Im Rahmen reformieren – den Rahmen reformieren

Mein ORF-Online-Kurzinterview (siehe unten) zur Diözesanreform (vor der Diözesanversammlung gemacht und leider erst danach veröffentlicht) hat beachtliche Reaktionen hervorgerufen.

Reform im Rahmen

Es ist keine Frage: Die derzeitige Struktur-Planung verläuft „im (derzeitigen) weltkirchlichen Rahmen“. Vorausgesetzt wird, dass es alsbald zu wenige ehelose Priester geben wird. Und dass daran nichts zu ändern ist bzw. in absehbarer Zeit keine Veränderung in Sicht ist. Daher werden die pastoralen Räume faktisch der sinkenden Priesterzahl angepasst, auch wenn die amtliche Lyrik anders lautet, weil durch die Reformen ein epochaler missionarischer Aufbruch eingeleitet werden soll. Dass es aber zunächst um die Priesterzahlen geht, sehen zumindest die meisten Leute so und auch die Leitung leugnet es nicht, auch wenn der Gläubigenmangel als noch dramatischer dargestellt wird (aber klar ist: es gibt weit mehr gläubige Gemeinden als verfügbare Priester!). Die Folge ist, dass die meisten Pfarren aufgelöst werden , was faktisch heißt, es wird ihnen das Recht auf die Eucharistie und einen eigenen Pfarrer, aber auch auf einen rechtlich gesicherten Pfarrgemeinderat genommen. Bei den Finanzen zeigt man sich in letzter Zeit verhandlungsbereit – und hofft vielleicht, dass mehr das Geld denn die Feier der Eucharistie die Identität einer gläubigen Gemeinde ausmacht! In den Filialgemeinden sollen sodann Laien die Arbeit übernehmen. Der Wiener KA-Präsident Walter Rijs, der einige Laien vertritt, freut sich über denen Aufwertung – was freilich noch keine Aufwertung der basisschwachen KA mit sich bringt.

Mir stellen sich auf diesem Hintergrund manche Fragen. Dient es wirklich der missionarischen Stärkung der geplanten Filialgemeinden (mich erinnert der Name immer noch an Schlecker), wenn man sie entrechtet? Keineswegs alle Diözesen im deutschsprachigen Raum gehen diesen Weg, weil er nicht zwingend ist und weil er mehr Nachteile als Vorteile bringt: Es gewinnt die Verwaltung, es verlieren die Gemeinschaften. Zudem ist es befremdlich, dass erst jetzt die Laien wichtig werden, wo die Priester fehlen. Das sagt viel über beide Gruppen.

Und ist die Ausdünnung der Eucharistiefeiern in gläubigen Gemeinden wirklich ein guter Weg zu einer zukunftsfähigen Kirche im Land? Um das zu begründen, werden die kleineren Zahlen der Kirchgänger und das Fehlen der jungen Menschen bemüht. Aber wie viele Menschen waren es in den Gemeinden von Ephesus, Korinth, Rom? Zumeist nicht mehr, als ein „Haus“ fassen konnte. Und dort war es absolut selbstverständlich, dass in diesen gläubigen Gemeinden am ersten Tag der Woche das Herrenmahl gefeiert wurde. Und an Vorstehenden mangelte es nicht, ob Frauen oder Männer, war damals keine große Frage. Man fand sie in den eigenen Reihen. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass Paulus den Mitgliedern der von ihm gegründeten Gemeinden empfohlen hätte, zum Herrenmahl am ersten Tag der Woche in eine andere Stadt zu reisen, weil er keinen Priester zuweisen konnte.

Reform des Rahmens

Franziskus, derzeitiger Bischof von Rom, hat durch seinen zweiten Mann Parolim die Möglichkeit in den Raum gestellt, dass über den Rahmen sehr wohl diskutiert werden kann. Das ändert nichts am Reformbedarf, sondern belegt nur dessen Dringlichkeit. Es besteht auch kein Zweifel, dass es neue Synergien zwischen den Pfarren braucht, in der Bildungsarbeit, bei der Qualifizierung der haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden, in diakonalen Projekten, in der Jugendarbeit, um nur Beispiele zu nennen. Wo eine einzelne gläubige Gemeinde zu schwach ist, keine „kritische Masse“ hat, besteht für sie die Pflicht zur pfarrübergreifenden Kooperation.

Das alles geht aber auch, wenn man die Pfarrgemeinden als gläubige Gemeinschaften betrachtet, mit denen Gott eine Geschichte hat. Die „Pfarre alt“ lediglich als Verwaltungseinheit zu sehen, ist pastoraltheologisch unzulässig. Es wird zudem übersehen, dass die Pfarren in den letzten Jahrzehnten längst eine tiefgreifende Umwandlung durchgemacht haben.  Sie sind verortete Personalgemeinden geworden, sind „Kirche in Ruf- und Reichweite“, vor allem für die weniger mobilen Mitglieder, junge Familien mit Kindern, Alte, Kranke. Zudem ist das derzeitige Pfarrnetz ein lückenlosen Netz „diakonaler Aufmerksamkeit“. Dafür stehen in vielen Pfarrgemeinden viele hervorragende Caritasausschüsse bereit.

Man fahre (unter dem heftigen Protest von Ökologen) doch auch – gerade auf dem Land – in einen Supermarkt, so wird argumentiert. Erstens ist das schon deshalb ein schlechtes Beispiel, weil ja die Supermärkte die lokale Infrastruktur kaputt gemacht haben: was ja auch den lokalen kirchlichen Gemeinschaften droht. Zudem ist der Besuch eines Supermarktes mit einer Eucharistiefeier nicht vergleichbar. Die Fahrt zum Supermarkt setzt „Kunden“ und „Besucher“ voraus, die mit Waren versorgt werden. Das Herrenmahl feiert hingegen eine gläubige Gemeinschaft und keine „Kirchenbesucher“. Zudem war die Eucharistiefeier zur Zeit des nordafrikanischen Kirchenlehrers Tertullian derart wichtig, dass diese Feier nicht davon abhängig war, dass „die kirchliche Autorität einen Ordinierten zugewiesen hat“.

Ich kann mich zudem nur wiederholen: Die Zentralisierung der sonntäglichen Eucharistiefeier wird die künftigen Filialgemeinden, auf die so große missionarische Hoffnungen gesetzt werden, nachhaltig und rasch schwächen. Die Strukturreform wird eine dramatische Selbst-Entkirchlichung auslösen. Denn, so ein Studienergebnis,  ein Drittel wird sonntags sich nicht mehr vor Ort versammeln, ein Drittel wird zu den Wortgottesfeiern kommen, ein Drittel wegbleiben. Theologisch ist freilich unumstritten: Gläubige Gemeinden behalten, auch wenn es ihnen durch Entpfarrlichung entzogen wird, ihr Grundrecht auf die Feier der Eucharistie.

Ob es nicht andere Wege gäbe, die geschichtlich gewachsenen Pfarren zu stärken, ohne die Bildung größerer pastoraler Räume für gesuchte Synergien zu unterlassen: ohne also Pfarren aufzulösen, solange einzelne das nicht selbst entscheiden? Dazu wäre es eben hilfreich, wenn der weltkirchliche Rahmen verändert werden könnte. Die Signale aus Rom deuten auf Bewegung in dieser Frage hin, eine Bewegung, die von den verantwortlichen Bischöfen der Weltkirche längst hätte angestoßen werden können und müssen. Sie haben es in einer merkwürdigen Art von Gehorsam unterlassen. Natürlich kann man auf diese Änderung des Rahmens nicht warten: Aber mann kann so „reformieren“, dass man für den Fall, dass eine Änderung des Rahmens kommt, nicht „alt“ dasteht und neuerlich reformieren muss. Und Ortskirchen und ihre Bischöfe könnten sich engagiert für die Änderung des Rahmen einsetzen.

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2 Antworten zu Im Rahmen reformieren – den Rahmen reformieren

  1. Martin Sponner schreibt:

    Sehr geehrter und geschätzter Herr Professor,
    Mir als Laien stellt sich das Problem in der Diözese Wien als finanzielles Problem und auch als Mangel erlebbarer Spiritualität war. Und zugleich wird mit der angedachten Auflösung von Pfarren der einzige festgeschriebene Mitbestimmungsrahmen, der PGR, beschnitten. Die geplanten Gemeindeleitungen und Gemeinden werden rechtlich wohl nicht handlungsfähig sein. D.h. falls es Probleme gibt, wird alles in der Zentralpfarre zu entscheiden sein.
    Mir scheint der einzig gangbare Weg in Die Zukunft zusein, die Pflichten auf möglichst viele Schultern zu legen, aber auch die Sendung möglichst vielen Menschen zu zusagen. Die spirituellen Gaben der Laien müssen erkannt, anerkannt, und in der Pastorale vertrauensvoll eingesetzt werden.
    Die Frage der Struktur, die sich daran knüpft, muss vor allem beantworten, wie dieses Zutrauen von der Kirche ausgesprochen werden kann, und wie die Rolle der beauftragten Laien auch rechtlich bindend beschrieben werden kann, um den Geist möglichst breit wirken zu lassen, und auch die sicher kommende Stürme und Konflikte überstehen zu lassen. Leitung in einem Umfeld wo viele Mitarbeiter nur ehrenamtlich tätig sind, stellt Autorität, wie sie Kirche jetzt lebt, in Frage, und braucht neue Antworten.
    In diesem Szenario ist die Frage nach Ehelosigkeit der Priester nicht unerheblich, aber zumindest zweitrangig. Wenn der Geist seine Gaben über Laien ausgießt, werden sicher auch Wortgottesdienste zu dankbaren Feiern, die Kraftquelle für viele sein können. Die Vielen zu erreichen ist ja wohl Aufgabe der Kirche. Und damit ist uns, meine ich, die Handlungsrichtung deutlich vorgegeben, und nicht abhängig von eventuellen Entscheidungen in der Weltkirche.
    Ich wünsche Ihnen, alle Hoffnung allein in diesen heiligen Geist zu setzen, und ich wünsche uns als Kirche in Wien, dass Sie uns nach Kräften unterstützen,
    Martin Sponner
    P.S.: Entschuldigen sie bitte die unvollständige Argumentation. Ich hoffe aber, die Idee begreiflich machen zu können.

  2. hkarner schreibt:

    Alles, was nicht zur Kernkompetenz einer Gemeinde gehört, kann man eventuell Skalenvorteilen unterwerfen, vor allem wenn es keine kritische Masse (mehr) gibt (z.B. kategoriale Seelsorge). Wenn es aber das Herz einer Gemeinde ausmacht („Scope“), dann muss es dezentral bleiben. Und will mir irgendein Kardinal oder ein diözesanes Gremium erklären, dass Eucharistie, Verkündigung, Caritas/Diakonia, Koinonia etc. nicht zum Kern einer Gemeinde zählt? Es geht hier also nicht um verschiedene Organisationspräferenzen oder Geschmack, sondern um das „Eingemachte“ im Glauben und der Theologie. Ist das den „Verordnern“ der Leitlinien bewusst?

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