch? Wieviel seelische Not, Mühe und Mut gehört eigentlich dazu, einen solchen Bruch zu verkraften und wieder neu durchzustarten – vielleicht mit einem Partner, dem auch Ähnliches widerfahren ist und der Kinder hat, für die er sich verantwortlich fühlt? Und wie müssen sich die Leute fühlen, die zwar einmal in ihrer Ehe gescheitert sind, aber es noch einmal versuchen, besser zu machen? Motiviert und unterstützt unheimlich!
    Und was ein partnerschaftliches Leben als „Bruder und Schwester“ – von Ihnen ja sehr favorisiert – betrifft, kann ich nur sagen: Warum wird vonseiten der Kirche Sex immer so negativ befrachtet – hat denn niemand den Mut zu sagen, des gelebte und geliebte Sexualität das partnerschaftliche Leben bereichert, ja befriedigend und schöner macht – außerdem ist es noch immer das günstigste Vergnügen! Wann kommt die Kirche endlich- wenn auch nur schrittweise – in diesem Jahrtausend an – nicht nur die Menschen brauchen die Kirche, die Kirche braucht auch die Menschen!
    Gehen Sie am Sonntag in den Familiengottesdienst einer Großstadtpfarrei – Kirche höchstens 2/3 gefüllt mit Menschen über 50 ! (gehöre ja auch dazu), wo ist das vitale Mittelalter mit ihren Kindern und Jugendlichen, aus denen vielleicht mit viel Engagement einmal eine Priesterberufung entsteht? Nur an „zölibatären Schreibtischen“ kann man das reale Leben nicht regeln, da sollte man auch einmal die anhören, die es wirklich meistern müssen! Die WAHRHEIT in einer Ehe bedeutet, VERSTEHEN, VERZEIHEN AUS-und DURCHHALTEN – jeden Tag aufs Neue!

  7. kkk schreibt:

    Liebe Frau Spöth,

    das logische Argumentieren hat Ihnen (also) nicht gefallen, schade, denn Jesus Christus denkt auch „logisch“ über die Ehe! (vgl. Mk 10,11). Die Lehre der Kirche und alle Heiligen Frauen und Männer des Himmels denken ebenso „logisch“ über die Ehe. Und wenn dem nun, wie Sie schreiben, „Realitäten des Lebens“ entgegen stehen, liegen diese „Realitäten“ eben falsch, da kann man beim besten Willen nichts daran ändern.

    Wie kommen Sie übrigens darauf, die Kirche „befrachte Sex immer negativ“? Das Gegenteil ist der Fall: Gerade weil(!) Sexualität von Gott kommt und ein Geschenk ist, hat Gott ihr auch den schönsten und würdigsten Rahmen gegeben, nämlich die Ehe, und das ist auch wieder irgendwie „logisch“! Die Logik (Wahrheit und Schönheit) lässt uns nicht los.

    Dass „geliebte Sexualität“, wie Sie schreiben, die Ehe bereichert, ist ja klar, aber eben nur IN der Ehe. Außerhalb ist „geliebte Sexualität“ immer Ehebruch (auch logisch). Da kann sie noch so zärtlich und liebevoll sein.

    Zum rückläufigen Kirchenbesuch möchte ich sagen: Wenn man die Kirche (es ist wie beim Ehepartner) immer besser kennen lernt, lernt man sie auch immer besser lieben und verteidigen (wie beim Ehepartner). Rückläufige Kirchenbesuche liegen mE daran, dass das Wissen um die Hl. Eucharistie leider oft fehlt (Aufbau und Faszination der Eucharistie, „Transsubstantiation“, Gegenwärtigsetzung des Erlösungstodes Jesu u.v.m.) und die Hl. Messe leider oft noch zusätzlich und vielerorts „eventisiert“ wird … und genau dann steht das wahre Zentrum – nämlich Jesus Christus selber – nicht mehr im Zentrum. Das sind die Dramen, die zum Rückgang führen.

  8. Sylvia Ecker schreibt:

    KKK kann ich nur empfehlen immer und immer wieder die Kommentare von Frau Spöth zu lesen, denn die sprechen aus dem tatsächlichen Leben!

    • kkk schreibt:

      Was ich noch ergänzen wollte: Der Katholische Glauben ist keine komplexe „Raketenwissenschaft“; ich muss also nicht tausende Formeln lernen und verstehen und zig-zig Semester studieren. Jesus, unser Glaube (=Liebesbeziehung mit IHM) und die Katholische Kirche lehren uns alles, was wir brauchen … 😉

      So schwer ist es also nicht.

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