Die Wende des Máté-Tóth. Von Michael Weiß.

Vor 25 Jahren – unmittelbar nach dem Fall des Eisernen Vorhangs – wurde an der Universität Wien mit dem Pastoralen Forum eine Schnittstelle zu den Kirchen Osteuropas geschaffen. Eine Erfolgsgeschichte. 

Wenn die Politik in der Biografie eines Nicht-Politikers eine Rolle spielt, dann hat dieser Mensch meist eine Geschichte zu erzählen. Bei dem Theologen und Religionswissenschaftler András Máté-Tóth ist das der Fall. Nach Grundschule, Gymnasium und Wehrdienst tritt der 1957 geborene Südungar in das Priesterseminar von Szeged ein und beginnt sein Theologiestudium – so ist seinem Lebenslauf zu entnehmen. Dann steht dort folgender Satz: „Am 15.03.1982 musste ich aus politischen Gründen das Priesterseminar und die Hochschule verlassen und konnte mein Studium nur als außerordentlicher Hörer fortsetzen.“

Er sei damals Mitglied einer kritischen katholischen Basisgemeinde gewesen, ergänzt Máté-Tóth im Interview mit der FURCHE – unter dem kommunistischen Regime bedeutete das nichts Gutes. Etwas weiter unten im Lebenslauf heißt es dann: „1982 – 1990: Aufgrund der politischen Situation konnte ich während dieser Jahre keinen meiner Ausbildung entsprechenden Beruf ausüben und war als Bibliothekar, Krankenpfleger und Hilfsarbeiter tätig.“ Der angehende Akademiker als Hilfsarbeiter – ein trauriges Schicksal. Dann kam die Wende.

„Zwei Jahre später war ich Doktor der Theologie in Wien und kurz darauf bekam ich ein zweijähriges Stipendium für meine Habilitation“, sagt András Máté-Tóth heute. Es ist kein Zufall, dass seine Ausbildung den jungen Theologen unmittelbar nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ausgerechnet nach Wien führte. Denn damals – vor 25 Jahren – wurde an der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Wien ein Projekt geschaffen, das sich exakt jener Schicksale annehmen wollte, für die Máté-Tóth exemplarisch steht: Das Pastorale Forum. „Das war, wenn man so will, auch meine persönliche Wende“, sagt er. „Die persönliche Wende des Máté-Tóth geht auf diese wunderbare Projekt zurück.“

Ins Leben gerufen wurde der Verein Pastorales Forum von dem mittlerweile emeritierten Wiener Pastoraltheologen Paul Michael Zulehner, der nach wie vor als sein Obmann fungiert. Die Idee, so erzählt Zulehner heute, gehe allerdings auf Kardinal Franz König zurück. Dieser habe ihm 1984 bei seinem Antrittsbesuch geraten, sich in seiner Forschung nicht auf Lateinamerika zu konzentrieren, sondern auf Osteuropa.

Zulehner griff diesen Rat auf und veranstaltete Seminare mit anschließenden Reisen in einzelne Länder für Studierende. „Ab der Wende 1989 war das Interesse der Studierenden plötzlich weg, denn dann konnten sie selber einreisen und damit hatte das Ganze den exotischen Beigeschmack verloren“, erzählt er im Gespräch mit der FURCHE. Das Pastorale Forum sollte es ermöglichen, die gewonnenen Erfahrungen und Kontakte weiter zu nutzen. „Wir wollten in die pastoraltheologische Lehre und Forschung in Ostmitteleuropa investieren, die über 40 Jahre völlig von der Gesellschaft abgeschnitten waren“, erzählt Zulehner.

Eines der Ergebnisse war ein Stipendienprogramm unter dem Motto „Beine statt Steine“, das es jungen Theologinnen und Theologen aus Osteuropa bis heute ermöglicht, in Wien ihre Dissertation oder Habilitation zu schreiben. Im Gegensatz zu anderen Organisationen, die sich der Restaurierung von Bibliotheken oder Kirchen verschrieben, wollte das das Pastorale Forum „human investment“ betreiben. „Wir haben erkannt, dass die Glaubenden durch den Kommunismus im Bildungsbereich massiv benachteiligt wurden“, erzählt Zulehner. „Die bekennenden Gläubigen gehörten dadurch auch noch nach der Wende zu den ärmeren Gesellschaftsschichten. Da wollten wir intervenieren.“ András Máté-Tóth war einer der ersten, die davon profitierten. Zulehner nenne ihn deshalb manchmal scherzhaft den „Erstgeborenen“ des Pastoralen Forums, erzählt der Ungar.

In seinen ersten 25 Jahren hat das Pastorale Forum 110 Stipendien vergeben – an Männer und Frauen, Geistliche und Laien, Menschen aus unterschiedlichen Herkunftsländern und Konfessionen. Die daraus entstandenen Arbeiten bergen einen vielfältigen Schatz an pastoraltheologischer Forschung, von der Rolle der Frau oder der Priester über vergleichende pastoraltheologische Studien zu einzelnen Bereichen der Seelsorge bis hin zum interreligiösen Dialog.

Das Pastorale Forum unterstützt aber nicht nur junge Theologinnen und Theologen in ihrer Forschung, sondern forscht auch selbst. Neben dem Stipendienprogramm ist ein flächendeckendes Forschungsprojekt über die Kirchen in den ehemaligen Ostblockstaaten das zweite große Standbein des Vereins.  Die Ergebnisse wurden bisher zwei Mal – 1997 und 2007 – unter dem Titel „Aufbruch“ veröffentlicht. Die grundsätzliche Fragestellung ist, wie sich die Kirchen in den jeweiligen Ländern während des Kommunismus positioniert haben und wie sie sich in den postkommunistischen Reformdemokratien nach der Wende repositionieren.

„Damals hatten wir keine Vorstellung, wie es sein wird. Wir hatten nur eine Vorstellung, wie es nicht sein darf“, sagt András Máté-Tóth. „Die Wende bedeutete nicht eine Wende hin zu etwas, sondern eine Wende weg von etwas anderem – weg vom Kommunismus, vom Totalitarismus, von Freiheitslosigkeit. Wir wussten überhaupt nicht, was diese Parolen eigentlich bedeutet haben. Wir mussten erst lernen, was Demokratie bedeutet, was Marktwirtschaft bedeutet, was freie zensurlose Öffentlichkeit bedeutet und was die pikante Position der Kirchen und der Religion in unseren Ländern bedeutet.“

Und doch gestaltet sich der kirchliche Aufbruch auch 25 Jahre später noch schwierig. „Die Frage ist, wie die Kirchen sich in dieser neuen Freiheit verhalten, in der sehr viele Altlasten noch vorhanden sind – nicht nur bei den Politikern, sondern auch in den Köpfen der Leute. Das ist ein Prozess, der viel Geduld braucht“, sagt Paul Michael Zulehner, denn die innerkirchlichen Kräfte der Beharrung, die sich im Untergrund, eng um den Altar versammelt und ohne gesellschaftliche Präsenz wohlfühlten, seien stärker als erwartet. Für András Máté-Tóth ist indes klar, dass eine solche Kirche keine Zukunft hat: „Die Kirche brauchte damals und sie braucht auch heute noch Menschen, die nicht eine Sakristei-Theologie betreiben, sondern eine diskussionsfähige Theologie, die auch der breiten Öffentlichkeit etwas zu sagen hat.“

„Ich glaube, dass die Kirchen in Osteuropa noch immer Lernende sind“, sagt Zulehner. „Unsere bescheidene Hoffnung ist, dass sich durch unser Programm der Anteil der Lernwilligen in diesen Kirchen erhöht.“ Zumindest pflanzen sich die „human investments“ des Projekts inzwischen fort. Zum Beispiel in Szeged: Dort, wo András Máté-Tóth vor 25 Jahren als Hilfsarbeiter sein Geld verdienen musste, hat er heute einen Lehrstuhl für Religionswissenschaft inne, dessen Vorläufer in den 90er Jahren als Koordinierungsstelle der „Aufbruch“-Studie des Pastoralen Forums gegründet wurde.

(Veröffentlicht in DIE FURCHE vom 30.4.2014.)

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