Dimensionen zeitgenössischer Spiritualität

Gedanken für den Tag (Ö1, 17.4.2015):
Dimensionen zeitgenössischer Spiritualität

Die moderne Gestalt des religiösen Menschen, schreibt die auf Religionsforschung spezialisierte Französische Soziologin Danièle Hervieu-Léger, ist der „pèlerin“, der Pilger. Die Kulturanthropologin und ZDF-Redakteurin Ariane Martin hat in einer Studie erhoben, welches Dimensionen zeitgenössischer Spiritualität jenseits der christlichen Kirchen sind. Ihr Buch trägt den an Nelly Sachs angelehnten Titel „Sehnsucht – der Anfang von allem“. Aus ihren sieben Dimensionen greife ich drei wichtige heraus.

Nicht wenige machen sich heute auf eine „Reise zu sich selbst“. Sie fühlen sich an die Peripherie ihres Lebensrades geschleudert. Das entfremdet sie von sich selbst. Sie haben ihre Mitte verloren. Deshalb machen sie sich auf, um in ihr Lebenshaus, in ihre Lebensgeschichte einzukehren. Sie gehen ihrem Leben auf den Grund und riskieren, dass dabei Einiges zugrunde geht. Manche ahnen, wie Teresa von Avila, deren 500ter Geburtstag in diesem Jahr gefeiert wird, dass in den eigenen Tiefen ein Geheimnis west, das sie als Mystikerin Gott nennt.

Die spirituelle Reise geht aber nicht nur zu sich selbst, sondern auch in die Weite. Mit ökologischen Gruppen spüren spirituelle Pilgerinnen, dass alle Menschen untergründig eins sind. Haben solche Pilger Zugang zu einem Gott, dann gilt für sie: „Wenn nur ein Gott ist, dann ist jede eine von uns, jeder einer von uns.“ Daraus entspringt Mitgefühl und handfeste Solidarität mit allen Menschen, darüber hinaus aber auch der Mitwelt. Nicht spirituelle Wellness ist das Ziel spiritueller Pilger, sondern eine neue, andere Welt.

Nicht überrascht, dass eine dritte Dimension Heilung bedeutet. Viele spüren, dass sie „krank an der Gesellschaft“ sind: so titelte der Therapeut Rudolf Affemann. Was sie auf ihrem Lebensweg nicht brauchen, sind moralische Urteile und Anweisungen. Moralisierende Kirchen sind solchen Menschen auf der Suche nach Heilung nicht hilfreich. Schon Jahrzehnte mahnen große Theologen aller großen christlichen Kirchen wie Soeren Kierkegaard, Eugen Drewermann, Eugen Biser – und nunmehr der Bischof von Rom Franziskus, dass die Kirchen Wunden heilen sollen. In der Nachfolge des Heilands sollen sie Heil-Land werden.

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