„Die Kirch‘ von der Kirch‘“: zur Beteiligung der Betroffenen

Beteiligungsbedarf

Es herrscht weitgehende Einigkeit: Werden die Betroffenen nicht beteiligt, wird die Reform scheitern.“ 79% haben dieser Aussage zugestimmt (B: 72%, V: 80%, W: 83%). Klar abgelehnt wird die gegenteilige Position: Wer diese tiefgreifende Reform durchführen will, darf die Betroffenen nicht fragen.“ (6% Zustimmung; B: 7%, V: 5%, W: 6%)

„Strukturreform braucht vor Ort Einbeziehen der Beteiligten, fachkundige OrganisationsentwicklerInnen, MediatorInnen, Teamentwicklung, Teamcoaching.“ [874|M|40-49|L|REL|STADT|FG|Befürworter]

Mit dieser bekundeten Beteiligungsbereitschaft kontrastiert das Ergebnis, dass 71% sagen: Mir ist nicht bekannt, dass unsere Pfarre um ihre Meinung zur Reform gefragt worden ist.“ Dem entspricht, dass auf die Frage zur Person: Was trifft bei Ihnen zu? die Befragten sich folgendermaßen zugeordnet haben:„

  • „Ich gehöre zu einer Pfarre, die künftig eine Pfarre neu (Zentral-, Groß-Pfarre) sein wird.“ (15%; B: 16%, V: 11%, W: 16%)
  • „Ich gehöre zu einer Pfarre, die künftig eine Filialgemeinde sein wird.“(16%; B: 20%, V: 18%, W: 14%)
  • „Das weiß ich nicht.“ (61%; B: 57%, V: 62%, W: 65%)
  • „keine Angabe“ (7%; B: 7%, V: 10%, W: 5%)

Entscheidungsbedarf

Dabei ist den meisten klar, dass es durchaus mutige Entscheidungen braucht. 68% akzeptieren die Aussage: „Die Betroffenen zu fragen ist wichtig im Entscheidungsprozess. Dann aber muss die Leitung mutig entscheiden.“ (B: 79%, V: 76%, W: 63%)

Diese können (nach Ansicht von freilich nur einem Drittel – ein weiteres Drittel sieht das nicht so) auch schmerzlich ausfallen: „Es ist besser, jetzt aktiv schmerzhafte Veränderungen anzugehen, wenn dadurch für die nächsten 20 Jahre finanziell und personell Stabilität gewährleistet werden kann.“ (37%; B: 70%, V: 30%, W: 20%) Es wird von 36% (B: 50%, V: 27%, W: 34%) sogar eine Dringlichkeit für solche Entscheidungen eingeräumt: „Es ist höchste Zeit, dass die Leitung klar vorgibt, wie es weiter gehen soll.“ 39% sehen das allerdings nicht so.

Gut geleitete Synodalität

Eine Top-down-Reform will in der Erzdiözese Wien niemand. Auch keine Bottom-up-Reform, obgleich es eine breite Sympathie für die ungeduldige Bottom-up-Position der Pfarrerintiative zu geben scheint.

Was am ehesten Akzeptanz findet ist ein Vorgehen, bei dem die Beteiligung der Betroffenen und die Entscheidungsfreudigkeit der Leitung gut in Balance gehalten werden. Pastoraltheologisch kann von „gut geleiteter Synodalität“ gesprochen werden.

Middle-up-down

Der japanische Organisationsentwicklungsexperte Ikujiro Nonaka spricht von „middle-up-down“. Das verlange nach der Einrichtung eines (so sein japanischer Fachbegriff) „ba“, also einen Gesprächsraum, in dem in einem unbegrenzt offenen Dialog die Leitung zusammen mit den Betroffenen die Entwicklung steuert.

Die Reformarbeit in der Erzdiözese Wien ist überaus partizipativ angelegt, betonen die Verantwortlichen. Warum aber erleben es so viele Betroffene anders? Gibt es ein Kommunikationsproblem? Zumindest vermuten 77%:  „Die Verantwortlichen fragen die Betroffenen nicht, weil sie Angst vor alternativen Vorschlägen haben (z. B. Öffnen des Amtes für Verheiratete und für Frauen).“ (B: 53%, V: 85%, W: 88%) Die Erzdiözese Poitiers, an der sich die Leitlinien weithin orientieren, hat die Reform auf einer Diözesansynode beschlossen.

Große Herausforderungen

Die Strukturreform der Erzdiözese hat also nicht nur zwei sachliche Megathemen zu meistern: den geplanten Umbau vieler bislang eigenständiger Pfarren zu Großpfarren (Deparochialisierung) und die Entwicklung einer verantwortbaren Gottesdienstkultur, die nicht auf ein Ausbluten der Eucharistiefeiern im Land hinausläuft (Dekatholisierung). Ebenso so entscheidend wird es sein, die Beteiligten optimal sowohl in den Planungs-, als auch  in den Entscheidungsprozess einzubinden.

  • Organisationsentwickler betonen, dass das „Topdown“ den großen Vorteil hat, dass die Veränderung schnell vor sich geht. Dann aber muss sehr viel Energie bei der Durchsetzung verwendet werden. Viel Kontrolle ist erforderlich. Die Motivation kommt dann von außen.
  • Wer dagegen (ohne die Verantwortung der Leitung in Frage zu stellen) auf hohe Beteiligung setzt, wird viel Zeit brauchen, also entschleunigen. Dann aber kann er damit rechnen, dass die Leute innenmotiviert sind.
  • Bei der Komposition des Vorgehens müsse man als Leitung „reifegradspezifisch“ arbeiten, erklären die Organisationsentwickler. Die Art des Vorgehens demonstriert den Betroffenen, wie die Leitung sie einschätzt.

Dazu eine kleine Anekdote. Alt-Erzbischof Georg Eder von Salzburg war davor ein eifriger Pfarrer in Altenmarkt. Zu seinem Pfarrgebiet gehört das wunderbare Schigebiet Zauchensee. Dem Pfarrer lag daran, dass die Personen aus dem Hotelgewerbe und den Liftanlagen sowie die Schigäste die Möglichkeit haben, am Sonntag zur Kirche zu gehen. Also baute er ihnen eine schmucke Holzkirche in den Talkessel. Bei einem Skiurlaub sagte ich zu einem Wirt: „Wie schön, jetzt habt ihr eine eigene Kirche und müsst nicht lange in den Markt hinunterfahren!“ Darauf der Wirt: „Des isch net unser‘ Kirch‘. Des isch die Kirch‘ von der Kirch‘.“

Ich wünsche unserer Erzdiözese und ihren Leitlinien, dass ihr nicht Ähnliches passiert sondern sie es schafft, möglichst viele Betroffene zu Beteiligten zu machen.

Dieser Beitrag wurde unter Ergebnisse abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s