Der Papst und der Mord an den Armeniern

Jan-Heiner Tück: Ohne Wahrheit keine Versöhnung

in der NZZ  15.4.2015, 05:30 Uhr

Papst Franziskus an der Jahrhundertfeier des «Metz Yeghem».
Papst Franziskus an der Jahrhundertfeier des «Metz Yeghem». (Bild: Giorgio Onorati / EPA)

Hundert Jahre nach dem Massaker an den Armeniern hat Papst Franziskus etwas gesagt, was er nach Auffassung der türkischen Regierung nicht hätte sagen dürfen. Er hat das Verbrechen des Osmanischen Reichs an den Armeniern in den Jahren 1915/16 als «den ersten Genozid des 20. Jahrhunderts» bezeichnet – und damit einen geschichtspolitischen Eklat provoziert. Auch wenn Historiker über die Statistik der Opferzahlen streiten, steht doch fest, dass die jungtürkische Regierung des Osmanischen Reichs eine systematische Politik der Auslöschung der armenisch-christlichen Bevölkerung betrieben hat. Von einer bis anderthalb Millionen Toten ist die Rede. Die Türkei als Rechtsnachfolgerin des Osmanischen Reichs hat diese Hypothek bis heute nicht anerkannt. Das Innenministerium in Ankara hat die Äusserung des Papstes postwendend als «inakzeptabel» zurückgewiesen und ihm dreist vorgeworfen, Hass zu schüren.

Die Weigerung der Türkei, den Völkermord an den Armeniern einzugestehen, scheint mit einem problematischen Begriff der «nationalen Ehre» zusammenzuhängen. Jedenfalls kann bis heute jeder, der in der Türkei die Massaker an den Armeniern als Genozid bezeichnet, wegen «Beleidigung der türkischen Nation» strafgesetzlich verfolgt werden. Der prominenteste Fall ist der des Literaturnobelpreisträgers Orhan Pamuk, der wegen öffentlicher Kritik an der türkischen Gedächtnispolitik zu Strafzahlungen verurteilt wurde. In den Schulbüchern des Landes wird der armenische Völkermord bis heute geleugnet. 2011 liess Ministerpräsident Erdogan sogar eine Skulptur abreissen, die an das Verbrechen erinnerte – als könne die Zerstörung der Denkmäler den Makel der Vergangenheit auslöschen. Aus Protest gegen diesen Geschichtsrevisionismus haben im September 2014 über hundert türkische Intellektuelle gefordert, die Geschichtsbücher zu überarbeiten und sich bei den Armeniern offiziell zu entschuldigen.

Der Papst gibt diesen Stimmen Rückendeckung, wenn er sich – anders als manche westliche Regierung – von den Imperativen der türkischen Gedächtnispolitik nicht beeindrucken lässt. Er weigert sich, die Würde der Opfer durch Kaschierung der Greuel ein weiteres Mal zu verletzen. «Wir können nicht schweigen über das, was wir gesehen und gehört haben», sagte er am vergangenen Montag, um seinen Freimut zu rechtfertigen. Franziskus greift damit ein Wort von Johannes Paul II. auf, der schon bei seinem Armenien-Besuch 2001 vom «ersten Genozid des 20. Jahrhunderts» gesprochen hatte. Der polnische Papst hatte zuvor der Kirche eine Reinigung des Gedächtnisses – «purificazione della memoria» – abverlangt und die kirchlichen Verfehlungen – Antijudaismus, Kreuzzüge, Inquisition – in den grossen Vergebungsbitten des Jahres 2000 eingestanden. Erst wer bereit sei, die eigene Schuldgeschichte aufzuarbeiten, könne von anderen verlangen, sich ebenfalls den Schatten der eigenen Vergangenheit zu stellen. Auch Papst Franziskus spricht nun von einer Pflicht der Erinnerung: «Denn wenn die Erinnerung schwindet, hält das Böse die Wunde weiter offen.»

Um diese Wunde zu schliessen, hat Franziskus die Türkei eindringlich gebeten, ihre Haltung in der Armenierfrage zu revidieren. Er votiert für ein moralisches Konzept der Erinnerung, das durch das Gedenken an das Leid der Vergangenheit das Sensorium für die Opfer der Gegenwart schärfen will. Mit den verfolgten Christen in Syrien und im Irak hat der Papst die Opfer namentlich bezeichnet, die jetzt der Solidarität am meisten bedürfen: «Noch heute hören wir den erstickten und vernachlässigten Schrei vieler unserer wehrlosen Brüder und Schwestern, die wegen ihres Glaubens an Christus oder ihrer ethnischen Herkunft öffentlich grausam getötet werden – enthauptet, gekreuzigt, lebendig verbrannt.» Die päpstliche Botschaft, mag sie auch in Ankara noch auf taube Ohren stossen, ist klar: Ohne Anerkennung der Wahrheit der Geschichte keine Heilung der Wunden. Ohne Heilung der Wunden keine Versöhnung. Ohne Versöhnung kein Friede.

 

Dieser Beitrag wurde unter Ergebnisse veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s