Institution und Person

1783 erließ Joseph II. ein Ehepatent. Wörtlich dekretierte er: § 22. Der Ehevertrag (Kontrakt) selbst wird geschlossen, wenn eine Manns- und eine Weibsperson einwilligen, miteinander in eine unzertrennliche Gemeinschaft zu treten, um Kinder zu erzeugen, und der diesem Stande anklebenden Gerechtsame zu genießen.“

Von Liebe war in diesem Ehepatent nicht die Rede. Nur von einem Vertrag. Also nicht Gefühl, sondern Wille, verbunden mit vielfältigen Interessen. Ehe war Institution. Ihr Ziel: die Sicherung von Nachkommen für das Land. Der Sinn der Ehe bestand damals darin, eine Familie zu gründen. Vielleicht war Sexualität auch kommunikativ – jedenfalls sollte sie generativ sein. Es war die Zeit, wo letztlich die Wiese zur Wiese, das Land zum Land geheiratet hat. Da geschah es, wie oft noch in anderen Kulturen bis heute, dass die Jungen verheiratet worden sind. „Unsere Mütter, unsere Väter sagten: Liebe kommt erst später!“, so der Milchmann Tevje in Anatevka, der drei Töchter unter die Haube bringen musste.

Vom Vertrag zum Vertragen

Heute geht es für die meisten bei der Ehe nicht mehr um den Vertrag, sondern um das Vertragen. In die Liebe zwischen zwei Personen ist die Sexualität eingewoben. Trotz der vielen Klagen in der Kirche wünschen Jungverliebte Treue, Zärtlichkeit, Ehrlichkeit. Diese stehen in ihrer Liebenswerteskala ganz oben. Sexualität ist also an verlässliche Liebe gebunden, ob diese institutionalisiert ist, ist für die Jungen zweitrangig. Viele institutionalisieren ihre Liebesbeziehung oft erst nach geraumer Zeit, vielfach wenn ein Kind da ist und aus der Hochzeit „höchste Zeit“ wird und das gefeierte Sakramente eine Mischung von Trauung und Taufe, also das Familiengründungssakrament der „Traufe“ ist.

Ich habe bei Trauungsgesprächen noch niemanden getroffen, der sagt: Ich will dich lieben, aber nur drei Jahre und nur in diesem Dorf. Für die meisten ist ihre romantische Liebe für immer und ewig. Im Modus des Wunsches. Und dazu möchten Sie auch den Segen Gottes.

Aber die Leute sind auch Realisten. Sie merken, dass die dergestalt personalisierte Liebe viel anspruchsvoller und auch zerbrechlicher ist als die Institution. Sie sehen, dass aus Schuld und Tragik eine „ewige Liebe“ oft nach langem Todeskampf und manchen Wiederbelebungsversuchen sterben kann. Dann aber wollen Sie nicht in einer Beziehung festgehalten werden, die für sie gegen alle Träume des Anfangs zum Grab der Liebe geworden ist. Ritual am Anfang: ja, Scheidungsverbot am Ende: nein! Nicht wenige sind auch der Ansicht, dass die Ehe nicht mehr besteht, wenn die Liebe unwiderruflich tot ist. Die Ehe-Theologen müssten da wachsam hinhören: denn die „res sacramenti“, das worum es beim Ehesakrament geht, ist just diese Liebe. Stirbt also gar das Ehesakrament mit, wenn die Liebe stirbt? Man soll diese ernsthafte Frage nicht zu schnell vom Synodentisch wischen.

Ostkirchliche Theologen (wie John Meyendorff: Marriage, an Orthodox Perspective (1975)) sind der Ansicht, dass für den Fall, dass die Liebe stirbt (zum Beispiel durch Ehebruch der Frau – Männer wurden damals nicht gleichbehandelt), die beiden sich sogar trennen müssen. Denn sonst wäre eine sexuelle Beziehung zwischen den beiden nach dem Tod der Ehe Unzucht, fornicatio.

Aber das Eheband…

Katholische Eherechtler und mit ihm an Augustinus angelehnte Ehesystematiker halten dem entgegen, dass es nach dem Tod der Liebe ja noch immer das objektive Eheband gibt. Der Vertrag währt fort, auch wenn die Liebe vorbei ist. Dieses (von Gott geknüpfte) Eheband binde also auch jene „Eheleute“, die einander nicht mehr lieben, sondern manchmal hassen und zerstören, vielfach auch das Leben ihrer Kinder mitbelasten. Nun kann man sich ja unter „Eheband“ auch personal vorstellen, dass es Erinnerungen an Feste der Liebe gibt wie auch Phantom-Schmerzen von den Wunden aus der vergangenen Zeit, die bleiben, auch wenn eine neue Beziehung wächst. Eheberater empfehlen deshalb eine Heilungszeit –die orthodoxe Tradition nennt diese Zeit eine Bußzeit, in der es ja auch um die Heilung von der Verwundung geht. Ansonsten aber verstehen die Menschen kaum, dass sie etwas bindet, was eben – zugegeben – aus Schuld und Tragik zu Ende ging, und das trotz der Träume und Schwüre des Anfangs.

Es gehört zu den Sackgassen der gegenwärtigen Diskussion in der katholischen Kirche, dass gerade jene, die nicht die Menschen, sondern „Ehebänder“ verteidigen, sich darauf konzentrieren nachzuforschen, ob nicht das Eheband selbst gar nicht zustande gekommen ist. Dann kann es, so ätzen manche, passieren, dass zwar die ursprünglich Liebenden eine Ehe führten, Kinder zeugten und großzogen, dann aber aus Schuld und Tragik die Liebe verloren und die Ehe zu Ende ging, aber ihnen von einem kirchlichen Gericht nachgewiesen werden muss, dass es gar keine Ehe war, damit sie ihr Leben neu ausrichten können. Ich verstehe, dass solche rechtliche Schachzüge bei den meisten Betroffenen wenig Wertschätzung erhalten und von der großen Zahl (sieht man von kirchlichen Angestellten ab, die eine „Nichtigkeitserklärung“ bewahrt, den kirchlichen Job zu verlieren) abgelehnt werden.

Die katholische Kirche wird noch viel lernen müssen, die Verlagerung von der Institution zur Person zu respektieren. Das Konzil von Trient könnte da weiterhelfen. Denn damals wurden ausgeschlossen, welche behaupten, dass die klandestinen (geheimen) Ehen keine gewesen seien. Das war noch ein erstaunlich personaler Zugang. Die Beziehung, die vorbeireisend gezeugten Kindern, schufen aus sich heraus sakramentale Verbindlichkeiten.

Halbierung der Liebe?

Es ist unsinnig, diese Verlagerung von der Institution zur Person mit all ihren anspruchsvollen Nebenwirkungen als moralischen Verfall zu bekämpfen. Viel mehr Sorge sollte machen, dass manche die mögliche Enttäuschung des Sterbens der Liebe präventiv vorwegnehmen und dem/der anderen, mit dem/der sie sich verbünden von allem Anfang an sagen: Ich will dich lieben, achten und ehren – aber nur in guten, und nicht in bösen Tagen. Das würde die Liebe in tragischer Weise halbieren. Denn eine Liebe ohne Leid hört auf, selbstlose Liebe zu sein. Ich habe gelernt, einer oder einem, den oder die ich liebe zu sagen: „Ich kann dich sehr gut leiden!“ Das Problem ist also nicht die Personalisierung der Liebe, sondern deren Halbierung, die wiederum aus der Angst vor dem befürchteten Sterben der Liebe geboren wird.

Dieser Beitrag wurde unter Ergebnisse veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

10 Antworten zu Institution und Person

  1. Gunter Prüller-Jagenteufel schreibt:

    Lieber Paul,
    danke für diese Überlegungen. Ich stimme und zu und möchte ein klein wenig ergänzen:
    Vielleicht sollten wir nicht vom Ehe-Band, sondern vom Ehe-Bund sprechen. Das wäre dem gesamten Charakter angemessener. Das „Band“ ist ja nichts anderes als die „Bindung“, also die Verpflchtungen, die sich aus dem Bund ergeben. Es ist also keine substantielle Wirklichkeit, sondern eine akzidentielle. Von da könnten dann wahrscheinlich sogar Kirchenrechtler weiterdenken ….
    Gunter

  2. Dr. Emmerich Lakatha schreibt:

    Wenn ich mich richtig erinnere, habe ich im Jus Studium gelernt, dass die germanische Auffassung davon ausgegangen ist, dass die Ehe ein Zustand ist, und die römisch rechtliche, dass die Ehe ein Vertrag ist. So neu ist das Thema somit nicht.

  3. Robert Mitscha-Eibl schreibt:

    Lieber Prof. Zulehner, ich als Geschiedener frage mich immer wieder mal, ob das Verständnis der Ehe als Abbild des Bundes Gott-Mensch nicht eine Überforderungskonstellation darstellt, die zwangsläufig in theologische Sackgassen führt. Viele eher sähe ich die Eltern-Kind-Verbindung als Veranschaulichung dieses unauflöslichen Bundes, zumal ja auch Jesus liebevoll seinen „Papa“ im Himmel ansprach. Die kirchliche Feier dieses Bundes wäre dann eher in der Taufe und nicht in der Ehe anzusiedeln. MfG, Ihr Robert Mitscha-Eibl

  4. Josef Spindelböck schreibt:

    Unauflöslichkeit der Ehe bedeutet, dass Gott seinen Liebes-Bund mit diesem Ehepaar nie zurücknimmt. Sogar dann wenn ein Teil die Treue aufkündigt oder beide untreu werden, bleibt Gott treu. Wenn die Kirche an diese Wahrheiten erinnert, tut sie das nicht, um Menschen zu schikanieren, sondern um ihnen von Gott her auch in schwierigen Situationen einen neuen Lebensraum zu eröffnen. Das kann so weit gehen, dass Ehepartner, die sich getrennt haben und nicht wieder zueinander finden, dennoch darauf verzichten, eine neue eheähnliche Beziehung einzugehen. Ihre „Leerstelle“ ist schmerzlich, da sie immer auf den abwesenden Partner verweist; doch in Liebe getragen, gibt sie ein Zeugnis von der unkündbaren Liebe Gottes. Gerade diesen Menschen gegenüber, die geschieden sind und allein bleiben, soll sich die Solidarität der kirchlichen Gemeinde zeigen. Und diese sind auch nicht ausgeschlossen vom Empfang der Sakramente der Buße und der Eucharistie!

    • Gunter Prüller-Jagenteufel schreibt:

      Sehr geehrter Herr Kollege Spindelböck,
      mit Verlaub, aber gerade das, was Sie hier schreiben, kommt in der ostkirchlichen Praxis wesentlich besser zum Ausdruck aus in der römischen. Und diese ist wohl auch eher an dem Wort Jesu angemessen, dass das Gesetz für den Menschen da ist und nicht der Mensch für das Gesetz.
      Klären wir einfach einmal die theologiegeschichtlichen Unterschiede zwischen Ost- und Westkirche und hinterfragen wir die vertragstheoretische Position der Westkirche, die auch dann vertragstheoretisch bleibt, wenn sie spirituell überhöht wird. Denn die unverbrüchliche Liebe Gottes bleibt bei jedem einzelnen Menschen und somit auch dann, wenn er oder sie nach einer Scheidung eine neue Liebe findet und in dieser Liebe auch die Gnade Gottes erfährt. Sagen Sie bitte nicht, dass das unmöglich ist, denn die Erfahrung lehrt das Gegenteil.
      Und dann stellt sich die Frage:
      1. Entweder Ist Gott gnädig, die Kirche meint aber, nicht aber gnädig sein zu können/dürfen. Das wäre die theologische Basis des Konzepts von „geistlicher Kommunion“. Dann gibt die Kirche aber ihren Anspruch auf, Sakrament des Heiles zu sein.
      2. Oder Gott betrachtet die Menschen in einer solchen Beziehung unabhängig von der inhärenten sittlichen Qualität als schwere Sünder (mit der Konsequenz ewiger Verdammnis)? Das entspricht aber nicht der kirchlichen Lehre von Papst Johannes Paul II. und Papst Benedikt XVI., die immer betont haben, dass wiedervereitatete Geschiedene nicht von der Kirche getrennt sind.
      3. Oder wir nehmen ernst, dass es eine Vergebung und einen Neuanfang geben kann – als Konsequenz von Buße und Umkehr natürlich – dann stellt sich die Frage nach Lösungen. Sogenannten „pastoralen Lösungen“ im Einzelfall und im Forum internum (durch Klärung der Situation mit dem Beichtvater, wie es praeter legem in der katholischen Kirche seit Jahrzehnten geschieht) oder innerhalb eines bestimmten gesetzlichen Rahmens (durch Rückbezug auf die „Heilsökonomie“, wie es die Orthodoxie seit Jahrhunderten übt).
      Darüber muss in der Kirche neu gesprochen werden. Wenn es so einfach wäre, wie Sie das darlegen, dann hätten Johannes Paul II. und Benedikt XVI. die Frage nicht als „schwierig“ bezeichnet und hätte Papst Franziskus nicht die Bischöre aufgefordert, hier „freimütig“ zu diskutieren.

  5. Josef Spindelböck schreibt:

    Danke, sehr geehrte Kollegen Paul Zulehner und Gunter Prüller-Jagenteufel, für die Ermöglichung dieses interessanten und wichtigen Austausches!

    Die zeitweise in der lateinischen Kirche in den Vordergrund getretene vertragstheoretische Sicht der Ehe bedarf des Unterfangen-Werdens von einer bundestheologischen Sicht, wie dies auch dem in der Heiligen Schrift bezeugten Verhältnis des Bundes Gottes mit seinem Volk bzw. Christi mit seiner Kirche entspricht. Das 2. Vatikanische Konzil hat – vor allem in „Gaudium et spes“ – die Akzente hier entsprechend gesetzt, und an dieser theologischen Grundentscheidung gilt es festzuhalten. Dennoch ist damit das Vertragsmoment der Ehe nicht aufgehoben; wohl aber ist die besondere Art eines solchen Vertrags zu bedenken.

    Ergänzend zu meinen vorigen Ausführungen möchte ich noch die Würde der Person als Abbild Gottes sowie die einzigartige Qualität der ehelichen Liebe und Hingabe als Argument für die Unauflöslichkeit der Ehe anführen:
    1. Jeder Mensch ist als Person einzigartig. Insofern in der Ehe eine Hingabe der eigenen Person und eine Annahme der anderen Person erfolgt, und zwar auf die ausschließlichste und umfassendste Weise, wie dies auf Erden zwischen Menschen möglich ist, kann eine solche Hingabe und Annahme nicht mehr widerrufen werden. Die Konsequenz wäre, die menschliche Person nicht mehr als Subjekt, sondern als Objekt anzusehen und sie so zu instrumentalisieren, womit gegen die unbedingte Achtung der Person um ihrer selbst willen verstoßen würde.
    2. Die Qualität der ehelichen Liebe zeichnet sich durch die leib-seelische Ganzhingabe von Mann und Frau und die Unwiderruflichkeit ihres Bundes der Liebe aus. So gesehen stimmt es wirklich, wie es Johannes Paul II. bei seinem ersten Deutschlandbesuch 1980 formuliert hat: „Man kann nicht auf die Probe leben. Man kann nicht auf die Probe lieben.“

    Ich gebe zu, dass die kirchliche Regelung, wie sie in „Familiaris consortio“ Nr. 84 im Hinblick auf den Kommunionempfang wiederverheirateter Geschiedener zum Ausdruck kommt, nicht ohne Härten für Betroffene ist. Zugleich sehe ich eine Inkonsequenz in der orthodoxen Regelung und kann mir daher nicht vorstellen, dass diese übernommen wird.

    Vom Evangelium her argumentiert (vgl. Mt 19) ist für Jesus die mosaische Einräumung einer Wiederheirat nach Scheidung ein Zeichen der „Herzenshärte“, d.h. der Unerlöstheit. Kraft des Geschenks des Geistes der Liebe, der das Herz des Menschen verwandelt, mutet er den christlichen Gatten zu, einander treu zu sein in guten und bösen Tagen, bis der Tod sie scheidet.

    Gott hat die beiden Gatten zu „einem Fleisch“ verbunden. D.h. sie sind auch dann eine Einheit vor Gott, wenn sie physisch oder auch intentional getrennt sind. Im Letzten bleibt auch für die Kirche nur das Wort des Herrn: „Was Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen!“ (Mt 19,6)

    • Ursula Putz schreibt:

      Lieber Josef, das ist ja alles schön und gut. Und dass die Ehe ein Bild für die treue Liebe Gottes ist – ja.
      ich denke bei der ganzen Diskussion geht es ja nicht darum, dass dann leichtfertig, gleich beim ersten Knistern zwischen Eheleuten der Bund aufgelöst werden sollte. Man trennt sich doch nur dann von der Partnerin, vom Partner, wenn man keinen anderen Weg mehr erkennt. Vielleicht auch, weil man keine richtigen Weggefährten hat, die einem dabei helfen. Niemand nimmt gerne ein „Scheitern“ in Kauf. Vor allem, wenn es sich nicht verstecken lässt. Aber Scheitern gehört zum Leben, zum Menschen dazu. Das wäre für mich ein ganz wichtiger Auftrag der Kirche, das einzugestehen und besonders diese Menschen zu begleiten. Genau diese brauchen die Zusage, dass sie trotzdem geliebt sind und eine würdevolle Daseinsberechtigung haben. Und noch mehr, dass sie Verzeihung und die Chance auf einen Neubeginn tatsächlich an Leib und Seele spüren können.
      Eine neue (partnerschaftliche) Liebe erfahren dürfen ist für sehr viele Menschen DAS Erleben, dass sie von Gott, von der Welt und vom Leben nicht verlassen sind! Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Gott nur einem Menschen die Erfahrung von Liebe versperren würde. Auch nicht, wenn er/sie erst im wiederholten Anlauf so wirklich erleben kann. Auch lieben muss erlernt werden.
      Wir wissen heute, wie wichtig die ersten Lebensjahre für das weitere Leben sind und was passieren kann, wenn gerade die Liebe in dieser Zeit nicht spürbar ist!!!! Welche Biografie tragen die Menschen mit sich. Was müssen viele – bewusst und unbewusst – tragen, ertragen, erfahren, ……… das ihnen einfach sehr schwer macht, sich auf einen partnerschaftlichen Bund, noch dazu lebenslänglich, einzugehen?!?!?!?
      Verstellt die Kirche mit den derzeitigen Regelungen nicht vielen Menschen den Weg, sich persönlich zu entwickeln, sich von alten, von anderen ausgetretenen Pfaden, vom Rucksack des Lebens zu verabschieden. Umkehr und Neuorientierung braucht manchmal einen klaren Schnitt zum Vergangenen. Beispiele dazu finden wir wohl genug im Evangelium.
      Wichtig finde ich einfach das Bewusstsein: es geht nicht um die große Masse, nicht darum schon gleich bei der Hochzeit ein Scheidungsdatum einzuplanen, sondern es geht um jene wenigen, die um ein Gelingen ihres Lebens wirklich ringen! Gott ist treu – das gilt eben auch – besonders – für die Gescheiterten! Wir, die Kirche, wer sind wir, dass wir Menschen in ein Korsett drängen dürften? Gott tut das sicher nicht.

    • Gunter Prüller-Jagenteufel schreibt:

      Sehr geehrter Herr Kollege Spindelböck,
      was die Dauer und Treue – vertragstheoretisch: „Unauflöslichkeit“ – der Ehe betrifft, habe ich die nie in Frage gestellt und halte daran fest.
      Trotzdem stellt sich die Frage, wie nach einem – menschlich gesehen – unwiderruflichen Scheitern damit umzugehen ist. Meine Anfragen, ob die Menschen, die dann eine weitere Ehe eingehen, tatsächlich aus der Gnade Gottes fallen, haben Sie nämlich nicht beantwortet.
      Die Lösung aus Familiaris consorito – sexuelle Enthaltsamkeit – ist keine Lösung, sondern ein theologischer Rückfall in die pure Vertragstheorie. Ist denn das Eheband dann nicht behelligt, wenn Menschen nach einer Trennung zwar mit einem anderen Partner leben, aber keinen Sexualverkehr haben? Das würde das Wesen der Ehe tatsächlich wieder auf die Sexualität – vertragstheoretisch: das ius in corpus – reduzieren.
      Außerdem verbietet Jesus nicht die Wiederheirat, sondern die Scheidung selbst – aber hier hat die Kirche immer für den Extremfall eine Trennung von Tisch und Bett für möglich gehalten; Paulus geht sogar noch weiter. Das sind alles Aporien, die nicht eindeutig auflösbar sind.
      Ich möchte nur festhalten:
      1. Ich halte klar und unzweideutig an der Unauflöslichkeit der Ehe fest. Ich verbitte mir daher jeden Vorwurf, auch nur jede Andeutung, ich würde das in Frage stellen.
      2. Ich vertrete nicht trotzdem, sondern gerade deshalb die Auffassung, dass wir als Kirche eine Möglichkeit für eine Versöhnung nach dem Scheitern einer Ehe finden müssen. Dabei halte die bisherigen Lösungsmöglichkeiten – Leben „wie Bruder und Schwester“ oder aber „geistliche Kommunion“ für theologisch nicht tragfähig. Ersteres reduziert eheliche Treue auf die Sexualität und wird damit dem ganzheitlichen Charakter der Ehe nicht gerecht (was eine Reminiszenz der alten Vertragstheorie ist) und letzteres führt (hier gehe ich mit Kardinal Kasper konform) in sakramententheologische Aporien, die letztlich das katholische Kirchenverständnis auflösen; denn sie reduzieren das Sakrament auf ein bloß äußeres Zeichen, das mit der inneren Gnadenwirkung nicht mehr zusammenhängt.
      Eine Inkonsequenz der orthodoxen Regelung kann ich wieder nicht feststellen – sie rechnet nur damit, dass die Barmherzigkeit und Gnade Gottes größer ist als das Herz der Menschen. Das ist nicht Inkonsequenz, das ist der Weg Christi.

      • Josef Spindelböck schreibt:

        Sehr geehrter Herr Kollege Prüller-Jagenteufel,

        meine Ausführungen beziehen sich zwar auf die in diesem Blog gemachten Aussagen, haben aber nicht die Absicht, jemanden persönlich anzugreifen. Mir geht es um die Klärung in der Sache! Naturgemäß ist jede Antwort unvollständig. In diesem Sinn möge auch die folgende Darlegung meiner Position verstanden werden.
        Was mit dem vertragstheoretisch gefärbten Begriff der „Unauslöslichkeit“ der Ehe gemeint ist, kann in der Sache auch durch den Hinweis auf die im Eheversprechen bekundete „lebenslange Treue“ zum Ausdruck gebracht werden.
        In der Diskussion geht es vor allem um die Frage der „Zweitehe“ bei weiterhin aufrechter gültiger sakramentaler Ehe. Welcher Status kommt einer solchen „Ehe“ zu, die mit einer anderen Person geschlossen wird, obwohl der rechtmäßige Ehepartner noch lebt? Kann man hier überhaupt im vollen Sinn von Ehe sprechen, ohne nicht doch das Versprechen lebenslanger Treue in Frage zu stellen, wie sie der gültigen sakramentalen Ehe zu eigen ist? Den Betroffenen gegenüber empfiehlt sich gewiss ein Sprachgebrauch, der diese Personen möglichst nicht verletzt. Allerdings darf dies nicht auf Kosten der Klarheit in der Sache gehen, und in diesem Sinn formuliert der „Katechismus der Katholischen Kirche“ auf biblischer Grundlage: „Der Ehepartner, der sich wieder verheiratet hat, befindet sich in einem dauernden, öffentlichen Ehebruch.“ (KKK 2384)
        Bezüglich des Kommunionempfangs ist aus Sicht der Kirche sowohl eine subjektiv-persönliche als auch eine objektiv-rechtliche Disposition nötig. Wer im Zustand einer unbereuten Todsünde die Kommunion empfangen will, dem kann diese nicht zum Heil gereichen, sondern würde ihm zum Gericht (vgl. 1 Kor 11,27). Die Verantwortung dafür, dass dieser Zustand nicht gegeben ist, liegt auf Seiten dessen, der die Kommunion empfangen will. Denn die Kirche ist für ein Urteil über den Gewissensbereich („forum internum“) nicht kompetent. Sie stellt aber den Gläubigen jene objektiven Kriterien vor Augen, gemäß denen das Gewissen in rechter Weise gebildet werden soll, damit der Gläubige befähigt ist, eigenverantwortliche Entscheidungen zu treffen.

        Was den äußeren Rechtsbereich betrifft, so gibt es gerade im Zusammenhang der Verletzung des Eheversprechens unter Umständen einen Zustand fortgesetzter öffentlicher Sünde, von dem auch der Katechismus im oben zitierten Beispiel spricht. Hier ist der Kommunionempfang so lange nicht möglich, als sich der Betreffende nicht von diesem Zustand distanziert, d.h. sein Leben auch nach außen hin in rechter Weise ordnet. Würde die Kirche ohne diese Distanzierung einen Kommunionempfang ermöglichen, dann wäre objektiv ein Ärgernis gegeben und subjektiv die Klarheit des Gewissensurteils betroffen. Es ist jedoch möglich, dass jemand in einem solchen irregulären Zustand lebt, ohne dass er subjektiv dafür voll verantwortlich ist (vgl. Instrumentum laboris zur XIV. ordentlichen Generalversammlung der Bischofssynode, Nr. 122 und 123).

        Johannes Paul II. schreibt dazu in „Familiaris consortio“ Nr. 84: „Die Kirche bekräftigt jedoch ihre auf die Heilige Schrift gestützte Praxis, wiederverheiratete Geschiedene nicht zum eucharistischen Mahl zuzulassen. Sie können nicht zugelassen werden; denn ihr Lebensstand und ihre Lebensverhältnisse stehen in objektivem Widerspruch zu jenem Bund der Liebe zwischen Christus und der Kirche, den die Eucharistie sichtbar und gegenwärtig macht. Darüber hinaus gibt es noch einen besonderen Grund pastoraler Natur: Ließe man solche Menschen zur Eucharistie zu, bewirkte dies bei den Gläubigen hinsichtlich der Lehre der Kirche über die Unauflöslichkeit der Ehe Irrtum und Verwirrung.“ Er bringt damit nicht nur seine persönliche Meinung zum Ausdruck, sondern die Lehre der Kirche. Daran wird auch die Bischofssynode mit hoher Wahrscheinlichkeit nichts ändern können!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s