Akribia und Oikonomia

„Wir haben aber entschieden, dass der Ortsbischof die Vollmacht hat, menschlich mit ihnen zu verfahren.“ (Konzil von Chalzedon, Kanon 16)

1963 schlug Kardinal Franz König vor, die katholische Kirche solle in Fragen der Pastoral rund um Scheidung und Wiederheirat bei den orthodoxen Schwesternkirchen lernen. Diese handeln nach zwei Prinzipien: nach jenem der Akribia und dem der Oikonomia.

Akribia

Akribie bedeutet: Von den biblischen Weisungen des Alten wie des Neuen Testaments wird kein Jota gestrichen. Es ist Ausdruck der barmherzigen Liebe Gottes, die dem Menschen gerecht werden wollte, dass es für ihn nicht gut sei, allein zu sein. Deshalb schuf er den Menschen als zur Liebe fähiges Beziehungswesen. Das macht Menschen zum Abbild Gottes, der in sich Beziehung, Liebe ist. „Als Mann und Frau schuf er sie“ (Gen 2,24) – somit als beziehungsfähige Personen. Dabei ist bezeichnend, dass er nicht sagte: als „Ehemann und Ehefrau“ schuf er sie. Der Reichtum an Beziehungsmöglichkeiten ist groß und nicht an das Geschlecht gebunden.

Akribie bedeutet auch, dass es der wahren Liebe innewohnt, sich nicht auf Raum und Zeit zu begrenzen. Liebende suchen – wenn sie heil sind – Ewigkeit und Unendlichkeit. Niemand verbündet sich in der „Hochzeit“ der Liebe für drei Jahre und nur in dieser Stadt oder diesem Dorf. Der paradiesische Traum der Liebenden und der Traum Gottes von der Liebe sind hochaffin.

Aber eben nur , wenn die Liebenden heil sind, weil sie von Gottes Gnade geheilt wurden. Schon die Genesis kennt die Eskalation der Verwundung des Menschen, angefangen von Kain und Abel bis hin zum Mega-Unverständnis im Turm zu Babel. Aus einem unentflechtbaren Gemenge von Schuld und Tragik scheitert oftmals der Traum aus der „Hochzeit“ der Liebe. Die Liebenden und mit ihr die Liebe werden manchmal tödlich verwundet. Jesus sucht demonstrativ die Verwundeten auf, um sie zu heilen. Das macht ihn zum Heiland. Und weil niemand, auch keine Familie, nicht verwundet ist, brauchen wir alle die heilende Zuwendung Jesu.

Oikonomia

„Wunden heilen“ ist aber nicht nur Jesu Programm, sondern auch das der Kirche – so nicht erst Papst Franziskus, sondern zuvor schon der große evangelische Theologe Soeren Kierkegaard, der einfühlsame Theologenpsychotherapeut Eugen Drewermann, der universal denkende Visionär Eugen Biser sowie der in dieser Frage suchend engagierte Papst Benedikt XVI. Das macht die Kirche in der Nachfolge des Heilands zum Heil-Land (Markus Beranek).

„Wunden heilen“ – genau darin sieht die ostkirchliche Tradition das Wesen der Oikonomie. Sie wird zur Aufgabe des kirchlichen Hausvaters (Ökonom), des Bischofs. Das hat die orthodoxe Tradition von ihrer Frühzeit bis herauf ins Heute praktiziert. Wenn eine eheliche Liebe aus oft unentflechtbar vielfältigen Gründen zu Ende geht, setzt der Bischof in seiner Pflicht zur Oikonomie eine Heilungs=Bußzeit an. An deren Ende steht die volle Eingliederung ins sakramentale Leben. Und das mit der Möglichkeit einer zweiten (und ausnahmsweise einer dritten) Ehe. Solche Oikonomie ist mehr als feudal herablassendes Erbarmen an der Gerechtigkeit vorbei, sondern Ausdruck der Zuwendung des Heilands zu den Verwundeten, die in ihrem Erbarmen dem verwundeten Menschen gerecht wird.

Lesen Sie den Text über Akribia und Oikonomia von Patriarch Bartholomaios I. vom 17.6.2004. Hier finden Sie diesen.

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Eine Antwort zu Akribia und Oikonomia

  1. Dr. Emmerich Lakatha schreibt:

    Bereits vor vielen Jahren wurde ich mit dem Begriff “Pfäffisches Geschwätz“ konfrontiert. Für mich erhielt er einen besonderen Inhalt. Die naturwissenschaftliche Forschung zielt darauf ab, Wahrheiten zu erforschen, die Theologie, Glaubenslehren zu begründen und zu verteidigen. Im Grunde genommen glauben wir an die Lehren der Kirche nicht, weil sie wahr sind, sondern weil wir der Kirche Glaubensgehorsam schulden. So kann sich die Kirche geschickt sich von Wahrheitsbeweisen drücken und den Glaubensgehorsam als Schild für ihre mangelnde Wahrhaftigkeit benützen. Dazu beschreitet sie noch einen sehr bequemen Pfad: Wir sind halt nicht von dieser Welt und dieser Welt auch nicht verpflichtet. So scheint am Schreibtisch alles in Ordnung zu sein. Bleibt nur die Frage offen, ob der moderne Mensch vor Gott so wenig zählt, dass man seine Entwicklung, seine Nöte und seine Bedürfnisse akademischen Diskussionen opfern darf. Ich frage mich oft: Glauben die Ultrakonservativen überhaupt an Gott, und wenn Ja, an seine Liebe und das Jüngste Gericht?

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