Ein weihnachtlicher Mensch sein. Predigt zur Christmette 2013.

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Am 5. Dezember dieses Jahres 2013 starb Nelson Mandela. Er stammte aus dem Königshaus Thembu und hatte am 10.7.1918 in der Transkei das Licht der Welt erblickt. Mandela wuchs auf als ein Schwarzer im damals von einer weißen Minderheit regierten Südafrika. Die Schwarzen lebten von den Weißen getrennt.

[Ich hatte zweimal eine Einladung zu einer Besinnungswoche in die deutsche Gemeinde in Johannisburg und bekam das Leben in der Apartheit hautnah mit. Denn auch die weißen Mitglieder der katholischen Gemeinde lebten in Häusern, um die hohe Mauern mit Stacheldraht waren, von schwer bewaffneten privaten Sicherheitskräften bewacht.]

Vor allem waren die Schwarzen hinsichtlich Bildung und Beteiligung am gesellschaftlichen Leben benachteiligt.

Schon der 26jährige Mandela engagierte sich seit 1944 für die politische Überwindung der Apartheit. Er wollte den Weg der Gewaltfreiheit gehen. Sein großes Vorbild war Mahatma Ghandi. Wie dieser kämpfte er lange Zeit mit friedlichen Mitteln. Erst als 1960 beim Massaker von Sharpeville wehrlose Demonstranten erschossen wurden, akzeptierte er, dass der ANC (Afrikanischer Nationalkongress: Organisation zur Überwindung der Rassentrennung) gewaltsam Widerstand leistet.

Mandela wurde von da an verfolgt, reiste wiederholt illegal ins Ausland. 1964 wurde er auf Grund eines Tipps des CIA verhaftet. Mit anderen zusammen wurde ihm der Prozess gemacht. Der Staatsanwalt verlangte die Todesstrafe. Mandela wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Berühmt wurde die international verbreitete vierstündige Verteidigungsrede Mandelas, in der er die Notwendigkeit des bewaffneten Kampfes begründete.

Es folgten 27 Jahre im Gefängnis, u.a. auf der berüchtigten Gefängnisinsel „Robben Iland“, die im Atlantischen Ozean vor Kapstadt liegt.

Am 11. Februar 1990 wurde Mandela aus der Haft entlassen. Der damalige Staatspräsident Staatspräsident Frederik de Klerk hatte auf jahrelangen internationalen Druck hin den Befehl zur Freilassung gegeben und wenige Tage zuvor das Verbot des ANC aufgehoben.

***

Man hätte erwarten können, dass der so lange gedemütigte Mandela nun seine Zeit zur Abrechnung mit dem weißen Apartheitsregime gekommen sah. Doch es kam ganz anders.

Am Tage seiner Freilassung leitete Mandela in einer Rede vor 120.000 Zuhörern in einem Stadion in Soweto öffentlich seine Politik der Versöhnung (reconciliation) ein, indem er „alle Menschen, die die Apartheid aufgegeben haben“, zur Mitarbeit an einem „nichtrassischen, geeinten und demokratischen Südafrika mit allgemeinen, freien Wahlen und Stimmrecht für alle“ einlud.

Diese überraschende politische Ankündigung hatte tiefe spirituelle Wurzeln. Mandela war gläubiger Christ. Er war eng verbunden mit Desmond Tutu, dem anglikanischen Erzbischof von Kapstadt, Friedensnobelpreisträger. Aus dem Christentum bezog er seine Vision für die Politik der Versöhnung im Land und darüber hinaus in der Menschheit (z.B. im Irak, in Palästina). Es ist eine Vision, die eng mit dem heutigen Fest in Verbindung steht.

2

Das heutige Fest ist das Fest der Einung Gottes mit seiner Schöpfung. Gott und Menschheit zeigen sich geeint in einem von uns: dem in Bethlehem neugeborenen Kind, der den Namen Jesus erhält.

Die Tragweite dieser Geburt verstehen wir noch besser, wenn wir uns erinnern, welchen Stellenwert sie in der Geschichte der Schöpfung und für uns Christen in der Heilsgeschichte hat.

Gott schuf den Menschen als sein Ebenbild, so die Genesis. Der liebende Gott erschuf Liebende. Und das mit dem Ziel, dass die Menschen nicht nur einander lieben, sondern auch mit Gott selbst in Liebe geeint werden. Gott schuf eine Welt die sich in der Liebe vollenden sollte. Und unentwegt bewegte Gottes Heiliger Geist Menschen in Richtung Liebe.

Freilich: Die Erfahrung der Menschheit kennt auch eine dunkle Seite. Die Schöpfung trägt eine tiefe Wunde, so die theologischen Lehrer der östlichen Tradition des Christentums. Die Wunde ist der Tod, erfahrbar als Angst vor dem Tod. Und dieser Angst sind schon bald Gewalt, Gier und Lüge entsprungen. Das sind Wunden die die ganze Menschheit durch die Geschichte hindurch trägt. „Erbschuld“ sagte man. Ob man nicht „Erbverwundung“ sagen sollte? Es wäre ein besserer theologischer Begriff.

Folge dieser Verwundung ist Spaltung, sind menschheitsalte Diskriminierungen. Paulus nannte sie diese Spaltungen beim Namen und entdeckte sie zwischen Juden und Griechen, Sklaven und Freien, Männern und Frauen (Gal 3,28). Die Apartheit in Südafrika musste den gläubigen Christen als eine Folge dieser Erbverwundung erscheinen.

Christus, der Retter ist da. So singen wir heute. Wir nennen diesen Retter Heiland der Welt. Er heilt, was verwundet ist. Seine Geburt deckt die immer schon vorhandene tiefe Einung der Welt mit Gott auf. Sie zeigt, dass wir, geeint durch Gott selbst, untereinander Brüder und Schwestern sind. Das ist eine wirkmächtige heilende Kraft gegen alle ererbten Verwundungen. Jetzt gelten die alten Diskriminierungen nicht mehr. Gott hat uns in Jesus alle untereinander versöhnt: die Juden mit den Griechen (den Palästinensern mit den Israelis), die Sklaven mit den Freien, die Männer mit den Frauen, die Schwarzen mit den Weißen.

Papst Franziskus, der unsere Herzen wärmt, gebraucht oft das Bild von den verwundeten Menschen. Und mit Blick auf die vielen Verwundeten formuliert er, was die Kirche zu sein hat. Dreimal ruft er in seinem Interview mit den Jesuitenzeitschriften aus: „Wunden heilen, Wunden heilen, Wunden heilen!“ Er will daher keine Kirche mit den Handbüchern der Moraltheologie unter dem Arm, die den Menschen erklärt, warum sie verwundet sind. Er will ein Feldlazarett in der Menschheit, eine Kirche die heilt.

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Zurück zu Mandela. Als er mit überwältigender Mehrheit zum ersten schwarzen Präsidenten gewählt worden war, setzt er nicht auf Abrechnung mit dem Apartheit-Regime. Er setzt auf eine Politik der Überwindung der gewaltförmigen rassistischen Spaltungen. Die von ihm in Gang gesetzt Politik der Versöhnung heißt nicht die Augen verschließen vor dem angetanen und erlittenen Unrecht. Deshalb setzte er im Februar 1996 begann die Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC) unter Leitung des Friedensnobelpreisträgers Desmond Tutu ein.

Es sollte aufgearbeitet werden, was entzweite und was ungerechtes Leid und gewaltsamen Tod verursacht hatte. Mandela hatte verstanden, dass Gottes weihnachtlicher Bauplan versöhnende Einung ist, und das durch Wahrheit und Gerechtigkeit, ohne die es keinen Frieden gibt. Mandela erwies sich darin als zutiefst weihnachtlicher Mensch.

Jetzt aber frage ich mich selbst: Bin auch ich in meiner Umgebung einer solch weihnachtlicher Mensch, der Spaltungen überwindet, weil er auf die tiefe Einheit setzt, die in der Menschwerdung Gottes unübersehbar sichtbar geworden ist? Bin ich ein weihnachtlicher Mensch? Es wäre ein Segen.

 

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