Flüchten oder Ausbrechen

Gedanken für den Tag (Ö1, 16.4.2015):
Flüchten oder Ausbrechen

In unserer Lebenskultur stimmt etwas nicht. Das führt zu gegenläufigen Reaktionen. Die einen suchen das Weite, andere die Weite.

Die Lösung der einen heißt Escape – Davonlaufen: Manche flüchten aus ihrem ereignisarmen Alltag in das schöne gespielte Leben einer Rosamunde Pilcher. Andere brechen auf in ein chemisch erzeugtes Paradies von Drogen und Alkohol. Wieder andere verlieren sich in den virtuellen Welten des Internets. Junge Menschen, denen man ständig zuruft: Du hast keine Chance, also nütze sie, werden kriminell; sie schlagen auf eine Gesellschaft ein, die viel verspricht und wenig hält. Mit Mitleid belohnt wird die Flucht in psychosomatische Krankheiten: Burnout ist die häufigste Volkskrankheit geworden. Personen, die keine widerständige eigene Persönlichkeit ausbilden, suchen Zuflucht in sektoiden Gruppen mit festen Ordnungen und starken Führern. Manche, selbst Kinder, begehen Suizid. Der unvergessliche Psychotherapeut Erwin Ringel lehrte, dass der Selbsttötung ein „präsuizidales Syndrom“ vorausgehe. Die Welt verenge sich. Das lateinische Wort für eng ist angustus. Angustia wiederum bedeutet Angst. Ist die Welt der neunzig Jahre für den Menschen und sein maßloses Sehnen zu eng? Erzeugt sie eine „Culture of fear“, eine Angstkultur?

Wer nicht das Weite, sondern die Weite sucht, bricht aus der Enge der neunzig Jahre aus. Solche spirituellen Pilger revolutionieren ihr Leben. Sie repräsentieren die Wiederkehr jener Spiritualität, welche der Zukunftsforscher Matthias Horx einen Megatrend der späten Neunzigerjahre nannte. Spirituelle Pilger und Pilgerinnen sind in Berührung mit ihrer maßlosen Sehnsucht. Deshalb begehren sie auf gegen die Banalität und angstbesetzte Enge des Lebens als letzter Gelegenheit. Sie suchen Weite unter einem offenen Himmel.

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Eine Antwort zu Flüchten oder Ausbrechen

  1. Dr. Emmerich Lakatha schreibt:

    Das Weite Suchen und dann an Dogmenglauben und ständig Lehrmeinungen und Moralvorstellugen befolgen. Meine seit Langem verfolgte Idee ist, dass auch in der katholischen Kirche die verschiedensten Meinungen nebeneinander bestehen können. Klar, dass sich dann verschiedene Mehrheitsverhältnisse herausgliedern. Sie zu bewerten, muss letztlich jeder Einzelne für sich. Das soll aber nicht heißen, dass nicht auch das Lehramt aus diesem Pool bevorzugte Meinungen herausfiltern kann.

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