Zur Pastoral an wiederverheirateten Geschiedenen – seelsorgliche Aspekte.

Während in den letzten Wochen der Chef der Glaubenskongregation Gerhard Müller wiederholt geharnischt auf die Unmöglichkeit einer Zulassung von Geschiedenen, die standesamtlich wieder geheiratet haben, pochte, schlägt gleichzeitig der derzeitige Bischof von Rom, Franziskus, einen anderen Ton. Das dogmatische Insistieren von Müller wird durch pastorales Erwägen von Franziskus konterkariert. Ein Machtkampf im Vatikan, so fragt die Österreichische Tageszeitung Die Presse?[1] Dogmatik versus Pastoral, Theorie versus Praxis? Das wäre allerdings kein glücklicher Gegensatz. Denn was pastoral weise ist, das prägt das dogmatische Nach-Denken, und umgekehrt weitet ein fundiertes dogmatisches Voraus-Denken den weisen pastoralen Handlungsspielraum.

Mit Sicherheit ist aber der pastorale Zugang von Franziskus zielführender, weil lebensnäher; das Einzelschicksal erhält vor Gott Würde und Ansehen. Der Zugang von Franziskus verläuft über einen pastoralen Vorgang, der in seiner Tiefe heute zu wenig erkannt ist: die Beichte als der Ort der Erfahrung des Erbarmens Gottes. So hört sich der neue Ton von Franziskus an: „Das ist auch die Größe der Beichte: jeden Fall für sich zu bewerten, unterscheiden zu können, was das Richtige für einen Menschen ist, der Gott und seine Gnade sucht. Der Beichtstuhl ist kein Folterinstrument, sondern Ort der Barmherzigkeit, an dem der Herr uns anregt, das Bestmögliche zu tun. Ich denke auch an die Situation einer Frau, deren Ehe gescheitert ist, in der sie auch abgetrieben hat. Jetzt ist sie wieder verheiratet, ist zufrieden und hat fünf Kinder. Die Abtreibung belastet sie und sie bereut wirklich. Sie will als Christin weitergehen. Was macht der Beichtvater?“[2]

Für Franziskus geht es also nicht vorrangig um das dogmatisch Richtige. Er reibt sich nicht an einem objektiven Widerspruch zwischen dem Sakrament der eucharistischen Einheit und der aufgelösten ehelichen Einheit und lässt dadurch seine pastorale Handlungsfähigkeit lähmen. Ihm liegt – hier – die konkrete Frau am Herzen, und wie es wieder für sie wieder ein „Leben in Frieden“ (1 Kor 7,15) geben könne. Er verpflichtet die ganze Kirche zu jenem Erbarmen, welches er selbst bei seiner Wahl erlebt und die ihm „tiefen inneren Frieden“ beschert hat[3]. Das Erbarmen ist ihm so wichtig für seinen Dienst als Bischof von Rom, dass er es in seinen Wahlspruch aufgenommen hat: Miserando atque eligendo. Das Miserando hätte er am liebsten in ein neues lateinisches Wort gegossen: „misericordiando“ – weil es noch direkter das Erbarmen ausdrücken würde.[4]

Solches Erbarmen Gottes ist dabei kein Gegensatz zur Gerechtigkeit. Vielmehr ist es dessen unüberbietbare Aufgipfelung, so auch Benedikt XVI.in Deus caritas est (2003). Dort, wo das Recht und wo die Gerechtigkeit das Leben nicht mehr aufkommen, sondern umkommen lassen, müssen diese durch das Erbarmen überboten werden. Das ist eine uralte jüdisch-christliche Tradition. So ist im babylonischen Talmud zu lesen:

„Zwölf Stunden hat der Tag; in den ersten drei Stunden sitzt der Heilige, gebenedeiet sei er, und befasst sich mit der Gesetzeslehre, in den anderen sitzt er und richtet die ganze Welt, und sobald er sieht, dass die Welt die Vernichtung verdient, erhebt er sich vom Stuhl des Rechts und setzt sich auf den Stuhl der Barmherzigkeit; in den dritten sitzt er und ernährt die ganze Welt, von den gehörnten Büffeln bis zu den Nissen der Läuse; in den vierten sitzt der Heilige, gebenedeiet sei er, und scherzt mit dem Levjathan, denn es heißt: ‚Der Levjathan, den du geschaffen hast, um mit ihm zu spielen!’“[5]

Diese kreative Spannung zwischen der auf Objektivität zielende Dogmatik und auf die Person hin orientierte Pastoral hat die ostkirchliche Tradition mit den beiden Prinzipien der Akribia und der Oikonomia ausbalanciert. Akribie ist die Treue zur Weisungen Gottes in Bezug auf das eheliche Verhältnis von Mann und Frau, wie sie in den heiligen Schriften des ersten und zweiten Testaments überliefert sind. Akribia ist die Pflicht des Bischofs als „Ökonom“, was so viel heißt wie „Hausvater“ (oikos=Haus), für die ihm Anvertrauten gut zu sorgen.[6] So kommt es, dass nach einer längeren Heilungszeit in der orthodoxen Tradition eine zweite oder notfalls sogar dritte Krönung eröffnet wird. Die orthodoxe Tradition ringt also nicht um die Frage der Zulassung von Geschiedenen, die nichtkirchlich wieder geheiratet haben, zu Beichte und Eucharistie, sondern eröffnet in pastoraler Weisheit den Zugang zu einer zweiten kirchlichen Heirat.

Schon 1963 hat Kardinal König dafür geworben, dass die katholische Kirche zur Entwicklung ihrer Pastoral im Umkreis von Scheidung und Wiederheirat in die Schule der orthodoxen Kirchen gehen sollte. Er hat 1980, gestützt auf die Vorarbeiten im Wiener Priesterrat, die dann Helmut Krätzl publiziert hatte[7], eine Erklärung der Österreichischen Bischöfe auf den Weg gebracht, die bis heute in Kraft ist und trotz wiederholter Vorsprachen von römischen Delegationen nicht zurückgenommen worden ist: Geschiedene, die staatlich wiederheiraten, können grundsätzlich nicht zugelassen werden (das ist die Akribie), es sei denn, dass im Gespräch mit einem erfahrenen Seelsorger eine Lösung gefunden wird: das ist genau jene Oikonomie, an die auch der oben zitierte Text von Franziskus erinnert. Später (1994) haben dann die drei Oberrheinischen Bischöfe Sayer, Kasper und Lehmann in ihrem Hirtenwort sich auf dieses Doppelprinzip gestützt, auch wenn die Zustimmung der Glaubenskongregation damals unterblieb. In den letzten Jahren verlangte Erzbischof Zollitsch von Freiburg, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, wiederholt, dass die Kirche diesen ostkirchlichen Weg einschlagen solle und erwartet sich auch in seiner Lebenszeit noch diesen Schritt. Und Franziskus hat für 2014 eine Weltbischofssynode neuer Art einberufen, die sich mit diesem pastoralen Anliegen befassen soll. Die qweltkirchlich besetzte Beratergruppe von acht Kardinälen hat er beauftrag, einen Vorschlag zu erarbeiten.

In der überwiegenden Mehrzahl der  österreichischen Pfarrgemeinden ist die seit 1980 lokalrechtlich eröffnete pastorale Praxis Gang und Gäbe. Die Pfarrerinitiative und mit ihr viele Reformgruppen wünschen wegen der Glaubwürdigkeit der Kirche, dass das, was in der Christenheit (bei den Orthodoxen, den Protestanten) eine legitime, bibelgestützte Praxis ist, auch in der römisch-katholischen Kirche möglich sein soll. Es besteht begründete Hoffnung, dass unter Franziskus dieser weltkirchliche Schritt endlich erfolgt.


[1] Die PRESSE vom 22.10.2013.

[2] Spadaro Antonio: Das Interview mit Papst Franziskus, in Stimmen der Zeit – Online 25.9.2013.

[3] „Auf einmal erfüllte mich ein großes Licht.“ Interview mit Eugenio Scalfari und Papst Franziskus, in: La Repubblica, 1.-3.10.2013.

[4] Spadaro Antonio: Das Interview mit Papst Franziskus, in Stimmen der Zeit – Online 25.9.2013.

[5] Babylonischer Talmud, Traktat Avoda zara (Vom Götzendienst) 3b; zitiert nach Goldschmidt, L.: Der Babylonische Talmud, VII Berlin 1925, 801.

[6] Gesetz und Ökonomie. Ansprache seiner Heiligkeit des Ökumenischen Patriachen Bartholomaios I. anlässlich seiner Ehrenpromotion zum Ehrendoktor der Universität Wien am 17.6.2004. (Dokumentiert in www.zulehner.org/zeitworte )

[7] Was ihm nachweislich die Nachfolge Königs als Erzbischof in Wien versperrt hat.

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