Gedanken für den Tag (Ö1, 13. bis 18.4.2015) – Heute: desir und manque

Diese Woche halte ich in Ö1 um fünf vor 7 die Gedanken für den Tag. Sie drehen sich die ganze Woche um zeitgenössische spirituelle Suche – oder die Kunst mit dem maßlosen Sehnen des Herzens angesichts stets mäßiger Erfüllung leben zu lernen. Gehen Sie, wenn Sie können, die kleine spirituelle Reise mit.

Das waren die heutigen Gedanken (Montag, 13.4.):

desir und manque

 „Gott spricht zu jedem nur, eh er ihn macht,
dann geht er schweigend mit ihm aus der Nacht.
Aber die Worte, eh jeder beginnt,
diese wolkigen Worte, sind:
Von deinen Sinnen hinausgesandt,
geh bis an deiner Sehnsucht Rand;
gieb mir Gewand.“

Rainer Maria Rilke, Stundenbuch

„Geh bis an deiner Sehnsucht Rand“: Rilke berührt mit dem Wort Sehnsucht die Tiefen unseres Lebens. Der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan sieht es ähnlich, wenn er den Menschen als Wesen des „désir“ begreift. Diese Sehnsucht passt nicht in Raum und Zeit. Sie ist maßlos. Und das in der Liebe, in der Arbeit und im Amüsement.

Lacan fügt dann aber dem désir ein manque bei: eine Entbehrung, einen Mangel. Wir hinken immer hinter unserer Sehnsucht nach. Auch der Theologe Karl Rahner spricht von der Erfahrung, dass die Rechnungen immer offen bleiben. Wir seien immer nach mehr aus, als stattfindet. Als Menschen erleben wir uns also eingespannt zwischen maßloser Sehnsucht und stets nur mäßiger Erfüllung.

Besteht nicht wahre Lebenskunst darin, mit dieser Spannung schöpferisch umzugehen? Die Lebenskünstler unterscheiden sich allerdings in unserer weltanschaulich verbunteten Welt diesbezüglich beträchtlich. Eine Schlüsselfrage ist: Wie viel Zeit habe ich für die Stillung meiner Sehnsucht? Nur dieses Leben? Eine Ewigkeit? Muss ich nach maßlosem Glück in mäßiger Zeit streben? Oder hab ich dafür maßlose Zeit?

Ich will in den nächsten Tagen ein paar Wege ansehen. Nur einer Spur werde ich nicht folgen: der Ermäßigung der Sehnsucht. Die Weite des Traums weicht der Enge der Realität. Diesbezüglich halte ich es jedoch mit der großen Poetin Marie von Ebner Eschenbach: „Nicht jene sind zu bedauern, deren Träume nicht in Erfüllung gehen, sondern die, die keine mehr haben.“

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