Der „Kaiser“ als Gottes Agent?

„Die aktuelle Praxis der orthodoxen Oikonomia in Fällen von Scheidung und Wiederverheiratung stammt weitgehend vom Beginn des zweiten Jahrhunderts und entwickelte sich aufgrund politischen Drucks der byzantinischen Kaiser auf die Kirche.“ (aus: „In der Wahrheit Christi bleiben“. Ehe und Kommunion in der katholischen Kirche. Einführung von Robert Dodaro, Seite 26).

Verwässerung

Die Anti-Kasperfraktion behauptet unentwegt, dass die Oikonomia aus der „Verwässerung“ der biblischen strengen Praxis durch den Druck des Kaisers entstanden ist. Die Absicht einer solchen Aussage ist klar: Also soll sich die Familiensynode an die Bibel halten und nicht an die durch den „Kaiser“ verwässerte Orthodoxe Praxis. Der Kaiser steht hier für die böse gottwidrige „Welt“.

Das Anti-Kasperlager bemüht sich angestrengt, die Kirche als Opfer des kaiserlichen Drucks darzustellen. Die Tradition werde durch die Situation verwässert. Zu einer rechtsverbindlichen Liste, in der ein byzantinischer Kaiser eine Reihe von Scheidungsgründen zusammenfasste, schreiben sie: „Diese Liste war nicht vom Geist Gottes inspiriert worden, sondern eher vom bürgerlichen Gesetz, das häufig auf der Härte des menschlichen Herzens aufbaute.“ (83) Woher der Verfasser das weiß? Die Gesetze, die er als durchaus gläubiger Christ erlässt, dienen letztlich dazu, das Leben und Zusammenleben der Menschen im Reich in geordneten Bahnen erträglich zu halten. Sie dienen also der Wahrung der Menschlichkeit und deren Mehrung gerade in komplexen Realitäten des Lebens. Die strengen Vertreter des kirchlichen Ideals sind oftmals in Gefahr, der Komplexität des Lebens nicht gerecht zu werden. Sie sind Ideologen, nicht Hirten, so der Jesuit Antonio Sparado (C&W 25-18.6.2014).

Oder doch umgekehrt?

Vielleicht sind die Rollen aber genau umgekehrt verteilt: Könnte es nicht sein, dass der „Kaiser“ als Anwalt der Menschlichkeit mit Blick auf konkrete Lebenslagen weit mehr vom Geist Gottes inspiriert ist als Vertreter der Kirche, die in ihrer unjesuanischen „Herzenshärte“ in ideologischer Manier die freud- wie leidgetränkte Komplexität menschlichen Lebens aus dem Auge verloren haben? Herzenshärte also bei unbetroffenen ehelosen Kirchenmännern und nicht bei den Menschen, die auch in komplizierten Lebenslangen nach dem Evangelium aus sind, so gut sie können?

„Anwälte der Menschlichkeit“: Sorgen nicht gerade in Fragen von Sexualität, Ehe und Familie manche Gesetze von säkularen Staaten für mehr gerechte Menschlichkeit als die ideologischen Verfechter der „göttlichen Gesetze“? Vieles am Referendum in Irland mag fragwürdig erscheinen – aber man kann dem Ergebnis nicht absprechen, dass es zumindest latente Diskriminierung von gleichgeschlechtlich Liebenden abbaut. Man kann ihn ihm gleichsam einen Aufschrei katholischer Iren sehen, einen „Reality Check“ vorzunehmen und sich nach dem Wirken des Geistes Gottes außerhalb ihrer besorgten Kirchenleitung umzusehen.

Hinter den Anti-Kasperbüchern steht hingegen die Annahme: Die Kirche (allein) vertritt das Gute, und was in der „säkularisierten“ und „durchsexualisierten“ Welt geschieht, ist immer verdächtig bis schlecht. Aber weht Gottes Geist nicht wo er will? Musste die Kirche gerade von der modernen „Welt“ nicht den Anspruch auf Freiheit, die Rechte der Frauen, die Würde der arbeitenden Menschen (so Johannes XXIII.) und vieles andere lernen? Zum Beispiel die Entneurotisierung der Sexualität, die für die Kirche grundschlecht ist und nur innerhalb der Ehe gerade geduldet wird – wobei die bis 1000 verheirateten Priester sich der ehelichen Akte enthalten mussten, wenn sie am nächsten Tag zelebrieren sollten. Und konnte die „Welt“ nicht manches von diesen Errungenschaften erst dann lernen, als sie sich von den Verantwortlichen der Kirche emanzipiert hatte?

Konzilien der Frühzeit haben immerhin vom „Kaiser“ gelernt: „Aber, indem wir eine menschenfreundlichere Alternative gefunden haben, haben wir die Strafe auf 10 Jahre festgelegt, verteilt auf die festgesetzten Bußebenen.“ So das Konzil von Ankyra (314) in seinem Kanon 21 über Frauen, die Unzucht getrieben haben und ihre Säuglinge töten. Und noch eins: Es waren just die byzantinischen Kaiser, welchen wir jene Konzilien verdanken, welche die Lehre über Christus als wahren Menschen und wahren Gott formuliert haben. Da ruft niemand: Ist nicht maßgelblich, kam unter dem Druck der byzantinischen Kaiser zustande!

Vom babylonischen König Kyros wird in der Bibel berichtet, dass er der „Knecht Gottes“ gewesen sei, weil er den Israeliten die Rückkehr in ihr Land ermöglicht hat. Es waren zudem die byzantinischen Kaiser, die jene Konzilien einberufen und auch nachhaltig beeinflusst haben, denen die Christenheit wichtige Dogmen verdankt.

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