Papst Franziskus: Kapitulation vor dem Evangelium

Am 29.10.2014 schrieb P. Stefan Frey von den Piusbrüdern einen freudlosen Gastkommentar, in dem er Papst Franziskus Kapitulation vor dem Zeitgeist vorwarf (http://diepresse.com/home/meinung/gastkommentar/4396750/Keine-Kapitulation-vor-dem-Zeitgeist) Ich habe ihm darauf hin in einem Gastkommentar am 31.10.2104 folgende Replik verfasst:

Es wird zu viele geben, die dem Gastkommentar von Pater Stefan Frey in Die Presse vom 29.10.2014, S.11 etwas abgewinnen können. Wer die vielen leidenden Geschiedenen in der seelsorglichen Nähe erlebt dazu die betroffenen Kinder, die zumeist übersehen werden, wird sich tatsächlich mehr Stabilität in den Ehen und Familien wünschen. Gerade in einer Zeit zugemuteter Rundummobilität ist ein verlässliches Obdach der Seele ein wahrer Segen. Eine in Sachen Ehe und Familie strenge Kirche könnte, so meint man, Leid vermeiden helfen.

Nun unterstellt der Piusbruder dem Bischof von Rom, Papst Franziskus, er würde in dieser Hinsicht billig vor dem Zeitgeist kapitulieren. Papst Franziskus hat aber eine gänzlich andere „Kapitulation“ im Sinn: die vor dem Evangelium.

Der kirchenpolitische Rechtsdissident Frey stützt sich in seiner Attacke auf den Papst auf die unveränderliche Botschaft. Das macht er aber völlig vergeblich. Denn auch Papst Franziskus geht es um diese. Er aber ist nicht darum besorgt, dass diese verwässert wird, sondern dass die vermeintlich unveränderte Botschaft im Lauf der Jahrhunderte „halbiert“ worden ist. Eben diese „Halbierung“ wiegt ganz schwer. Der Papst näher sich also keinesfalls dem Zeitgeist, sondern will die vergessene Seite der Botschaft wieder ins Bewußtsein heben und die Praxis der Kirche am Evangelium ohne Abstriche (sine glossa) orientieren, wie der heilige Franz von Assisi es getan hat.

Was freilich Personen wie Pater Frey suchen, ist spannungsfreie Einfachheit. Die Botschaft des Evangeliums ist aber nicht einfach, weil auch das, was die Bibel über Gott erzählt, nicht einfach ist. Das Gottesbild Jesu selbst ist voller Spannung:

  • Einerseits steht die Botschaft des Evangeliums für unverbrüchliche Treue. Gott stellt sich auf die Seite der Liebenden und ihres geradezu archaischen Traums, in Frieden miteinander alt werden zu können. Alles, was wir über den Traum der Liebenden in Erfahrung bringen können, ist, dass sie letztlich Ewigkeit und Unendlichkeit wollen. Dass eine Liebe zerbricht, erleiden viele als Scheitern und als Enttäuschung des Erhofften.
  • Andererseits ist aber Jesus unentwegt daran gelegen, jenes Bild eines Gottes zurechtzurücken, das die Frommen haben. Danach hat vor Gott nur Bestand, wer moralisch integer ist und die Gebote erfüllt. Genau darum geht es aber Gott nicht. Deshalb geht Jesus ärztlich gerade zu denen, die verwundet und „ausgesetzt“ sind. Ihnen verkündet er, dass Gott die vielen Wunden der Menschen, selbst Mensch geworden, bis ans Kreuz mitleidet, aber für ihn das Kreuz nie das letzte Wort ist, sondern das Auferstehen. Zum Ärger der Frommen finden wir daher Jesus am Rand, bei den Sündern, Zöllnern und Dirnen, in schlechter Gesellschaft also. Diese richtet er, indem er sie aufrichtet. Mit ihnen hält er buchstäblich „Kommunion“. Er heilt sie, was ihm den Ehrentitel Heiland einbrachte. Seine Jüngergemeinde sollte in seiner Nachfolge Heil-Land werden.

Wie einst Jesus ist auch Papst Franziskus den moralischen Ordnungshütern und den Anwälten eines „halbierten“ Gottes ein Dorn im Auge. Wohl denken auch manche insgeheim, dass dieser „weg müsse“ und hoffen, dass er der Kirche nicht zu lange schaden könne. Dennoch: Es ist höchste Zeit, dass die Kirche sich wieder an das vollständige Gottesbild hält. Tut sie es nicht, kann sie nicht mehr Symbol Gottes sein, sondern wird zu dessen „Diabol“ (Hermann Stenger) – sie verwirrt die Menschen über Gott. Denn sie macht aus einem unpassenden einen uns passenden Gott.

Eine geschiedene Frau, gegen die Anweisung der Kirche wieder verheiratet, erzählt in einer geistlichen Gesprächsrunde: „Ich bin mir in meinem Innersten ganz sicher, dass Gott mir vergeben hat. Nur die Kirche vergibt mit nicht.“ Das erinnert fatal an den Film von Bud Spencer und Terence Hill: „Gott vergibt, Django aber nie.“ Eine Kirche, die nicht das Handeln Gottes erfahrbar macht, schafft sich selbst ab. Vor einer solchen Selbstbeseitigung schützt Papst Franziskus die ihm anvertraute Kirche. Zum Ärger vermeintlich Frommer.

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5 Antworten zu Papst Franziskus: Kapitulation vor dem Evangelium

  1. Martin Germann schreibt:

    Vielen Dank für diese mutige und notwendige Klarstellung im Licht des Evangeliums, d.h. der „Frohmachenden Botschaft“ JESU.

  2. maria drapela schreibt:

    auch ich danke für diese wunderschöne Klarstellung

  3. Jessica schreibt:

    Wirklich gut zu lesen und ermutigend, daß es auch solche Stellungnahmen innerhalb der katholischen Kirche gibt.
    Ich finde, daß Papst Franziskus seine Sache wirklich gut macht, und ich habe nie verstan-
    den, wie irgendjemand ihm vorwerfen kann, ein Häretiker oder Schismatiker oder was weiß
    ich zu sein (was ich so alles gelesen habe), oder daß er kein rechtmäßig gewählter Papst
    ist.
    Für diese Leute, die sowas verbreiten, ist anscheinend nur derjenige rechtmäßig gewählt,
    der ihre eigenen Ansichten vertritt…..

  4. Dr. Emmerich Lakatha schreibt:

    Das Bild, das die Kirche heute vor der Welt hat, ist wenig schmeichelhaft. Niemand kann nach all den bekanntgewordenen Ärgernissen ruhigen Gewissens behaupten, dass sie glaubwürdig und vertrauenswürdig ist. Und nun pochen konservative Kreise auf Wahrheiten, so als ob sie die unangefochtene Autorität wären. Haben denn die Fortschrittlichen all das verursacht, was da zutage getreten ist oder waren es die konservativen Kräfte, die das Schiff Petri lenkten? Dadurch wird die Kirche immer unglaubwürdiger zum Schaden für sich und die Religion schlechthin. Es ist geradezu ärgerlich, wenn sie das Dogma vertritt, dass Gott aus der Schöpfung erkannt werden kann, und zugleich die ihr unangenehmen Naturwissenschaften Erkenntnisse brüsk ablehnt. Vielleicht kommt noch einmal ein hl. Paulus, der das Alte stehen lässt und neue, bisher unbekannte Wege geht.
    Ich will mit einer für mich erschreckenden Erkenntnis nicht hinterm Berg halten: Der Atheismus hat in letzter Zeit aufgeholt. Die dogmatischen Streitigkeiten der Kirche gießen Öl ins Feuer. Es wäre nicht verwunderlich, wenn etwa der evolutionäre Humanismus zur Weltanschauung der Zukunft wird während wir Katholiken Kraft und Zeit mit ewigen dogmatischen Streitigkeiten verzetteln.
    Darum frage ich mich: Wer kann es in der heutigen Situation der Kirche mit ruhigen Gewissen wagen, die Bemühungen des Hl. Vaters zu kritisieren?

  5. zulehner schreibt:

    Prof. Karin Heller aus den USA schrieb:
    Ja die Synode war zwiespältig, ganz wie das Studienseminar an dem ich im Mai teilgenommen hatte. Was ich am meisten bedauere ist nicht nur eine verkümmerte Lernbereitschaft, sondern eine theologische Inkompetenz, spirituelle Ausgetrocknetheit, pastorale und biblische Ignoranz. Vielen geht es nur um ihre Selbsterhaltung, das Gottesvolk ist ihnen völlig „wurscht“ wie man so gut auf Österreichisch sagt.

    Aber die Synode ist ja auch noch nicht zu Ende! Vieles hängt nun davon ab, was sich in diesem kommenden Jahr tut, wie die Bischöfe zum Weiterdenken gebracht werden, was sich in ihnen verändert, verändern lässt oder nicht. Ich glaube Zeit ist ein wichtiger Faktor in einem solchen Umdenkprozess, wenn man sie nur wirklich gut zu nützen weiß.

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