Flüchtlinge als Chance für Kirchengemeinden.

  • Kommentar Florian Breitmeier,
    NDR Info, Blickpunkt: Diesseits Sonntag, den 13.09.15
  • Der Umgang mit Flüchtlingen kann die Kirchengemeinden in Deutschland positiv verändern. Weg von der strukturellen Selbstbeschäftigung hin zu neuen Begegnungen und gelebter Herzlichkeit. Das ist kein frommer Wunsch. Vielerorts ist das bereits geschehen.Mit der Flüchtlingsfrage ist den Kirchen ein soziales Thema aufgetragen, das sie positiv gestalten müssen. Denn die Hilfe für Flüchtlinge, ob sie religiös sind oder nicht, ist für Christen strenggenommen keine Option, sondern ein Auftrag. In der jahrelangen Integrationsarbeit, die der deutschen Gesellschaft noch bevorsteht, zeigt sich ein großes Betätigungsfeld für Menschen, die Solidarität erfahrbar machen möchten. So könnten die Kirchen auch einen Resonanzboden bilden für jene, die der Institution längst den Rücken gekehrt haben oder kurz davorstehen. Punktet die Kirche doch auch durch eine gewisse Widerspenstigkeit der Politik gegenüber. Das zeigt sich nicht nur in der Frage des Kirchenasyls.  Wenn zum Beispiel Bischöfinnen und Bischöfe von der Bundesregierung ein Einwanderungsgesetz fordern, oder es in der Asylfrage kritisch sehen, wenn Albanien, Kosovo und Montenegro schnell zu sicheren Herkunftsstaaten erklärt werden sollen, dann sollte das zumindest jenen Politikern nicht egal sein, die bei jedem Kirchen- oder Katholikentag gern ihre christliche Prägung betonen.  Auf den Einzelfall kommt es an, nicht auf Pauschalurteile. Sehen. Urteilen. Handeln. Die evangelischen Christen in Niedersachsen arbeiten beispielsweise derzeit an dem Aufbau einer Koordinierungsstelle für ehrenamtliche Helfer.  Viele Landeskirchen und Bistümer haben Hilfsfonds für die Flüchtlingsarbeit bereitgestellt. Viel entscheidender wird in den kommenden Jahren  aber eine Kultur der Begegnung sein. Darin liegt die große Aufgabe vieler Kirchengemeinden in der Flüchtlingsfrage. Ein gutes Miteinander von verschiedenen Gruppen in einem Dorf oder Stadtteil mitzuorganisieren: in Hamburg-Harvestehude ebenso wie in Hannover-Mittelfeld oder Rostock-Lichtenhagen.Die Kirche hat in einer pluralen Gesellschaft dann Vorbildcharakter, wenn sie soziale Grenzen bewusst überschreitet, Hilfe konkret gestaltet und nicht nur eigene Traditionen verwaltet. Man könnte es auch mit Dietrich Bonhoeffer sagen: Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist. Doch diese Worte werden jenen Gläubigen nicht gefallen, die in der Zuwendung zum Fremden einen gewissen Heimatverlust befürchten. Böse könnte man fragen: Was stiftet dann noch Identität jenseits des vertrauten Kirchgangs, der Grünkohlwanderung oder des Kuchennachmittags im holzvertäfelten Gemeindesaal? Um nicht missverstanden zu werden: das soll es alles geben, aus guten Gründen, weil eben keiner ausgegrenzt werden soll.

    Aber stärker sollte doch die Bereitschaft sein, sich offensiv für Fremde und Ausgegrenzte einzusetzen.  Dies verlangt, dass der Einzelne selbst tätig wird und die Solidarität nicht nur an spezialisierte Organisationen wie Diakonie oder Caritas delegiert. Das erfordert Mut und Phantasie. Denn die Einnahmen aus der Kirchensteuer werden aufgrund des Mitgliederschwunds bald schon deutlich sinken. Die Kassen der Hilfswerke werden nicht immer auskömmlich gefüllt sein. Versiegt dann der Strom der Hilfsbereitschaft? Sind die Kirche und ihre Flüchtlingshilfe gar ein „Auslaufmodell“ in einer zukünftig von starken Verteilungskämpfen geprägten Gesellschaft? Es könnte so kommen, muss aber nicht. Darauf weist der renommierte Religionssoziologe Paul Zulehner in seinem neuen Buch hin. Kirche als „Auslaufmodell“ versteht er im wörtlichen Sinn auch als Überschwappen von Empathie und Hilfe zugunsten Anderer. So ins Positive gewendet, bieten die so genannten  „Flüchtlingsströme“ und -Wellen den Kirche hierzulande die Chance, ein Modell gelebter Solidarität zu werden. Aus diesem Auslauf-Modell kann eben konkrete Hilfe auslaufen. Diese Chance ist kein Produkt kirchlicher Selbstbeschäftigung, diese Chance kommt von außen, durch Flüchtlinge und Fremde. Ihre Ankunft und Aufnahme könnte auch dazu führen, dass die Kirchen hierzulande richtig Fahrt richtig aufnehmen.

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Eine Antwort zu Flüchtlinge als Chance für Kirchengemeinden.

  1. Scriptor flammae schreibt:

    Ein PKW steht vor der grünen Ampel. Die Insassen diskutieren über die Ampelschaltung und verpassen darüber jedesmal das Umschalten auf Grün. So kommt mir mancherorts die Kirche vor. Da kann ein „Störfall“ von außen Wunder wirken. Diese Chance sehe ich für die Gemeinden durch ein außerordentliches Engagement in der Flüchtlingshilfe. Das „Um sich selbst kreisen“ kann schnell zum Teufelskreis werden…

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