Schenken, aber wie?

Herr Professor Zulehner, ist Schenken etwas allgemein Menschliches, angeborenes, oder muss man es erst lernen?

ZULEHNER: Ich würde sagen, es ist angeboren. Es macht den Menschen aus. Wenn Menschen am Anfang ihres Lebens nicht die Zuwendung von Vater und Mutter erhielten, würden sie nicht aufblühen. Aus dem Nehmen entwickelt sich die Fähigkeit und die Neigung, zu geben. Wenn wir geliebt werden, möchten wir zurücklieben. Wenn wir beschenkt werden, möchten wir zurückschenken.

Was unterscheidet Schenken vom Tauschen?

ZULEHNER:  Tausch ist ich-bezogen, Schenken ist Du-bezogen.  Das ist der gewaltige Unterschied. Beim Schenken merke ich, dass der andere mein Wohl im Auge hat.

Gibt es auch falsche Motivation zum Schenken?

ZULEHNER: Schenken hat nur einen Sinn, wenn ich weiß, der Schenkende gibt aus seinem innersten Herzen und nicht, damit ich eine Ruhe gebe. Viele Kinder werden beschenkt, um sie ruhig zu stellen.

Warum ist es ein Lustgewinn, zu schenken?

ZULEHNER: Weil es zutiefst das realisiert, was wir sind. Das ist  die eigentliche Quelle der Lust. Lust ist ja nichts Oberflächliches, sondern der Vollzug dessen, was wir wirklich sind. Lust und Freude. Die Freude sitzt tiefer als die Lust, die wir sehr sexualisiert haben, an Organe gebunden.

Es gibt übertriebene Geschenke und schäbige. Wie findet man das Maß, wie finden Sie es?

ZULEHNER: Ein Geschenk drückt aus, ob ich den anderen auch erkenne. In der Genesis heißt es, Adam erkannte seine Frau. Die ganze Intimität ist eine Form des Erkennens. Wenn ich den anderen nicht kenne, kann ich ihn nur schlecht beschenken. Dann stelle ich ihn ruhig oder besteche ihn. Aber wenn ich ihn wirklich liebe, dann kann ein gutes Wort mehr Geschenk sein als ein Diamantring.

Also geht es nicht um das Maß.

ZULEHNER: Das Maß allein ist der schlechteste aller Ratgeber und Leute, die glauben, sie müssen besonders viel schenken, die haben eher eine Unsicherheit in der Liebe und möchten den anderen für die Liebe kaufen. Das ist auch in Beziehungen manchmal dramatisch. Oft ist die Abstinenz von Geschenken die Heilung der Fähigkeit, zu schenken. Lessness nennt man das heute.

Weniger haben, schenken.

ZULEHNER: Oder gar nichts. Wir wollen einander endlich wieder wechselseitig wahrnehmen, miteinander sein statt einander beschenken. Das finde ich hochintelligent.  Geschenkfasten kann eine verdorbene Geschenkkultur und Geschenkpraxis  heilen.

Und, haben wir die?

ZULEHNER: Gegen den Weihnachtsrummel, der unsere Arbeitsplätze sichert, darf man eh nichts sagen. Wenn nicht gekauft wird, schwächt das den Handel. Viele beschenken mit dem Kauf nicht die anderen, sondern unsere Volkswirtschaft.

Aber niemand macht es deshalb.

ZULEHNER: Nicht deshalb, aber im Bewusstsein dessen.

In der Bibel finden sich viele extreme Beispiele für Geben. Der Reiche soll alles aufgeben und dann Jesus folgen, die arme Witwe gibt ihren letzten Groschen im Tempel.

Schenken wir nur schwach und verbürgerlicht?

ZULEHNER: Die biblischen Geschichten handeln davon, von Abhängigkeiten frei zu werden. Verkauf alles, dann folge mir nach. Das heißt ja, solange Du gebunden bist, wirst Du diesen Schritt nicht machen können. Seine Aufforderung zur Askese ist nicht für Weihnachten interpretierbar.

Wieso nicht?

Weihnachten heißt, da ist ein Gott, der in seinem innersten Wesen so sehr ein Schenkender ist, dass das, was er erschafft, auch im innersten Wesen schenkend ist. Wir sind Ebenbilder Gottes, deshalb ist den Menschen angeboren, dass er Freude hat an der Hingabe und nicht am sich ängstlich Festklammern.

Die Frau, die alles in den Opferstock wirft, ist ja nicht frei, sondern  unvernünftig, oder?

ZULEHNER: Die Bibel sagt, sie hat das Wesen dessen verstanden, worum es geht. Dass sie wahrscheinlich mehr Mensch war als jemand, der nur etwas aus seinem Überfluss gegeben hat. Es ist gut für die Armen, dass die Leute auch aus unlauteren Gründen spenden. Wenn wir nur die lauteren Mittel nähmen, wären wir arm dran.

Warum begeistert es das Kind so, nicht zu wissen, wer schenkt? Das Christkind anonymisiert das Geschenk ja.

ZULEHNER: Wenn die Eltern sagen, das Christkind bringt die Geschenke, heißt das, es gibt noch einen heiligen Kosmos im Hintergrund, eine bergende Welt. Das Vordergründige ist noch nicht die ganze Schönheit der Welt. Ich glaube, da haben die Kinder ein Gespür dafür.

Finden Sie das gut, dass man Kindern vom Christkind erzählt?

ZULEHNER: Wir erzählen ihnen ja auch die Geschichte von den sieben Geißlein und nähren so ihre kindlich reiche Welt.

Viele Kinder sind entsetzt, wenn sie herausfinden, dass es das gar nicht gibt.

ZULEHNER: In all diesen Geschichten steckt eine Geschichte, die gut bleibt. Das ist  kein Bär, den ich ihnen aufbinde. Sie erzählt von einer größeren Wirklichkeit, die uns nicht so banal beschenkt, sondern viel tiefer, in dem, was wir sind und was wir können.

Wie macht man die Enttäuschung schmerzfrei?

ZULEHNER: Schrittweise. Es hat noch niemand einen seelischen Schaden erlitten, weil er draufgekommen ist, dass der Nachbar der Krampus war.

Die Verpackung, ist das eine Erfindung der Industrie oder hat sie tiefere Bedeutung?

ZULEHNER: Ich glaub schon. Sie signalisiert Schönheit, dass ich mir die Mühe gemacht habe, es schön einzupacken. Es ist Teil dessen, dass mir Schenken wichtig ist.  Sonst kann ich gleich von Amazon ein Buch zuschicken lassen.

Ich kenne jemanden, der Geschenke zurückweist, wenn sie nicht eingepackt sind.

ZULEHNER: Das verstehe ich. Blöd ist nur, wenn es ein gutes Geschenk ist. Der andere Aspekt ist das Auspacken. Es gibt auch einen Striptease von Geschenken. Ich kenne Leute, die sitzen unterm Baum und brauchen zwei Stunden, um alles auszupacken. Manche Leute sind in drei Minuten fertig, haben alles aufgerissen und gehen zum Essen. Es gehört zum Spiel dazu.

Zum Spiel?

ZULEHNER: Spiel ist ja das, was den Menschen am meisten zum Kulturwesen macht. Nicht, dass er malochen geht. Tiere tun das auch, jagen, suchen Nahrung. Den Menschen macht das Spiel aus.

Schenken ist ein Spiel?

ZULEHNER: Sicher. Spiele finden dort statt, wo menschliches Leben sich ereignet;  In der letzten Tiefe und Authentizität, wo man das Herz berühren will und nicht an der vordergründigen Oberflächlichkeit bleibt.

Manchen Menschen fällt es schwer, Geschenktes anzunehmen. Ist das eine Kunst.

ZULEHNER: Ja, ist eine Kunst.

Warum?

ZULEHNER: Weil es manchen Leuten auch sehr schwer fällt, sich vorbehaltlos lieben zu lassen. Manche bedrängt es sehr, manche haben schlechte Erfahrungen gemacht, für die war die Nähe der Mutter mehr Herrschaft oder Unterdrückung. Manche waren ausgebeutet und missbraucht.

Angst sich zu verpflichten?

ZULEHNER: Wenn ich mich wirklich freue, dann bin ich bloß vor dem Anderen. Ich mache ja nicht nur das Geschenk auf, sondern mich. Das ist das Risiko beim Annehmen der Geschenke. Wenn jemand sich nicht erschließen will, nicht aufmachen will, transparent werden will, dann lässt er das Geschenk gar nicht an sich heran. Sie können niemanden küssen, der nicht geküsst werden will. Sie können es schon machen, aber es ist genauso wie jemandem ein Geschenk zu geben, der keines haben will.

Schenken Sie zu Weihnachten?

ZULEHNER: Ja, aber nur ganz wenigen Leuten. Ich war von zu Hause nicht sehr verwöhnt, Geld war nicht viel da bei fünf Kindern. Mein Vater war Chef  der elektrotechnischen Abteilung und hat immer von den neuen Patenten Probeexemplare gehabt, die hat er uns manchmal geschenkt. Das war nett.

Was schenken Sie? Bücher

ZULEHNER: Das hängt vom Anderen ab. Eher nicht Bücher, Bücher sind in meinen Kreisen ein unangebrachtes Geschenk.

Unangebracht?

ZULEHNER: Als Geschenk an die Menschen, die ich schätze. Geschenk ist was Persönliches, etwa eine Einladung zu einem schönen Essen oder in die Oper.

Gemeinsame Zeit.

ZULEHNER: Ja, mir ist die Begegnung wichtiger als das Transportmittel. Ich finde es auch schöner, solche Geschenke zu bekommen.

Warum kommen in der Weihnachtszeit oft Konflikte hoch?

ZULEHNER: Die Weihnachtszeit ist bei vielen Menschen nicht friedlich. Man weiß schon das Jahr über, dass etwas nicht stimmt. Aber zu Weihnachten, unter dem Harmoniedruck, kommt es ans Licht. Weihnachten ist eine brutale Zeit der Wahrheit. Wenn herauskommt, dass da nichts mehr ist. „Vorbei ist’s mit der Gemütlichkeit, es kommt die selige Weihnachtszeit.“

Nur wenn es nicht stimmt…

ZULEHNER: Ja. Weil Weihnachten ein so verdichtetes Fest ist, kann beides sichtbar werden: Der Charme einer wirklich guten Beziehung oder der Schmerz an einer nicht guten.

INTERVIEW: THOMAS GÖTZ

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