Die Büchse der Pandora: Wenn die katholische Kirche die Leute befragt

„Die Menschen sind nicht so schlecht, wie wir Katholiken sie gerne hätten.“ Aber sie sind anders. Zum Beispiel in ihren Vorstellungen von dem, was Partnerschaft und „Ehe“ betrifft. Das zeigt sich unerbittlich an den inzwischen vorliegenden Ergebnissen jener Umfrage, die das Zukunftsforum der katholischen Kirche in Österreich durchgeführt hat.

Dieses Gesprächsforum will eine Diskussion darüber anregen, wo Menschen im Land „der Schuh drückt“. Vier großen Themenfelder werden thematisiert: Arbeit/Bildung (hier geht es auch um Ganztags- und Gesamtschule), Zusammenleben im Land (Integration, Ausländer, Miteinander der Religionen, Religions- und Ethikunterricht), Ökologie und Gerechtigkeit, sowie das Schlüsselthema „familiale Lebenswelt“: In ihr verbünden sich zwei Erwachsene zumeist verschiedenen Geschlechts, bilden einen Gedeihraum für Kinder und kümmern sich um die (zumeist alten oder auch behinderten) pflegebedürftigen Familienangehörigen.

Die Online-Umfrage war Ende September 2013 im Netz freigeschaltet worden. Als dann aus Rom der Fragebogen zu Ehe und Familie eintraf, sind zusätzliche Fragen in den Fragebogen des Zukunftsforums implementiert worden. Zeitgleich hat sich jede Diözese eigenständig und mit unterschiedlichem Geschick und Erfolg auf den Weg gemacht. Hier wichtige Ergebnisse aus diesem Teil der Befragung.

Ehebilder

Das von der katholischen Kirche gestützte Ehebild wird in der Umfrage von 18% geteilt. Die Ehe ist hier wie ein Haus, das von einem Paar bezogen wird. Für das Leben in ihm gibt es überlieferte Weisheiten und Anweisungen. Das Haus soll das ganze Leben lang halten. Als letzten Grund dafür nennt eine Chassidische Geschichte „dass Gott seit der Erschaffung der Welt Ehepaare zusammenführt“. Und was Gott verbunden hat, das soll der Mensch nicht trennen. Dieses Ehebild kann als religiös-institutionell bezeichnet werden.

Anders sehen das 38% der befragten Zeitgenossen, in deren Lebensdesign auf dem Programm steht, in der kurzen Lebenszeit das persönliche Liebesglück zu optimieren. Die Ehe währt solange wie die Liebe, so sagen 58% von ihnen (bei der erstgenannten Gruppe sind nur 10% dieser Ansicht). Stirbt die Liebe – und ist die Ehe nicht mehr zu retten – , dann soll niemand einer friedlichen Trennung etwas in den Weg stellen. Dabei muss niemand schuldig werden. Es genügen unterschiedliche Entwicklungen. Die Trennung bzw. Scheidung ist dann eine Befreiung, weil sie auch frei macht für eine weitere Verbindung. Während also die katholische Kirche bei der Ehe mehr auf das gottverfügt Vorgegebene und in diesem Sinn religiös geschützte Institutionelle setzt, setzen diese modernen Zeitgenossen auf Personales: also Aushandeln und Selbstbestimmung. Viele von diesen heiraten zwar, beachtlich viele auch kirchlich, aber es leben auch nicht wenige ohne die Wohltat (in guten Zeiten) oder Last (in bösen Zeiten) der Ehe-Institution. Da viele von diesen Menschen das Gefühl haben, ihr selbstbestimmtes “Ehebild“ werde von der (katholischen) Kirche nicht gestützt und auch Gottes Weisungen stünden ihm im Weg, definieren sie es von Haus aus säkular, manchmal verwoben mit einem antiklerikalen Affekt. Eine brauchbare Bezeichnung für dieses zweite Ehebild ist personal-säkular.

Bleibt schließlich die größte Gruppe von 45%, die weder das religiös-institutionelle noch das personal-säkulare Ehebild vertreten. Es sind Menschen, die das Personale mit dem Religiösen verbinden wollen. Das, was ein Paar aushandelt, soll nach Möglichkeit ein Leben lang währen (in dieser Gruppe meinen 78%, dass sich das junge Liebende wünschen). Zugleich soll es unter dem Segen Gottes stehen. Gott, der die Liebe ist, schützt die Liebenden. Und das, solange die Liebe währt (54%). Personal-religiös erscheint deshalb als angemessene Beschreibung für dieses Eheverständnis.

„Ehezwecke“: Partnerwohl oder Zeugung von Nachkommen

Eng ans Ehebild gebunden ist, zu wessen Wohl die Partnerschaft/Ehe da ist. Dazu gibt es in der Studie zwei Aussagen: Die Ehe dient dem Wohl der Partner. Die Ehe dient dem Zeugen von Nachkommen. Unter den kirchennahen Religiös-Institutionellen sehen 72% sowohl das Wohl der Partner wie das Kindeswohl als „Ehezweck“ an. Unter den Säkular-Personalen suchen hingegen 67% einzig das Partnerwohl. Die Mittelgruppe ist in dieser Hinsicht gespalten: 47% von ihnen verbinden Partner- und Kindeswohl, 46% stellen allein das Wohl der Partner in den Mittelpunkt. Ob es gefällt oder nicht: Je säkularer und personaler Ehebilder sind, umso weniger Raum bieten sie für Kinder.

Scheidung – was dann?

Erwartbare Auswirkungen haben die Ehebilder darauf, was die Betroffenen (zumal die Kirchenmitglieder) für den Fall des „Endes des Liebesglücks“, also einer Trennung/Scheidung von ihrer Kirche erwarten. Wem vor allem am selbst verantworteten personalen Liebesglück liegt (säkular oder religiös), will einen nicht behindernden Umgang der Kirche mit Geschiedenen, und das auch dann, wenn sie wieder heiraten. Der Auftrag der Kirche zu versöhnen verpflichte die Kirche zur vollen Integration der Geschiedenen, die wieder heiraten. 93% der „Personalen“ vertreten diese Position. Aber auch 70% derer, die an sich die kirchliche Ehelehre akzeptieren, wünschen dies. Dazu soll die katholische Kirche bei anderen christlichen Kirchen (orthodoxe, protestantische) lernen (87% im Schnitt, Religiöse 61%, Säkulare 94%).

Annullierung

In den letzten Wochen hat der Präfekt der Glaubenskongregation Gerhard Ludwig Müller eine Ausweitung und Beschleunigung der Annullierungsverfahren empfohlen. Diesen Vorschlag bewerten die Befragten höchst kontrovers. 50% sehen darin einen möglichen pastoralen Ausweg. 30% lehnen diesen Vorschlag ab. 20% sind unentschlossen.

Empfängnisregelegung

Dass selbst stark kirchengebundene Befragte die amtliche Position der Kirche nicht mittragen, zeigt sich auch bei der Haltung zu Humanae vitae. Nur 24% der Kircheninsider setzen allein auf „natürliche Methoden“ (Durchschnitt 7%). 76% von ihnen schätzen es, dass die Bischöfe dies in die Entscheidung der Betroffenen gelegt hat (Durchschnitt 87%).

Gleichgeschlechtliche Paare

Gleichgeschlechtlich liebende Paare werden nur von einer Minderheit der Befragten diskriminiert, die sich allerdings stark unter den Kircheninsidern findet. Sie sollen standesamtlich heiraten können (65%; Religiöse: 35%). Ein kirchlicher Segen soll ihre Beziehung stärken (71%; Religiöse 41%).

Höchst umstritten ist die Adoption von Kindern durch diese Paare. 43% aller Befragten hat sich dagegen, 41% dafür ausgesprochen. Unter den Religiösen sind nur 17% dafür. Eine angehängte offene Frage zeigt die Argumentationsfigur der Pro- und Kontraposition: die einen sagen, es komme für das Wohl adoptierter Kinder allein auf die Liebe an; die anderen hingegen verlangen für die Entwicklung des Kindes Vater und Mutter und sehen darin keine Diskriminierung gleichgeschlechtlich liebender Paare. Beide Seiten bemühen wissenschaftliche Studien, die damit einander paralysieren. Daher meinen manche, solange es für heterosexuelle Paare nicht genug Kinder zur Adoption gebe, solle man abwarten. Eine Ausnahme: in die Beziehung mitgebrachte Kinder. Und: Lesbische Paare bekommen mehr Chancen als schwule.

Was kommt aus der Büchse der Pandora: Zeitgeist oder Heiliger Geist?

Kardinal Meisner hatte nach der Versendung des Vatikanischen Fragebogens an die Diözesen kritisch vermerkt, der Papst werde sich noch wundern, welcher Geist aus der geöffneten Büchse der Pandora – er meinte die von Rom in Gang gesetzte Befragung – herauskommen werde. Er befürchtete, es komme purer und gefährlicher Zeitgeist heraus. Aber vielleicht ist das, was die Menschen an der Schnittstelle von Evangelium und moderner Kultur leben, doch (zumindest zum Teil) mit Heiligem Geist durchdrungen?

Studien haben freilich schon lange aufgezeigt, wie die Menschen in den genannten sensiblen Lebensfragen denken – auch jene, die es mit dem Evangelium und der Kirche ernst meinen. Könnte gar die Befürchtung von Kardinal Meisner im Vatikan gefruchtet haben? So wäre zu verstehen, dass dem Vernehmen nach unlängst an die Generalvikare ein Schreiben aus Rom eingelangt ist, die erhobenen Daten ungeöffnet nach Rom weiterzuleiten und nicht zu publizieren. Das Zukunftsforum hat allerdings den Beteiligten volle Transparenz der Ergebnisse zugesichert.

Dieser mein Beitrag soll Lust machen, die Forschungsdaten von der Homepage des Zukunftsforums www.wodruecktderschuh.at abzurufen. Sie werden innerkirchlich wie gesellschaftlich in den nächsten Monaten für engagierte Diskussion sorgen.

Übrigens: Die Online-Umfrage wurde von 7435 Personen im Netz besucht –sensationelle 4609 Datensätze sind auswertbar. Das ist wie alle Umfragen dieser Art nicht repräsentativ. Aber die Verteilungen nach Geschlecht, Alter, Kirchgang sind derart gut, dass die Ergebnisse seriös nicht einfach umgangen werden können.

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5 Antworten zu Die Büchse der Pandora: Wenn die katholische Kirche die Leute befragt

  1. Alois Mantler schreibt:

    Gibt es eigentlich auch schon einsehbare Ergebnisse aus der nicht deutschsprachigen Weltkirche?

  2. zulehner schreibt:

    Lieber Herr Mantler,
    auf meinem Schreibtisch ist noch nichts gelandet. Europäische Berichte schon, außereuropäische noch nicht. Ich bin mit Ihnen gespannt und google selbst.
    Herzlich Ihr Paul M. Zulehner

  3. Frau_Mahlzahn schreibt:

    Interessantes Posting (und interessantes Blog), wobei ich allerdings die Interpretation im Abschnitt Ehebilder teile ich nicht. Ganz so einfach, dass sich die Menschen halt alle Optionen offen halten wollen, ist es nun auch wieder nicht…

    Liebe Grüße,
    Corinna

  4. zeichenamweg schreibt:

    Hat dies auf Mach dein Leben bunter! rebloggt.

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