Sollen auch erweiterte Lebensverbünde adoptieren können?

Am 16.5.2014 fand in Graz der Fakultätstag der Rechtswissenschaftlichen Fakultät statt. Im Arbeitskreis zum Thema Familienrecht wurde unter der Leitung von Susanne Ferrari auch über den Wandel des Familien- und Adoptionsrechts diskutiert. Lange, so Stefan Steppan von der Rechtsgeschichte, habe in Österreich die Familie als Reproduktionsort der Gesellschaft gegolten, was ein zeugungsfähiges Paar voraussetzte. Zwei Komponenten bildeten also die Grundlage des Österreichischen Rechts: Zeugungsfähigkeit und (daher) ein heterosexuelles Paar.

„Die Familien-Verhältnisse werden durch den Ehevertrag gegründet. In dem Ehevertrage erklären zwey Personen verschiedenen Geschlechtes gesetzmäßig ihren Willen, in unzertrennlicher Gemeinschaft zu leben, Kinder zu zeugen, sie zu erziehen, und sich gegenseitig Beystand zu leisten.“ (ABGB 1781, §44)

Die Gesellschaft war an Kindern interessiert, weniger an der Liebe. „Unsere Mütter, unsre Väter, sagten ‚Liebe kommt erst später‘.“ (Anatevka)

Inzwischen ist dieser Begriff von Ehe und Familie in Bewegung geraten. Es braucht heute nicht mehr die Zeugungsfähigkeit und es braucht auch kein heterosexuelles Paar. Das Ehe- und Familienrecht wird rundum liberalisiert. Geschieht das nicht, entstehen Diskriminierungen homosexueller Paare.

In der Diskussion wagte dann jemand einen Blick in die Zukunft. Im Sinn der Liberalisierung und der Pluralisierung (Verbuntung als Bereicherung) sei man noch längst nicht am möglichen Ende der Entwicklung angelangt. Denn wer sagt, dass nicht auch drei Personen sich zu einer dauerhaften „ehelichen“ Liebesgemeinschaft verbünden können? Oder auch vier? Wenn diese Personen das gleiche Geschlecht haben und jemand meint nachweisen zu können, das Kindewohl verlange nach einem männlichen und weiblichen „Elternteil“, dann stelle sich lediglich die Frage, wie im „ehelichen Lebensverbund“ mehrerer Person das adoptierte Kind zum „gegengeschlechtlichen“ Elternteil kommt. Dieser wäre aber vorhanden, wenn beispielsweise zwei lesbische Frauen und zwei schwule Männer oder ein lesbisches und ein heterosexuelles Paar sich vertraglich zu einer dauerhaften „ehelichen Liebes- und Lebensgemeinschaft“ verbünden. Das hätte vor allem für bisexuell begabte Personen (über diese wird derzeit nicht diskutiert) auch persönliche Vorteile. Dieser „eheliche“ Viererverbund könnte dann ohne weiters das eine oder andere Kind adoptieren. Das hätte für das Kind den Vorteil, dass es im familialen Verbund Väter und Mütter hätte und daher niemand den Einwand erheben könne, dass solche Verbünde nicht dem Kindeswohl gerecht werden. Erwachsenenwohl und Kindeswohl wären dann gut aufeinander abgestimmt. Wird das Ehe- und Familienrecht nicht für solche Möglichkeiten angepasst, wäre das als Diskriminierung von solchen „ehelichen“ Lebens- und Liebesverbünden neuer Art zu verwerfen.

Die versammelten Juristinnen und Juristen fanden solche Zukunftsbilder rechtlich für durchaus möglich, konnten sich allerdings nicht darauf einigen, ob eine solche Zukunft auch eine wünschenswerte ist. Immerhin, auf dem Weg dorthin seien wir, meinten emotionslos historisch denkende RechtswissenschaftlerInnen.

Immerhin fördert eine solche Rechtsfuturologie das Nachdenken über die Kriterien von Adoptionen…

 

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Eine Antwort zu Sollen auch erweiterte Lebensverbünde adoptieren können?

  1. Dr. Emmerich Lakatha schreibt:

    Sicherlich ist es legitim und notwendig, vorbehaltlos die theoretischen und praktischen Zukunftsmöglichkeiten ins Auge zu fassen. Trotzdem sollte man nicht vorauseilend alles regeln wollen. Evolution ist vielleicht voraussehbar, aber nicht vorausbestimmbar. Wenn die Kinder der geschiedenen Eltern zusammenleben, ist es sicher gut, wenn sie einheitlich betrachtet werden. Ob es Familien mit drei oder vier Personen geben wird, ist die Frage. Normalerweise heißt es, wenn eine neue Beziehung beginnt, endet die alte. Eine Adoption der Kinder aus zwei Ehen durch alle vier Beteiligten? Sicher möglich, was ist dann mit dem Erbrecht? Welche Unterhaltsverpflichtungen haben dann die Kinder ihren vier Adoptiveltern gegenüber? Wie ist das Erbrecht gegenüber den (Adoptiv-) Großeltern? Ich glaube, dass wir allen Entwicklungen offen gegenüberstehen sollten. Details müssen geklärt werden, wenn sie an uns herantreten. Zwei Dinge müssen wir jedoch beachten: Patchwork Familien bestehen bereits und die katholische Naturrechtslehre reicht nicht aus, die offenen Probleme zu lösen.

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