Christliche Kirchen in epochalem Umbau.

Diesen Vortrag habe ich bei der Eugen-Biser-Stiftung am 15.9.2015 im Prälatensaal des Wiener Schottenstiftes gehalten. Darin zeige ich auf, wie die derzeitige Flüchtlingsbewegung theologisch zu deuten ist und wie diese den christlichen  Kirchen in ihren Gemeinschaften und Gemeinden beim Kirchenumbau hilft.

Der tot an die Insel Kos geschwemmte dreijährige Aylan hat die Europäische Öffentlichkeit erschüttert. Seine Mutter und sein etwas älterer Bruder sind mitertrunken. Abdullah Kurdi, sein Vater, verlor mit einem Schlag seine Familie. Er musste alle drei in der gänzlich zerstörten, unbewohnbar gewordenen Heimatstadt Kobane beerdigen.

Es ist ein Familienschicksal, das uns zeigt, dass der von Fachleuten schon seit längerem angekündigte „globale Marsch“ in atemberaubender Geschwindigkeit nach Europa gekommen ist. 60 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht: aus Afghanistan, Pakistan, Eritrea und anderen Ländern Afrikas. Sie fliehen vor Terror, Krieg, aussichtsloser Armut, Naturkatastrophen.

Das Europa dieser Tage ist ein anderes geworden, und das in wenigen Wochen. Ein dramatischer Wandel zeichnet sich, dessen Tempo hoch, laut Deutschem Innenminister Thomas de Maizière „zu hoch“ ist. Dieser Wandel hat in kurzer Zeit das mühselig geeinte Europa polarisiert. War sich dieses politisch in der Griechenlandkrise noch einigermaßen einig und wurde mit exorbitant viel Geld diese Finanzkrise in einer wahren Sitzungsflut von zuständigen Ministern und Regierungschefs fürs erste rasch bearbeitet, hat es bei der weit dramatischeren Flüchtlingsfrage gar lange gedauert, bis für diese Woche ein Treffen der Regierungsverantwortlichen einberufen werden konnte. Mit Spannung wird erwartet, ob eine solidarische Lösung gefunden werden kann, an der sich alle Mitgliedsländer der EU beteiligen. Das Treffen der Innenminister Europas gestern macht nur begrenzt Hoffnung.

Vorhang der Unsolidarität

Wie war Europa, allen voran die Ungarn, stolz, als 1989 der eiserne Vorhang fiel. Jetzt aber wurde in kurzer Zeit zwischen Ost- und Westeuropa ein neuer „Vorhang der Unsolidarität“ hochgezogen, der viele Menschen von ihrem „Marsch der Verzweiflung“ abbringen soll, diesen aber lediglich zusätzlich Erschwernis bringt. Während die meisten Länder Westeuropas auf eine solidarische Lösung vor allem für die Kriegsflüchtlinge aus Syrien drängen, lehnen die osteuropäischen Länder eine anteilige Beteiligung bei der Meisterung der Herausforderung ab. Die Lage wird angesichts der Flüchtlingsflut von Tag zu Tag bedrängender. Man kann verstehen, dass selbst Deutschland nicht anders kann, als die Wanderbewegung drastisch zu entschleunigen.

Gespalten ist nicht nur Europa in einen aufnahmewilligen Westen und einen sich abschließenden Osten. Eine wachsende Polarisierung herrscht auch innerhalb der Bevölkerungen der einzelnen Länder. Im Internet, in dem es so gut wie keine ethische Kontrolle gibt, nehmen die islamophoben und ausländerfeindlichen Hass-Postings flutartig zu. Zugleich gibt es zumal bei vielen Menschen und in Organisationen ein bewundernswertes Ausmaß an Hilfsbereitschaft.

Herausgeforderte christliche Kirchen

Mittendrin in diesen Turbulenzen stehen die christlichen Kirchen. Auch sie sind polarisiert. Der Riss geht auch mitten durch die kirchlichen Gemeinden und Gemeinschaften. Die Kirchenleitungen sprechen nicht mit einer Zunge. Es eint sie nicht das Evangelium, vielmehr verdoppeln sie auf dem Boden der Kirche die Spaltung der Regierungen und Bevölkerungen.

Während Flüchtlinge aus Syrien um ihr Leben rennen, ist der Rat der Europäischen Bischofskonferenzen derzeit im feudalen Tagungshaus Domus Galileae des Neukatechumenats in Korazim/Israel versammelt und berät über das für das überalterte Europa gewiß wichtige Thema der Euthanasie sowie über die kommende Familiensynode, welche die Europäischen Bischöfe zusätzlich spaltet. Gehen gar die Zeiten zu Ende, wo inmitten eines politisch geteilten Europas unter den Vorsitzenden Hume, Martini oder Vlk zumindest die Bischöfe Europas geeint waren?

Kardinal Christoph Schönborn, der sich (leider) vertreten lassen musste, hat an die Versammlung appelliert, sich der Europäischen Flüchtlingsherausforderung mutig zu stellen. Das ließe sich leicht mit dem Anliegen der kommenden Familiensynode, die auf dem Programm der Versammlung steht, verbinden. Sind es doch oftmals ganze Familien, die mit Kindern und Alten auf der Flucht sind, während aus anderen Familien die jungen Männer fliehen, um sich dem Wehrdienst zu entziehen. Sie sind allein unterwegs, in der Hoffnung, vielleicht in einer Weltregion, in der Frieden und Wohlstand herrschen, Fuß zu fassen und mit der nachgeholten Familie ein neues Leben anzufangen.

In der Erzdiözese Wien hat Kardinal Schönborn, einer Aufforderung von Papst Franziskus folgend, die Pfarrgemeinden ersucht, Flüchtlinge aufzunehmen. Nicht wenige Pfarrgemeinden beherbergen und unterstützen auch schon Flüchtlinge, manche Pfarren eine beachtliche Anzahl. Ordensgemeinschaften haben sich der Herausforderung gestellt. Ohne die Mitwirkung der Caritas im Verbund der NGOs wäre die bisherige Herausforderung nicht zu meistern gewesen.

Aber es gibt leider auch andere Stimmen zumal aus den Bischofskonferenzen Osteuropas. Kein geringerer als der derzeitige Vorsitzende des CCEE, Kardinal Peter Erdö von Budapest, hat in einer Pressekonferenz verlauten lassen – ich zitiere aus dem Bericht der Kathpress:

Anders als in Österreich sind die Kirchen in Ungarn nicht berechtigt, Asylsuchende aufzunehmen: „Es ist verboten. Wenn sie es dennoch täten, wären sie Menschenschlepper“, so Kardinal Erdö.[1]

Nun mag es ja sein, dass der Kardinal in gut josephinischer Tradition auf die europaweit umstrittene Gesetzeslage der Regierung Viktor Orban verweisen wollte. Aber ist damit von einem Mann, der für das Evangelium und nicht für die ungarische Regierung steht, wirklich schon alles, ja das Entscheidende gesagt und gar getan? Warum schließt er sich nicht wenigstens dem Aufruf von Papst Franziskus an, Flüchtlinge in den Pfarren bereitwillig aufzunehmen und versucht in Verhandlungen mit der Regierung die rechtlichen Voraussetzungen dafür zu schaffen? Vielleicht will er das aber ebenso wenig wie der Bischof von Szeged László Kiss-Rigó, der in einem Interview mit der Washington Post behauptete, dass der Flüchtlingsstrom einer „Invasion des Islam“ ins christliche Europa gleichkomme und daher die Grenzen für alle Flüchtlinge geschlossen werden müssten. Durch ihre restriktive Politik würden die Madjaren das „christliche Europa“ retten. „Ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich nicht aufgenommen“, lesen auch die ungarischen Bischöfe bei Matthäus (Mt 25,43) in ihren feierlichen Liturgien inmitten ihrer lebensmäßig gut gesicherter Position. Auch sie wissen, dass die Not der Bedrängten zum Himmel schreit.

Kann man aber das „christliche Abendland“ wirklich verteidigen, indem man von der Bibel absieht? Oder wird vielmehr das christliche Abendland eben dadurch, dass man es mit unchristlichen Mitteln zu retten versucht, endgültig zu Grabe getragen? Sind es also gar nicht die islamischen Flüchtlinge, die das Christentum in Europa bedrohen, sondern sind wir selbst dessen Bedrohung, weil unser Glaube im Gegensatz zu jenem vieler Muslime lau und folgenlos geworden ist? Sind wir also nicht selbst, indem wir das Christentum mit falschen Mitteln verteidigen statt dieses solidarisch zu leben, seine Totengräber in Europa?

Mission der Kirche in der sich wandelnden Welt von heute

Alle diese tagespolitischen und zugleich spirituell-kritischen Anmerkungen führen direkt ins Zentrum meiner Ausführungen: Wie soll sich eine christliche Kirche inmitten dieses dramatischen Wandels in der globalisierten Welt positionieren? Das ist allemal klar: Durch die Art, in der sie sich positioniert, entscheidet die Kirche selbst über ihre Zukunft mit. Dazu ist ein epochaler Umbau der christlichen Kirchen erforderlich. Weichen gilt es zu stellen.

Bei den folgenden pastoraltheologische Anmerkungen werde ich mehr im Grundsätzlichen verweilen. Der Weg zu einer konkreten  verantwortlichen Praxis wird nicht ohne Mut zu kleinen Schritten und manch ungeliebten Kompromissen von den Handelnden selbst gefunden werden.

Eschatologische Bilder

Ich wähle, was in der Pastoraltheologie derzeit noch nicht geläufig ist, für meine kompakten Überlegungen einen eschatologischen Ansatz. „Mission“ der Kirche ist es, so meine Grundthese, die erhoffte und von Gott zugesagte Vollendung der Welt jetzt schon in Spuren darzustellen und eine schrittweise Entwicklung der Welt in diese Richtung anzuregen, durch inkarnatorische „Einmischung“ in die gesellschaftlichen Prozesse voranzubringen – sowie, weil manchmal nicht mehr möglich sein wird: Rückschritte zu vermeiden oder abzumildern.

Worin näherhin die erhoffte Vollendung der Welt besteht, welche die Kirche spurenhaft in die Geschichte hereinlebt, noch mehr: persönlich wie politisch hereinliebt, dafür stehen biblisch mehrere Bilder bereit. Ich wähle drei aus: Reich Gottes, den kosmischen Christus sowie das Pfingstereignis.

Reich Gottes

Jesus bevorzugt das Bild vom Kommen des Reiches Gottes. Dieses wandelt, so die neutestamentliche Tradition, die „alte“, also historisch wachsende Welt um in eine Schöpfung geprägt von „Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist“ (Röm 14,17). Es ist eine Welt, von Gottes Liebe durchflutet, eine von Solidarität geprägte „Zivilisation der Liebe“, die der für ein wirklich christliches Europa so wichtige Johannes Paul II. unverdrossen postuliert hat und dessen Herzensanliegen darin bestand, dass Ost und West in Europa als zwei Flügeln einer einzigen Lunge gemeinsam atmen.

Der kosmische Christus – Gottes Weltleib

Ein zweites bewegendes Bild für die Vollendung der Welt bietet jene grandiose Vision, die am Beginn des Kolosserbriefes (Kol 1,15-20) steht. Es ist wohl einer der ältesten liturgischen Christushymnen. In diesem erscheint die vollendete Schöpfung als der „Weltleib“ Gottes.[2] Sein Haupt ist der auferstandene Christus als der Erstgeborene der Toten – was zur Folge hat, dass die unzählig vielen Menschen in der langen Geschichte Zweit-, Dritt- und Nachgeborene sind. Nicht nur durch ihn, sondern auf Christus hin ist alles erschaffen. Durch die Auferstehung ist Jesus zum Christus gemacht (Apg 2,36). Das hat ihn von Raum und Zeit entbunden und in der Lage versetzt, die nach und nach hinsterbend ankommende Schöpfung in den vollendeten „Weltleib“ aufzunehmen. Der Auferstandene weitet sich dadurch kosmisch, er wird so zum „kosmischen Christus“ – eine bewegende Vision, welche die heutige Theologie wieder intensiv beschäftigt[3]. In der zeitgenössischen Theologie der Religionen spielt das Bild freilich eine nicht einfache Rolle, weil diese den Anspruch des Christentums auf die zentrale Rolle Jesu Christi mit der Heilsbedeutung der anderen Religionen zusammenbringen muss. Jedenfalls bietet der Kolosserhymnus mit anderen grandiosen Texten des Neuen Testaments wie dem Epheserbrief (Eph 1,10) eine revolutionierende Grundlage für eine Neudefinition der Mission der Kirche in der sich derart rasch wandelnden Welt von heute.

Durch diese Vision wird die Mission der Kirche von einem exklusivistischen Heilspessimismus hin zu einem inklusivistischen Heilsoptimismus verlagert. Diese folgenreiche Akzentverschiebung gehört nach Karl Rahner zur bleibenden Bedeutung des Zweiten Vatikanischen Konzils.

„Früher fragte die Theologie ängstlich“, so Rahner wörtlich, „wie viele aus der ‚massa damnata‘ der Weltgeschichte gerettet werden. Heute fragt man, ob man nicht hoffen dürfe, dass alle gerettet werden. Eine solche Frage, eine solche Haltung ist christlicher als die frühere und ist die Frucht einer langen Reifungsgeschichte des christlichen Bewusstseins, das sich langsam der letzten Grundbotschaft Jesu vom Sieg des Reiches Gottes nähert.“[4]

Das „extra ecclesiam nulla salus“ wird auf den Kopf gestellt: Die allumfassende Kirche ist dort, wo Heil ist.

Heil aber wächst zumindest in verhüllter Weise, so Hans Urs von Balthasar[5], wo immer aus der Kraft des Geistes Gottes wahrhaft geliebt wird. Rahner nannte dies „Heil im atheistischen Modus“. Der inklusivistische Heilsoptimismus traut es Gott zu, dass er durch das Wirken seines Geistes im Leben eines jeden Menschen ein Körnchen Liebe einpflanzt und dieses Gold mit seinen vielfältigen Mitteln reinigt. Gregor von Nazianz, ein früher ostkirchlicher Heilsoptimist, zählt zu diesen Mitteln das Wasser der Taufe, den Tod, und nicht zuletzt den „Feuersee“ der Offenbarung als finales Mittel der Reinigung des Schöpfungsgoldes von unseren schuldhaften Verunreinigungen. Am Ende wird dann aber Gott alles in allem sein (1 Kor 12,28). Für Sünde, Tod und Teufel sieht der heilige Kirchenlehrer des Ostens keinen Platz mehr.

Pfingsten

Ein drittes, hochaktuelles Bild für die vollendete Menschheit, wie sie in der Kirche anschaulich wird, ist das Pfingstereignis. Bei diesem kirchengründenden Anlass sind Menschen verschiedener Kulturen und Sprachen geeint. Sie verstehen einander dank der von innen her von Gott geöffneten Ohren des Herzens in aller kulturellen und religiösen Verschiedenheit. Die christlich Vorstellung von der Vollendung ist also, so lehrt dieses Kirchenbild, nicht die Auflösung der Verschiedenheit und Buntheit einer Schöpfung, die sich im Lauf ihrer Entfaltung – so der Evolutionstheoretiker Carsten Bresch – immer mehr „durchmustert“, also ausdifferenziert. Vielmehr bleiben in der vollendeten Schöpfung Vielfalt und Einheit versöhnt. Der Andere, der Fremde, der Moslem, der Skeptiker, der Atheist tragen zum Reichtum der einen Schöpfung bei.

Uns Heutige kann das Pfingstereignis anregen theologisch zu denken, dass der globale Marsch mit seiner Durchmischung der Kulturen und Religion nicht nur eine bedrohliche Herausforderung darstellt, sondern die Chance zur kulturellen und religiösen Bereicherung in sich trägt. Verschiedene kulturelle und religiöse Erfahrungen können sich im manchmal chaotischen Zusammentreffen auf einer höheren Ebene zu einer neuen Qualität weiterentwickeln. Zumindest die Vatikanische Migrationsbehörde hält dies im hochinnovativen Schreiben „Erga migrantes caritas Christi“ aus dem Jahre 2004 für möglich, ja für wünschenswert.

Eschatologisch inspirierte Kirchenpraxis

Solche Bilder der Vollendung können das heutige Handeln der Kirche nachhaltig inspirieren. Ich greife wenige Aspekte heraus.

Zunächst verschiebt sich das Augenmerk der Pastoral von der Kirche hin zur dramatischen Geschichte Gottes mit seiner Welt, der einen Menschheit. Die Sorgen der Kirche um das Heil ihrer Mitglieder sowie um die ihr ständig abgeforderte Reform an Haupt und Gliedern, werden nicht belanglos, rücken aber in den Hintergrund. Im Mittelpunkt steht nunmehr die Sorge Gottes um seine eine Welt. Die Kirche wird, so Clemens von Alexandrien in der Ausdeutung des griechischen Orpheus-Mythos auf das Evangelium[6], gleichsam zur Lyra in der Hand des Christus-Orpheus, damit zu Gunsten der Eurydike-Menschheit erklinge ein Lied des Lachens, der Hoffnung und der Auferstehung. Das relativiert die Kirche hin auf die mit der Weltgeschichte idente Heilsgeschichte, weitet also ihren Horizont soteriologisch enorm.

Wesentlich ist für diese Überlegungen, dass die Menschheit bei allen Unterschieden der Kulturen und Personen als eine gesehen wird. Weil nur ein Gott ist, ist jede eine, ist jeder einer von uns. Also ist auch Aylan, das tote Kind am Strand von Kos, einer von uns. Wie auch die vielen angestrandeten Flüchtlinge theologisch besehen zu uns gehören, oder etwas ungewohnt ausgedrückt: „Wir“ sind.

Eine solche Rede von der Einheit der ganzen Menschheit stützt sich auf ein sehr altes Wissen um die tiefe Einheit der ganzen Schöpfung. Von Aristoteles über Bonaventura hin zu Ken Wilber[7] findet sich das Bild vom „chain of being“, der einen Kette des Seins.

Dieses Wissen um die Einheit der Schöpfung wird aber nicht nur philosophisch beschworen, sondern liegt auch der Theologie der „Erbschuld“ zugrunde. Die Schultheologie erläutert dies dadurch, dass Gott ja nicht Mann geworden ist, sondern die eine menschliche Natur angenommen und durch deren Annahme diese erlöst hat. Diese eine menschliche Natur trägt jeder Mensch in sich, alle sind Gottes Ebenbilder, Kinder des einen Gottes, was uns untereinander zu gottverwandten Schwestern und Brüdern in der einen Menschheitsfamilie macht. Alle haben eine unantastbare Würde, die in Hass-Postings ebenso verletzt wird wie dadurch, dass ungarische Polizisten im Flüchtlingslager Röszke an der Serbischen Grenze die Esspakete wie bei einer Tierfütterung wahllos in die wartende Flüchtlingsmenge werfen. Dass dabei eine Überforderung der Hilfskräfte eine Rolle spielte, mag zur einfühlsamen Erklärung dienen, rechtfertigt aber nicht die Verletzung der Menschenwürde.

Dieses Wissen um die Verwobenheit aller ist heute mit Blick auf die Armen der Welt ebenso wie auf die belastete Mitwelt theologisch aufzufrischen und in seinen sozialethischen Konsequenzen zu entfalten. Das Wissen um die „Kette des Seins“ ist eine vorzügliche Grundlage einer noch ausstehenden „Theologie der Globalisierung“ – wie überhaupt ein enormer Bedarf nach einer gediegenen „Theologie der sich rapid wandelnden Welt“ besteht. Es braucht beispielsweise dringend eine „Theologie der Migration“, der Wanderbewegungen, der kulturellen Durchmischung: Regina Polak befasst sich jüngstens damit. Vielleicht muss die Theologie auch lernen, dass – vielfach ungewollt – fürchterliches Leid und bedrohliches Chaos auch Chancen des Reifens und Wachsens der Schöpfung enthalten. Im Rahmen einer solchen „Theologie der Welt“ geht uns in Europa der atomare Super GAU in Fukushima ebenso an wie der IS-Terror im Nahen Osten jeder im Mittelmeer ertrunkene Afrikaner wie jede in Indien vergewaltigte und gemordete Frau. Es gilt unseren glaubensgetränkten Blick auf die ganze Welt, die eine Menschheit, also allumfassend zu weiten, in diesem Sinn unsere Theologie wahrhaft „katholisch“ zu werden zu lassen.

Vielleicht ist es eines der größten Komplimente, wenn ein Karikaturist Papst Franziskus schon nach 100 Tagen seiner Amtszeit als „Weltpfarrer“ vorstellte und ehrte.

Wie aber die Theologie der Erbschuld universell konzipiert ist, muss auch die Soteriologie mutig universell denken:

„Wie durch Ist durch die Übertretung des einen der Tod zur Herrschaft gekommen, durch diesen einen, so werden erst recht alle, denen die Gnade und die Gabe der Gerechtigkeit reichlich zuteilwurde, leben und herrschen durch den einen, Jesus Christus.“ (Röm 5,17)

Es gibt also nicht nur eine universelle Erbschuld, sondern auch ein universelles „Erbheil“ (Hermann Stenger), auf das hin Gottes Geist die Schöpfung von innen her formt und voranbringt. Dieses „Erbheil“ ist in der Menschwerdung Gottes in das irrreversible Stadium seiner Erfüllung eingetreten. Das ist ein gewichtiger theologischer Grund, dass die Kirche nicht einen apokalyptischen Weltpessimismus, auch keinen naiven Weltoptimismus, sondern einer nachhaltigen Possibilismus vertreten sollte. Mit Gottes Hilfe können die größten Herausforderungen gemeistert werden. Auch jene des „globalen Marsches der Verzweifelten“.

Der Auftrag der Kirche, ihre Mission, verschiebt sich also plakativ ausgedrückt von konfessionell zu universell, von exklusiv zu inklusiv. Auf der pastoralen Tagesordnung der Kirche steht dann nicht mehr primär die Sorge um das Heil der getauften und zum Glauben gekommenen Konfessionsangehörigen, sondern das Heil aller Menschen und damit das spurenhafte Anbrechen des Reiches Gottes für alle schon jetzt. Die Kirche ist jetzt auch nicht mehr die rettende Arche für wenige – und wenn schon Arche: dann eben für alle!

Weit tauglicher als dieses eher exklusive Bild der Arche erweist sich das von Jesus in der Bergpredigt gebrauchte inklusive Bild für die Mission seiner Nachfolgegemeinschaft: Von seinen Jüngerinnen und Jüngern erwartet er, dass sie Licht der Welt sind (Mt 5,14). Als Stadt auf dem Berg macht die Kirche Jesu in jeder ihrer Gemeinden und Gemeinschaften durch das, was sie leben, wovon sie gefragt erzählen und was sie feiern, unübersehbar sichtbar, was Gott mit allen Menschen vorhat: dass nämlich in Gottes Kraftfeld erblühen – die Liebe und damit das Heil, also ewiges Leben, Liebe pur.

Die dämonischen Gegenmächte

Jesus nennt seine Jüngergemeinschaft aber nicht nur Licht der Welt, sondern auch Salz der Erde (Mt 5,13). Salz hat mit dem Erhalten zu tun. Es wird auch zur Heilung eingesetzt. Die Kirche enthüllt daher nicht nur das „Erbheil“ aller, sondern hat im Gang der Geschichte der Welt zudem die Aufgabe, die Welt aus der Kraft des Geistes Gottes vom „Erbunheil“ zu heilen. Auch dafür gibt es heute eine tiefschürfende Nachdenklichkeit, und das nicht nur in der zeitsensiblen Theologie. Vielmehr erweist sich die Prophetie profaner Wissenschaften als wegweisend.

So gelten in der Kulturanthropologie Gewalt, Gier und Lüge als die dunklen Mächte in der Menschheitsgeschichte. Rene Girard[8] hat die einschlägigen Analysen zu einer säkularen Theorie der „Erbschuld“ verdichtet und über die rettenden Rituale im Umgang der Menschen mit dieser geforscht.

Die Tiefenpsychologin Monika Renz[9] wiederum hat zu erklären versucht, wie es im Leben der Einzelnen zu Gewalt, Gier und Lüge kommt. Sie macht deren Entstehen an der Geburt fest, bei welcher der in der Ureinheit im Mutterschoß geborgene neugeborene Mensch von einer Urangst befallen wird. In zweifacher Weise kann er damit fertig werden. Entweder wird die Angst gezähmt, indem sich in der bindenden Begegnung mit mütterlichen und väterlichen Menschen Urvertrauen ausbildet, welches später die Grundlage für das Glaubenkönnen und das Lieben ist. Oder aber die Angst bleibt ungezähmt: Dann greift ein solch verängstigter Mensch zu Selbstverteidigungsstrategien. Und wieder nennt Monika Renz Gewalt, Gier und Lüge.

Diese dunklen Mächte bedrängen aber nicht nur einzelne Menschen, sondern ganze Kulturen. Gewalt zeigt sich heute als Terrorismus, Gier in der Finanzwelt, Lüge erscheint als Korruption. Von einer „Culture of fear“ ist die Rede (Frank Furedi[10]).

Wo aber die Angst sich ausbreitet, schwindet die Fähigkeit zu solidarischer Liebe. Denn Angst entsolidarisiert, so die lapidare Formel: Inmitten der massiven Herausforderung Europas durch die andrängenden Flüchtlinge können solche Zusammenhänge leicht beobachtet werden. Wer Angst hat vor sozialem Abstieg, vor kultureller Überfremdung, vor der Schwächung des „christentümlichen Europas“, tut sich mit der Solidarität mit den Flüchtlingen verständlicher Weise schwer. Tragisch ist, dass aus parteipolitischem Kalkül vorhandene Angst vielfach noch mutwillig geschürt wird, was eine solidarische Politik zunehmend erschwert. Kurzfristiger parteipolitischer Gewinn vergrößert langfristig die gesellschaftspolitischen Probleme. Denn ohne Solidarität erblüht keine Gerechtigkeit, küssen einander nicht mehr Gerechtigkeit und Frieden (Ps 85,11). Aufgabe von wahren Politikern wäre es dagegen, Angst wahr- und ernst zu nehmen, dann aber diese nicht zu mehren, sondern durch eine kompetente Politik zu mindern.

Und wiederum frage ich nach der Aufgabe der christlichen Kirchen angesichts der dämonischen Gegenmächte.

Ein Strang der Theologie sowohl der evangelischen wie der katholischen Kirche hat das Thema der Angst schon länger wahrgenommen und bearbeitet. Ich erinnere an die bahnbrechenden Werke von Søren Kierkegaard und Eugen Drewermann.[11] Theologisch wird von diesen die Angst, letztlich vor Tod und Vergänglichkeit, als Ursache dafür ausgemacht, dass Menschen böse werden. Eugen Biser[12] sowie die Päpste Benedikt XVI.[13] und Franziskus treten auf diesem Hintergrund für eine Verlagerung der Kirchenpraxis vom Moralisieren zum Heilen ein. Der bloße moralische Appell gegen das Böse verhalle lediglich in vergebliche Leere. Dass Moralisieren dem Verängstigten keine Hilfe ist, bezeugte schon der Apostel Paulus im Römerbrief (Röm 7,15-25): Was er nicht will, tut er; was er aber will, tut er nicht – „dieser unglückselige Europäer“. Das Gesetz nimmt nicht die Angst, sondern deckt nur den dunklen Abgrund der Angst und Schuld auf. Das Gesetz und mit ihm das in der Kirche, aber auch im modernen Theater so beliebte Moralisieren (man denke an Thomas Bernhard oder Elfriede Jelinek) kann nicht heilen. Dazu braucht es das göttliche Erbarmen, seine heilende Huld und entängstigende Gnade. Eine therapeutische Seelsorge ist erforderlich. In der Sprache von Papst Franziskus:

„Ich sehe ganz klar, dass das, was die Kirche heute braucht, die Fähigkeit ist, Wunden zu heilen und die Herzen der Menschen zu wärmen – Nähe und Verbundenheit… Ich sehe die Kirche wie ein Feldlazarett nach einer Schlacht. Man muss einen Schwerverwundeten nicht nach Cholesterin oder nach hohem Zucker fragen… Man muss die Wunden heilen. Dann können wir von allem anderen sprechen. Die Wunden heilen, die Wunden heilen… Man muss ganz unten anfangen.“[14]

Heilendes Erbarmen ist die Mitte aller großen Religionen der Welt. Im Islam wird in jeder Sure Allah als der Allerbarmer gepriesen. Im Buddhismus gilt der Dalai-Lama die Reinkarnation eines der drei Buddhas, nämlich des Buddhas des Erbarmens; in den tibetischen Klöstern wird er in wunderschönen Fresken mit tausenden Augen und Händen dargestellt. Die jüdische Tradition setzt auf Gottes Erbarmen und verwebt diese mit Recht und Gerechtigkeit. Schließlich überliefert der Evangelist, Arzt und Therapeut Lukas als Mitte der Verkündigung Jesu dessen Gleichnis vom Erbarmen des Vaters und seinen zwei verlorenen Söhnen, in der Hoffnung – wie der Mystiker Henri Nowen[15] es einfühlsam an Hand des wunderbaren Gemäldes von Rembrandt meditiert – , dass auch die Kirche wie der Vater wird: also eine Pastoral des Erbarmens[16] wagt. Es sind die bockbeinigen Ideologen, die heute in der katholischen Kirche einer solchen Praxis des Erbarmens im Wege stehen, während die wirklichen Hirten sie praktizieren und von der Kirchenleitung legitimiert haben möchten.

Enthüllen und heilen

Das sind also zusammengefasst heute die zwei großen Aufgaben von christlichen Kirchen inmitten des dramatischen Wandels der einen Welt von heute, von denen ich hoffe, dass diese sie in versöhnter Verschiedenheit in der Welt gemeinsam wahrnehmen.

Als Licht der Welt enthüllen die christlichen Kirchen in aller historischen gewonnenen Freiheit der Religion das, was Gott mit allen Menschen vorhat: das „Erbheil“: also die Vollendung in der Liebe, die schon in dieser Weltzeit bei allen, wenngleich verhüllt und oftmals überlagert, in Gang ist. Die Kirchen stehen damit für einen universellen Heilsoptimismus.

Dieser kommt aber nicht liberalistisch-naiv und blauäugig daher. Denn die christlichen Kirchen werden zugleich wachsam sein für die dunklen Mächte in der Geschichte, die als „Erbunheil“ (und in diesem Sinn als „Erbschuld“) gesehen werden können – oder wie der erste Brief des Petrus formulierte: „Die sinnlose, von den Väter (und wohl auch Müttern) ererbte Lebensweise“ (1 Petr 1,18). Diese dunklen Mächte entspringen aber einer tiefsitzenden Daseinsangst des Menschen. Als Salz der Erde unterlassen daher die christlichen Kirchen keine Möglichkeit, möglichst viele Menschen von der lebensbedrohlichen Wunde der Daseins- und Todes-Angst und der daraus quellenden Gewalt, Gier und Lüge zu heilen.

Eine dergestalt selbstlos handelnde christliche Kirche kommt ihren ererbten Auftrag in der heutigen Zeit nach. Um ihre eigene  Zukunft braucht sie dabei nicht besorgt zu sein. Denn ihr innerstes Wesen besteht darin, sich in Jesu Art kenotisch zu verausgaben und nicht den eigenen Bestand zu sichern. Vielleicht gilt auch für die christlichen Kirchen: „Wer das Leben gewinnen will, wird es verlieren; wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen.“ (Mt 10.39)

[1] http://www.kathpress.at/site/nachrichten/database/72191.html (Stand: 14.9.2015)

[2] Hildegard von Bingen hatte eine grandiose Vision vom Menschensohn als Mitte der Schöpfung. Mehr dazu in Zulehner, Paul M.: Kirchenvisionen. Orientierung in Zeiten des Kirchenumbaus, Ostfildern 2012.

[3] Fox, Matthew: Vision vom kosmischen Christus. Aufbruch ins dritte Jahrtausend, Stuttgart 1991. – Lyons, James A.: The cosmic Christ in Origen and Teilhard de Chardin. A comparative study, Oxford 1982. – Rössler, Andreas: Steht Gottes Himmel allen offen? Zum Symbol des kosmischen Christus, Stuttgart 1990. – Schiwy, Günther: Der kosmische Christus 1990. – Schroeder, Hans-Werner: Der kosmische Christus. Ein Beitrag zur Christuserkenntnis und Christuserfahrung, Stuttgart 1995. – Thiede, Werner: Die Zukunft des kosmischen Christus. Karriere und Bedeutungswandel einer modernen Metapher, Göttingen 2001. – Zulehner, Paul M.: Mitgift. Autobiographie anderer Art, Ostfildern 22014.

[4] Rahner, Karl: Die bleibende Bedeutung des Zweiten Vatikanischen Konzils, in: Stimmen der Zeit 197 (1979), 795–806.

[5] Hans Urs von Balthasar spricht von den wahrhaft Liebenden „denen auf eine uns verhüllte Weise der Geist der Wahrheit geschenkt worden ist“: von Balthasar, Hans Urs: Spiritus Creator, Einsiedeln 1967, 159.

[6] Vgl. Zerfaß, Rolf: Ein Lied vom Leben. Orpheus und das Evangelium, in: Miteinander sprechen und handeln. Festschrift für Hellmut Geissner, hg. v. Edith Slembek, Frankfurt 1986, 343–350.

[7] Bonaventura fasst darin die Mystik von Franz von Assisi zusammen. Auch Wilber, Ken: A Brief History of Everything, Dublin 1996. – Wilber, Ken/Wilhelm, Clemens: Eine kurze Geschichte des Kosmos, Frankfurt am Main 2007.

[8] Girard, René: Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz. Eine kritische Apologie des Christentums, München 2003.

[9] Renz, Monika: Erlösung aus Prägung, Paderborn 2008.

[10] London 2000. – Auch: Bude, Heinz: Gesellschaft der Angst, Hamburg 2014.

[11] Kierkegaard, Søren: Der Begriff Angst, Hamburg 1984. – Zu Kierkegaards Ansatz: Die Angst des modernen Menschen, Zürich 1977. – Künzli, Arnold: Die Angst des modernen Menschen. Søren Kierkegaards Angstexistenz als Spiegel der geistigen Krise unserer Zeit, Zürich 1947. – Ders.: Die Angst als abendländische Krankheit. Dargestellt am Leben und Denken Søren Kierkegaards, Zürich 1948. – Drewermann, Eugen: Strukturen des Bösen. Die jahwistische Urgeschichte in psychoanalytischer Sicht, München 1977 (zwei Bände). – Ders.: Wendepunkte oder Was eigentlich besagt das Christentum? Ostfildern 2014.

[12] Biser, Eugen: Theologie als Therapie. Zur Wiedergewinnung einer verlorenen Dimension, Heidelberg 1985. – Ders.: Die glaubensgeschichtliche Wende. Eine theologische Positionsbestimmung, Graz 1986. – Ders.: Überwindung der Lebensangst. Wege zu einem befreienden Gottesbild, München 1996.

[13] Eugen Biser ist der einzige Theologe, den Benedikt XVI. in seinem Interviewbuch „Salz der Erde“ zitiert. Benedikt XVI. / Seewald, Peter: Salz der Erde, München 1996. – Franziskus: Evangelii gaudium, Rom 2013.

[14] Spadaro, Antonio: Das Interview mit Papst Franziskus, Freiburg 2013.

[15] Nowen, Henri: Nimm sein Bild in Dein Herz. Geistliche Deutung eines Gemäldes von Rembrandt, Freiburg 162006.

[16] Kasper, Walter: Barmherzigkeit. Grundbegriff des Evangeliums – Schlüssel christlichen Lebens, Freiburg 2012. –

Zulehner, Paul M.: „Gott ist größer als unser Herz.“ (1 Joh 3,20). Eine Pastoral des Erbarmens, Ostfildern 2006. – Franziskus: Evangelii gaudium, Rom 2013.

Paul M. Zulehner

Christliche Kirchen in epochalem Umbau.

Der tot an die Insel Kos geschwemmte dreijährige Aylan hat die Europäische Öffentlichkeit erschüttert. Seine Mutter und sein etwas älterer Bruder sind mitertrunken. Abdullah Kurdi, sein Vater, verlor mit einem Schlag seine Familie. Er musste alle drei in der gänzlich zerstörten, unbewohnbar gewordenen Heimatstadt Kobane beerdigen.

Es ist ein Familienschicksal, das uns zeigt, dass der von Fachleuten schon seit längerem angekündigte „globale Marsch“ in atemberaubender Geschwindigkeit nach Europa gekommen ist. 60 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht: aus Afghanistan, Pakistan, Eritrea und anderen Ländern Afrikas. Sie fliehen vor Terror, Krieg, aussichtsloser Armut, Naturkatastrophen.

Das Europa dieser Tage ist ein anderes geworden, und das in wenigen Wochen. Ein dramatischer Wandel zeichnet sich, dessen Tempo hoch, laut Deutschem Innenminister Thomas de Maizière „zu hoch“ ist. Dieser Wandel hat in kurzer Zeit das mühselig geeinte Europa polarisiert. War sich dieses politisch in der Griechenlandkrise noch einigermaßen einig und wurde mit exorbitant viel Geld diese Finanzkrise in einer wahren Sitzungsflut von zuständigen Ministern und Regierungschefs fürs erste rasch bearbeitet, hat es bei der weit dramatischeren Flüchtlingsfrage gar lange gedauert, bis für diese Woche ein Treffen der Regierungsverantwortlichen einberufen werden konnte. Mit Spannung wird erwartet, ob eine solidarische Lösung gefunden werden kann, an der sich alle Mitgliedsländer der EU beteiligen. Das Treffen der Innenminister Europas gestern macht nur begrenzt Hoffnung.

Vorhang der Unsolidarität

Wie war Europa, allen voran die Ungarn, stolz, als 1989 der eiserne Vorhang fiel. Jetzt aber wurde in kurzer Zeit zwischen Ost- und Westeuropa ein neuer „Vorhang der Unsolidarität“ hochgezogen, der viele Menschen von ihrem „Marsch der Verzweiflung“ abbringen soll, diesen aber lediglich zusätzlich Erschwernis bringt. Während die meisten Länder Westeuropas auf eine solidarische Lösung vor allem für die Kriegsflüchtlinge aus Syrien drängen, lehnen die osteuropäischen Länder eine anteilige Beteiligung bei der Meisterung der Herausforderung ab. Die Lage wird angesichts der Flüchtlingsflut von Tag zu Tag bedrängender. Man kann verstehen, dass selbst Deutschland nicht anders kann, als die Wanderbewegung drastisch zu entschleunigen.

Gespalten ist nicht nur Europa in einen aufnahmewilligen Westen und einen sich abschließenden Osten. Eine wachsende Polarisierung herrscht auch innerhalb der Bevölkerungen der einzelnen Länder. Im Internet, in dem es so gut wie keine ethische Kontrolle gibt, nehmen die islamophoben und ausländerfeindlichen Hass-Postings flutartig zu. Zugleich gibt es zumal bei vielen Menschen und in Organisationen ein bewundernswertes Ausmaß an Hilfsbereitschaft.

Herausgeforderte christliche Kirchen

Mittendrin in diesen Turbulenzen stehen die christlichen Kirchen. Auch sie sind polarisiert. Der Riss geht auch mitten durch die kirchlichen Gemeinden und Gemeinschaften. Die Kirchenleitungen sprechen nicht mit einer Zunge. Es eint sie nicht das Evangelium, vielmehr verdoppeln sie auf dem Boden der Kirche die Spaltung der Regierungen und Bevölkerungen.

Während Flüchtlinge aus Syrien um ihr Leben rennen, ist der Rat der Europäischen Bischofskonferenzen derzeit im feudalen Tagungshaus Domus Galileae des Neukatechumenats in Korazim/Israel versammelt und berät über das für das überalterte Europa gewiß wichtige Thema der Euthanasie sowie über die kommende Familiensynode, welche die Europäischen Bischöfe zusätzlich spaltet. Gehen gar die Zeiten zu Ende, wo inmitten eines politisch geteilten Europas unter den Vorsitzenden Hume, Martini oder Vlk zumindest die Bischöfe Europas geeint waren?

Kardinal Christoph Schönborn, der sich (leider) vertreten lassen musste, hat an die Versammlung appelliert, sich der Europäischen Flüchtlingsherausforderung mutig zu stellen. Das ließe sich leicht mit dem Anliegen der kommenden Familiensynode, die auf dem Programm der Versammlung steht, verbinden. Sind es doch oftmals ganze Familien, die mit Kindern und Alten auf der Flucht sind, während aus anderen Familien die jungen Männer fliehen, um sich dem Wehrdienst zu entziehen. Sie sind allein unterwegs, in der Hoffnung, vielleicht in einer Weltregion, in der Frieden und Wohlstand herrschen, Fuß zu fassen und mit der nachgeholten Familie ein neues Leben anzufangen.

In der Erzdiözese Wien hat Kardinal Schönborn, einer Aufforderung von Papst Franziskus folgend, die Pfarrgemeinden ersucht, Flüchtlinge aufzunehmen. Nicht wenige Pfarrgemeinden beherbergen und unterstützen auch schon Flüchtlinge, manche Pfarren eine beachtliche Anzahl. Ordensgemeinschaften haben sich der Herausforderung gestellt. Ohne die Mitwirkung der Caritas im Verbund der NGOs wäre die bisherige Herausforderung nicht zu meistern gewesen.

Aber es gibt leider auch andere Stimmen zumal aus den Bischofskonferenzen Osteuropas. Kein geringerer als der derzeitige Vorsitzende des CCEE, Kardinal Peter Erdö von Budapest, hat in einer Pressekonferenz verlauten lassen – ich zitiere aus dem Bericht der Kathpress:

Anders als in Österreich sind die Kirchen in Ungarn nicht berechtigt, Asylsuchende aufzunehmen: „Es ist verboten. Wenn sie es dennoch täten, wären sie Menschenschlepper“, so Kardinal Erdö.[1]

Nun mag es ja sein, dass der Kardinal in gut josephinischer Tradition auf die europaweit umstrittene Gesetzeslage der Regierung Viktor Orban verweisen wollte. Aber ist damit von einem Mann, der für das Evangelium und nicht für die ungarische Regierung steht, wirklich schon alles, ja das Entscheidende gesagt und gar getan? Warum schließt er sich nicht wenigstens dem Aufruf von Papst Franziskus an, Flüchtlinge in den Pfarren bereitwillig aufzunehmen und versucht in Verhandlungen mit der Regierung die rechtlichen Voraussetzungen dafür zu schaffen? Vielleicht will er das aber ebenso wenig wie der Bischof von Szeged László Kiss-Rigó, der in einem Interview mit der Washington Post behauptete, dass der Flüchtlingsstrom einer „Invasion des Islam“ ins christliche Europa gleichkomme und daher die Grenzen für alle Flüchtlinge geschlossen werden müssten. Durch ihre restriktive Politik würden die Madjaren das „christliche Europa“ retten. „Ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich nicht aufgenommen“, lesen auch die ungarischen Bischöfe bei Matthäus (Mt 25,43) in ihren feierlichen Liturgien inmitten ihrer lebensmäßig gut gesicherter Position. Auch sie wissen, dass die Not der Bedrängten zum Himmel schreit.

Kann man aber das „christliche Abendland“ wirklich verteidigen, indem man von der Bibel absieht? Oder wird vielmehr das christliche Abendland eben dadurch, dass man es mit unchristlichen Mitteln zu retten versucht, endgültig zu Grabe getragen? Sind es also gar nicht die islamischen Flüchtlinge, die das Christentum in Europa bedrohen, sondern sind wir selbst dessen Bedrohung, weil unser Glaube im Gegensatz zu jenem vieler Muslime lau und folgenlos geworden ist? Sind wir also nicht selbst, indem wir das Christentum mit falschen Mitteln verteidigen statt dieses solidarisch zu leben, seine Totengräber in Europa?

Mission der Kirche in der sich wandelnden Welt von heute

Alle diese tagespolitischen und zugleich spirituell-kritischen Anmerkungen führen direkt ins Zentrum meiner Ausführungen: Wie soll sich eine christliche Kirche inmitten dieses dramatischen Wandels in der globalisierten Welt positionieren? Das ist allemal klar: Durch die Art, in der sie sich positioniert, entscheidet die Kirche selbst über ihre Zukunft mit. Dazu ist ein epochaler Umbau der christlichen Kirchen erforderlich. Weichen gilt es zu stellen.

Bei den folgenden pastoraltheologische Anmerkungen werde ich mehr im Grundsätzlichen verweilen. Der Weg zu einer konkreten  verantwortlichen Praxis wird nicht ohne Mut zu kleinen Schritten und manch ungeliebten Kompromissen von den Handelnden selbst gefunden werden.

Eschatologische Bilder

Ich wähle, was in der Pastoraltheologie derzeit noch nicht geläufig ist, für meine kompakten Überlegungen einen eschatologischen Ansatz. „Mission“ der Kirche ist es, so meine Grundthese, die erhoffte und von Gott zugesagte Vollendung der Welt jetzt schon in Spuren darzustellen und eine schrittweise Entwicklung der Welt in diese Richtung anzuregen, durch inkarnatorische „Einmischung“ in die gesellschaftlichen Prozesse voranzubringen – sowie, weil manchmal nicht mehr möglich sein wird: Rückschritte zu vermeiden oder abzumildern.

Worin näherhin die erhoffte Vollendung der Welt besteht, welche die Kirche spurenhaft in die Geschichte hereinlebt, noch mehr: persönlich wie politisch hereinliebt, dafür stehen biblisch mehrere Bilder bereit. Ich wähle drei aus: Reich Gottes, den kosmischen Christus sowie das Pfingstereignis.

Reich Gottes

Jesus bevorzugt das Bild vom Kommen des Reiches Gottes. Dieses wandelt, so die neutestamentliche Tradition, die „alte“, also historisch wachsende Welt um in eine Schöpfung geprägt von „Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist“ (Röm 14,17). Es ist eine Welt, von Gottes Liebe durchflutet, eine von Solidarität geprägte „Zivilisation der Liebe“, die der für ein wirklich christliches Europa so wichtige Johannes Paul II. unverdrossen postuliert hat und dessen Herzensanliegen darin bestand, dass Ost und West in Europa als zwei Flügeln einer einzigen Lunge gemeinsam atmen.

Der kosmische Christus – Gottes Weltleib

Ein zweites bewegendes Bild für die Vollendung der Welt bietet jene grandiose Vision, die am Beginn des Kolosserbriefes (Kol 1,15-20) steht. Es ist wohl einer der ältesten liturgischen Christushymnen. In diesem erscheint die vollendete Schöpfung als der „Weltleib“ Gottes.[2] Sein Haupt ist der auferstandene Christus als der Erstgeborene der Toten – was zur Folge hat, dass die unzählig vielen Menschen in der langen Geschichte Zweit-, Dritt- und Nachgeborene sind. Nicht nur durch ihn, sondern auf Christus hin ist alles erschaffen. Durch die Auferstehung ist Jesus zum Christus gemacht (Apg 2,36). Das hat ihn von Raum und Zeit entbunden und in der Lage versetzt, die nach und nach hinsterbend ankommende Schöpfung in den vollendeten „Weltleib“ aufzunehmen. Der Auferstandene weitet sich dadurch kosmisch, er wird so zum „kosmischen Christus“ – eine bewegende Vision, welche die heutige Theologie wieder intensiv beschäftigt[3]. In der zeitgenössischen Theologie der Religionen spielt das Bild freilich eine nicht einfache Rolle, weil diese den Anspruch des Christentums auf die zentrale Rolle Jesu Christi mit der Heilsbedeutung der anderen Religionen zusammenbringen muss. Jedenfalls bietet der Kolosserhymnus mit anderen grandiosen Texten des Neuen Testaments wie dem Epheserbrief (Eph 1,10) eine revolutionierende Grundlage für eine Neudefinition der Mission der Kirche in der sich derart rasch wandelnden Welt von heute.

Durch diese Vision wird die Mission der Kirche von einem exklusivistischen Heilspessimismus hin zu einem inklusivistischen Heilsoptimismus verlagert. Diese folgenreiche Akzentverschiebung gehört nach Karl Rahner zur bleibenden Bedeutung des Zweiten Vatikanischen Konzils.

„Früher fragte die Theologie ängstlich“, so Rahner wörtlich, „wie viele aus der ‚massa damnata‘ der Weltgeschichte gerettet werden. Heute fragt man, ob man nicht hoffen dürfe, dass alle gerettet werden. Eine solche Frage, eine solche Haltung ist christlicher als die frühere und ist die Frucht einer langen Reifungsgeschichte des christlichen Bewusstseins, das sich langsam der letzten Grundbotschaft Jesu vom Sieg des Reiches Gottes nähert.“[4]

Das „extra ecclesiam nulla salus“ wird auf den Kopf gestellt: Die allumfassende Kirche ist dort, wo Heil ist.

Heil aber wächst zumindest in verhüllter Weise, so Hans Urs von Balthasar[5], wo immer aus der Kraft des Geistes Gottes wahrhaft geliebt wird. Rahner nannte dies „Heil im atheistischen Modus“. Der inklusivistische Heilsoptimismus traut es Gott zu, dass er durch das Wirken seines Geistes im Leben eines jeden Menschen ein Körnchen Liebe einpflanzt und dieses Gold mit seinen vielfältigen Mitteln reinigt. Gregor von Nazianz, ein früher ostkirchlicher Heilsoptimist, zählt zu diesen Mitteln das Wasser der Taufe, den Tod, und nicht zuletzt den „Feuersee“ der Offenbarung als finales Mittel der Reinigung des Schöpfungsgoldes von unseren schuldhaften Verunreinigungen. Am Ende wird dann aber Gott alles in allem sein (1 Kor 12,28). Für Sünde, Tod und Teufel sieht der heilige Kirchenlehrer des Ostens keinen Platz mehr.

Pfingsten

Ein drittes, hochaktuelles Bild für die vollendete Menschheit, wie sie in der Kirche anschaulich wird, ist das Pfingstereignis. Bei diesem kirchengründenden Anlass sind Menschen verschiedener Kulturen und Sprachen geeint. Sie verstehen einander dank der von innen her von Gott geöffneten Ohren des Herzens in aller kulturellen und religiösen Verschiedenheit. Die christlich Vorstellung von der Vollendung ist also, so lehrt dieses Kirchenbild, nicht die Auflösung der Verschiedenheit und Buntheit einer Schöpfung, die sich im Lauf ihrer Entfaltung – so der Evolutionstheoretiker Carsten Bresch – immer mehr „durchmustert“, also ausdifferenziert. Vielmehr bleiben in der vollendeten Schöpfung Vielfalt und Einheit versöhnt. Der Andere, der Fremde, der Moslem, der Skeptiker, der Atheist tragen zum Reichtum der einen Schöpfung bei.

Uns Heutige kann das Pfingstereignis anregen theologisch zu denken, dass der globale Marsch mit seiner Durchmischung der Kulturen und Religion nicht nur eine bedrohliche Herausforderung darstellt, sondern die Chance zur kulturellen und religiösen Bereicherung in sich trägt. Verschiedene kulturelle und religiöse Erfahrungen können sich im manchmal chaotischen Zusammentreffen auf einer höheren Ebene zu einer neuen Qualität weiterentwickeln. Zumindest die Vatikanische Migrationsbehörde hält dies im hochinnovativen Schreiben „Erga migrantes caritas Christi“ aus dem Jahre 2004 für möglich, ja für wünschenswert.

Eschatologisch inspirierte Kirchenpraxis

Solche Bilder der Vollendung können das heutige Handeln der Kirche nachhaltig inspirieren. Ich greife wenige Aspekte heraus.

Zunächst verschiebt sich das Augenmerk der Pastoral von der Kirche hin zur dramatischen Geschichte Gottes mit seiner Welt, der einen Menschheit. Die Sorgen der Kirche um das Heil ihrer Mitglieder sowie um die ihr ständig abgeforderte Reform an Haupt und Gliedern, werden nicht belanglos, rücken aber in den Hintergrund. Im Mittelpunkt steht nunmehr die Sorge Gottes um seine eine Welt. Die Kirche wird, so Clemens von Alexandrien in der Ausdeutung des griechischen Orpheus-Mythos auf das Evangelium[6], gleichsam zur Lyra in der Hand des Christus-Orpheus, damit zu Gunsten der Eurydike-Menschheit erklinge ein Lied des Lachens, der Hoffnung und der Auferstehung. Das relativiert die Kirche hin auf die mit der Weltgeschichte idente Heilsgeschichte, weitet also ihren Horizont soteriologisch enorm.

Wesentlich ist für diese Überlegungen, dass die Menschheit bei allen Unterschieden der Kulturen und Personen als eine gesehen wird. Weil nur ein Gott ist, ist jede eine, ist jeder einer von uns. Also ist auch Aylan, das tote Kind am Strand von Kos, einer von uns. Wie auch die vielen angestrandeten Flüchtlinge theologisch besehen zu uns gehören, oder etwas ungewohnt ausgedrückt: „Wir“ sind.

Eine solche Rede von der Einheit der ganzen Menschheit stützt sich auf ein sehr altes Wissen um die tiefe Einheit der ganzen Schöpfung. Von Aristoteles über Bonaventura hin zu Ken Wilber[7] findet sich das Bild vom „chain of being“, der einen Kette des Seins.

Dieses Wissen um die Einheit der Schöpfung wird aber nicht nur philosophisch beschworen, sondern liegt auch der Theologie der „Erbschuld“ zugrunde. Die Schultheologie erläutert dies dadurch, dass Gott ja nicht Mann geworden ist, sondern die eine menschliche Natur angenommen und durch deren Annahme diese erlöst hat. Diese eine menschliche Natur trägt jeder Mensch in sich, alle sind Gottes Ebenbilder, Kinder des einen Gottes, was uns untereinander zu gottverwandten Schwestern und Brüdern in der einen Menschheitsfamilie macht. Alle haben eine unantastbare Würde, die in Hass-Postings ebenso verletzt wird wie dadurch, dass ungarische Polizisten im Flüchtlingslager Röszke an der Serbischen Grenze die Esspakete wie bei einer Tierfütterung wahllos in die wartende Flüchtlingsmenge werfen. Dass dabei eine Überforderung der Hilfskräfte eine Rolle spielte, mag zur einfühlsamen Erklärung dienen, rechtfertigt aber nicht die Verletzung der Menschenwürde.

Dieses Wissen um die Verwobenheit aller ist heute mit Blick auf die Armen der Welt ebenso wie auf die belastete Mitwelt theologisch aufzufrischen und in seinen sozialethischen Konsequenzen zu entfalten. Das Wissen um die „Kette des Seins“ ist eine vorzügliche Grundlage einer noch ausstehenden „Theologie der Globalisierung“ – wie überhaupt ein enormer Bedarf nach einer gediegenen „Theologie der sich rapid wandelnden Welt“ besteht. Es braucht beispielsweise dringend eine „Theologie der Migration“, der Wanderbewegungen, der kulturellen Durchmischung: Regina Polak befasst sich jüngstens damit. Vielleicht muss die Theologie auch lernen, dass – vielfach ungewollt – fürchterliches Leid und bedrohliches Chaos auch Chancen des Reifens und Wachsens der Schöpfung enthalten. Im Rahmen einer solchen „Theologie der Welt“ geht uns in Europa der atomare Super GAU in Fukushima ebenso an wie der IS-Terror im Nahen Osten jeder im Mittelmeer ertrunkene Afrikaner wie jede in Indien vergewaltigte und gemordete Frau. Es gilt unseren glaubensgetränkten Blick auf die ganze Welt, die eine Menschheit, also allumfassend zu weiten, in diesem Sinn unsere Theologie wahrhaft „katholisch“ zu werden zu lassen.

Vielleicht ist es eines der größten Komplimente, wenn ein Karikaturist Papst Franziskus schon nach 100 Tagen seiner Amtszeit als „Weltpfarrer“ vorstellte und ehrte.

Wie aber die Theologie der Erbschuld universell konzipiert ist, muss auch die Soteriologie mutig universell denken:

„Wie durch Ist durch die Übertretung des einen der Tod zur Herrschaft gekommen, durch diesen einen, so werden erst recht alle, denen die Gnade und die Gabe der Gerechtigkeit reichlich zuteilwurde, leben und herrschen durch den einen, Jesus Christus.“ (Röm 5,17)

Es gibt also nicht nur eine universelle Erbschuld, sondern auch ein universelles „Erbheil“ (Hermann Stenger), auf das hin Gottes Geist die Schöpfung von innen her formt und voranbringt. Dieses „Erbheil“ ist in der Menschwerdung Gottes in das irrreversible Stadium seiner Erfüllung eingetreten. Das ist ein gewichtiger theologischer Grund, dass die Kirche nicht einen apokalyptischen Weltpessimismus, auch keinen naiven Weltoptimismus, sondern einer nachhaltigen Possibilismus vertreten sollte. Mit Gottes Hilfe können die größten Herausforderungen gemeistert werden. Auch jene des „globalen Marsches der Verzweifelten“.

Der Auftrag der Kirche, ihre Mission, verschiebt sich also plakativ ausgedrückt von konfessionell zu universell, von exklusiv zu inklusiv. Auf der pastoralen Tagesordnung der Kirche steht dann nicht mehr primär die Sorge um das Heil der getauften und zum Glauben gekommenen Konfessionsangehörigen, sondern das Heil aller Menschen und damit das spurenhafte Anbrechen des Reiches Gottes für alle schon jetzt. Die Kirche ist jetzt auch nicht mehr die rettende Arche für wenige – und wenn schon Arche: dann eben für alle!

Weit tauglicher als dieses eher exklusive Bild der Arche erweist sich das von Jesus in der Bergpredigt gebrauchte inklusive Bild für die Mission seiner Nachfolgegemeinschaft: Von seinen Jüngerinnen und Jüngern erwartet er, dass sie Licht der Welt sind (Mt 5,14). Als Stadt auf dem Berg macht die Kirche Jesu in jeder ihrer Gemeinden und Gemeinschaften durch das, was sie leben, wovon sie gefragt erzählen und was sie feiern, unübersehbar sichtbar, was Gott mit allen Menschen vorhat: dass nämlich in Gottes Kraftfeld erblühen – die Liebe und damit das Heil, also ewiges Leben, Liebe pur.

Die dämonischen Gegenmächte

Jesus nennt seine Jüngergemeinschaft aber nicht nur Licht der Welt, sondern auch Salz der Erde (Mt 5,13). Salz hat mit dem Erhalten zu tun. Es wird auch zur Heilung eingesetzt. Die Kirche enthüllt daher nicht nur das „Erbheil“ aller, sondern hat im Gang der Geschichte der Welt zudem die Aufgabe, die Welt aus der Kraft des Geistes Gottes vom „Erbunheil“ zu heilen. Auch dafür gibt es heute eine tiefschürfende Nachdenklichkeit, und das nicht nur in der zeitsensiblen Theologie. Vielmehr erweist sich die Prophetie profaner Wissenschaften als wegweisend.

So gelten in der Kulturanthropologie Gewalt, Gier und Lüge als die dunklen Mächte in der Menschheitsgeschichte. Rene Girard[8] hat die einschlägigen Analysen zu einer säkularen Theorie der „Erbschuld“ verdichtet und über die rettenden Rituale im Umgang der Menschen mit dieser geforscht.

Die Tiefenpsychologin Monika Renz[9] wiederum hat zu erklären versucht, wie es im Leben der Einzelnen zu Gewalt, Gier und Lüge kommt. Sie macht deren Entstehen an der Geburt fest, bei welcher der in der Ureinheit im Mutterschoß geborgene neugeborene Mensch von einer Urangst befallen wird. In zweifacher Weise kann er damit fertig werden. Entweder wird die Angst gezähmt, indem sich in der bindenden Begegnung mit mütterlichen und väterlichen Menschen Urvertrauen ausbildet, welches später die Grundlage für das Glaubenkönnen und das Lieben ist. Oder aber die Angst bleibt ungezähmt: Dann greift ein solch verängstigter Mensch zu Selbstverteidigungsstrategien. Und wieder nennt Monika Renz Gewalt, Gier und Lüge.

Diese dunklen Mächte bedrängen aber nicht nur einzelne Menschen, sondern ganze Kulturen. Gewalt zeigt sich heute als Terrorismus, Gier in der Finanzwelt, Lüge erscheint als Korruption. Von einer „Culture of fear“ ist die Rede (Frank Furedi[10]).

Wo aber die Angst sich ausbreitet, schwindet die Fähigkeit zu solidarischer Liebe. Denn Angst entsolidarisiert, so die lapidare Formel: Inmitten der massiven Herausforderung Europas durch die andrängenden Flüchtlinge können solche Zusammenhänge leicht beobachtet werden. Wer Angst hat vor sozialem Abstieg, vor kultureller Überfremdung, vor der Schwächung des „christentümlichen Europas“, tut sich mit der Solidarität mit den Flüchtlingen verständlicher Weise schwer. Tragisch ist, dass aus parteipolitischem Kalkül vorhandene Angst vielfach noch mutwillig geschürt wird, was eine solidarische Politik zunehmend erschwert. Kurzfristiger parteipolitischer Gewinn vergrößert langfristig die gesellschaftspolitischen Probleme. Denn ohne Solidarität erblüht keine Gerechtigkeit, küssen einander nicht mehr Gerechtigkeit und Frieden (Ps 85,11). Aufgabe von wahren Politikern wäre es dagegen, Angst wahr- und ernst zu nehmen, dann aber diese nicht zu mehren, sondern durch eine kompetente Politik zu mindern.

Und wiederum frage ich nach der Aufgabe der christlichen Kirchen angesichts der dämonischen Gegenmächte.

Ein Strang der Theologie sowohl der evangelischen wie der katholischen Kirche hat das Thema der Angst schon länger wahrgenommen und bearbeitet. Ich erinnere an die bahnbrechenden Werke von Søren Kierkegaard und Eugen Drewermann.[11] Theologisch wird von diesen die Angst, letztlich vor Tod und Vergänglichkeit, als Ursache dafür ausgemacht, dass Menschen böse werden. Eugen Biser[12] sowie die Päpste Benedikt XVI.[13] und Franziskus treten auf diesem Hintergrund für eine Verlagerung der Kirchenpraxis vom Moralisieren zum Heilen ein. Der bloße moralische Appell gegen das Böse verhalle lediglich in vergebliche Leere. Dass Moralisieren dem Verängstigten keine Hilfe ist, bezeugte schon der Apostel Paulus im Römerbrief (Röm 7,15-25): Was er nicht will, tut er; was er aber will, tut er nicht – „dieser unglückselige Europäer“. Das Gesetz nimmt nicht die Angst, sondern deckt nur den dunklen Abgrund der Angst und Schuld auf. Das Gesetz und mit ihm das in der Kirche, aber auch im modernen Theater so beliebte Moralisieren (man denke an Thomas Bernhard oder Elfriede Jelinek) kann nicht heilen. Dazu braucht es das göttliche Erbarmen, seine heilende Huld und entängstigende Gnade. Eine therapeutische Seelsorge ist erforderlich. In der Sprache von Papst Franziskus:

„Ich sehe ganz klar, dass das, was die Kirche heute braucht, die Fähigkeit ist, Wunden zu heilen und die Herzen der Menschen zu wärmen – Nähe und Verbundenheit… Ich sehe die Kirche wie ein Feldlazarett nach einer Schlacht. Man muss einen Schwerverwundeten nicht nach Cholesterin oder nach hohem Zucker fragen… Man muss die Wunden heilen. Dann können wir von allem anderen sprechen. Die Wunden heilen, die Wunden heilen… Man muss ganz unten anfangen.“[14]

Heilendes Erbarmen ist die Mitte aller großen Religionen der Welt. Im Islam wird in jeder Sure Allah als der Allerbarmer gepriesen. Im Buddhismus gilt der Dalai-Lama die Reinkarnation eines der drei Buddhas, nämlich des Buddhas des Erbarmens; in den tibetischen Klöstern wird er in wunderschönen Fresken mit tausenden Augen und Händen dargestellt. Die jüdische Tradition setzt auf Gottes Erbarmen und verwebt diese mit Recht und Gerechtigkeit. Schließlich überliefert der Evangelist, Arzt und Therapeut Lukas als Mitte der Verkündigung Jesu dessen Gleichnis vom Erbarmen des Vaters und seinen zwei verlorenen Söhnen, in der Hoffnung – wie der Mystiker Henri Nowen[15] es einfühlsam an Hand des wunderbaren Gemäldes von Rembrandt meditiert – , dass auch die Kirche wie der Vater wird: also eine Pastoral des Erbarmens[16] wagt. Es sind die bockbeinigen Ideologen, die heute in der katholischen Kirche einer solchen Praxis des Erbarmens im Wege stehen, während die wirklichen Hirten sie praktizieren und von der Kirchenleitung legitimiert haben möchten.

Enthüllen und heilen

Das sind also zusammengefasst heute die zwei großen Aufgaben von christlichen Kirchen inmitten des dramatischen Wandels der einen Welt von heute, von denen ich hoffe, dass diese sie in versöhnter Verschiedenheit in der Welt gemeinsam wahrnehmen.

Als Licht der Welt enthüllen die christlichen Kirchen in aller historischen gewonnenen Freiheit der Religion das, was Gott mit allen Menschen vorhat: das „Erbheil“: also die Vollendung in der Liebe, die schon in dieser Weltzeit bei allen, wenngleich verhüllt und oftmals überlagert, in Gang ist. Die Kirchen stehen damit für einen universellen Heilsoptimismus.

Dieser kommt aber nicht liberalistisch-naiv und blauäugig daher. Denn die christlichen Kirchen werden zugleich wachsam sein für die dunklen Mächte in der Geschichte, die als „Erbunheil“ (und in diesem Sinn als „Erbschuld“) gesehen werden können – oder wie der erste Brief des Petrus formulierte: „Die sinnlose, von den Väter (und wohl auch Müttern) ererbte Lebensweise“ (1 Petr 1,18). Diese dunklen Mächte entspringen aber einer tiefsitzenden Daseinsangst des Menschen. Als Salz der Erde unterlassen daher die christlichen Kirchen keine Möglichkeit, möglichst viele Menschen von der lebensbedrohlichen Wunde der Daseins- und Todes-Angst und der daraus quellenden Gewalt, Gier und Lüge zu heilen.

Eine dergestalt selbstlos handelnde christliche Kirche kommt ihren ererbten Auftrag in der heutigen Zeit nach. Um ihre eigene  Zukunft braucht sie dabei nicht besorgt zu sein. Denn ihr innerstes Wesen besteht darin, sich in Jesu Art kenotisch zu verausgaben und nicht den eigenen Bestand zu sichern. Vielleicht gilt auch für die christlichen Kirchen: „Wer das Leben gewinnen will, wird es verlieren; wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen.“ (Mt 10.39)

[1] http://www.kathpress.at/site/nachrichten/database/72191.html (Stand: 14.9.2015)

[2] Hildegard von Bingen hatte eine grandiose Vision vom Menschensohn als Mitte der Schöpfung. Mehr dazu in Zulehner, Paul M.: Kirchenvisionen. Orientierung in Zeiten des Kirchenumbaus, Ostfildern 2012.

[3] Fox, Matthew: Vision vom kosmischen Christus. Aufbruch ins dritte Jahrtausend, Stuttgart 1991. – Lyons, James A.: The cosmic Christ in Origen and Teilhard de Chardin. A comparative study, Oxford 1982. – Rössler, Andreas: Steht Gottes Himmel allen offen? Zum Symbol des kosmischen Christus, Stuttgart 1990. – Schiwy, Günther: Der kosmische Christus 1990. – Schroeder, Hans-Werner: Der kosmische Christus. Ein Beitrag zur Christuserkenntnis und Christuserfahrung, Stuttgart 1995. – Thiede, Werner: Die Zukunft des kosmischen Christus. Karriere und Bedeutungswandel einer modernen Metapher, Göttingen 2001. – Zulehner, Paul M.: Mitgift. Autobiographie anderer Art, Ostfildern 22014.

[4] Rahner, Karl: Die bleibende Bedeutung des Zweiten Vatikanischen Konzils, in: Stimmen der Zeit 197 (1979), 795–806.

[5] Hans Urs von Balthasar spricht von den wahrhaft Liebenden „denen auf eine uns verhüllte Weise der Geist der Wahrheit geschenkt worden ist“: von Balthasar, Hans Urs: Spiritus Creator, Einsiedeln 1967, 159.

[6] Vgl. Zerfaß, Rolf: Ein Lied vom Leben. Orpheus und das Evangelium, in: Miteinander sprechen und handeln. Festschrift für Hellmut Geissner, hg. v. Edith Slembek, Frankfurt 1986, 343–350.

[7] Bonaventura fasst darin die Mystik von Franz von Assisi zusammen. Auch Wilber, Ken: A Brief History of Everything, Dublin 1996. – Wilber, Ken/Wilhelm, Clemens: Eine kurze Geschichte des Kosmos, Frankfurt am Main 2007.

[8] Girard, René: Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz. Eine kritische Apologie des Christentums, München 2003.

[9] Renz, Monika: Erlösung aus Prägung, Paderborn 2008.

[10] London 2000. – Auch: Bude, Heinz: Gesellschaft der Angst, Hamburg 2014.

[11] Kierkegaard, Søren: Der Begriff Angst, Hamburg 1984. – Zu Kierkegaards Ansatz: Die Angst des modernen Menschen, Zürich 1977. – Künzli, Arnold: Die Angst des modernen Menschen. Søren Kierkegaards Angstexistenz als Spiegel der geistigen Krise unserer Zeit, Zürich 1947. – Ders.: Die Angst als abendländische Krankheit. Dargestellt am Leben und Denken Søren Kierkegaards, Zürich 1948. – Drewermann, Eugen: Strukturen des Bösen. Die jahwistische Urgeschichte in psychoanalytischer Sicht, München 1977 (zwei Bände). – Ders.: Wendepunkte oder Was eigentlich besagt das Christentum? Ostfildern 2014.

[12] Biser, Eugen: Theologie als Therapie. Zur Wiedergewinnung einer verlorenen Dimension, Heidelberg 1985. – Ders.: Die glaubensgeschichtliche Wende. Eine theologische Positionsbestimmung, Graz 1986. – Ders.: Überwindung der Lebensangst. Wege zu einem befreienden Gottesbild, München 1996.

[13] Eugen Biser ist der einzige Theologe, den Benedikt XVI. in seinem Interviewbuch „Salz der Erde“ zitiert. Benedikt XVI. / Seewald, Peter: Salz der Erde, München 1996. – Franziskus: Evangelii gaudium, Rom 2013.

[14] Spadaro, Antonio: Das Interview mit Papst Franziskus, Freiburg 2013.

[15] Nowen, Henri: Nimm sein Bild in Dein Herz. Geistliche Deutung eines Gemäldes von Rembrandt, Freiburg 162006.

[16] Kasper, Walter: Barmherzigkeit. Grundbegriff des Evangeliums – Schlüssel christlichen Lebens, Freiburg 2012. – Zulehner, Paul M.: „Gott ist größer als unser Herz.“ (1 Joh 3,20). Eine Pastoral des Erbarmens, Ostfildern 2006. – Franziskus: Evangelii gaudium, Rom 2013.

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