Leben als letzte Gelegenheit

Gedanken für den Tag (Ö1, 15.4.2015):
Leben als letzte Gelegenheit

Der französische Historiker Philippe Ariès bemerkte einmal: „Wir Heutigen leben im Vergleich zu den früheren Generationen zwar länger, aber insgesamt kürzer. Denn früher lebten die Leute 30 plus ewig und wir nur noch neunzig.“

Die deutsche Pädagogin Marianne Gronemeyer veranlasste diese Art des Lebens zum Buchtitel: „Leben als letzte Gelegenheit“. Das nötigt viele Zeitgenossen, das maßlose désir, das maßlose Sehnen,  in der mäßigen Zeit von neunzig Jahren zu ernötigen.

Gronemeyer analysiert solches Leben.

  • Es sei hastig und schnell. Zeit ist knapp. Wer maximales Glück in minimaler Zeit will, muss schnell leben: Und das in der Liebe, in der Arbeit wie im Amüsement. Menschen tun sich zusammen, die sich einem gemächlicheren Umgang mit der Zeit widmen. Organisationsentwickler empfehlen Entschleunigung. Das Buch von Nadolny „Das Lob der Langsamkeit“ avancierte zum Bestseller.
  • Das hastige Leben überfordert. „Wir amüsieren uns zu Tode“, schrieb Neil Postman über unseren Umgang mit Medien. „Wir arbeiten uns zu Tode“, mahnte Diane Fassel, eine amerikanischen Betriebsberaterin. Die Liebe sterbe an ständiger romantischer Überforderung, so der kürzlich verstorbene Beziehungsfachmann Jürg Willi.
  • Leben als letzte Gelegenheit sei zudem geprägt von der Angst, in der knappen Zeit zu kurz zu kommen.
  • Angst wiederum entsolidarisiert. Männer wie Frauen sind besorgt, dass das andere Geschlecht die eigenen Lebenschancen mindert. Aus Angst wehren sich gar viele gegen Asylwerbende und Fremde. Unerleuchtete Politiker bewirtschaften diese Angst und verschärfen die nationale wie internationale Entsolidarisierung. Ungerechtigkeiten werden so nicht abgebaut, sondern wachsen. Zu den Bedingungen wahren Friedens aber gehört Gerechtigkeit.

Diese Lebenskultur, so die Forschung, ist am weitesten verbreitet. Sie prägt unsere Kultur. Auch mich.

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