Ist am Ende die Hölle leer?

 

In einer Diskussion wurde die große Elisabeth Kübler-Ross von einer Jüdin gefragt, ob dies auch Hitler erleben werde. Zuvor hatte die Nahtodforscherin dem Auditorium erklärt, dass an der Pforte des Todes jedem Menschen ein wunderbar bergendes Licht leuchten werde. Die Jüdin hatte ihre Angehörigen in Auschwitz verloren. Sie machte Hitler dafür verantwortlich. Daher war es für sie unerträglich sich vorzustellen, dass auch Hitler einen guten Tod erlebt habe. Sein Ort sollte nicht ewiges Licht, sondern für immer und ewig die Hölle sein. Darauf erwiderte Kübler-Ross: Sie verstehe die schmerzgetränkte Anfrage der Frau sehr wohl. Wir Menschen wünschen uns Gerechtigkeit. Wenigstens in einem Leben danach. Dann aber fügte sie bei: Ob das nicht unser Bild von Gerechtigkeit sei? Ob Gottes Gerechtigkeit nicht noch einmal anders sei?

Liberale Zeitgenossen, denen nicht wenige christliche Theologen beipflichten, haben die Hölle ersatzlos gestrichen. Die Beseitigung der Hölle habe den Menschen befreit. Kultur und Kirche hätten zu lange gemeinsam versucht, mit der Angst vor der Hölle die Menschen vor Unmoral zu schützen. Das wurde damit begründet, dass ohne Hölle sonst jeder tun könne was er wolle. Es seien auch die Kirchen gewesen, welche die schuldig gewordenen Menschen vor der Hölle zu bewahren versprachen, was ihre Macht sicherte und ihren Reichtum begründete. Diese liberalen Zeitgenossen waren sehr erfolgreich. In Österreich glaubten im Jahre 2008 lediglich 19% an eine Hölle. Es erinnert an das gemütliche Wienerlied: „Wir kommen alle, alle in den Himmel.“

Jesus ist in dieser Frage nicht liberal, sondern radikal. Er kämpft gegen die Selbsttäuschung der Menschen an, gegen ihren Unschuldswahn. Die Gewalt der Männer gegen Frauen und Kinder, Priester einschließlich, ist eben kein Kavaliersdelikt, sondern ein Verbrechen. Flüchtlinge, die um ihr Leben bangen, nicht aufzunehmen ist wie wenn eine Familie sich um ein eigenes Kind nicht kümmert – sind in der einen Welt doch alle Ebenbilder und Kinder Gottes, also ist jede und jeder einer von uns. Der Wahnsinn der Kriege, die Zerstörung des einen Lebenshauses aller Menschen, des Oikos, der Mitwelt, schreit zum Himmel. Jesus sieht viel Schuld und warnt, dass jene, die solches Tun, auf dem direkten Weg ins Verderben, in die Hölle sind, und das oftmals schon auf dieser Welt. Jesus ist also strikt gegen die Banalisierung der Schuld und damit gegen eine Verniedlichung der Hölle.

Wir hätten Jesus aber gänzlich missverstanden, wenn wir meinen, dass er mit der Hölle droht. Er redet von ihr allein mit dem Ziel, dass wir nicht auf dem Weg zum Verderben bleiben, sondern unser Leben auf solidarische Liebe hin ausrichten. Deshalb rät er uns dazu, die fatalen Folgen unseres bösartigen Tuns nicht zu verdrängen und damit Mitmenschen und Mitwelt zu bedrängen. „Reift aus, was in uns ist, landen wir alle in der Hölle“, so Karl Rahner.

Was Jesus aber gegen diese reale Möglichkeit setzt, ist Gottes andre Gerechtigkeit, wie Kübler-Ross im Gespräch mit der Jüdin andeutete. Gott will nicht den Tod des Sünders. Damit es nicht dazu kommt, setzt sich selbst aufs Spiel, wird Mensch und geht in den Tod, damit kein Mensch verloren geht, sondern von seiner Auferstehung erfasst wird. Die orthodoxen Kirchen erzählen, dass Jesus nach seiner Auferstehung nicht gleich in den Himmel aufgefahren, sondern in den Hades, also die Hölle, hinabgestiegen ist. Dann zeigen sie, wie der Auferstandene Adam und Eva mit dem Rettungsgriff aus dem Reich des Todes herauszieht. Adam und Eva stehen aber für die ganze Menschheit. Ich habe für einen solchen universellen Heilsoptimismus zwar keine theologische Gewissheit, aber eine felsenfeste Hoffnung. In dieser Hoffnung traue ich es Gott zu, dass er am Ende allen Zeiten, wenn alle höllischen Ewigkeiten durchlitten sein werden, alle Menschen rettet: Stalin, Hitler und mich.

[Paul M. Zulehner, in Erfüllte Zeit, ORF-Radio, Ö1, 27.9.2015]

 

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2 Antworten zu Ist am Ende die Hölle leer?

  1. Josef Blum schreibt:

    „Wir kommen alle, alle, alle in den Himmel.“ Der Kölner Pianist und Krätzchensänger Jupp Schmitz hat eine schöne Melodie zu diesem Text des Krefelders Kurt Feltz
    erfunden und im Kölner Karneval oft vorgetragen.

  2. Ich kommentiere hier die Hölle nur bezüglich des Beziehungsaspekts „Adam und Eva“, nicht in Bezug auf die Frage der leeren Hölle im Jenseits:

    Du bist schuld, nein Du bist schuld, so geht es seit Adam und Eva. Der Mainstream unserer Zeit nimmt gerade die Position der Eva ein. Gewalt ist in diesem Artikel wieder einmal „die Gewalt der Männer…“ Vielen Dank und weiter so! Das ist die beste Garantie, die seit Jahrtausenden praktizierte Vertreibung aus dem Paradies weiter abzusichern.
    Ich empfehle den anderen Blick zu wagen und sich durch die inzwischen reichhaltige diesbezügliche Literatur zu arbeiten. Ein Anfang könnte gemacht werden mit:

    „Verantwortung: Nein danke!“, von Beate Kricheldorf
    „Geschlecht und Neid“ von Dr. Ulfig
    „Allen Frauen Gutes tun – das Dilemma der Männer“ von Eckhard Kuhla

    Nur Mut, wenn die Hölle sich leeren soll!
    MfG H.W.B.

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